vonWolfgang Koch 22.06.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Der aus Wels stammende Dietmar Steiner konnte sich auch nach halben Jahrhundert noch erinnern, wie er auf sein Lebensthema gestossen war. An der HTBLA für Hochbau in Krems hatte er das Glück, von 1966 bis 1971 einen Klassenvorstand zu haben, der ihn für den baukünstlerischen Diskurs begeisterte. Steiner kannte immer noch den Namen dieses Holzmeister-Schülers: Peter Schmid.

Wieder einmal ein schlagender Beweis dafür, dass es in der schulischen Ausbildung eines jungen Menschen immer nur darum geht, einer Lehrkraft zu begegnen, die ihr eigenes Feuer für eine Sache weiterzugeben imstande ist. Im Grunde genommen sind alle pädagogischen Konzepte und Schulreformen für den Müll, wenn in den Lernanstalten nur genügend charismatischen Figuren mit einem intakten Weltbild in Erscheinung treten.

In der Akademie am Schillerplatz schloss sich Steiner 1969/70 den Protesten gegen die geplante Studienreform mit der Besetzung von Lehrsälen und der Aussperrung von Meisterklassenleiter Roland Rainer an. Er studierte bei Ernst A. Plischke und Gustav Peichl, doch sein Übervater unter den Lehrkräften wurde Friedrich Achleitner, der sich bekanntlich via Sprache der Architektur genähert hat.

Vom diesem dichtenden Architekten und Architekturhistoriker unterschied sich Steiner nur in der Bereitschaft, aktiv am Vereinsleben der Architekturszene mitzuwirken, ab 1975 für zehn Jahre lang als Vorstand der Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGfA), von 1992 bis 2016 als Gründungsdirektor des Architekturzentrum Wien, von 1995 bis 1999 als Redakteur des internationalen Designmagazins Domus in Mailand.

Auf theoriekundige Leitfiguren stiess Steiner in der emigrierten Vorkriegesgeneration. Der Austroamerikaner Friedrich Kiesler hatte intensiv Verbindungen von Kunst und Wissenschaft gesucht. Massgeblich für sein Schaffen war die Idee des »Ganzen« gewesen – eine Vision der Wechselwirkung zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter*in. Ein weiterer Austroamerikaner, Rudolph Michael Schindler, hat vorexerziert, wie man Raumvolumen mithilfe offener Betontragwerke erzielte. Und der Kulturtheoretiker Bernard Rudofsky forderte seit 1945 vehement eine neue Lebensweise und die unbedingte Aufmerksamkeit für eine »Architektur ohne Architekten«.

Der Italiener Aldo Rossi verlangte in seiner ETH-Gastprofessur, Kritik am sozialen Status quo mit avancierter architektonischer Praxis zu verbinden. Dazu kamen noch die Denkansätze von Lucius Burckhart, Bruno Reichlin, dem US-Amerikaner Robert Venturi, dem Luxemburger Rob Krier sowie dem Dromologe und Bunkerforscher Paul Virilio.

Steiner behauptet von sich, das, was man in den 1970er-Jahren »kritisches Bewusstsein« nannte, in die Architekturdebatten getragen zu haben. Doch bei der Relektüre seiner Texte lässt sich nirgendwo ein soziologischer, ein freudo-marxistischer oder ein bewusstseinstheoretischer Blick auf die Aggregate des Baugeschehens erkennen. Vielmehr hob Steiners nie erlahmende Selbstbegeisterung gleich mit der intellektuellen Mode der Semiotik an: gewitzt besprach er die Wiener Reiß-Bar und das Lokal Roter Engel, das Halbe Haus, das Lineare Haus, gleich war der Publizist mittendrin im Deutungsspiel der Zeichensprachen, in den gewagten Kulturtheorien, dem Spektakel und der Simulation – kurz: er wurde zum Motor des Radical Chic am Rive Gauche des Donaukanals, das in Wien allerdings ein Rive Droite war, die Ruprechtsstiege oder die Fischerstiege hinauf und atemlos hinein ins Bermudadreieck von Czech & Zilk, Falco & Kalb, Semotan & Waluliso.

»Fährtenleger, »Spurensucher«, Katalysator«, »Ermöglicher« habe ich in den Nachrufen meiner Kollegen gelesen. Alles richtig, und doch nur halb. Denn Steiner bündelte Lichtstrahlen in der Alpenrepublik und faltete eine dünne Aussenwand nach innen. Er fing nichts mehr an mit einer Kulturkritik, die noch nach Inhalten kategorisierte, wie das die Denkmalpflege oder die Popularphilosophie machen.

In Steiners humanistischer Eschatologie zählten die Permanenz der Stadt, ihre Komplexität und Mehrschichtigkeit, sein Interesse galt dem Environment als Gesamtheit. Im Journalismus und in seiner Expertise zählte Objektivität im Umgang mit Fakten. Nichts – kein Bau, keine These – sollte von einer Jury oder einer Redaktion erzwungen werden, bloss weil da Freunde im Spiel waren.

Im zwanglosen Gespräch erkannte Steiner die unaktuellste und zugleich menschlichste Sache schlechthin. Er ziehe, schrieb er 1983 in einem Brief, eine anarchistische Verweigerung des Genius Loci vor und wolle seine privilegierte Position als Kritiker, Kurator und Konferenz-Turner nicht dazu benutzen, den »ewigen Verlust von Kultur« einzuklagen.

Steiner war begeisterter Virilo-Leser; wie dieser französische Kritiker der Mediengesellschaft liebte er lange Autofahrten und die Theorie der Nicht-Orte, die Fabrikation von Geschwindigkeit, die Auflösung der Geographie mittels einer Fahrzeugwelt hinein in eine irritierende Relativität von Tatsachen. Eine Architektur, die mit der Rationalität und mit der Andacht des Schönen Schritt hielt, war für Steiner kein »die Welt versammelndes Ding« mehr; keine einem isolierten Ort Bedeutung verleihende Tatsache, weil es diesen Ort in der Medialisierung von Architektur schlichtweg nicht mehr gab.

Virilio dachte bei »Nicht-Orten« an transitorische Räume, Räume des Übergangs, Zwischenwelten, die sich mit den Kategorien des 19. Jahrhunderts nicht mehr beschreiben liessen. Steiner wandte den Begriff in eine andere Richtung: Alle Architektur, konstatierte er 1988, werde zwingend durch Bilder ersetzt, eine jede Architektur des Ortes stehe am Ende des 2. Jahrtausends auf verlorenem Posten. Die Stadt war nach Steiner eben eine lebendige architektonische Skulptur.

Das klang progressiv, doch die Architekturwelt hinkte in Wahrheit der Erweiterung des Skulpturenbegriffs drei Dekaden hinterher. Seit 1958 liess sich der deutsche Künstler Franz Erhard Walther von Freunden immer wieder bei Versuchen fotografieren, als lebende Skulptur aufzutreten. In seiner Serie »Versuch, selbst eine Skulptur zu sein«, spie der damals 19jährige im Lotossitz mit Backpulver und Milch vermischtes Wasser im hohen Bogen auf den Boden. Damit waren der Körper des Künstlers und der flüchtige Augenblick des Fontänenstrahls als neue Aspekte in den Gestaltungsbegriff eingerückt.

Erst in den 1980er-Jahren gestanden sich auch die Baukreativen in ihren Laboratorien ein, dass die bauliche Sphäre nur ein Psychogramm war für das, was die Menschen ausmacht, die in ihr leben. Steiner suchte mit Zeitgenossen wie Rem Koolhaas und den Baseler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron nach Strategien, um solche Einsichten umzusetzen, um Identitäten zu multiplizieren und um die alten Architekturvorstellungen zu überwinden. Dazu mussten Wege gefunden werden zwischen der Akzeptanz des Marktes und der Reputation im innerarchitektonischen Diskurs.

Als Haudrauf stand Steiner Zagreb persönlich näher als die Umgangsformen im selbstverliebten Mitteleuropa. Er schrieb über eine historische Comicserie von Lyonel Feininger. Er entwickelte eine private Vorliebe für Betonmonster. Was der Bruitismus in der Musik ist, nämlich ein paar Gemeinplätze über die Ewigkeit, das sollte in der Architekrur der Brutalismus werden. Verglichen mit der Öde historistischer Ziegelarchitektur und mit dem Geschmack der mondänen Bauhaus-Paläste, der globale Dimensionen annahm, konservierten die Betonkästen bestimmte geistige Erfahrungen und standen für eine Position der moralischen Integrität, die die Traditionen des guten alten Selbstbaus mit viel Zement weiterführten.

Doch beim Brutalismus blieb es nicht. Steiner stilsiert sich zum Verkünder des »Austrian Pheonomenon« in der Welt, das freilich ein anderer, Peter Cook, 1970 vor ihm entdecken musste. Steiner begrüsste die Hartschaumliegen der Enzis im MQ als Fixsterne am Architekturhimmel. 1992 begeistert er sich für Barcelona, als die Hafen- und Uferzone der historische Stadt für die Olympischen Sommerspiele förmlich umdreht wurde und ihr Antlitz dem Meer zuwandte. 1997 galt ihm Mailand als »die einzige wirklich internationale Metropole der medialen Architektur«, 2016 erschien ihm Polen wichtiger als Spanien.

In vier Dekaden ist Steiner also einigermassen herumgekommen in der Komfortzone der Bussiness-Class-Flüge, der VIP-Loungen und der Designerhotels. Trotzdem tauchten ganze Erdteile – Afrika, Süd- und Mittelamerika, Vorderindien – auf seiner Karte der Globalarchitektur kaum vor. Auch Japan nur am Rande; und das war erstaunlich im Fall dieses Grosskommissärs, der die Trendwitterungen der Financal Times für den Massstab aller Dinge hielt.

Es war nicht alles Gold an der Marke Steiner. Er beklagte sein »moderates Gehalt« am Architekturzentrum. 1980 kritisierte er, Wiens »selbstgenügsame Stadtverwaltung« würde die »Stadtssanierung über die Autotelefone der Baulöwen erledigen lassen«. Das trug ihm Sitze in allen möglichen regionalen Planungs- und Begutachtungsbeiräten ein, und in dieser Funktion bejubelte er dann u.a. die Wohnbauanlagen am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofes im 2. Bezirk, einer der größten innerstädtischen Entwicklungszonen Wiens. Im realen Leben hätte Steiner in den schuhschachtelgrosse Wohnwaben für Jungfamilien nicht einmal einen Espresso gekippt.

So mancher Einfluss Steiners hat die österreichische Baukultur auf einen regelrechte Abweg geführt, ich erinnere an die vier aufwändigst mit öffentlichen Geldern in Milliardenhöhe renovierten Gasometer in Wien, deren einst atemberaubende Innenräume heute als trauriges Denkmal eines Urban Entertainment Centers dastehen. Die Star-Architektin Zaha Mohammad Hadid wurden an die Donau gelockt und ist mit ihren unter tosendem akademischen Applaus realisierten Bauten an der Lände desaströs gescheitert.

Neben diesen Fehlschlägen, für die Steiners Qualitätforderung in der Stadtentwicklung durchaus mitverantwortlich war, halte ich es für wichtig, auch die Grundvoraussetzungen seiner Partei- und Einflussnahmen zu überdenken. Steiners Neigung zu glauben, Architektur sei ein allumfassendes Ganzes, zu dem wir gehören, seine Annahme, es gäbe damit einen einzigen Universalhorizont, der alle wirklichen und möglichen Gegenstände überwölbt, war letztlich nur die Fiktion einer Ganzheit. Eine Welt, die alles enthält – das Gute, das Schöne und das Wahre, das Böse, das Hässliche und den Trug – die gibt es nicht; es gibt nur die prätentiösen Vorstellungen solcher Ganzheiten.

© Wolfgang Koch 2020

Foto (Auschnitt): © eSeL 2013, Steiner bei der Präsentation von »Das Gold des Az W. Die Sammlung«

Kunstuniversität Linz (Hg.): Steiner’s Diary. Über Architektur seit 1959. Essays, Interviews, Analysen, Vorlesungen. Redaktion Roland Gnaiger, 400 Seiten, deutsch/ englisch. ISBN 9783038600329, Park Books 2016, 51 Euro

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