vonWolfgang Koch 30.09.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Alfred Goubran ist ein österreichischer Schriftsteller und Liedermacher, der die Grenze des eigenen Horizonts nicht für die Grenzen der Welt hält. Ein Mann, der das Einfachste aushalten kann, nämlich nichts zu tun, weil es am Geheimnisvollsten ist und weil das Geheimnisvolle die fantastische Gewissheit in sich birgt, dass nicht nichts geschieht.

Seine kernig geprägte Gestalt dient als Hülle einer kernigen Natur und eines aufrechten, wahrhaften Geistes, dem aller unechter Schein, alle Heuchelei fremd und zuwider ist. Alfred Goubran wirkt auf mich wie ein Lehensfürst des Ostens, der nicht mehr an der Spitze der Vasallenen am Hof erscheinen muss, weil der Kaiser seit der letzten Begegnung ahnt, dass es bei diesem Untertanen nichts nützt, ein strenges Regiment zu führen. Ein Fürst des Ostens, der lieber Rapsblütenromane verfasst, als sich auf Bestechungen zu verstehen.

Ich sage Osten, weil geboren ist er am Heiligendreikönigstag, dem Fest der Erscheinung Christi, des Jahres 1964 in Graz. Goubrans Vater stammte ungelogen aus dem Morgenland, war Ägypter und starb, als das Kind Dreieinhalb war bei einem Autounfall in Deutschland. In der Folge wuchs der Junge bei seiner Mutter in Kärnten auf, zunächst in Klagenfurt-Waidmannsdorf, dann im Internatsgymnasium Tanzenberg.

Engelbert Obernosterer, der bedeutendste unter den heute in Kärnten lebenden Schriftsteller, besuchte Tanzenberg zwanzig Jahre vor Goubran, als diese Schule noch ein bischöfliches Knabenseminar war und eine auf Priesternachwuchs ausgerichtete Ordnung. Obernosterer hat die Ausbildung nach sieben Jahren abgebrochen und schreibt in seinen Erinnerungen, die er Eine Lossprechung nennt, über Tanzenberg: »Bis in die Träume hinein schweben mir die Talare seiner Vertreter nach, ihre vorwurfsvollen Blicke weisen mich darauf hin, wie nichts sagend ich geworden bin, wie tief gesunken ich bin, seitdem ich diese Burg der göttlichen Gewissheit verlassen habe, eine in ständiger Veränderung befindliche Schliere, verglichen mit der Festigkeit der mir angebotenen Ordnung«.

Erstaunlicherweise ist Goubran Ähnliches widerfahren, obwohl das Internatsgymnasium zu seiner Zeit bereits für die Welt geöffnet und einer Reform unterzogen worden war. Goubran hat mit 14 die nunmehrige Burg humanistischer Gewissheiten vorzeitig verlassen. Was er kündigte, war die Festigkeit einer ihm angebotenen bürgerlichen Ordnung. – Als Nächstes sehen wir ihn in einer kuriosen Schulabbrecher-Bohemé in Klagenfurt, die die Welt in übergrossen Caritas-Anzügen und gelbrandige Hemden mit Krawatte erobern wollte.

In diesem Dress hockten die Schulabbrecher unter Malern, Trinkern und Journalisten im Künstlerhauscafé. Hier begegnete Goubran zum ersten mal dem Stukkateur, Lyriker und Aktionisten Viktor Rogy. »Er saß stundenlang regungslos am kleinen Tisch nahe dem Eingang, ohne sich mit jemanden zu unterhalten, er hat sich dann irgendwann das Weinglas auf den kahlen Kopf gestellt und unvermittelt mit hoher Fistelstimme die Silbe ›Om‹ gesungen, oder er brüllte ansatzlos einem der anwesenden Künstler quer durch das Lokal eine Beschimpfung ins Gesicht, ›Willst a Unterkärntner Faustwatschen?‹, und dann war wieder nix, er hat in Ruhe weitergetrunken, oder er setzte den Hut auf und war verschwunden, ehe der Beleidigte auch nur begriffen hatte, was geschehen war. Diese Vorstellungen fand ich als 17-Jähriger extrem beeindruckend.«

1980 bis 1982 wandte sich eine Initiative von lokalen Literaten in Klagenfurt mit der Veranstaltungsreihe »Kärntner Frühling« gegen die jährlichen Ingeborg-Bachmann-Preislesungen und das Kulturfestival »Woche der Begegnung«. Die verkannten Dichter kritisierten den Charakter des Wettlesens, die Mediatisierung von Literatur, und natürlich auch, dass sie selbst von den Veranstaltern nicht gebührend berücksichtigt wurden. Goubran antworte mit seiner Gruppe von 18jährigen auf diese Kritik der 30jährigen Kolleg*innen mit einer »Woche der Entgegnung«.

»Warum klagen so viele, das sie unterschätzt werden?«, hat Ernst Jünger zwei Jahre später in sein Journal notiert und seine Haltung gleich klar gemacht: »Schlimmer ist doch das Gegenteil«.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Portrait Alfred Goubran, Foto: © Arnold Pöschl o. J.; Wildalpen, Foto © Marie Obermayr 2020

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

 

 

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