vonWolfgang Koch 03.10.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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2010 stellte die Edition Selene ihre Geschäftstätigkeit ein und ihr Besitzer Alfred Goubran seinen Debütroman unter dem Titel Aus in das Schaufenster. Dem Buch folgten weitere 16 Erzähl- und Essaybände, Bühnenstücke und Gedichtsammlungen, alles verfasst von einem Autor, der in einer Sprache auf eigenes Risiko formuliert. Goubran verzichtet auf jede liquide Metaphorik und auf Anglizismen, er schmiegt sich in seinen Texten nicht an den Jargon der Globalisierung an, er versteht sich nicht als humanitäre Avantgarde einer unaufhaltsam expandierenden Weltgesellschaft, lieber räumt er dem Lokalen, der Ortshaftigkeit des Lebens, einen Platz ein.

Man findet in seinen Erzählungen so makellose Sätze wie: »Still war es, wie in einem Bild, das einer malt, der von draußen durchs Fenster schaut«. Inhaltlich beteiligt sich Goubran am Identitätsdiskurs. Es gibt eine »Kleine Landeskunde« und literarische Versuche, die Begriffe Kultur und Heimat vor dem patriotischen Fahnenschwenken durch »gelebte Werte« dingfest zu machen. – Ist er dadurch schon mit halber Blindheit beschlagen? Ich meine, nein. Aber andere raten ihm dringend ab, ein Projekt über den »Verlust der deutschen Sprache« auszuführen, weil damit ja rechte Kräfte gestärkt werden könnten.

Goubran beklagt in seinen Schriften »das Verschwinden der Vielfalt« in den Ländern nördlich der Alpen, er registriert »Nivelierungsschübe« von tektonischem Ausmass, der »Abbau von Typen« trockne das »anarchistische Grundwasser« von Originalen und Sonderlingen aus und führe zu »menschlichen Monokulturen«.

Mit der Rolle des Schriftstellers ist übrigens noch nicht der ganze Goubran erzählt. Nach Valéry gibt es ja zwei Klippen, sich in dieser Tätigkeit zu verirren: nämlich die zu genaue Anpassung an das Publikum und die zu enge Treue dem eigenen System gegenüber. Goubran läuft sicher nur Gefahr in die eine Richtung. Er ist in erster Linie ein Autor; nur defensiv und misstrauisch gegen den Erfolg versucht er auch Schriftsteller zu sein.

Goubran ist daneben noch Übersetzer, Werbeberater und Familienvater, und vor zehn Jahren schaltete er noch eine Existenz als retrolastiger Liedermacher hinzu. 2010 begann er mit dunkler, rauer Stimme deutschsprachige Lieder zu intonieren, 2014 erschien die erste CD (inzwischen sind es fünf), 2018 rüstete er mit englischen Texten (unter dem Namen NABIL) weiter auf.

Ich vermag nicht zu beurteilen, ob er sich an Heine, Jacques Brel und Bob Dylan vergreift. Mir fehlt dieses berühmte ozeanische Gefühl für die Musik. Wo andere von einer »kehliger Stimme« beeindruckt sind, macht sie mir eher Angst. Wo andere einen unpolierten »Tom-Waits-Sound« hören, ergreift mich rasch ein Unbehagen an den Seufzer der bedrängten Kreatur. Wo Musikkritiker »eine Nähe zum Defätismus« konstatieren, gähnt mich bloss das grüftesüchtige Simmering an. Wo andere »Gesellschaftskritik« heraushören, weil Goubrans Ballade von einem Minister mit Kindern und Kabelbindern erzählt, sehe ich nur ein übles Pädophilenvideo auf seiner Website (»So viele Bilder«), das im ironischen Einsatz nicht weniger schlimm ist als im amoralischen.

»Es gehört einfach zum Auftrag des Dichters, auch Lieder zu schreiben«, sagt Goubran. Warum also sollten da ausgerechnet deutschsprachigen Dichter eine Ausnahme sein? Goubran bekennt sich noch zu weiteren tugendreichen kulturellen Mythen. Er sagt: »Die Dichter preisen Gott, doch Gott lobt die Dichter nicht. Vielleicht, weil sie den Magiern verwandt sind, den fremden Priestern, den Nekromanten und Sterndeutern. Jeder Dichter ist ein Orakel, aus dem sich das Unerschaffene in die Welt spricht. Jeder Dichter wirkt durch die unsichtbare Welt und weiss Dinge, die er nicht wissen kann, und das steht durchaus in der Tradition der Dichter, denen ich mich verbunden fühle.«

Wer sind nun diese Geister, mit denen er intimen Umgang pflegt? Zu seinen ersten Freunden zählte der hochbegabte Jungautor Ernst Christian Pacher, ein karantanisches Nachtschattengewächs, das mit 19 Jahren an einem Zeckenbiss verstarb. Später kam der 2001 verstorbenen Christian Loidl hinzu, ein österreichischer Parteigänger der Beat-Generation, der mit Christian Ide Hintze die »Wiener Schule für Dichtung« aus der Taufe gehoben hat.

Wie bei Viktor Rogy sieht Goubran in ihnen Geistesarbeiter, betont seine Verbindung mit den Kreativen im Mystischen und Magischen, wo es um Chiffren geht. »Rogy stand für einen Vergeistigungsprozess durch die Suche nach der knappsten Form. Die meisten Künstler arbeiten sich ja nur an dem Material oder an Themen ab, das Geistige musst du heute schon suchen in der Kunst.«

Goubran studiert weiters die Schriften des Altertumsforscher Theodor Mommsen, und weil er weiss, dass sein Verstand auch getauft ist, die Werke des christliche Religionsphilosophen und katholischen Theologen Romano Guardini, der sich 1935 offen gegen die nationalsozialistische Deutung der Person Jesu und später gegen den Klerikalismus und die Selbstherrlichkeit der Kirche gewandt hat.

Wir verdanken Goubran eine Übersetzung der imposante Kurzgeschichte Die gelbe Tapete der US-Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman [Stetson], in der sich eine klassische Wochenbettdepression stufenweise an Farbe und Geruch der Zimmertapete entfaltet. Er hat sich intensiv mit dem Leben des englischen Orientalisten, Abenteurers und Kamasutra-Übersetzers Richard Francis Burton herumgeschlagen, der stolz darauf war, jede einzelne Sünde im Dekalog begangen zu haben, und dessen Biographie deshalb vorsichtshalber seine brave viktorianische Frau verfasst hat.

Man sieht, die Bibliothek im Goubraneum ist gut gefüllt, sie gleicht einem Tablett voller Glasscherben nach drei Jahrzehnten des Strandkämmens. »Wer keine Gegenwart hat, hat kein Dasein«, beteuert Goubran. »Wer kein Dasein hat, hat auch keine Erfahrung. Er ist nur vorhanden, ist eine Realität, oder besser: Eine Realie, die funktioniert. Er lebt sich ab, leidet sein Leben.«

Aber auch so ein Leben ist nicht ganz frei von Widersprüchen. Goubran ist ein Industriegegner mit Sound-Software; ein Sozialmuffel mit Marketingwissen; ein kenntnisreicher Low-Speed-Urbanist mit der Sehnsucht nach Ruinen, kurz: eine Realie, die, mal flutsch und rundläuft und dann wieder meutert, aufmuckt, sich querstellt. Eine Realie, die auf jeden Fall mehr als vorhanden ist. Nur: Fahren die Dummen irgendwo erschreckt zusammen, wenn er ein Wort in die Runde wirft? Das tun sie bei ihm nicht, das tun sie bei mir nicht, die Dummen lassen sich heute nicht mehr erschrecken.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Portrait Alfred Goubran, Foto: © Arnold Pöschl o. J.; Wildalpen, Foto © Marie Obermayr 2020

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

 

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