vonWolfgang Koch 16.11.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Die Judengasse

Um diese Gasse weht der Schwermut Schwingen.

Schwer lastet auf ihr Vergangenheit.

Zuweilen hörst du alte Lieder singen,

dann ist’s, als weinte tiefes, müdes Leid.

Aus schmalen Fenstern schauen manchmal Kinder

Mit Augen, die so traurig und wissend sind.

An einer Straßenecke steht ein Blinder.

Sein flüsterndes Gebet erstirbt im Wind.

Der schwarzen Mädchen rote Lippen dürsten

Nach Glück und Liebe, die sie nie gekannt.

Manchmal siehst Greise du wie stolze Fürsten,

Die man in das Exil verbannt.

Am Sabbat glühn aus allen Fenstern Kerzen,

Bevor die Nacht noch schreitet durch das Tor,

Und flackern leise, wie flammende Herzen,

In stillem Feierglanz zu Gott empor.

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1931, von einem 1938 in Wien ermordeten jüdischen Schriftsteller aus der Bukowina, der unter dem Pseudonym Emil Arnold-Holm publizierte.

Die veröffentlichte Meinung in Österreich ist in der Woche nach dem mörderischen Anschlag auf Zufallspassant*innen in der Wiener Innenstadt übereingekommen, weder den Namen des IS-Terroristen, noch die Namen der vier Todesopfer, der zwanzig Verletzten sowie die Namen der operativ tätigen Exekutivbeamten zu veröffentlichen. Lediglich die Boulevardmedien kürzen Kujtim Fejzulai, den Namen des Alleintäters, gelegentlich mit „Kujtim F.“ ab.

Eine dramatische Lähmung hält den Geist heute in Österreich gefangen. Die Welt ist aus den Fugen geraten; aber die Autor*innen der Alten Medien behauptet im Gleichklang mit der Regierungspolitik, kein Wort sei stark genug, das Grauen zu benennen. Die veröffentliche Meinung will den Gegner nicht anpacken, sie will den Frevel einer konkreten Person an den Menschenleben nicht wahrmachen, indem sie Kujitim Fejzulai durch das Verschweigen seines Namens genau die phantastische Märtyrerrolle zugesteht, die er sich selbst zugeschrieben hat. Aber das Böse hat immer Namen und Adresse, und eine Medienlandschaft, die Verbrechen anonymisiert, kollaboriert mit dem Terror. Sie hat ihre wehrhafte Rolle als fünfte Gewalt verspielt.

© Wolfgang Koch 2020

Fotos: Wolfgang Koch 2020

 

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