vonWolfgang Koch 19.12.2021

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Von Alterskrankheiten gezeichnet, die ihn heute der Reihe nach umstellen, kann sich der Wiener Subkultur-Autor und Mitbegründer der Obdachlosenzeitung ›Augustin‹ Robert Sommer doch keinen Tag vom Lesen und Schreiben trennen. Sommer, ein »Weltmeister im Bücher-nicht-zu-Ende-lesen«, hält sich für einen Kämpfer, nicht für einen Denker. Und das bleibt er mit seinem neuen schriftstellerischen Opus in jedem Atemzug.

Dabei muss man im Voraus wissen, dass Sommer seine Texte keiner Bratspiess-Ordnung folgen lassen will, sondern, wie er es ausdrückt: dem Gewimmel. Mit dem interdisziplinären Mammutwerk aus unbestellten Listen, aus Zitaten fremder Werke und verstreuten Schnapsideen, mit den hunderten mit Fund- und Experimentaltexten vollgestopften Seiten, beweist Sommer möglicherweise das letztes Mal, wie man sein Leben lang an starker Voreingenommenheit festhält.

Der Ex-Journalist und alternative Kulturveranstalter ist sich in seinem Buchziegel wahrlich kein Sultan. Er sendet seinen Lieblingsideen nicht von Zeit zu Zeit seidene Schnüre. Es verhält sich genau umgekehrt: Sie senden ihm welche.

»Als ein im Grunde barocker Mensch sind für mich Werte wie Knappheit oder Klarheit protestantische Irrtümer«, sagt Sommer. Was sich in dem Ozean aus Schwulst über weite Lesedistanzen verstreut an echten Geistesblitzen findet, das ordnet die Sortierfunktion in meinem Schreibprogramms folgendermassen:

Alle an Parkinson Leidenden heilen.

Alles, was durch die neoliberale Durchdringung der Gesellschaft aus unserem Leben verschwindet, dokumentieren.

Auf dem Wiener Reumannplatz durch extreme Partizipation einen »wahren Platz des Volkes« errichten.

Aus dem Rohstoff der Person das Kunstwerk der Persönlichkeit schaffen.

Ausbildung für menschenrechtskonformes Schleppen anbieten.

Automatisch ausweichende Alleebäume erfinden.

Bergkreuze in romantische Kraftorte verwandeln, und Bierzelte in Moscheen.

Das mit den Fingern in der Luft angedeutete Gänsefüsschen zur deutschen Kulturtechnik erklären.

Den »Guten Tag«-Tag in Wien einführen.

Den Film ›Salem‹ über Thomas Bernhards unbekannten Vater zeigen.

Den Hottergang als Happeningfestival durchführen.

Den unsinnigen Altgriechisch-Unterricht abschaffen.

Den Vatikan zum Paradies auf Erden machen.

Den Wert des Waldes in der Verfassung verankern.

Die Bar ohne Eigenschaften in der Arena-Bar installieren.

Die Bücher, die revolutionären Zorn wachrufen, trennen von den Büchern, die das Bestehende verständlich und somit den Leser handlungsunfähig machen.

Die kunterbunte Stephansdom-Fassade des Mittelalters wieder herstellen.

Die Mikro-Nation Augarten gründen.

Die unbrauchbarste Wanderkarte der Welt suchen.

Donaudampfschiffe, die sich um Mitternacht vor Melk in Nichts auflösen.

Ein Buch über den Fluss Wulka verfassen (marktfremdeste Idee).

Ein Exzellenzspiel betreiben, bei dem die Antwort in der Frage enthalten sein muss.

Ein Fussballtunier auf der schrägen Wiese austragen.

Ein Hörgerät, das nur beim Sprechen der aramäischen Sprache verstärkend wirkt, erfinden.

Ein Netz von Eselskutschenstrecken durch Europa knüpfen.

Eine 2CV-Fabrik errichten.

Eine Gruppe von Gernschreibern erfindet Textanfänge, eine zweite verfasst Kurzprosa dazu.

Eine Kategorie von Spinnern finden, die nicht angetreten sind, die Region zu verschönern.

Eine von LKWs weitgehend verschonte Stadt.

Einen Eisstockschiessverein und das Erstbeste Clowntheater gründen.

Einen Film mit dem Titel ›Ding‹ drehen, und einen Tibetfilm ohne Religionskitsch.

Einen Titel-Recycling-Slam veranstalten.

Einen Verein zur unliterarischen Verwendung von Literatur initiieren.

Europäische Grenzenlosigkeit wieder einführen.

Feste für tote Künstler im Ehrengräberbereich veranstalten.

Frühling in Kreta mit der zwölfbändige Geschichte Frankreichs von Jaurès im Gepäck.

Ganze Nächte lang Selbstfabriziertes vorlesen.

Geschriebenes Gastarbeiterdeutsch vor Korrekturen retten.

Glauben, dass Marx und Engels nur durch rücksichtsloses Zurückstossen anderen Sozialisten ihren eigenen scharfsinnigen Standpunkt aufrecht erhalten konnten.

Glauben, dass Nordamerika dankt der sozialexperimentellen Kommunen ab den 1820er-Jahren das erste Land des realen Sozialismus war.

Gutmensch-Portionen in der Schlange an der Eisdiele verschenken.

Halluzinogene Bienen züchten.

Henry Miller von seiner Allergie auf die südliche Halbkugel der Erde heilen.

Kartenkunststückerln und bayrisch Tarock können.

Krawattenhäufigkeit in Printmedien vergleichen.

Lateinunterricht mit ErasmusColloquia Familiaria und nicht mit Cäsars Gallischen Kriegen beginnen lassen.

Literatur verfassen, die auf die Silbe -ung verzichtet.

Potlach mit den qualitativ bemerkenswertesten Geschenken veranstalten.

Regelloses Free Chess mit unbegrenzten Zügen spielen (poëtischer Akt).

Regelmässige Mittelmeerurlaube für alle Bewohnerinnen nördlich der Alpen.

Republik Lemoniberg zur Rettung der Otto-Wagner-Pavillons errichten.

Rudi-Dutschke-Strassen in jeder deutschen Stadt.

Sätze, die sich je nach Witterung oder persönlicher Stimmungslage selber schreiben.

Theater an Orten, wo niemand Theater vermutet, veranstalten (Ab_Ort_Theater).

Ungehöriges Verhalten populär machen.

Unterm Himmel liegen und über ihn reden.

Unternation ›Verzeih, Madgeburg‹ der Mikronation Augarten ins Leben rufen.

Wenn die Burenwurst und der Senf weggegessen sind, das Gedicht auf dem Wegwerfteller zum Vorschein kommen lassen.

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Foto: Robert Sommer, © Mario Lang 2005 (Ausschnitt)

Abbildung: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021 (Ausschnitt)

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/19/robert-sommers-ozean-aus-schnapsideen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.