vonWolfgang Koch 19.09.2022

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Mathias Bröckers ist an diesem Ort kein Unbekannter. Der Mitbegründer der taz hat sich schon mehrere Kranz Lorbeer verdient. Er rief jene beliebte Satire-Seite ins Leben, die paradoxerweise den Titel ›Die Wahrheit‹ führt, später die taz-Blogs, die das Meinungsspektrum des Mediums verlässlich erweitern. Mathias Bröckers holte 1987 – lang, lang ist’s her – die massgeblichen Schriftsteller*innen der Epoche in die Redaktion, um sie drei Tage lang die Spalten füllen zu lasen.

Der Deutsche hat sich dabei den Leitgedanken alternativer Medien, es gäbe Nachrichten, die von den etablierten Massenmedien bewusst oder fahrlässig unterdrückt werden, so sehr zu eigen gemacht, dass er in den Millenniumsjahren mühelos in die digitalen Netze der Conspiracy-Szene eintauchen konnte. Dort begann Bröckers seine zweite Karriere als Politik- und Wissenschaftspublizist.

Als anerkannter deutscher Hanfpapst studierte er eingehend die Prohibitionsgeschichte der Pflanze. Dabei entdeckte er das Muster einer imperialen US-Regierungsverschwörung, und das wendet Bröckers seither auf alle Phänomene an, die er kommentiert. Sei es nun der ›War on Drugs‹, der jihadistische Terror, die Golfkriege, die Corona-Pandemie oder das Ende der unipolaren Weltordnungdie Fäden des Bösen laufen verlässlich in Fort George G. Meade und in geheimen Regierungsbunkern der US-Administration zusammen. Auch Israel und Saudi-Arabien dürfen es gelegentlich sein.

Bröckers wettert verschwörerisch gegen einen »Faschismus« in der Ukraine, dessen Auftraggeber und Urheber natürgemäss in Washington sitzen. Er recherchiert grundsätzlich in Netzmedien, unterstützt Impfgegner*innen und die Liberalisierung illegaler Drogen, er sitzt mit ukligen UFO-Forschern und Ken Jebson vor der Kamera, streitet für die Freilassung von Julian Assange, stärkt ›Fridays 4 future‹ den Rücken, verfasst unter Pseudonym Krimis, liest Goethe gegen den Strich und verteidigt die Gaía-Hypothese, als wäre sie seine ureigene Erfindung.

Blogs und Bücher aus Bröckers Werkstatt haben Witz, Charme und die flirtende Ironie von Jugendlichen, mitunter selbst dann, wenn der freie Autor Putins Feldkurator gibt und auf seiner Website russische Überlegenheitsphrasen nachbetet.

Im Gegensatz zu Bröckers wirkt Jerofejew wie ein altmodischer Zunftbruder, ein Musketier der Intellektuellenklasse im abgetakelten Grossfeuilleton. Doch der Exilrusse besitzt nicht weniger Kasernendisziplin als Bröckers, wenn es darum geht, 1. das geistige Kampfterrain des Nato-Lagers auszudehnen, 2. der westlichen Zivilsation »einen tiefen pazifistischen Schlaf« vorzuwerfen«, und 3. den Wunsch nach einem baldigen Waffenstillstand als »mentalen Spuk« zu denunzieren.

Der international erfolgreiche Verfasser von Kurtisanen-Romanen und russische Anhänger des Euromaidan bietet in seiner Kriegsessayistik vor allem Männerpsychologe. Seine Hauptidee: Die Welt von heute ist in eine neue Periode der Religionskriege eingetreten. In der Folge spricht Jerofejew seiner alten Heimat überhaupt die Qualifikation zu einer Nation ab. »Werwölfe« seien seine Landleute geworden, und der »Donnergott Putin« möchte ihnen »die Ukraine schenken«.

In dem Russland der Gopniks, soll das heissen, wo der grösste Gopnik über alle anderen herrscht, tyrannisiert Grossdiktator Putin seine Brüder und Söhne. Er will in diesem Fantasyland um jeden Preis das grossrussische Reich wieder herstellen und lässt für dieses Ziel wilde Farben auf der verbrannten Erde zurück. »Unter seiner Ägide werden alle Pflänzlein der Zivilgesellschaft im Keim erstickt. Allein zu seinem eigenen Nutzen als höchstem Wert befeuert er den Repressionsapparat«.

Nicht weniger abenteuerlich argumentiert der bekennende Putin-Versteher Bröckers. »Was die Bevölkerung durch die Medien über die Welt erfährt«, erklärt der taz-Mitbegründer, und meint damit den Westen, »erfährt sie durch den Wahrnehmungsfilter jener 0,1%, denen nicht nur die Medien, sondern auch ein Grossteil der Welt gehört. Inklusive der Journalisten, die eingebettet in die Vielfalt des Infotainments ihrer Pressefreiheit ungehindert nachgehen.«

Zu Kriegsbeginn war Bröckers augenblicklich mit der Aufdeckung geheimer Biolabors zur Stelle, von denen wir Gleichgeschalteten natürlich nichts wissen konnen, weil sie US-amerikanische Agenten unter höchster Geheimhaltungstufe seit Jahren an der ukrainischen Grenze zu Russland betrieben haben. Biowaffenforschung sollte uns Angst machen! Das nächste Level im Miltärdispositiv. Da mussten doch alle Alarmglocken läuten.

Für Bröckers ist die russische Militäraggression bewusst von der Nato provoziert worden. Die Pläne zu einem Regime-Change in Moskau lagen, man ahnt es, seit Jahren in den Schubladen, in die nur ein paar schlaue Blogger zu blicken imstande sind. Ukraine-Präsident Selensky: ein Schauspieler, eine Marionette! Das Präsidentenehepaar am Vogue-Cover: der sichere Kollaps des Regimes!

Der andere, Jerofejew, stammt aus der sowjetischen Kaderklasse, sein Vater war Diplomat, als Autor hatte er quasi Berufsverbot in der späten UdSSR. Ästhetisch sind seine Erzählwerke im Tauwetter der 1980er-Jahre stecken geblieben sei. Vieldeutigkeit und drastische Gewaltschilderungen sind seine literarische Mittel. Freunde und Hausfrauen erweisen sich in den Romanen als besondere Kenner der russischen Seele.

Der Russe behauptete von sich, dass ihm der Stil über alles gehe, was ihn dann gelegentlich sogar über die Qualität der eigenen Texte stolpern lasse. In seinen Essays kommt er laufend auf den russische Volkscharakter zu sprechen, auf jenes irrationale Russlands, vor dem sich der vernunftgeleitete Westen wie vor dem Weltuntergang fürchten müsse. Das Publizierte ist im Grunde ein Verwirrspiel: abwechselnd weist Jerofejew auf den Putin’schen Autoritarismus, Tschechows Intimleben oder dem bedauernswerten Zustand der Intelligenzija hin.

Der neue Religionskrieg erzeugt in Jerofejew Augen zwei Realitäten: eine europäische mit ihren humanistischen Werten, die er persönlich teilt und deren Ehrungen er gerne entgegen nimmt. Und eine russische Realität, eine Fernseh-Realität, die den Leuten seit Jahren erzählt, sie seien das Licht der Welt, während die Ukraine und der Westen die Dunkelheit verkörpern. Deswegen würden die russischen Menschen jetzt glauben, die Ukraine befreien zu müssen.

Was die Kriegsbefürworter Bröckers und Jerofejew noch gemeinsam haben: Jeder missbraucht für seine einseitige Einschätzung der Lage ein grosse Autorität der Weltliteratur. Bröckers gibt den Wiener Kriegsgegner Karl Kraus als seine Hauslektüre an, und Jerofejew erhöht seine Reputation mit dem Landsmann Fjodor M. Dostojewski. In beiden Fällen können sich die Toten gegen den Missbrauch ihrer Namen nicht mehr wehren.

Denn weder Kraus noch Dostojewsk haben sich je dem Wunsch nach Zurückschlagen in einem Krieg Ausdruck hingeben. Kraus hat kein Waffensysteme bewundert und sich von ihm den Sieg einer Partei erhofft. Und Dostojewski, der Zwangssoldat ohne Bürgerrechte, hätte sich niemals in der Dienst der grossen Einigkeit irgendwelcher Industriestaaten gestellt. Dieser berühmte Autor, der einem christlichen Sozialismus anhing, hätte nicht vom Niederringen eines Drachen in der Weltpolitik geträumt. Nein, derart falsche Analysen der Gesellschaftskonstellationen blieben unsere Zeit und dem ehemaligen Intelligenzblatt Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das sie abgedruckt hat, vorbehalten.

Jerofejew floh im April 2022 mit Ehefrau und zwei Töchtern aus Russland, kutschierte mit dem Privatwagen von Moskau über Sankt Petersburg nach Finnland, von dort mit der Fähre nach Talllin, und über die baltischen Staaten und Polen nach Germany, wo er zunächst im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf residierte und danach ins Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich bei Aachen, einen approbierten »Zufluchtsort für verfolgte Künstler«, überwechselte.

Zwei in den Kriegslagern herzlich begrüsste Schriftsteller, die prompt als Lautsprecher der ideologischen Kommandos agieren. Jeder will sich an die Spitze setzen, um die Flammen auf dem Schlachtfeld zu dirigieren. Bröckers ist natürlich kein Kreml-Propagandist wie der lettische Nationalbolschewist Wladimir Linderman, und Jerofejew ist keine Waffen-Mutti wie die ukrainische First Lady Olena Selenska. Dazu sind diese Autoren viel zu clever, zu erfahren und auch zu gehemmt. Doch auch ihre Parteinahmen setzen das Vergessen der namenlosen Leichen voraus, derer man nur gedenkt, wenn man ihre Meinungen gegen den Strich liest, das heisst sie vom Kopf auf die Füsse stellt, indem man den Standpunkt er Opfer und der Deserteure einnimmt.

Sobald ich in einem Krieg den einen lobe und preise, ohne den anderen zu loben und zu preisen, kehrt die Rivalität zurück und wir leben in der Mordgesinnung. Solange ich mit dem Finger auf ein Heerlager zeige, ohne die Grausamkeit und Ruhmsucht der anderen Seite zu anzuklagen, stärke ich die Triebkräfte, die den Konflikt dem Tod hinterherlaufen lassen.

Sachlichkeit geht nicht als Folgeerscheinung aus der Parteilichkeit hervor. Wer die neue Rivalität zwischen den europäischen Nationen ablehnt, wird sich vielmehr die Frage stellen: Wie lässt sich, in uns, Hass in schöpferische Energie verwandeln? Wie können wir die Gewalt auf andere Ziele umlenken, sie für unser Handeln und Erkennen und für die soziale Ordnung nutzbar machen?

Sicher nicht durch Groll und Ressentiments im Meinungskampf, der den ukrainischen und den russischen Waffeneinsatz begleitet wie Schusswunden und Schmerzen. Das wahre, das friedliche Europa sucht sich eine neuen politische Klasse, die mit der enormen Macht der Waffenindustrien bricht. Das kommende Europa wird in einem Notwehrakt gegen die verbrauchten Eliten Leute an die Spitze der Regierungen und Parlamente setzen, die Rüstungsaktien aus den Spekulationspaketen an den Bösen aussortiert und die allen Gewerkschaften in unseren Ländern klar machen, dass Arbeitsplätze nicht um den Preis der Friedensgefährdung erhalten werden dürfen.

Bis dahin freilich lärmt die Enthirnungsmaschine in einem einzigen Akkord. Die Parteiischen behaupten mit einer Sprache der instrumentalisierten Vernunft ihren wahren Ort gefunden zu haben. Sie pantschen in anekdotischer Geschwätzigkeit im Blutschaum, weich und warm wie frische Rosen. Was Bröckers und Jerofejew verbreiten, erforscht den Konflikt nicht aus der Erfahrung eines ganzen Lebens, was diese Autoren bieten, ist weder das unerhörte Abenteuer der Dichter, noch die Skepsis der Denker.

Beide sagen sie im Grund dasselbe:: »Wenn meine Seite gewinnt, wird es bei euch ein neues Land geben. Wenn euere Armee gewinnt, wird es unser Land nicht mehr geben.« Die Teilung der Ukraine ist eine hochkniffelige und eine bitterernste Herausforderung unserer Zeit. Suchen Bröckers und Jerofejew händeringend, leidgeplagt und verzweifelt nach der richtigen Antwort? – Nein, das tun sie nicht. Sie braten ihre Würste im Weltenfeuer. Und das Schlachten geht pesthaft weiter.

 

Es gibt auch einen psychologischen Aspekt, der aufhorchen lassen sollte. Beide Herren berichten mit Freude und Lust, dass sie ihre »Kriegsberichterstattung« in den Kreis aufgeschlossener junger Frauen geführt hat. Bröckers fuhr nach seiner Kundgebungsteilnahme in Moskau auf Besuch in die 600 km entfernter Universität von Woronesch. Ein Foto zeigt ihn umzingelt von fünffach geballtem Charme junger Damen.

»Die jungen Leute sind klug, belesen und offen für alles Westliche, doch von den USA regiert werden wollen sie nicht«, berichtete Bröckers von der Begegnung. Er schwärmte von der Wichtigkeit der »direkten Gespräche in solch angespannten Zeiten« mit den Deutsch und Englisch Studierenden und liess es kräftig menscheln. Er habe in Woronesch erfahren, vertraute er uns an, »dass es nicht die Menschen sind, die die Welt manichäisch in Gut und Böse aufteilen, sondern die Politik …«

Auch Jerofejew zog es in den Kreis junger Damen, um das notwendige Sterben der jungen Männer zu begründen. Er debattierte beim Kolloquium ›Krieg und Frieden heute‹ an der Universität Lüneburg und berichtete von dort: »Es fand sich eine Gruppe von zwölf Teilnehmern aus vier Ländern zusammen: aus der Ukraine, aus Russland, Kasachstan und Deutschland – ein gefährlicher, explosiver Cocktail, möchte man meinen.«

Natürlich liess sich der explosive Cocktail in einen schmackhaften umwandeln und das Kolloquium als Modellfall einer wehrhaften demokratischen Harmonie darstellen. – Ist dieses gemeinsame Interesse der Kriegsautoren an der Weiblichkeit ein Zufall, oder doch ein Anklang an die griechische Tragödie?

Die Antwort darauf geben uns neuere Stellungnahmen der beiden Schriftsteller zum gewaltsamen Tod einer weiteren jungen Frau. Dass der Mord an der russischen Journalistin Darja Dugina in den gleichgeschaltenen Medien des Westen »eher achselzuckend wahrgenommen wird«, empörte Bröckers unverzüglich; es erschien ihm als ein potenziertes und überlagertes Problem, nämlich: a) als ein Zeichen für die Verrohung des geistigen Klimas, b) als ein Zeichen für das intellektuelle Abgleiten in dumpfe Freund/Feind-Schemen, c) als ein Zeichen für das manichäisches Gut/Böse-Denken, und d) als ein Zeichen für die »Zeitenwende«, die in den Krieg führt. 

Bröckers überhäufte also die tote Darja Dugina mit beschörerischen Zeichen und gravierte so ein vierfaches Menetekel auf denen Grabstein: geistige Verrohung, intellektuelle Verfeindung, Dämonisierung und Epochenbruch. Und warum tat er das? Er tat es, um die Emotionen des rachsüchtigen Vater zustimmend zitieren zu können.

Der ebenfalls zu jeder Übertreibung bereite exilierte Russe Jerofejew verfuhr genau umgekehrt, er beschrieb die rassistische Ideologie des grausamen Vaters, um ein Bild der Tochter als unschuldiges Opfer der eigenen Familie aufzubauen.

So funktioniert heute die Suggestion von gewalttätigen Worten, so teilt sich das Kriegsgeheul unablässig und wuchert in Spiegelungen, Verdrehungen und Verrohungen immer weiter. An den Kriegszwillingen Jerofejew und Bröckers kann man sehen, wie die grosse Enthirnungsmachine bis in die tiefsten Seelengründe hinein Lärm macht, um mit den Eingeweiden den Nächsten zu erschlagen.

Stop the war! Остановите войну!

© Wolfgang Koch 2022

Fotos: Julia von Vietinghoff (Ausschnitt), Westend Verlag

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