Die berühmte Wiener Caféhaus-Kultur, ein von der UNESCO anerkanntes immaterielles Menschheitserbe, ist beinahe erledigt. Wer das Gegenteil behauptet, gehört entweder zu den hartnäckig nostalgischen Gästen aus aller Herren Länder oder arbeitet in irgendeiner Falte der Tourismusindustrie. An welchen verborgenen Orten die Tassen und Löffel heute noch wie vor hundert Jahren klimpern, werde ich hier natürlich nicht verraten (und damit auch nicht, an welchem runden Tisch zum Beispiel die freie Drehbuchautorin und Produzentin Agnes Pluch täglich ihre Tatort-Dialoge verfasst. Es gehört nämlich zu den besten Pointen des kulturellen Niedergangs, dass der letzte entschiedene Wiener Caféhaus-Literat eine Frau ist).
Echte Wiener und Wienerinnen, die das regelmässige Unterwerfung unter einen grantelnden Ober (Kellner) als Lebensbedürfnis empfinden, schlagen ihre Zeitung (oder klappen ihren Laptop) längst in No-name-Espressos auf. Dort sind sie ungestört, verweilen stundenlang, oft bei besserer Kaffeequalität und – vor allem – bei moderaten Preisen. Die kaffeeschlürfenden Zuwanderer Wiens wiederum strömen in die Shisha-Bars und Sliwowitz-Höllen ihrer Migrantenghettos.
Verheerende Time-Slots
Nicht einer aus dem bunt gemischten Volk der Stadtbewohner·innen würde das Café Central freiwillig oder gar aus Gewohnheit betreten. Time-Slots und Warteschlangen haben den letzten Innenstadtcafés den Todesstoss versetzt. Nicht, dass die Lokale deshalb verschwunden wären! Das nicht. Aber sie gehören jetzt eben nicht mehr der Caféhaus-Kultur an, auch wenn sie unter diesem Reizwort weiterhin die Trommel rühren.

Das Café Central wurde 1876 im Palais Ferstel eröffnet, damals Sitz der Wiener Börse, und avancierte um das nervenzerrüttelnde Jahr 1900 herum mit 250 aufliegenden Tageszeitungen in 22 Sprachen zu einem wahren Labor der Moderne. Man rühmt sich noch heute, damals Sigmund Freud, Alfred Adler, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh, Stefan Zweig und Leo Trotzki als Stammgäste begrüsst zu haben. Hier geisterte einst das zornige Genie Otfried Krzyanowsk durch den Raum. 1943 sperrte das NS-Regime diese Brutstätte der Intelligenz zu, und bis 1982 wurde dann im Grossen Ferstelsaal Basketball gespielt.
Geplanter Abriss
Heute unvorstellbar: Bis zur Wiedereröffnung des Cafés in den Achtzigerjahren wälzte das Rathaus gemeinsam mit den Eigentümern Abrisspläne für das gesamte Palais. Unternehmerischen Schwung zog in den Säulensaal erst wieder ein, als 2011 Österreichs grösstes Tourismusunternehmen mit einer Tochterfirma den Betrieb übernahm. Verkehrsbuero Hospitality betreut neben den Event-Locations im Palais Ferstel weitere im Palais Daun-Kinsky und in den Börsesälen, wo in jährlich rund 400 Veranstaltungen über 700.000 Gäste begrüsst werden.

Um zu zeigen, was im Café Central, und nicht nur dort, schon bei der ersten »Modernisierung in Einklang mit Denkmalschutz« zusammengestürzt ist, genügen drei Zitate aus der Giftkammer der Bücherfreunde. Das erste stammt vom Schriftsteller-Vagabunden Emil Szittya aus dem Jahr 1923:
»Es gibt in Wien sehr wenig stille in sich gekehrte Künstler. So müssen wir ein lauteres Lokal betreten: Café Central. Es ist das berühmteste Wiener Künstler-Café. Es schwirrt in diesem Café von Berühmtheiten aus allen Ländern und Städten des Balkans. Die Gesten haben selbstverständlich auch etwas Balkanhaftes, wenn es auch manchmal Budpesthaft aussieht.«
Heute haben die Gesten der Gäste etwas Fernöstliches, wenn es auch manchmal Palermo- oder Chicagohaft aussieht. Die grosse Vergangenheit wirkt wie ein Magnet auf sie, und die gedämpft folgende Enttäuschung über die von grossartigen Lustern erhellte Bahnhofsatmosphäre wird in ebenso grossartigen Patisserie-Produkten des Hauses erstickt, die mühelos mit der Konditoreiware im Tee-Salon Angelina in der Pariser Rue de Rivoli mithalten können.
»Dieses rätselvolle Caféhaus beschwichtigt in den friedlosen Menschen, die es besuchen, etwas, das ich: das kosmische Unbehagen nennen möchte«, schrieb der Caféhaus-Narr Alfred Polgar in seiner ›Theorie des Café Central‹ 1927. »An dieser Stätte der lockeren Beziehungen lockert sich auch die Beziehung zu Gott und den Sternen, die Kreatur entschlüpft ihrem Zwangsverhältnis zum All in ein pflichtenloses, sinnliches Gelegenheits-Verhältnis zum Nichts, die Drohungen der Ewigkeit dringen nicht durch die Wände des Café Central, und zwischen diesen geniessest du der holden Wurschtigkeit des Augenblicks.«

Polgars Hohelied auf die Institution wirkt in der Epoche der Virtualisierung wie der Lichtstrahl von einem fernen Kometen. Erstaunlicherweise hat sich Zwischenkriegs-Atmosphäre als Mythos des unbeschwerten Lebens erhalten. Wer ihm heute in der Institution nachspürt, macht jedoch eher die desillusionierende Erfahrung, von welcher der Schriftsteller Hanno Milesi 2009 berichtet hat:
»Im Café Central entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg auch nur annähernd ähnlich sieht. Es sitzen überhaupt nur ein paar Touristen herum, kichern und trinken, sobald der Kellner ihnen den Rücken zukehrt, aus Plastikflaschen […] Wie ein Schriftsteller sieht hier eigentlich niemand aus. […] Als der missmutige Kellner an mir vorbeischlurft, erkundige ich mich, ob es so etwas wie ein Extrazimmer gibt. Der Blick, mit dem er mir antwortet, bedarf keiner Erläuterung.«
Die tägliche Schlange
Das Central passt heute wunderbar zum kommerziellen Eventcharakter der »City«, also des Vienna Disneyland. Es vereint Klischeehaftigkeit und Spitzengastronomie mit der grellen Atmosphäre einer Praterattraktion und ist folgerichtig so beliebt bei den Tourist·innen, dass sich täglich eine lange Schlange in der Herrengasse bildet.

Bis zur nächsten Wiedereröffnung im Herbst 2026 hat sich die Schar der Wien-Pilger·innen nun zu gedulden. Die aktuelle Sanierung umfasst eine vollständige Erneuerung der Gebäudetechnik, von Heizung, Klima, Lüftung und Sanitär über Elektrotechnik bis zu den brandschutzrelevanten Massnahmen. Thonet-Stühle werden aufgearbeitet, Stoffe des Traditionsunternehmnes Backhausen erneuert, 800 Quadratmeter Boden und Wände neu verfliesst. Eines der Ziele: 20 Prozent weniger Schallbelastung für die Anrainer·innen, weitere: der Fernkälte-Anschluss, vergrösserte Produktionsflächen für Hauptküche und Patisserie, Frischluft am Herd, Tageslicht im Personalraum.
»Gute Sanierung erkennt man daran, dass man nichts erkennt«, verspricht der verantwortliche Architekt Peter Klein, der bereits beim Schönermachen 1978-86 mit dabei war. An der venezianischen Trecento-Architektur darf nicht gerüttelt werden. Die Angemessenheit von Denkmälern mag ja in Wien gerade anderwo ein Thema sein. Dass der Gast beim Eintreten von einem Papp-Altenberg begrüsst wird, also dem Abbild jenes Literaten, der seine pädophilen Neigungen in neckischen Feuilletonzeilen auslebte, kümmert im Central derzeit noch niemanden.

Wie lange das in einer Stadt noch so bleibt, in der die Medienszene jeden Anlauf zur Selbstviktimisierung begierig aufnimmt, lässt sich bereits erahnen. Ist das Karl-Lueger-Denkmal erst einmal zum Zeigefinger des Anti-Antisemitismus verbogen und das Wiener Aktionismus Museum (WAM) als Ort der Täterkunst ausreichend gebrandtmarkt, geht es dem stadtbekannten »Kindavazahrers« an den Kragen.
© Wolfgang Koch 2026