vonoliverkrueger 03.06.2019

Zeitlupe

Notizen zu Gesellschaft, Medien und Religion von Oliver Krüger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz).

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Während die Abbilder männlicher Heroik als Relikte vergangener Epochen langsam in der Mottenkiste der Filmgeschichte verschwinden, haben revolutionäre junge Frauen Konjunktur in der schönen, neuen Medienwelt.

Dieser Trend war zunächst in mehreren Film- und Fernsehproduktionen spürbar. Waffentragende Heldinnen erscheinen zwar schon früher als comicgleiche Figuren in diversen Unterhaltungsfilmen – wie Lara Croft aus den Tomb Raider-Adaptionen oder das gesamte Marvel-Universum. Als volle Charaktere mit inneren Zweifeln, persönlicher Entwicklung und einer Auflösung des stereotypen Gut-Böse-Kosmos betreten sie jedoch erst in den vergangenen Jahren die populäre Filmbühne.

Katniss (Tribute von Panem)

Glanzvoll angeführt wird dieser Aufstand der Frauen von der Heldin Katniss in der vierteiligen Filmreihe Die Tribute von Panem (nach den gleichnamigen Romanen von Suzanne Collins), die von 2012 bis 2015 viel Aufmerksamkeit erlangten. In einem postapokalyptischen Setting des diktatorischen Staates Panem ist die Gesellschaft hierarchisch in 12 Distrikte eingeteilt. Als Vergeltung für eine frühere Rebellion muss jeder der Distrikte jährlich einen Jungen und ein Mädchen im Alter von 12 bis 18 in die Kampfarena des Kapitols entsenden (der Mythos vom kinderverschlingenden Minotauros von Kreta schimmert hier durch die Zelluloidstreifen). Nur einer der Teilnehmer, die per Los auserkoren werden, darf das medial aufwendig inszenierte Spektakel überleben. Die Show präsentiert sich als eine Art Dschungelcamp mit tödlichem Ausgang. Die im Bogenschießen bewandte Katniss tritt freiwillig an die Stelle ihrer kindlichen Schwester, die ausgelost wurde. Sie gewinnt den Wettstreit und bricht gleichzeitig die Spielregeln, indem sie die Ausrichter zwingt, zwei Sieger zuzulassen. In den späteren Filmen avanciert Katniss zur Gallionsfigur des bewaffneten Kampfes gegen den verhassten Diktator.

Tris (Divergent-Trilogie)

Nicht weniger bemerkenswert ist die Divergent-Filmtrilogie von 2014-2016, die auf den Erzählungen von Veronica Roth beruht: Das postapokalyptische Chicago ist in fünf Fraktionen unterteilt, die jeweils bestimmte Aufgaben in der Gesellschaft wahrnehmen müssen (wie z.B. die Altruan als caritative Helfer und die Ferox als Kämpfer des Sicherheitsapparates). Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter müssen sich die jungen Bewohner für eine der Fraktionen entscheiden. Die Wahl ist lebenslang verbindlich und wird durch einen vorgängigen Persönlichkeitstest angeleitet. Die psychologische Prüfung ergibt jedoch für die junge Heldin der Geschichte, Beatrice/„Tris“, keine klare Zuordnung und ihr droht, als „Unbestimmbare“ von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Ihr Geheimnis bleibt jedoch bewahrt und sie schließt sich den Ferox an. Sie und ihr Liebespartner, der ebenfalls ein „Unbestimmter“ ist, können schließlich den geplanten Putsch einer der Fraktionen vereiteln. Später ist es Tris, die eine wagemutige Gruppe über die verbotene Zone, die Chicago umgibt, herausführt und die wahre Natur der Stadt enthüllt.

Clarke (The 100)

Den radikalsten Bruch mit bisherigen Narrativen vollführt jedoch die amerikanische Fernsehserie The 100 (6 Staffeln seit 2014). Nach der Katastrophe eines atomaren Weltkrieges überleben wenige Tausend Menschen auf einer totalitär geführten Raumstation. Als nach 97 Jahren die Lebenserhaltungssysteme immer ineffizienter werden, entschließt man sich, 100 jugendliche Straftäter mit einem Raumschiff auf die Erde zu senden, um zu testen, ob diese wieder bewohnbar sei. Nicht nur dies erscheint den unfreiwilligen Pionieren möglich, sondern sie entdecken auch, dass die Erde von augenscheinlich unzivilisierten Barbaren (den Überbleibseln der terrestrischen Menschheit) bewohnt ist, die ihre Feinde grausam malträtieren. Die restliche Menschheit folgt der jugendlichen Vorhut schon bald auf die Erde, aber weiterhin werden die rivalisierenden Gruppen – sowohl die Sky People als auch die Grounder – von jungen Frauen angeführt (Clark bzw. Lexa). Im Laufe der ersten beiden Staffeln erweisen sich viele Vertreter der Sky People als nicht weniger barbarisch als die Grounder: Vor allem die männlichen Protagonisten handeln impulsiv und unüberlegt. Geleitet von Misstrauen, Rachsucht und Geltungsdrang verüben sie Massaker unter Frauen, Kindern und Alten in den friedliebenden Dörfern ihrer offenbaren Feinde. Die vermeintlichen, irdischen Barbaren entpuppen sich sukzessiv als Menschen, während die Sky People, mit denen sich die Zuschauer zunächst identifizieren, als gewalttätige Agitatoren entzaubert werden. Die Abgrenzungen zwischen „guten“ und „bösen“ Akteuren und Entscheidungen lösen sich weitgehend auf. Den beiden jungen Anführerinnen der verfeindeten Gruppen gelingt es schließlich, einen labilen Frieden auszuhandeln (die zwei werden zudem von einer leidenschaftlichen Liebe zueinander erfasst).

Allen genannten Film- und Fernsehwerken ist gemeinsam, dass sie in einer utopischen, postapokalyptischen Szenerie angesiedelt sind. In allen Settings müssen sich die handlungstragenden Figuren gegen die manifesten Strukturen eines autokratischen Systems durchsetzen. Die Lichtgestalten der Geschichten sind weibliche Anführerinnen, die stets mit sich und ihren Entscheidungen ringen. Männer erscheinen überwiegend als affektgesteuertes Beiwerk, das unentwegt Probleme verursacht. Machtbesessene und gewaltbereite ältere Männer und Frauen treten aber auch als Antipoden der jungen Heldinnen auf. Mit diesen Film- und Fernsehserien hat sich das populäre Abenteuergenre vom Zeitalter eines unhinterfragt mordenden James Bond, der stets auf der Seite des Guten kämpft und als Trophäe die weibliche Schönheit erhält, verabschiedet.

Die Rollenmodelle, die dabei rezipiert werden, speisen sich aus der griechischen Mythologie sowie dem europäischen Mittelalter: Die bogengewappnete und jungfräuliche Artemis / Diana stand unverkennbar der gewandten Katniss Pate. Natürlich ist bei allen drei postapokalyptischen Heldinnen auch der Mut und die Entschlossenheit einer Jeanne d’Arc spürbar. Die mythische Jugendlichkeit der Heldinnen lässt sie innocent erscheinen, noch unberührt von Gier, Bestechlichkeit und Liebesstürmen. Zwar vermeiden alle Filme ein romantisch verklärtes Happy End, jedoch bedeutet dieses an die Jungfrau von Orléans angelehnte Motiv vor allem für die Figuren von Katniss und Tris eine „Zähmung“ ihrer Weiblichkeit. Das Verhältnis zu ihren männlichen Verehrern ist komplex und eher von Tragik gezeichnet – sie sind keine „potenten Frauen“ (im Sinne Svenja Flaßpöhlers), die souverän ihre Sexualität gestalten. Am weitesten entwickelt sich noch Clark aus The 100, die zwar ebenfalls keine glückliche Liebe erfährt, jedoch bisweilen mit Frauen und Männern das Lager teilt.

Alle Heroinen werden demnach nicht als „Flintenweiber“ oder Amazonen inszeniert, die Klaus Theweleit in seiner einschlägigen Studie Männerphantasien (1977/78) als Schreckgespenst des faschistischen Frauenbildes entlarvte. Die filmischen Heldinnen bleiben in gewisser Weise „domestiziert“. Die bisherigen Rollenmodelle sehen im populären Narrativ keine sexuelle Potenz für die Frauen vor, während der männliche Kinoheld in der Regel Kriegertum und Eros in sich vereint.

Was unsere neuen Heldinnen von ihren männlichen Vorgängern darüber hinaus unterscheidet, ist ihr Verhältnis zur Gewalt. Katniss, Tris und Clark sind allesamt versierte Kämpferinnen – Clark erhält nach einigen Schlachten von ihren Feinden gar den ehrfurchtsvollen Titel Wanheda, die „Herrin des Todes“. Aber es ist kein siegtrunkenes Jubilieren, dass die Heroinen erfüllt, sondern Trauer und Schuldgefühle zehren an ihnen. Zu viele der geliebten Freunde und Familienangehörigen sowie zu viele Unschuldige der vermeintlichen Gegner starben vollkommen sinnlos, auch durch ihre Hände. Eine postapokalyptische Menschheit, die dem Kreislauf von Gewalt, „präventivem Erstschlag“ und Vergeltung nicht entkommen kann, kennt in diesen Filmen letztlich nur Verlierer.

Kann man aus dem filmischen Erfolg dieser neuen Heldinnenerzählungen nun ableiten, dass sich unsere Gesellschaft verändert? Dass diese Heroinen als Vorbilder der jungen Generation von Frauen eine Machtverschiebung der bisherigen gesellschaftlichen Strukturen widerspiegeln? Die Zeit wird wohl eine Antwort auf diese Frage geben. Die filmische Inszenierung dieser Heldinnen ist tatsächlich ein neuartiges Phänomen, das ein reflektiertes und gebrochenes Heldentum präsentiert. Es ist auffällig, dass Newsmedien dieses heroische Narrativ junger Frauen aufnehmen und verstärken, wie im Fall der Klimaaktivistin Greta Thunberg, der Parkland-Überlebenden Emma González oder der Schweizer Liebesprophetin Christina von Dreien.

Da Kultur und Gesellschaft jedoch keinen linearen Fortschrittsprozess kennen, dürfen die Rettungsversuche eines traditionalen, männlichen Heldentums nicht unterschätzt werden, die auf diese Emanzipationsbewegungen reagieren. Denn in demselben Land, in dem die besprochenen Filme produziert wurden, erklärten republikanische Abgeordnete im Zuge der jüngeren Abtreibungsverbote, dass ein Kind, dass aus einer „legitimen Vergewaltigung“ hervorginge, stets als Geschenk Gottes betrachtet werden müsse (so Todd Akin). Denn der weibliche Körper habe einen natürlichen (Gott gegebenen) Mechanismus, unerwünschte Schwangerschaften zu verhindern (laut Richard Mourdock). Daher sei ein Verbot des Schwangerschaftsabbruchs auch für Opfer von Inzest und Vergewaltigung, wie es gerade die republikanischen Senatoren von Alabama beschlossen, zu begrüßen.

Die komplexe Dynamik zwischen Emanzipation, Reaktion und medialer Aufmerksamkeitsökonomie veranschaulicht die Debatte um die von Kristen Visbal geschaffene Bronzestatue des Fearless Girl. Sie  wurde 2017 gegenüber dem monströsen Charging Bull in einem Park an der New Yorker Wall Street platziert und sollte auf die Benachteiligung von Frauen in börsennotierten Unternehmen hinweisen. Von einigen wurde das Bildnis als Symbol weiblicher Emanzipation gefeiert. Andere bemerkten, dass der Sponsor der Statue – eine der weltweit größten  Investmentfirmen – selbst weit davon entfernt war, eine gendergerechte Verteilung von Funktionen im Unternehmen umzusetzen.

Vielleicht ist die einzige Wahrheit, die die medialen Vorbilder wie Katniss, Tris, Clarke und das Fearless Girl umgeben, die Leerstelle, die sie aufzeigen – so wie nach der Versetzung der New Yorker Bronzestatue zwei Fußstapfen zurückblieben, die zum Handeln auffordern: „Stand for her“! Im kritischen Bewusstsein um den kulturellen Ballast, der die jugendlichen Heroinen in den Narrativen der Unterhaltungsindustrie „zähmt“, wäre dies doch ein Anfang…

 

Literatur

Svenja Flaßpöhler: Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit. Berlin 2018.

Siegfried Lenz: Das Vorbild. Frankfurt a.M. 1973.

Klaus Theweleit: Männerphantasien. Frankfurt a. M. 1977/78.

 

Bildnachweise:

Fearless Girl

Catching Fire

Divergent

Clarke

 

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