Der Maple Leaf Club eröffnete im Dezember 1898 als eingetragener Verein mit fester Adresse: 121 East Main Street, Sedalia, Missouri. Zweiter Stock, über einem Saatgutgeschäft. Die Herren des Gentlemen’s Club verpflichteten sich dem geistigen und körperlichen Wohl und der Geselligkeit. Sogar von einer Bibliothek war die Rede. Tatsächlich wurde musiziert, getrunken, gespielt und vor allem Two-Step getanzt. Zwei Schritte vor, ein kurzes Ziehen, und zurück. Die Stöcke der Tänzer tippten auf die Eins, Gläser klirrten.
Over the top
Scott Joplin gehörte zu den ersten Mitgliedern des Maple Leaf Clubs, alle waren schwarz. Sedalia war der richtige Ort dafür. Es gab ein schwarzes College, schwarze Literatur- und Musikvereine, Tanzveranstaltungen, bei denen weiße Zuschauer eingeladen waren. Schwarze Bildung und schwarze Musik waren gern gesehen. Doch der Maple Leaf Club war sogar für die Stadt Sedalia zu viel.
Das Gerede begann schon wenige Monate nach der Eröffnung. Zeitungen berichteten über volle Abende, über Streitigkeiten und Polizeibesuche. Auch schwarze Pastoren meldeten sich öffentlich zu Wort, lamentierten über diesen verabscheuungswürdigen Ort des Müßiggangs und forderten, diese Brutstätte der Unmoral zum Wohl der jungen Leute zu schließen. Vor allem fürchteten sie um das Ansehen der schwarzen Community.
Master Scott Joplin: »The Entertainer«
Der Maple Leaf Club konnte sich immerhin ein gutes Jahr gegen Gerüchte, Argwohn und Moralapostel behaupten. In diesem Jahr saß Scott Joplin Abend für Abend am Klavier. Die linke Hand hielt den Takt, ruhig und verlässlich, damit die Gesellschaft nicht auseinanderfiel. Dann und wann zog er unmerklich das Tempo an und beobachtete, wie sich das Treiben auf der Tanzfläche leicht beschleunigte. Die rechte setzte Akzente. Synkopen waren keine Zierde, sondern gehörten zur Substanz. Kleine Verschiebungen zerstäubten die Zeit und hielten den Saal in Bewegung.
Joplin kannte die Gerüchte über den Maple Leaf Club, all die Warnungen und Predigten. Zu viel Nähe und Freiheit, sagten die einen. Zu viel Alkohol, sagten die anderen. Er spielte und hörte zu. Jemand lachte, eine Münze kullerte über den Fußboden. Joplin improvisierte, wiederholte, variierte. Er spielte immer weiter, damit der Abend nicht stehen blieb.
The Good Time Boys (…) will give a good time. For instance Master Scott Joplin, the entertainer – von der Visitenkarte des Maple Leaf Clubs, Sedalia.
Der Anfang vom Ende
An einem Abend im Oktober 1899 war alles wie immer. Der Club war gut besucht, der Takt lief. Die Polizei kam ohne großes Aufhebens. Gedämpfte Schritte auf der Treppe, Stimmen, die nicht an diesen Ort passten. Die Männer bewegten sich durch den Raum, als gehöre er ihnen. Sie gingen schnurstracks auf den Tresen zu.
Nach und nach hörten die Leute auf zu tanzen. Flaschen wurden eingesammelt und gezählt, Namen notiert und Alkoholika beschlagnahmt. Keine Lizenz. Niemand schrie. Niemand widersprach. Es gab keinen Tumult, keine Schlägerei, keine lauten Anweisungen. Alles verlief ruhig und sachlich, fast wie bei einem Geschäft. Der Inhaber wurde festgenommen.
Joplin beendete einen Abschnitt, setzte aber nicht noch einmal zur Wiederholung an und verließ den Club. Draußen war es überraschend mild. Er blieb kurz stehen, ordnete die Scheine und Münzen und steckte sie ein. Fast zehn Dollar. Ein Stock klackte auf der Treppe. Scott zählte unwillkürlich bis vier und ging nach Hause.
Historische Einordnung: Der Maple Leaf Club nach 1899
Nach der Razzia im Oktober 1899 geriet der Maple Leaf Club zunehmend unter Druck. Zeitungen berichteten über Schlägereien und Messerstechereien; Petitionen forderten, die sogenannten »colored clubs« aufzulösen. Am 9. Juni 1900 war es dann soweit: Der Stadtrat von Sedalia verfügte die Schließung des Maple Leaf Club.
Mehrere Gründe wurden angeführt: fehlende Ausschanklizenzen, wiederholte Polizeieinsätze, Beschwerden aus der Stadt. Dass vergleichbare weiße Etablissements oft unbehelligt blieben, wurde öffentlich kaum problematisiert.
Das Musikstück: »Original Rags« (1899)
»Original Rags« ist der erste Ragtime, den Scott Joplin veröffentlicht hat. Die Publikation fällt in den Zeitabschnitt, währenddessen Scott Joplin im Maple Leaf Club in Sedalia unter dem Spitznamen »The Entertainer« auftrat. Die historische Einspielung von »Original Rags« wurde nur mit Hilfe einer Piano Roll, einer Art Lochkarte für Klavierautomaten, aufgezeichnet. Bei der Neu-Veröffentlichung in den 1970er-Jahren wurde sie dem Komponisten zugeschrieben. Während »The Entertainer« in Folge 1 dieser Serie tatsächlich von Scott Joplin eingespielt wurde, ist das bei der Piano Roll von »Original Rags« eher fraglich.
Cover der Sheet-Music-Ausgabe (1899)

Über die Serie: Ragtime Stories – Variationen über Scott Joplin
Ragtime Stories erzählen kurze Episoden aus dem Leben von Scott Joplin. So entsteht nach und nach eine literarische Biografie des US-amerikanischen Komponisten und seiner Zeit. Die einzelnen Folgen tragen Titel von Scott Joplins Musikstücken und ergeben zugleich eine kleine Werkschau des bedeutenden Musikers.
- Folge 1: »The Entertainer«
- Folge 2: »Swipesy Cakewalk«
- Folge 3: »Please Say You Will«
- Folge 4: »The Great Crush Collision March«
- Folge 5: »Harmony Club Waltz«
- Folge 6: »Original Rags«
Links und Literatur
- Cover der Sheet Music Ausgabe (1899), gemeinfrei/ US public domain via WikimediaCommons.
- Marco Calvo/Stefano D‘Urso: MP3 von Original Rags mit CC BY-NC-SA 4.0 international Lizenz.
- Edward A. Berlin: King of Ragtime, Oxford University Press 2014, Chapter 3.
- Das Artikelfoto ist eine eigene Bildcollage:
- Foto von Scott Joplin (1903) in der Wikipedia (gemeinfrei)
- Seite 1 der Partitur von Original Rags
- Typografie teilweise mit künstlicher Intelligenz generiert.