Neben der Hausmeisterprosa gibt es auch noch die Mitarbeiterpoesie. Man findet sie fast an jedem Büroarbeitsplatz – meistens allerdings fertig gekauft – und ungereimt: “Hetzen Sie mich nicht, ich bin hier nicht auf der Flucht, sondern auf Arbeit!” oder: “Wer glaubt, dass Abteilungsleiter Abteilungen leiten, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten!” Im Osten fand man jahrelang überall diesen Spruch: “Es gibt 3 Möglichkeiten, einen Betrieb zugrunde zu richten. Mit Alkohol – das ist am Sichersten, mit Frauen – das ist am Schönsten, mit einem Wessi – das geht am Schnellsten!” Daneben gab es auch noch diesen: “Der Fuchs ist schlau/ er stellt sich dumm/ Beim Wessi ist es andersrum!”
Darüberhinaus hält sich aber noch eine Vielzahl von sozusagen handgemachter Mitarbeiterpoesie. Man sagt, Bertold Brecht erfand einst das Genre der Mitarbeiterinnengedichte, die er den Damen widmete, die für ihn sorgten und außerdem unermüdlich Ordnung in seine Produktion brachten, so dass… weiter lesen
Archive for Juli, 2006
Damit hatte die taz schon immer zu kämpfen, weil sie im Gegensatz zu anderen Zeiten keine strikte Besucherkontrolle durchführt. Gleichzeitig jedoch von vielen nicht gerade gutgestellten besucht wird, wobei sie bei einigen auch nicht wohlgelitten ist. Einmal war es ganz schlimm - da schlich ein ganz geschickter durchs Haus und klaute laufend Brieftaschen. Weil die Repro-Abteilung ein teures kleines Gerät zum Einscannen von Dias besaß, bestand sie darauf, dass ihr Raum nicht mit dem Generalschlüssel geöffnet werden sollte, den normalerweise der Hausmeister hat und mit dem er morgens alle Etagen aufschließt. Es wurde daraufhin ein neues Schloß eingebaut. Nun soll dies aber wieder ausgetauscht werden, denn sie haben das Dia-Einscanngerät abgeschafft – man arbeitet dort nicht mehr mit Dias, seitdem sich die elektronischen Kameras durchgesetzt haben.
Laut einer Umfrage der Hermes Kreditversicherung entsteht der Berliner Wirtschaft jedes Jahr durch den “Klau am Arbeitsplatz” ein Schaden von 1,75 Milliarden Mark. Das… weiter lesen
Das kleine Dorf Kampehl in der brandenburgischen Prignitz war bisher vor allem durch den Ritter Kahlbutz bekannt, dessen nicht-verwesende Leiche in der kleinen Kirche aufgebahrt ist, wo sie täglich von vielen Reisegruppen besichtigt wird. Der Ort hat deswegen seit 1995 einen Parkplatzgebührenautomaten sowie mehrere Gaststätten und Töpferläden. Die Hälfte gehört der Familie Kort: alteingesessene Bauern.
Emil Kort, 1927 geboren, zog 1984 für einige Monate mit Pferd und Wagen 1.200 Kilometer durch die DDR. Von Stefan Heym ermutigt, machte er sich anschließend an die Niederschrift seiner Reiseerlebnisse. 1986 begann er, dafür einen Verlag zu suchen. Schließlich erschien das Buch – “Einfach losfahr’n” – nach der Wende in Kooperation mit dem Schwiegersohn von Hans Modrow in Emil Korts Selbst-”Verlagsanstalt Kampehl” – und wird dort seitdem neben den Töpferwaren seiner zwei Kinder und dem Honig eines befreundeten Imkers verkauft. Für Emil Kort war die DDR- Tour mehr als nur ein längerer Urlaub: Schon… weiter lesen
In Pritzwalk nennt man sie die “Viererbande”: Günter Schinske, Gabi Schult, Uschi Preuß und Sylvano Schmidt, genannt Max. Günter, Gabi und Max arbeiteten bis zur Wende als Melker in einer LPG, Uschi war zuletzt Verkäuferin in einem LPG-Blumenladen.
Recht eigentlich bildeten sie das Scharnier zwischen dem Alten im Untergrund und der neuen Oberfläche von Pritzwalk. Die vier lernten sich über ABM kennen. Genaugenommen handelte es sich dabei um eine der ABM vorgeschaltete “Integrationsmaßnahme” (IM), über die die “immer schwieriger werdenden Langzeitarbeitslosen” als Kollektiv erst einmal quasi ABM-reif gemacht werden sollten.
Das Arbeitsamts-Curriculum sah die Einübung von Bewerbungsschreiben, Ausfüllen von Steuererklärungen sowie die Vermittlung rudimentärer Englisch- und Schreibkenntnisse vor. Die drei Westberliner (Kunst-)Dozenten setzten jedoch primär auf “Hilfe zur Selbsthilfe” und organisierten mit der IM- Gruppe z.B. bei einem Teilnehmer rechtzeitig vor Winterbeginn eine Brennholzhack-Aktion, bei einer anderen die Bepflanzung ihres Vorgartens… Max fuhr einen Wartburg, morgens holte er erst Uschi,… weiter lesen

Was die Prosa der Mitteilungszettel angeht stehen andere Betriebe der taz kaum nach. Dieses Highlight knipste Kollegin Meike Jansen an der Tür zur ehemaligen Post am Halleschen Tor.
Es muß eine Wiedervereinigung von Hand- und Kopfarbeit geben, aber erst mal müssen wir all den Verblödungen nachgehen, die aus ihrer Trennung erfolgten. Man könnte auch von “Scheidewegen des Sozialen” sprechen.
Michel Foucault unterschied 1977 den “universellen Intellektuellen”, dessen Ursprünge er bei Voltaire ansetzte und der vor allem von gebildeten Juristen verkörpert wurde, vom “spezifischen Intellektuellen”, der in seiner besonderen Stellung zur Macht, durch seine berufliche Tätigkeit selbst zum moralischen Widerstand gelangt. Das “Scharnier” zwischen diesen beiden Intellektuellentypen war für ihn Robert Oppenheimer. Der Atomphysiker blieb quasi unpolitisch bei seiner speziellen beruflichen Tätigkeit, aber ihre vermeintlichen Auswirkungen waren universell – und das mußte er in seiner Arbeit, ähnlich wie später auf der anderen Seite Andrej Sacharow, berücksichtigen. Ich möchte hier auf ein anderes “Scharnier” zu sprechen kommen – aus der Zeit der Zerstörung der handwerklichen und bäuerlichen Einheit von Kopf und Hand am Vorabend des Großen Deutschen Bauernkriegs, das sich… weiter lesen
Die hier wiederholt “Hausmeisterprosa” genannten Aushänge in der taz stammen nicht nur vom Hausmeister, die meisten haben sich Redakteure ausgedacht. Auch muß gesagt werden, dass sie immer weniger werden: Früher wimmelte es geradezu von Schildern, die eine hierarchische und verantwortliche Organisationsstruktur ersetzten. Das reichte von Zetteln an Blumentöpfen “Nur ganz wenig gießen” bis zu Kantinen-Aufrufen wie “Wer sein Geschir nicht abräumt, kriegt demnächst nichts mehr zu essen!” Darüberhinaus gab es noch – meist vor taz-Vollversammlungen – ein gedrucktes hausinternes Diskussionsforum namens “P 3″ (in Anspielung an die italienische Gehimloge “P 2″) sowie dann in der Kochstraße die Fahrstuhlzeitung: Das waren Flugblätter und schriftliche Meinungsäußerungen, die man im Fahrstuhl an die Wände klebte. Beides hat in gewisser Weise das taz-interne Intranet ersetzt, auch wenn es dort zumeist nur noch um so kleine praktische Dinge wie Fahrradluftpumpe, Gerätebatterien, Essensmarken etc. geht. Diese “Entpolitisierung” wird dort gelegentlich noch kritisiert.
Anderswo ist sie… weiter lesen
