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Beiträge von September 2007

25.09.2007

Hausmeisterkunst (201)

von Helmut Höge

Biosphaeren-Poller.jpg

So dicht standen die Poller noch nie. Es gibt nur eine Erklärung dafür: dass der Hausmeister des Infozentrums des Biosphärenreservat Rhön zu viel bestellt hatte – und diese nun verballern mußte. An sich wären an dieser ruhigen Dorfstraße und an dieser Stelle überhaupt keine Poller nötig gewesen – mit Parkplätzen so weit das Auge reicht. Die silbern glänzenden Poller sollen jedoch zusammen mit dem Infozentrum und dem architektonisch anspruchsvoll gestalteten Dienstgebäude des Biosphärenmanagements auf der anderen Straßenseite etwas Modernes, Neues signalisieren: dass die Rhön jetzt eine Marke ist – ein “Qualitätssiegel”.

25.09.2007

Bewegungsmeldungen aus Burma

von Helmut Höge

Endlich geht es los, könnte man sagen. Aber in Burma gibt es schon seit 30 Jahren einen Freiheitskampf. Die Militärregierung wird seitdem von gleich mehreren Guerillabewegungen bekämpft, teilweise vom Ausland aus. In Berlin ist seit Jahrzehnten das “Burma Project” aktiv. Ihre Mitglieder reisten als Individualtouristen auch immer wieder ins Land. In der SZ sagte der Mönch Pingnya (27), den Maike Zwercher in Nordburma interviewte: “Individualtouristen sind gut für uns, von ihnen bekommen wir Informationen, ihnen können wir von unserer Situation erzählen. Aber organisierte Gruppenreisen sind nicht gut. Das Geld geht direkt an das Regime. Und die Reiseführer lügen, wenn sie den Reisegruppen von unserem Land erzählen.” Wenn es sich um ausländische Individualtouristen handelt, kommt noch hinzu, dass sich die burmesischen Gesprächspartner dabei einigermaßen sicher sein können, dass es keine Spitzel sind. Umgekehrt führt das dazu, dass die Ausländer überall in ernsthafte Gespräche verwickelt werden.

Hier das Ergebnis einer solchen Burmareise – lange vor der jetzt “Safran-Revolution” genannten Mönchsproteste, wobei wir uns auf das “Burma Öl” konzentriert haben:

Die kommerzielle Nutzung des Erdöls – und damit seine Geschichte – beginnt gemeinhin mit der ersten erfolgreichen Bohrung des »Colonel« Drake in Pennsylvania 1859. So viel wußte ich bereits, bevor wir in Rangoon landeten. Nach einigen Tagen begriff ich dort auch noch, daß es sich bei den überall am Straßenrand stehenden leeren Wasserflaschen auf einem Steinsockel um Werbung für Schwarzmarkt-Tankstellen handele, und ferner, daß Burma ein uraltes erdölexportierendes Land sei.

Das in Zentralburma gelegene Ölfeld Yenangyaung, das wir dann auch besuchten, wird bereits seit über 1000 Jahren ausgebeutet. Am Anfang wurden die Ölseen abgeschöpft, dann baute man Brunnen. Auch damit wurde das Öl noch mehr gesammelt als gefördert. Während der Regierungszeit des Usurpators Min Khwe (1064 – 1073) gelangte das gesamte Feld in den Besitz von vierundzwanzig Famillenoberhäuptern adliger Herkunft. Diese achtzehn Männer und sechs Frauen durften ihre damals insgesamt zweihundertvierzig Ölbrunnen nur patrilinear bzw. matrilinear vererben, d.h. sie konnten die Ölquellen nicht an Außenstehende verkaufen. Sie bildeten eine »Vereinigung« und hießen Twinyoes. Schon bald bemühten sie sich, neue Ölquellen aufzufinden, wobei sie Brunnenbauer mit ihren Familien engagierten. Diese brauchten mitunter zwei Jahre, um ein bis zu hundertzwanzig Meter tiefes Loch, ein Meter fünfzig im Quadrat, zu graben, das sie mit Holzplanken vor dem Einsturz sicherten. Ab einer bestimmten Tiefe hinderten die giftigen Gase den Brunnenbauer, länger als eine halbe Minute unten zu arbeiten, so daß er immer wieder mit einem Seil hochgezogen werden mußte, um sich zu erholen. Selbst ein Mann mit robuster Gesundheit konnte nicht mehr als zwanzig Mal am Tag runtergelassen werden – von Sonnenaufgang bis -untergang. Um unten besser sehen zu können, stellte man Spiegel am Rand des Brunnens auf, mit denen das Licht in den Schacht gelenkt  wurde. Zur Verständigung entwickelten die Brunnenbauer bestimmte Seil-Signale: drei mal Ziehen bedeutete z. B.: »Das soll für heute genug sein«. Waren die Brunnenbauer erfolgreich, bekamen sie neben ihrem Lohn auch noch »gaungbaungs« (Turbane) und »Pasoes« (Trachtentücher) von den zufriedenen Twinyoes geschenkt. Dann wurden sie abgelöst von einer Fördergruppe, die ebenfalls aus Männern und Frauen bestand und mit Seilen und Eimern arbeitete. Maximal vier Gallonen Öl (eine Britische Gallone entspricht viereinhalb Litern) förderten sie in einem Arbeitsgang ans Tageslicht, oder rund dreißig Barrel täglich pro Brunnen (ein Barrel enthält etwa 165 Liter). Wobei sie bis in die Nacht arbeiteten, dafür jedoch während der heißen Mittagszeit pausierten.

Wenn alle Fässer des Brunnenbesitzers gefüllt waren, kamen die Transporteure und brachten das Öl mit ihren Ochsenkarren zum nahen Irrawaddy-Fluß, wo ein Großhändler – »Hle-hetein« – es in Empfang nahm und für die Weiterverteilung sorgte.  Das Öl wurde zum Heizen und zur Beleuchtung benutzt, aber auch um Schiffe abzudichten, die Dächer der klösterlichen Bibliotheken wasserundurchlässig zu machen oder um Radlager zu schmieren, wobei man jedoch die Ochsen- und Pferdekarren oftmals extra ungeschmiert ließ: ihr Quietschen sollte mögliche Tiger am Wegesrand verscheuchen. Daneben diente das Rohöl auch medizinischen Zwecken, z. B. bei der Malaria-Mückenlarvenbekämpfung in Gewässern.

Im 19. Jahrhundert begannen einige ausländische Firmen, die Niederlassungen in Rangoon eröffnet hatten, das Burma Oil bis nach England und in die USA zu exportieren, wo man daraus Parrafinwachs, Schmierfette und Leuchtpetroleum machte. Ein besonders reines Waffenöl wurde bald unter dem Namen »Rangoon Oil« bekannt (später kam noch Kerosin in Dosen – unter dem Markennamen »Tiger« – dazu).  Etwa zur gleichen Zeit versuchten die Engländer von ihrer indischen Kolonie aus, Burma zu erobern. Damit einher gingen verschiedene geologische Expeditionen, die europäischen Interessenten Klarheit über die burmesischen Ölvorkommen verschaffen sollten, verbunden teilweise mit Reise- und Erlebnisberichten. Berühmt wurde das Gedicht von Rudyard Kipling “Is this the Road to Mandalay?”. Erwähnt sei insbesondere das Forschungsvorhaben von Dr. Fritz Noetling, das in zwei gründlichen Veröffentlichungen gipfelte: »The Petroleum Industry in Burma« und »The Occurrrence of Petroleum in Burma and its Mechanical Exploration« (Geol. Surv. India). Zwischen 1824 und 1885 kam es zu drei Kriegen zwischen England und Burma.

Wegen des Drucks ausländischer Ölhändler sah sich der damals regierende burmesische König Mindon 1856 zu einem preisstabilisierenden Eingriff in die Öl-Produktion und -Distribution gezwungen: Ein Kontrollrat von fünf Ministern mußte fortan jeden Verkauf von Rohöl zuvor genehmigen. Der Ölpreis wurde auf anderthalb Kyat für vierzig Gallonen festgesetzt. Dadurch stiegen die Einkünfte der Twinyoes. Sie mußten nun jedoch auch Nicht-Angehörigen der ursprünglich 24 Twinyoe-Familien erlauben, Brunnenbau-Konzessionen zu erwerben. Diese Brunnenbesitzer hießen fortan Twinzas.  Der König heiratete 1856 eine Ölbrunnen-Besitzerin aus Yenangyaung, Kye Hmyin Mibaya, wodurch er in den Besitz von 120 Quellen kam. Mittlerweile gab es etwa 4 000 Ölbrunnen in Zentralburma – mit einer Jahresfördermenge von zwei Millionen Gallonen. Hauptabnehmer war die »Finlay Fleming Company«, die als »Rangoon Oil Company« eine kleine Raffinerie am »Monkey Point« betrieb. Daneben noch eine weitere in Dunnedaw, Nord-Burma, die jedoch stillgelegt werden mußte, nachdem sie verbotenerweise Öl vom Schwarzmarkt verarbeitet hatte.

Die Anlage kaufte daraufhin ein David Sime Cargill – in Erwartung der baldigen Einnahme Nordburmas und der Königsresidenz Mandalay durch die britische Armee. Dies geschah 1886. Von da an wurde Cargills Raffinerie von den sogenannten »hand-dug wells« in Yenangyaung und Yenangyat beliefert, an denen die britische Regierung nun Konzessionen besaß – das betraf erst einmal die hundertzwanzig Brunnen des Königs und siebzehn weitere, die zur Hälfte seiner Frau gehört hatten. Ihre Nachkommen wurden dafür von der Kolonialregierung mit einer Rente von fünfhundert Rupien im Monat entschädigt. Der später geadelte Mr. Cargill gründete noch im gleichen Jahr die »Burma Oil Company Ltd.« mit Sitz in Schottland, im folgenden kurz »BOC« genannt.

Die BOC nahm bereits zwei Jahre später ihre erste maschinenbetriebene Ölbohrung in Betrieb. Zwar wurde die Raffinerie in Dunnedaw auch weiterhin mit Öl aus den handgegrabenen Brunnen beliefert, aber diese gelangten nach und nach über Leih-, Pacht- oder Verkaufsverträge ebenfalls in den Besitz der BOC. Bis 1908 konnte die Förderkapazität der insgesamt 4000 Brunnen von zweieinhalb auf nahezu acht Millionen Gallonen Rohöl jährlich gesteigert werden, dann hatte sich langsam die moderne Technik, und mit ihr das dazugehörige Industrieproletariat, das anfänglich aus Indien angeworben worden war, durchgesetzt. 1909 prägten die Fördertürme der BOC bereits das Landschaftsbild um Yenangyaung, wo sie in dem Jahr hundertachtzig Millionen Gallonen Rohöl ans Tageslicht pumpten.  Daneben hatte die Gesellschaft inzwischen noch weitere Ölfelder erschlossen: in Chauk und Lanywa zum Beispiel. Später kam noch ein Gasfeld in Fyaye hinzu, das vor allem zum Nutzen einer der BOC gehörenden Zementfabrik ausgebeutet wurde.

Anfänglich ließ man ein Großteil des Öls auf Tankern der »Irrawaddy Flotilla Company« flußabwärts bis nach Rangoon transportieren, wo dann auch, in Syriam, eine neue größere Raffinerie entstand. 1908 wurde dieses Werk über eine zweihundertfünfundsiebzig Meilen lange Pipe-Line mit den Ölfeldern von Yenangyaung direkt verbunden.  Auch bei den handgegrabenen Brunnen führte man noch eine Neuerung ein:  ab 1915 verwendeten die Brunnenbauer Taucheranzüge, wie sie bei den Perlfischern in Kuwait etwa in Gebrauch gekommen waren – auf diese Weise mußten sie nicht mehr alle halbe Minute wieder nach oben gezogen werden.

Es gibt ein weiteres Datum, das keiner der Verfasser burmesischer Öl-Geschichten ausläßt: die Elektrifizierung des gesamten Yenangyaung-Ölfeldes 1920.  Zu diesem Zeitpunkt hatte die BOC bereits Konkurrenz im burmesischen Ölgeschäft bekommen – u. a. durch die »Indo-Burma-« und die »British Burma-« Petroleum Companies. Und es begann eine systematische geologische Erforschung Zentralburmas. Für das Land, das zunächst von Indien mitregiert wurde,  erließ man spezielle »Mining Rules«, außerdem nahm eine »Oilfield Commission« ihre Arbeit auf, deren Aufsichtsrat sich aus Vertretern der verschiedenen Öl-Gesellschaften zusammensetzte.  Hintergrund des schon einige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs gestiegenen Interesses der englischen Regierung an Burma-Öl war die Aufrüstung der deutschen Flotte zur Sicherung und Ausweitung deutscher Übersee-Besitzungen. Sie bewog den damaligen Innenminister Winston Churchill zu einem Meinungswechsel in bezug auf die Modernisierung der englischen Marine. Nachdem man ihn 1911 zum Ersten Lord der Admiralität emannt hatte, setzte der später geadelte Churchill eine Umrüstung der Flotte von Kohle auf Öl durch. Damit war England zwar von den unsicheren Öllieferungen – vor allem aus Persien – abhängig, aber laut Churchill gab es keine andere Wahl für das  Einpire. Mit der Erschließung und Modernisierung der Ölfelder in Burma und Indonesien versuchten die englischen Ölfirmen die Abhängigkeit von Persien zu mindern.  Ein anonym gebliebener englischer Öl-Manager schrieb über die »Burma Petroleum Industry«: »Steady development of the oilfields continued until 1939« – in jenem Jahr wurde Churchill emeut zum Ersten Lord der Admiralität ernannt. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam jedoch langsam der Nachschub an englischer Öl-Technik und Ersatzteilen ins Stocken, bis die Invasion der Japaner in Burma sogar die komplette Zerstörung der Öl-Anlagen notwendig machte. Das geschah im März 1942.

Der anonyme Ölmanager gibt an, daß die in die Luft gesprengten Anlagen einen Wert von 40 Millionen Pfund Sterling hatten. Sein Bericht darüber erschien 1946 in Bombay, wohin sich etliche der in Burma arbeitenden englischen Ölleute zurückgezogen hatten. Obwohl die englische Luftwaffe anschließend noch einmal mehrere der zerstörten Öl-Anlagen und -Einrichtungen bombardierte, gelang es den Japanern während ihrer zweijährigen Besatzungszeit, wieder 80 000 Barrels in Burma zu fördern, dazu trugen vermehrt auch wieder die handgegrabenen Brunnen bei, die noch oder erneut im Besitz der Twinyoes und Twinzas waren. Um die Produktion zu forcieren, hatten die dafür abkommandierten japanischen Armeeoffiziere zusammen mit den wenigen noch vorhandenen burmesischen Fachkräften zunächst ein »Oilfield Rehabilitation Committee« gebildet, aus dem dann mit der englischen Rückeroberung des Territoriums die »Burma Oilfield Rehabilitation Unit« hervorging. Diese Zentralinstanz »Unit« war dann u.a. auch für die Einstellung von Ölarbeitern zuständig. Zunächst fanden jedoch nur sehr wenige beim Wiederaufbau Arbeit, außerdem erkannten die Engländer das zuvor von den Japanern ausgegebene Besatzungsgeld nicht an: Es kam zu Demonstrationen und anti-britischen Kampagnen.  Die Zahl der Ölarbeiter hatte zuletzt – 1940 – etwa 15 000 betragen: davon waren 9000 waren burmesischer und 6 000 indischer Herkunft. Sie bildeten die Avantgarde der Industriearbeiterschaftt im bis heute agrarisch geprägten Burma.

Der Historiker U Myo Htun Lynn, Wirtschaftsprofessor an der Universität Rangoon, schrieb in seiner Geschichte der Arbeiterbewegung Burmas (1961): »Das Fabriksystem wurde in Burma zuerst von der Burma 0il Company (BOC) eingeführt, und die erste Auseinandersetzung zwischen Arbeitern und Unternehmern  geschah in der Ölindustrie 1895.«  Dort brach auch der erste Streik des Landes aus: 1916 hatte die BOC einige amerikanische Ölbohr-Fachleute eingestellt, die mit den Bedingungen nicht zufrieden waren und die Arbeit niederlegten. Zwar brachte ihnen das keine Verbesserungen ein, aber die burmesischen Ölarbeiter waren von ihrer Einigkeit beeindruckt worden: 1919 legten auch sie in Yenangyaung die Arbeit nieder, um ihrer Forderung nach Lohnerhöhung und einem jährlichen bezahlten Feiertag Nachdruck zu verleihen. (Einen solchen bezahlten Feiertag im Jahr hatten schon die Twinyoes den alten Brunnenbauern und Fördergruppen zugestanden!) Zwar endete der Streik mit einer Niederlage – ihre Forderungen wurden nicht erfüllt und die Streikführer entlassen, aber ein Jahr später streikten die 8 000 Arbeiter der neuen bis heute existierenden Raffinerie in Syriam. Und 1921 formierte sich aus ihren Zusammenkünften die erste burmesische Gewerkschaft – die »Oilfield Labour Union«. 1923 streikten bereits 210 000 burmesische Arbeiter. Und 1926 kämpften amerikanische und einheimische Ölarbeiter zum ersten Mal gemeinsam, wobei sie auch Gewalt anwendeten. Vierundfünfzig Feuer brachen auf den Ölfeldern aus.  In der Folgezeit gelang es den englischen Unternehmern mehrmals, die indischen gegen die burmesischen Arbeiter auszuspielen, mit dem Resultat, daß es überall im Land zu rassistischen Pogromen kam, wobei mehrere hundert Inder umgebracht wurden. In dieser Situation bekam der gewerkschaftliche antibritische Widerstand Unterstützung von der später sogenannten 1300er-Bewegung. Gemeint sind damit die Bauernproteste – gegen die gefallenen Reispreise und gestiegenen Steuern, die 1931 (im buddhistischen Kalender »1300«) in einen bewaffheten Aufstand im Tharawaddy District gipfelten. Die Regierungstruppen erschossen 10000 »Rebellen«, hundertachtundzwanzig Rädelsführer wurden aufgehängt, unter ihnen der Bauer Saya San, dem später viele Denkmäler im Land errichtet wurden, in einigen Orten zusammen mit dem revolutionären Ölarbeiter Bo Hla Gyi, der 1938 an der Spitze eines Protestmarsches der Ölarbeiter von Yenangyaung nach Rangoon marschiert war – vierhundert Meilen. Bo Hla Gyis Konterfei auf den derzeit gültigen 45-Kaat-Noten soll an diesen Marsch erinnern.

Aus der Organisation dieses Protestes ging 1939 ein Generalstreik der Arbeiter und Studenten hervor, der sich zu einer breiten Unabhängigkeitsbewegung ausweitete.  Bis zur tatsächlichen Unabhängigkeit Burmas, 1948, sank die Erdölförderung im Land von 7,7 Millionen Barrel 1941 auf unter 200 000 Barrel 1947. Im gleichen Zeitraum steigerten die englischen Ölkonzerne ihre Fördermengen in British-Borneo und Indonesien wieder auf das Vorkriegsniveau. Die erste demokratisch gewählte Regierung Burmas, das U Nu Government, hatte sich schon bald mit den Ansprüchen der Twinyoes und Twinzas zu befassen, die von den Ölgesellschaften die Herausgabe ihrer Brunnen verlangten, eine Minderzahl, die bereits wieder über ihre Brunnen verfügte, erbat sich von der Regierung finanzielle Unterstützung bei den Reparaturen. Auch die “Petroleum Workers Association Yenangyaung” und die “Oilfields All Employees Association Chauk and up-river fields” wandten sich hilfesuchend an ihre Regierung in Rangoon. Gleichzeitig wurde versucht, den Absatz von Petroleum über lokale Märkte wieder in Gang zu bringen. In dieser situation ließ die BOC die Produktion in Yenangyaung stilllegen: “aus Sicherheitsgründen”. Als der Druck der dadurch arbeitslos gewordenen Ölarbeiter sich in der Forderung nach Verstaatlichung der Ölindustrie niederschlug, gründete die Regierung mit der BOC ein “Joint Oil Venture” (JOV), in dem sie später Mehrheitsgesellschafter wurde. Die Fördermengen fielen jedoch weiterhin. Hauptabnehmer für sämtliche Petroleumprodukte war eine Handelstochter der BOC, die nicht in den Joint-Venture-Vertrag eingebunden war, aber nun die Preise bestimmte: die “British Merger Co”. 1950 hatten sich die Ölgesellschaften und der inzwischen gegründete Interessensverband “Twinyoes and Twinzas Association” so weit geeinigt, daß eine Restitution ins Auge gefaßt wurde. Dazu mangelte es jedoch an Unterlagen: das Grundbuchamt in Yenangyaung war von britischen Bombern zerstört worden, deutsche V2-Raketen hatten die BOC-Unterlagen in London vernichtet, und viele Leute mit Rückübertragungsansprüchen hatten ihre Papiere während des Krieges verloren.

In Rangoon war u.a. auch der Ölexperte und Schriftsteller U Khin Maung Gyi mit diesen Restitutionen befaßt: zwei Jahre brauchte er “to deal with this Nest of Entanglement” – dann war das lange Kapitel über die Beziehungen zwischen den burmesischen Brunnen-Besitzern und den ausländischen Ölgesellschaften endlich beendet. 826 Brunnen konnten restituiert werden.

1962 wurde die Regierung U Nu durch einen Putsch des Militärs gestürzt, das Programm des Generals Ne Win hieß “Burmas Way to Socialism” Im darauffolgenden Jahr wurde die gesamte burmesische Ölindustrie verstaatlicht. Zu dem Zeitpunkt produzierte sie noch 5000 Barrel täglich (1 Barrel entspricht 43 Gallonen). Aber das Engagement der bei der “nationalen Rekonstruktion” der Ölproduktion tätigen Männer war groß: es mußte improvisiert, gebastelt und zusammengearbeitet werden und jeder verfügbare nur irgendwie fahrbare Untersatz wurde eingesetzt, um zumeist gebrauchte Ausrüstungs- und Ersatzteile heranzuschaffen. Sechs neue Ölfelder konnten bis 1978 erschlossen werden, mit Bohrungen bis zu 3000 Metern. Die Militärs übernahmen auch noch das “Yenangyaung Oilfields Rehabilitation Board” und enteigneten die letzten Twinyoes und Twinzas. Einer dieserTwinyoes, U Myint Oo bekam  1964 zur Entschädigung eine Anstellung im Informationsministerium. 1995 erzählte mir der inzwischen 78jährige:

“Seitdem die Regierung die Ölquellen 1964 beschlagnahmte, haben wir keinen Einfluß mehr darauf – bis heute. In Yenangyaung kannte jeder den Vater meiner Großmutter, U Tha Kan, er baute mehrere Pagoden. Wir waren immer sehr patriotisch. Als Adlige haben wir die Engländer nie ‘Lord’ genannt, für uns waren sie nur ‘Engländer’, andere haben sie mit ‘Lord’ angesprochen, wir nicht, das war unsere Besonderheit. Ich bin jetzt schon alt und weiß nicht, ob meine Kinder noch mal im Ölgeschäft arbeiten wollen, ohne Bohrmaterial können wir sowieso nichts tun, selbst wenn die Regierung uns die Ölquellen umsonst zurückgeben würde. Früher waren die Menschen hier von den Ölquellen abhängig. Damals haben alle, von arm bis reich, gut davon gelebt und genug zu essen gehabt. Heute gibt es wenig Leute, die Arbeit haben. Da man nicht mehr von den Ölquellen leben kann, muß man jede Gelegenheit nutzen, um Geld zu verdienen. Damals hat es mehrere Boykotts gegen die Regierung gegeben, aber heute demonstriert niemand mehr. In ganz Burma haben die Menschen keine Zeit mehr, um über Politik nachzudenken, der Überlebenskampf ist zu groß geworden.”

Neben dem Energieministerium gründete die Militärregierung, die sich seit der Niederschlagung eines Volksaufstands 1988 SLORC (State Law and Order Restauration Council) nennt, die »Myanmar Oil and Gas Enterprise«. Die MOGE sollte fortan die Öl- und Gasproduktion vorantreiben, seit einigen Jahren über “Joint-Ventures” mit ausländischen Ölkonzernen. Inzwischen ist in dem fünfundzwanzig Jahre lang nahezu vollständig abgeschotteten Land, in dessen Grenzregionen mehrere Guerillaarmeen ethnischer Minderheiten zusammen mit Studenteneinheiten gegen die Regierungstruppen kämpften, ein großer Benzin-Schwarzmarkt entstanden. An den wenigen offiziellen Tankstellen wird es nur noch rationiert abgegeben. Dort bezahlt man derzeit 25 Kyat pro Gallone, hat aber bei einem neuen Auto nur Anrecht auf zwei Gallonen pro Woche, bei einem alten auf vier Gallonen. Auf dem Schwarzmarkt kostet eine  Gallone zwischen 180 und 200 Kyat. In den Städten werben die vielen Schwarzmarkthändler wie bereits erwähnt mit leeren Plastikflaschen, die sie auf drei übereinandergestapelten Steinen an den Straßenrand stellen. An den Landstraßen sehen die Schwarzmarkt-Tankstellen-Hinweise meist weniger diskret aus: ein Öl-Blecheimer oder ein -Trichter auf einem Pfahl zum Beispiel.  Je mehr Schwarzmarkt-Tankstellen ein Polizist in seinem Revier hat, desto höher sind seine Nebeneinnahmen – und desto begehrter auch sein Posten. Beliefert werden diese Benzinhändler von Armeeangehörigen. Die burmesische Armee, Tatmawdaw, besitzt inzwischen eine ganze Armada an Tanklastwagen. Vor sechs Jahren wurde die nach der Unabhängigkeit rekonstruierte Pipeline zwischen Yenangyaung und Syriam wegen zu vieler Lecks stillgelegt, seitdem wird das Öl wieder auf Fluß-Tankern transportiert. Neben der veralteten Raffinerie in Syriam gibt es inzwischen eine neue in Soult, Südburma. Beide sind jedoch nur zu 40 bzw. 25 Prozent ausgelastet. Das Militär ist nach Meinung burmesischer Wirtschaftsexperten nicht an einer vollen Auslastung interessiert, weil zu viele Offiziere an der Benzin-Verknappung gut verdienen. Ihnen wird zudem von den staatlichen Banken ein Sonderzinssatz von 30 Prozent eingeräumt, allgemein üblich sind in Burma 12 Prozent (bei einer Inflationsrate von über 24 Prozent). Mit der Öffnung des Landes für ausländische Investoren haben seit 1990 auch einige ausländische Banken Filialen in Rangoon eröffet. Sie dienen jedoch oft nur dem Transfer von Schwarzgeldem der Militärs in harte Währungen. Die gleichbleibenden Einnahmen der Bauern und die Gehälter der Arbeiter und Regierungsangestellten verlieren dagegen ständig an Kaufkraft. Auf der Suche nach einem Ausweg zwischen Verarmung und Korruption hat man sich z. B. im Energieministerium, Abteilung »Gasdistribution«, für seine 400 Mitarbeiter allein im Raum Rangoon verschiedene Nebenerwerbsquellen einfallen lassen: Die Angestellten der Gaswerke betreiben inzwischen eine Ziegelei, eine Keramik-Werkstatt und bauen Reis an.

Die tägliche Fördermenge an Öl liegt heute in Burma bei 12 000 Barrel, daneben werden täglich fünf Millionen Kubikmeter Erdgas gefördert. Das Gas kommt vor allem aus den zwei neuen Off-Shore-Feldern Martaban und Yetagun. An der Ausbeutung und Weiterverarbeitung wurden von der MOGE bis jetzt folgende ausländische Ölkonzerne beteiligt: Total, Elf, Texaco, Unocal, Amoco, British Premier of UK, Nippon Oil und die Petroleum Authority of Thailand (PTT). In einem dritten Off-Shore-Gasfeld, Taninthavi, stießen die Texaco-Leute kürzlich unerwartet auf Öl. Und zur Zeit   baut der französische Konzern Total eine Pipeline für das Martaban-Gas vom Andamanischen Meer nach Thailand: Zwei Milliarden US-Dollar sind dafür veranschlagt. “Die Franzosen” sind damit laut der in Bangkok erscheinenden Exiloppositions-Zeitung “Irrawaddy” die derzeit  ‘ “größten lnvestoren in Burma”. Die 415 Kilometer lange Pipeline soll einmal acht Millionen Kubikmeter Gas täglich an ein 2100-Megawatt-Kraftwerk in Ratchaburi liefern. Um die Rohre vor Überfällen von Guerillatruppen zu sichern, wurden die Mon-Dörfer in dem Gebiet weiträumig zerstört und die Bevölkerung umgesiedelt. Bei der Aufschließung des Geländes schreckte die Regierung nicht vor dem Einsatz von Zwangsarbeitern in Fußfesseln zurück. Wie Shell in der Ogoni-Region Nigerias weigern sich die daran beteiligten Ölgesellschaften, mitverantwortlich zu sein. Auch sie stehen jedoch unter Druck, da mehrere ausländische Konzerne sich wegen der Menschenrechtsverletzungen der Militärregierung aus Burma inzwischen wieder zurückgezogen haben: so z.B. Levi-Strauss und Pepsi Cola.  Wegen der anhaltenden Unterdrückung der Demokratiebewegung haben sich auch IWF und Weltbank bisher geweigert, in Burma tätig zu werden. Dafür organisiert George Soros mit einer Burma-Initiativgruppe den Boykott gegen das Militär. Mit den Investitionen der oben genannten Ölkonzerne hat die “illegale Militärdiktatur”, wie das US-Centre for Constitutional Rights die SLORC-Regierung nennt, jedoch erst einmal einen Finanzierungsausweg gefunden.  Für Burmesen ist es trotz der forcierten Marktwirtschaft nach wie vor verboten, sich an den Öl- oder Gasgeschäften der Regierung zu beteiligen. Nicht einmal als Kunden: Die vielerorts entstandenen Flüssiggas-Tankstellen bedienen fast ausschließlich  die Dienstwagen von Regierungsbeamten.

Unter der fortdauemden Militärherrschaft hat sich die Wirtschaftspolitik Burmas mehr und mehr von ähnlichen Kräften leiten lassen wie die alten Twinyoes beim Aufspüren neuer Ölquellen: Sie engagierten dafür Hellseher und Zukunftsdeuter und versuchten vor allem, die Geister – Nats – versöhnlich zu stimmen. Der designierte Armeegeneral Ne Win operierte gerne mit seiner persönlichen Glückszahl 9: Nicht nur, daß er seinen Präsidialstuhl genau neun Inch höher als die Stühle der übrigen Minister bauen ließ, er gab 1987 zur Ankurbelung der Wirtschaft auch neue Geldscheine heraus, deren Nominalwerte alle durch neun teilbar waren: 45-Kyat- und 90-Kyatnoten z.B.. Die 45-Kyatnote ziert wie erwähnt ein Porträt des revolutionären Ölarbeiters Bo Hla Gyi, auf der Rückseite ist ein alter handgegrabener Ölbrunnen neben einigen modernen Fördertürmen abgebildet. Fast jeder Burmese verflucht mittlerweile diese Geldscheine, weil sich mit steigender Inflation (117 Kyat bekommt man derzeit auf dem Schwarzmarkt für einen Dollar) immer schwerer damit rechnen läßt.

23.09.2007

Hausmeisterkunst (200)

von Helmut Höge

Poller_Berlin-Bauplan.jpg

Diese umsichtige Moabiter Hausmeisterin namens Ruth Dormagen stellte nicht nur zwei alte Pilonen,  die sie für alle Fälle noch im Keller in ihrer Werkstatt hatte, auf die Straße, damit die Gerüstbauer einen Parkplatz für ihren LKW direkt vorm Haus vorfänden – wenn sie kämen, zusätzlich steckte sie ihnen auch noch einige schriftliche Anweisungen nebst ihren  Telefonnummern (und zwar in doppelter Ausfertigung) in die Pilonenspitzen. Foto: Antonia Herrscher.

Über Moabit sei noch dies erwähnt:

“Siehe, meine Freundin, deine Augen sind wie Taubenaugen hinter dem Schleier / Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen” (Aus dem Hohelied)

Moabit war mal Zentrum der Studentenbewegung, insofern man dort die Verbindung zum Industrieproletariat suchte und zum Teil auch fand. Heute soll der Bezirk laut zitty in völlige Vergessenheit geraten sein. Deswegen wird eine Ausstellung – in Kreuzberg – mit Fotos von “Moabiter Kids” nun groß angekündigt. Es handelt sich um Straßenporträts: “Protzige Posen, schleimige Haare, Kettchen um den Hals, böse Blicke” vor migrantischen Hintergründen, meint zitty. Was für die postindustriellen Arbeiterviertel Kreuzberg, Neukölln, Wedding und Märkisches Viertel der Rap-Song ist, soll nun in Moabit das Rapper-Bild bringen.

Das Wort Moabit kommt von den Moabitern, einst ein Königreich nahe Israel in der Nähe des Toten Meeres. Beide Reiche führten gerne Krieg gegeneinander, deswegen wurden anschließend immer – um des ewigen Friedens willen – die schönsten Frauen ausgetauscht. Eine, die Moabiterin Ruth, ging in die Geschichte ein – genauer gesagt: in die Bibel -, als ein eigenes “Buch”, in dem sie als Stammmutter Davids figuriert. Aus der Bibel wurde jedoch mit der Zeit ein Buchladen und aus ihrer Lektüre Lesewut.

Dank dem Internet wissen wir nun, dass es im schon fast vergessenen Stadtteil Moabit, idyllisch zwischen Schöneberg und Wedding gelegen, nicht nur von jungen Gangsta-Rap-Imitatoren vor magisch-migrantischem Hintergrund, sondern auch von reichlich authentischen Ruths nur so wimmelt. Einige seien neben der oben bereits erwähnten Hausmeisterin genannt: Die Gesichtsgymnastikerin Ruth (Nuriya Macia mit Nachnamen), die in Moabit eines der seltenen “Cantienica-Studios” betreibt; ihres heißt “Scherazade”. Die Moabiter Rentnerin “Ruth W.”, die laut Tagesspiegel “nicht glaubt, dass Heizen Luxus sei. Sie ist krank und die drei Kohlen, die sie hat, sind viel zu weit weg – im Keller.” Da hilft ihr jedoch der letzte Kohlenträger, der … usw. usw.

Dann die Schriftstellerin Ruth (Wemme) aus dem Moabiter Knast, wo sie als Rumänisch-Dolmetscherin tätig war. Ferner Ruth (Abraham), die 1942 als jüdische Zwangsarbeiterin zusammen mit ihrem Mann und ihrer 1943 geborenen Tochter Reha von der Moabiterin Maria Nickel gerettet wurde, indem sie sie versteckte. Reha schrieb darüber ein Buch: “Ruth und Maria. Eine Freundschaft auf Leben und Tod”.

Eine weitere Ruth (Greuner) schrieb ein Buch über “Das Gewissen von Moabit” – gemeint ist der bereits 1928 gestorbene Gerichtsreporter Paul Schlesinger. Ruth (Federspiel) erforschte die Modalitäten, mit denen das reichsweit zuständige Finanzamt Moabit die aus politischen Gründen zur Emigration gezwungenen Antifaschisten ein letztes Mal steuerlich “erfasste”. Eine Ruth (Gill) behauptet auf ihrer Verschwörungen gewidmeten Website, dass bestimmte Agenten, die sie namentlich kennt, um 1970 herum “Bomben in die Moabiter Fabriketage der Kommune 1 schmuggelten”.

In der berühmten Kantine des Moabiter Gerichts arbeitete lange Zeit eine Ruth (Schlesinger) als Kellnerin, die aus irgendeinem Grund besonders beliebt bei türkischen und kurdischen Angeklagten war, seltsamerweise aber auch bei den schwäbischen und rheinländischen Staatsanwälten. Und im gegenüberliegenden Justizpuff “Edelweiß” arbeitete mal eine Moabiter Rothaarige namens Ruth (Schwader) hinter der Theke, deren Lieblingsausspruch “Is doch normal, eh” lautete. Abschließend sei noch das nicht weit vom Bordell entfernte “Beerdigungsinstitut” erwähnt, das von einer Ruth (Kleinow) geleitet wird.

Bei all dieser Namensmagie dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass sich gleich vier Geschichtsvereine in Moabit der “Ruths-Forschung” widmen.

23.09.2007

Fußball und Frauen

von Helmut Höge

Im taz-blog von Schröder/Kalender finden sich dieser Tage  zwei interessante Kapitel aus einem  im konkret-literaturverlag erschienenen Buch  mit dem Titel “Pop-Shop”, in dem es um  im Knast  interviewte  jugendliche Mitbürger arabischer Herkunft geht, sie äußern sich u.a. über Frauen/Nutten und Fußball/Kampfsport.

Schröder/Kalender schreiben dazu: ” ›POP Shop‹ ist kein neuer Titel aus dem Programm von Kiepenheuer & Witsch, vielmehr bezeichnen so Gefangene und Gefängnispersonal die Freizeitsperren, die verhängt werden, wenn Verbote übertreten wurden. Der Begriff leitet sich ab von der in den 70ern beliebte Musiksendung. Zur gleichen Zeit, wenn ›POP Shop‹ auf Sendung ging, wurden nämlich in den Strafvollzugsanstalt die Zellen verschlossen. Die Jugendlichen, die in dem Buch zu Wort kommen, hatten sich den Titel ›POP Shop‹ gewünscht.

Ein Jahr lang sprach Klaus Jünschke mit zwanzig jugendlichen Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Köln. Das Projekt des Kölner Apell gegen Rassismus e.V. lief unter dem Titel ›Erzählwerkstatt‹. Christiane Ensslin schrieb die Tonbänder ab und traf aus tausend Seiten eine Auswahl.”

Mich beschäftigte etwa zur gleichen Zeit die Frage, wie sprechen junge Nichtinhaftierte über Fußball und Frauen…

Berlin hools ok

Der Philosoph Peter Sloterdijk meint, dass sich der Rheinische Kapitalismus in den letzten 50 Jahren zu einem “quasi-matriachalischen Betreuungssystem entwickelt” hat, statt von “Vater Staat” konnte man schon fast von einem “Mutter Staat” sprechen. Dazu trug nicht zuletzt die massenhafte Akademisierung von Arbeiterkindern bei – mittels  Begabtenabitur, Stipendien und der Gründung vieler neuer “Nährender Mütter” (Alma Mater). In der (wiedervereinigten)  “Wissengesellschaft” nun – geht es aber quasi andersherum: “Für die Menschen, die außerhalb der Komfortsphäre leben, intern wie extern, ist darum die Rückkehr zur Politik der kräftigen Hand die wahrscheinlichste Lösung, eine gewisse Repatriachalisierung inbegriffen.”  Man kann es mit dem israelischen Konfliktforscher Martin van Crefeld auch so sagen:  Die Zonen der Barbarei breiten sich nicht mehr nur an der Peripherie aus, sondern gehen bereits quer durch die modernen Metropolen, wobei sich die dortigen “Kriege als Fortsetzung des Sports mit anderen Mitteln” begreifen lassen.

In der DDR gab es eine krude Mischung von “Menschen”, die sich außerhalb der (sozialistischen)  “Komfortspähre” zu behaupten versuchten: Das reichte vom evangelisch  Friedensbewegten bis zum Fußballfan und -hooligan. In der erweiterten BRD nun reicht das Spektrum vom rechten Hooligan in Ostdeutschland bis zu den russischen Spätaussiedlern und den ebenfalls zu spät hier angekommenen jungen Arabern und Türken, die dafür sorgen, dass die Zonen außerhalb der “Komfortspähre” geradezu islamisch repatriachalisiert werden. Zu ihren prominentesten “Sprechern” avancierten die Berliner Gangsta-Rapper.

Der Berliner Fußballfan-Forscher Frank Willlmann spricht in seinem neuen Buch über die Fanscene der Ostberliner Fußballclubs Union und BFC in den Achtzigerjahren “Stadionpartisanen” von “archaischen Mythen” und “Männlichkeitsidealen”, die darin wiederauflebten. Die in seinem Buch dazu interviewten Ostberliner Männer äußern sich  seltsamerweise ähnlich wie die türkisch-arabischen Rapper in Westberlin heute singen.

“Wir waren Arbeiterkinder/Niemand war milieugeschädigt/Aber das Tier mußte rausgelassen werden/ – gegen die Norm. In diesem Abseits tummelten sich alle möglichen Randgruppen. Unser Rückzug verlief geordnet/wenn auch ohne geraubte Weiber.” So Union-Fan Andreas. Ein anderer, Andi, erzählt: “S. hat als Bäckerlehrling mal ein Hakenkreuz in ne Torte ringemacht und das auch noch ins Schaufenster gestellt, in Grünau. Sprüche wie ‘Gib Gas, wenn der BFC durch die Gaskammer rast,’ waren eine sagenhafte Provokation gegen den (antifaschistischen) Staat. Wir standen für alles schlechte in der DDR. Das fand ich geil. Stühle flogen durch die Luft. Eine megageile Massenschlägerei. Wir sind wenig, aber geil. Es gehörte in der DDR zur Jugendkultur, Gewalttätigkeit und Fußball waren miteinander verknüpft.”

Der BFC-Fan Beyerchen spricht von “der Schule der Straße. Meine Kumpels, die BFCer, das war das Wichtigste in meinem Leben. Ich wollte gar keene anderen Leute kennenlernen. Gestanden haben wir anfangs auf der Gegengerade. Ich bin Deutscher, das ist für mich wichtig. Ich stehe zur alten deutschen Kultur. Über meine Straße ist kein Unioner gekommen. Irgendeiner hat ‘Attacke’ gebrüllt und rin. Diese Sekunden, das is ein Wahnsinn. War ein Hammer, ich hab jedes Mal vor Aufregung gezittert. Wir sind volle Kanne durchgeballert. 500 Mann gegen 10.000. Wer ein richtiger Keiler war, vor dem hatte man Respekt.” Aber einer der Gegner “verletzt den Ehrenkodex. Ich gloobe, ich hätt ihn fast totgeschlagen. Wenn er was will, soll er mit Fäusten kämpfen wie ein Mann, nicht wie ne Muschi. Der Mensch ist irgendwo Schwein. Für die Polen und die Tschechen waren wir sowieso deutsche Schweine. In Ostrau haben wir alles gejagt und barbarisch vermöbelt, was nicht deutsch sprach. Egal ob Männlein, Weiblein, Bulle oder sonst was. Die Stasi hat es nicht geschafft, die Szene zu sprengen. Das haben eher die Weiber geschafft. Nach der Armeezeit habe ich geheiratet, das war für mich als Mensch und BFCer der größte Fehler.”

Union-Fan Spatze ergänzt: “Frauen waren ooch mit bei, die konntest du an eener Hand abzählen. Auswärts war für Männer. Die gegnerischen Fans brüllten ja auch: Kinderficker, Schwule von der Wuhle, Juden Berlin usw.. Die Doc Martens Schuhe waren das A und O. Die wurden gewienert bis zum Anschlag. In diese Teile habe ich mich sofort verliebt. Ein faszinierendes Gefühl, Teil dieses wilden Mobs zu sein.” Der Unionfan Dall erzählt, wie er dahin gekommen ist: “Mein Vater hat mich im zarten Alter von fünf Jahren eenmal zum BFC mitgenommen und eenmal zu Union. Er hat gesagt, nun mußte dich entscheiden. Fußball war in der Zone ein Männersport. Viele von den harten BFCern waren ja früher Unioner. Die sind weggegangen, weil sie ein strengeres Regiment bevorzugten, eher auf organisierte Schlägereien standen.”

Der BFC-Fan Rainer scheint das zu bestätigen: “der Respekt vor dem Staat war immer da. Wir haben den Alex sauber gehalten, alles, was nicht BFC war, hat quasi Alexverbot gehabt. Meine Kumpels hatten mich aus dem Knast abgeholt. Eine Fete vom allerfeinsten. Die ham mir nen Ostsee-Zeltplatzschein bevorgt und ein Weib angeschleppt, das war richtig geil. J.V – plötzlich hat er seine analen Jungs gegründet und war einer der dicksten Fische beim BFC.” BFC-Fan Birgit erinnert sich: “an den kleenen Willi, der mit Filzstift an den westdeutschen Mannschaftsbus schrieb, ick weeß nich warum, ‘Anal Power Ostberlin’.”

Der Soziologe Wolfgang Engler kommt zu dem Ergebnis: “der Hoologan zwischen Rostock und Jena war eine sehr authentische Figur der allgemeinen Krise des ostdeutschen Staatswesens”, Harald Wittstock, der einstmals für Fußallfans Zuständige bei der Stasi, spricht von einer “negativen Randgruppe”, der man mit “positiver Jugendarbeit” beizukommen versuchte. Dazu gehörte auch der Aufbau eines IM-Netzes: “Ich hatte zum Beispiel eine Quelle, die hat drei Monate gesessen, und der erste, den dieser Junge angerufen hat, als er rausgekommen ist, war nicht seine Mutter, das war ich. Mein Kollege und ich haben immer gesagt, wir sind die ersten Streetworker. Die Aufmerksamkeit wurde erst erhöht, als dieser rechtsradikale Touch reinkam. Die Ausländerproblematik kam auf. Die nationale Frage und ein vereintes Deutschland, wobei sie mit der BRD auch Probleme hatten, diese Gesellschaft empfanden sie als Multi-Kulti-Unsinn.”

Die Fußballforscherin Anne betont dagegen das Unpolitische der Fans: “Durch Gewalt konnte man ‘gestalten’, man hatte Fun, der Lebensfluß war gesichert, auch gegen die Polizei und den Staat. Dabei ging es nicht um Ideologie, sondern um die Definition einer Haltung.” Der BFC-Funktionär Fips erinnert sich: “Das große Problem war, daß sich ab 1980 immer mehr Gewaltszenen beim Fußball abspielten. Union und der BFC waren immer verfeindet, das zog sich durch ganz Berlin, selbst in Diskotheken und Jugendclubs gab es Schlägereien.” Der BFC-Trainer Jürgen meint dazu: “ein Teil sucht extremer seine Emotionen loszuwerden als der andere. Allgemein lebt man dafür, zahlt dafür, kämpft dafür, liebt dafür.

Der Fußball-Fotograf Harald erklärt sich das “Gewaltproblem” so: “Die sagten mir damals: Manche ficken zu Hause ihre Kinder und prügeln ihre Frauen, wir prügeln uns mit Gleichgesinnten. So wurden sie ihren Frust los, im nachhinein verstehe ich das auch. Wie erklärt man sich Rowdytum? Damals waren das Leute, die vielleicht im Leben einfach zu kurz gekommen waren, auch, was die intellektuelle Ausstattung betraf. Es waren in der Regel Rabauken. Und zum Schluß hatten die Unioner einen Schwerverletzten und einen Toten. Für die DDR-Politik war damit die Grenze überschritten. Hauen ist nicht so meine Art. Aber einmal spielte Pankow gegen ne türkische Mannschaft, und die foulten ganz schlimm. Da schoß es aus mir raus: Atatürk, du Arschloch! Da kam der Türke auf mich zu, guckte mich scharf an und brüllte zurück: Honecker, du Arschloch! Da lachen sie heute noch drüber.”

Die Gangsta-Rapper, die ihre Songs unter dem Label “Aggro Berlin” veröffentlichen, üben sich vor allem in verbaler Gewalt, wobei sie jedoch betonen, dass sie dabei bloß die realen Zustände  in ihren Ghettos,  d.h. in den armen Einwanderervierteln Berlins rüberbringen: “Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel!” (Bushido)

“Aggro Berlin steht für ich/ Ficke dein Arsch extrem.” (Sido) “Wer ist so Aggro wie ich und mein Schwanz/  Ich sitz dir im Nacken und fick deine Angst.” (Bushido) “Keine falsche Bewegung/ sonst fick ich alles in meiner Umgebung/ alles was dir weh tut ist gut für mich/ und steigert meine Erregung.” (B-Tight) “Du fickst deine Frau zärtlich ich fick sie auf Aggro/  Euch fehlt Aggressivität und Ich bin und Ich bin und Ich Bin auf Aggro.” (alle drei)

“Ich bin die Faust im Arsch deiner Tochter/ Ich hab das ‘Age’ und vertick es an Kids/ Ich stehe für Geld und ich schwimme in Flows/  Mit der Nase voll Schnee und deiner Mutter auf dem Schoß.” (Bushido) “Dann mal kucken wie es ist/ Wenn jeder von uns sein Schwanz in dein Arsch packt. Es geht nicht anders/ Ich bin der Arschfickmann.” (Sido) “Fotzen ficken und Scheine zählen,/ daraus besteht mein ganzes Leben.” (B-Tight) “Deine Mama denkt, dass Aggro nur aus Spass ist/ heute merkt sie etwas hartes wenn mein Schwanz in ihrem Arsch ist/ Ich hab dir gezeigt dass dein Leben noch von Gestern ist/  und deine Kinder Missgeburten weil du deine Schwestern fickst.” (Bushido). “Alles Votzen, alles Votzen, alles Votzen, alles Votzen, alles Votzen, alles Votzen, alles Votzen…/ Alles Votzen ausser Mama, glaubt mir keine Frau ist so hammer,/auch wenn ich kacke bau sie steht hinter mir./ Mein Blut für sie, egal was passiert.” (B-Tight) Die neueste Veröffentlichung der Berliner Rapper  K.I.Z. heißt “Das muttergefickte Album”.

Was immer damit gemeint ist, die hier zitierten Songlines konzentrieren sich jedenfalls auf sexuellen Hooliganismus. Die Hiphoper können aber auch anders: “Wir sind 16 Fäuste, / gegen dein ganzen Clan! / Das Ghetto kriegt fame, / wenn die Sekte, / Stress macht!” rapt z.B. Die Sekte in ihrer Ansage Nr. 3.

Das vielbesungene “Ghetto” – einst selbstverwaltetes Stadtviertel der Schwarzen als industrielle Reservearmee – hat sich, folgt man ihrem Erforscher Lois Wacquant, zu einem “Hyperghetto” – für die “Überflüssigen” – gewandelt und ist global geworden. Damit einher ging seine Inslamisierung und der Aufstieg des Hiphop bzw. Gangsta-Raps. Für Wacquant sind die französischen “Banlieues” jedoch keine Hyperghettos, sondern Armenviertel, in denen Franzosen, Araber und Afrikaner  leben. Erst recht gilt dies für die Berliner Bezirke Kreuzberg, Neukölln, Wedding und Märkisches Viertel.

Ausgehend von studentisch-parodistischen Kopien des  pornographischen US-Gangsta-Rap in Hamburg und Stuttgart etablierte sich in Berlin ein “echter” – weil “authentisch orientalischer – Gangsta-Rap”, der bald alle anderen “Kunstformen” an die Wand spielte. Ihm vorausgegangen war hier eine Medienkampagne, die gegen die drohende “Ghettoisierung” in den o.e. Bezirken der  neuen Hauptstadt berichterstattete. In ihren Songs nun präsentieren sich die Berliner Rapper, die inzwischen bei großen US-Musikkonzernen unter Vertrag stehen, als rauhe “Ghetto-Kids”, die die “Realität” kennen – und voll rüberbringen: Knasterfahrung, Gang-Bangs, Arschficken, Schwulen-Bashing, Koks und Kunz..

Unter den Berliner Rappern gibt es allerdings Auseinandersetzungen darüber, wer von ihnen “authentischer” ist, bzw. wer sich bloß “authentisch in Szene setzt”. Selbst der schwäbische Geschäftsführer ihres Kreuzberger Independent-Labels besteht darauf, dass er nach einem Bruch in seinem Leben bzw. mit seinem Elternhaus nunmehr “authentisch lebt”. Dazu gehört auch das Prahlen mit vielen Sexualkontakten und großen Schwänzen, was feministisch gestimmte Musikkritiker regelmäßig als “spätpubertär” abtun – wenn nicht gar in ihren “versautesten” bzw. menschenverachtendsten Song-Varianten verbieten wollen.

Andere Kritiker verweisen dagegen auf einen ulkigen Widerspruch: Einerseits singt z.B. der arabisch identifizierte “Hardcore-Rapper” Bushido, der aus Tempelhof stammt und darauf besteht, aus der Unterschicht zu kommen, dass er derjenige sei, “der dich fickt, wenn die Sonne nicht mehr scheint, der pervers ist und Nutten vögelt…Und der euch alle tötet.” Andererseits trit er dann beim Bravo-Open-Air “Schau nicht weg – Gegen Gewalt in der Schule” auf. Seine Fans, die  meist aus der “weißen Mittelschicht”  stammen, mögen darüber irritiert sein und die Presse wütend, nicht so MdB Omid Nouripour: Der Sprecher der Grünen Bundesarbeitsgemeinschaft MigrantInnen und Flüchtlinge begrüßte es ausdrücklich, “dass die Zeitschrift ‘Bravo’ auf ihrem Antigewaltkonzert Bushido auftreten läßt, der in seinen Texten Gewalt verherrlicht.”

Und das nicht etwa um der Dialektik willen, sondern weil der Sänger nur so “seine Reime vom Anspruch der ‘Realness’ entfremdet.” Das sich selbst Entfremden als positiven Entwicklungsschritt, weil der aus der “Ghettorealität” rausführt – in sagen wir harmlosere mittelruopäische Mittelschichtvergnügungen rein. Bei Wikipedia gibt es für solch ein  Fading-Away der “Realness” den Übergangs-Begriff der “authentischen   Inauthentizität”. Demnach stünde der Berliner “Schwarzkopp-Macho-Hiphop” derzeit auf der Kippe: Schmiert sich da ein folgsames Räderwerk ein oder bereitet sich eine Höllenmaschine vor?

Der Spiegel recherchierte dazu bereits auf dem “Ghaza-Streifen” – der Neuköllner Sonnenallee im Abschnitt zwischen Hermannplatz und Fuldastraße, die vor allem von Palästinensern bewirtschaftet und belebt wird. Dort wird nun “das Geschäft der Straße mit den Mittel der Straße geführt”. Der Spiegel-Reporter will sogar rausgefunden haben, dass der Gangsta-Rapper Bushido da seine Schutztruppe aus den Kreisen einer “Araber-Familie” rekrutiert, die mit einem anderen “Clan” dort verfeindet ist, der dem Gangsta-Rapper Massiv die Body-Guards stellt. Dann ließ seine Plattenfirma Sony BMG auch noch verlauten, Massivs Texte seien  “authentischer als die von Bushido” . Und “bei der letzten ‘Echo’-Verleihung trafen sie aufeinander. Beide eskortiert von ihren Clans,” schreibt der Spiegel. Gehört auch das noch mit zum Sich Entfremden vom Anspruch der ‘Realness’ durch Anerkennung?

Oder passiert da umgekehrt das, was der Kritiker Martin Reichert beobachtete: “Man wanzt sich habituell an die Umgangsformen der niederen Stände heran, um Authentizität vorzutäuschen”. Der Spiegel weiß jedoch inziwschen: “Die Echo-Verleihung ging ausgesprochen friedlich ab, und doch ist die Veranstaltung in den Akten des LKA verzeichnet, als ein besonderes Vorkommnis.” Nicht nur die Polizei hat die “Schwarzköpfe” auf den “sozialen Brennpunkten”, ob sie nun rappen oder nicht, im Visier, auch die Presse diskutiert das “Phänomen” geradezu herbei: “Ganz verliebt ins Ghetto-Klischee”, nannte der Berliner Journalist  Murat Güngör diese geballte mediale, polizeiliche und politische Aufmerksamkeit, die seiner Meinung nach nur bewirke, dass die  Armut, die Arbeitslosigkeit und die  fehlenden Bildungschancen in den “Einwanderervierteln” ignoriert werden.

Dem widerspricht der Spiegelreporter: Für ihn sind z.B. die “Hits” des Gangsta-Rappers Sido “schockierende Bulletins” aus der “Realität im Märkischen Viertel”. Und was ist “authentischer” als ein Bulletin? Der Presse  gegenüber erklärte  Sido, die Randale, die Spannungen im Kiez, das sei “kein Produkt von Hiphop, sondern Hiphop ist nur das Produkt der Verhältnisse”. Also gibt es im MV Elend und Unruhen? “In seinen Texten beschreibt Sido eine Welt aus Gewalt und Drogen, schnellem Sex und schnelleren Autos,” so faßt der Musikkritiker Thomas Winkler Sidos “Bulletins aus dem Märkischen Viertel” zusammen. Zwar meint er damit nicht, dass es dort wirklich so abgeht, aber er attestiert Sido und den anderen Berlinern, ihre “Kombination aus Straßen-Authentizität, Party-Raps und harten Reimen” komme den “originalen Vorstellungen”  des kritischen amerikanischen “Conscious-Rap” noch am nächsten. Die orientalischen Berliner Hiphopper kopieren den US-Rap also am perfektesten – und zwar den sozialkritischen.

Ihr Kreuzberger Label “Aggro Berlin” legt demgegenüber jedoch Wert auf die Feststellung, dass ihre “Musik die Realität hier schildere”. Das sieht auch der Spiegel so: “Wer Sidos Songs hört, merkt schnell: Es sind weniger die schmutzigen Wörter, die iritieren, sondern es ist der Blick auf eine brutale Wirklichkeit”. So führt der maskierte Rapper in einem Stück auf dem Album “Maske” seine “Zuhörer wie ein Fremdenführer durch seinen ehemaligen Wohnblock im Märkischen Viertel, dem berüchtigten Trabantenviertel im Norden Berlins: Der Hausmeister im 1. Stock ist ein Ex-Sträfling und bessert sich sein Geld mit Pornofotos auf. Im Stockwerk 12 wird mit Falschgeld hantiert. Auf der 4. Etage lebt ein Drogenwrack. Und ganz oben riecht es streng – denn da hängt ein Toter.”

Wers glaubt wird selig. Unter Realität wird im Allgemeinen die Gesamtheit des Realen gefasst, wobei real das ist, was auch außerhalb des Denkens existiert. Sehen wir einmal von radikalen Konstruktivisten wie Heinz von Foerster ab, der sich auf einem Dahlemer Symposium zu der Behauptung verstieg: “Es gibt keine Realität!” Wenn man jedoch mitbekommt, wie die Bürgerpresse ihre Berliner Ghettoreportagen zusammenhaut und gleichzeitig den daraus schöpfenden Rapsongs der Berliner Hiphopper über Drogen, Gewalt, schnelle Ficks und noch schnellere Autos – beinharte “Realness” attestiert, möchte man dem Konstruktivisten glatt zustimmen.
In der Jungen Welt findet sich zu diesem ganzen “Komplex” am Dienstag noch der folgende Text – über politisch unkorrektes Schwulsein:

 ”Narziß ertrinkt in einer Kaskade falscher Bilder – von den sozialen Rollen bis zu den Medien – und wird so um seine Substanz und seine Stellung gebracht.” (Julia Kristeva)

Ein Schwulenverband hat Strafanzeige gegen den Gangsta-Rapper Bushido gestellt. In den  Medien hatte man zuvor seinen  “schwulen- und frauenfeindlichen Auftritt” vor dem Brandenburger Tor kritisiert und seine Sprüche wie “Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel!” zitiert. Der Witz ist, dass Bushido selbst schwul ist – in dem Sinne, dass er in seinem Leben und in seinen Texten einem männerbündischen Ideal nachhängt, das alle, die sich in den Arsch ficken lassen, verachtet, aber genau dies am Liebsten praktizieren möchte. Man kennt diese Art von MännlichSein aus russischen Knast-Songs und amerikanischen Knast-Filmen. Sie gilt aber auch in den hiesigen Fußballfan-Kreisen und bei schlagenden Verbindungen sowie unter Pfadfindern und vermutlich auch Neonazis. Rechte Intellektuelle frequentieren z.B. besonders gerne die Prenzlauer Berg Hardcore-Schwulen-Kneipe “Stahlrohr” (“Darker than dark”). Klaus Theweleit hat diesen “Komplex” in seinem Buch “Männerphantasien” aus dem in Deutschland/Preußen  kultivierten Militär-Eros abgeleitet. Diesen Männern ist das Mißgeschick passiert, dass sie zwar töten, aber nicht ficken können, meinte dazu Heiner Müller einmal.
Geradezu als Leitkultur könnte man heute die schwulen Männerbünde in den  traditionellen Milieus des Orients bezeichnen. Die von dort nach Deutschland emigrierten Männer (ebenso wie viele aus Russland) sehen denn auch in den heterosexuellen Jungmännern hierzulande allererst Weicheier und Schlappschwänze, die es nicht mal mehr schaffen, ihre allzu dominanten und deswegen unattraktiven Frauen in den Arsch zu ficken – zu schweigen von Männern, die derartiges für sich begehren bzw. mit sich machen lassen (müssen).

Desungeachtet sind dort wegen der völligen Absenz von Frauen in der Öffentlichkeit homosexuelle Kontakte derart weit verbreitet, dass z.B. im Nordirak in den Männergefängnissen die Hälfte der Insassen wegen “schwulem Sex” einsitzt und das liberale Marokko seit langem als “Schwulenparadies” gilt. Roland Barthes hat es noch halb kolonialistisch (aktiv-passiv) genossen und in seinem Nordafrika-Tagebuch “Begebenheiten” beschrieben. Die wieder im Glauben erstarkenden Orientalinnen von heute haben aus dieser um sich greifenden Not eine Tugend gemacht, indem sie sich nur auf Arschficks einlassen, auf die Weise ihre Jungfernschaft bewahren – und dennoch gleichzeitig sexuelle Erfahrungen sammeln, wie die taz-Journalistin Waltraud Schwab – entsetzt ob dieser migrantischen “Macho-Falle” – in ihrer Bushido-Kritik hervorhob.

All dies spielt sich jedoch mittlerweile in einer dem Sozialen gleichsam enthobenen medialen Liebes-Codierung ab, die – nach höfischer Liebe, Libertinismus, Romantik und Pornographie – diese Formen noch einmal alle remixt, statt ihr Ende zu unterstreichen. Denn “heute ist Narziß ein aus dem psychischen Raum Verbannter, ein liebeshungriger, prähistorisch anmutender Außerirdischer,” meint die französische Psychoanalytikerin Julia Kristeva. Und das habe zur Folge, dass “die Homosexualität des Mannes auf der Suche nach einer weiblichen Haltung gegenüber dem Mann verwaist – und in eine sofortige erotische Realisierung münden muß. Der Frau wiederum fehlt es an einem Mittler zur Übernahme des angeblich väterlichen Gesetzes, was sie der Paranoia in die Arme treibt.” Zwischen diesen beiden “Leerstellen des zeitgenössischen Diskurses” steht der junge Narziß: “er hat kein Territorium, das ihm gehört” (das Ghetto der Berliner Rapper ist ebenso virtuell wie das Deutschland der Neonazis).

“Ohne Vaterwert stellt der heutige Narziß das Negativbild eines potentiellen Homosexuellen ohne Begehren dar. Einer abscheulichen Mutter ausgeliefert, aber modern und emanzipiert wie er ist, wagt er nicht, sich das Recht herauszunehmen, sie zu bekämpfen.” Während der arabisch identifizierte Rapper Bushido bei seiner alleinerziehenden Mutter lebt, die Anerkennung hartgesottener palästinensischer “Paten” sucht und die verweiblichten deutschen Schwulen abwehrt, singt der weiße Rapper Eminem “Mother, I’m gone kill you” (und verlor prompt einen Beleidigungsprozeß gegen seine ebenfalls alleinerziehende Mutter). Die eher intellektuellen Berliner Rapper K.I.Z. nannten Ende August ihr neuestes Werk “Das muttergefickte Album” – und blieben damit einstweilen im Vagen.

Die letzten “Vaterwerte”, die den Krieg überlebt hatten, wurden einst von den “68ern” überwunden: “Father, I’m gone kill you!” sang Jim Morrison. Wo das aufgrund eigener Schwäche nicht möglich war, flüchteten die Söhne durch den Orient hindurch “nach Indien”, wie gerade der Film “Hippie Massala” noch einmal deutlich macht. Für beide Geschlechter gilt nun jedoch, dass die unaufhaltsame “Erosion des liebenden Vaters eine Leerstelle im psychischen Raum erzeugt hat”. Und diese kann nicht mit “Analverkehr – aber mit Kondom” oder “Viagra auf Geschäftskosten” aufgefüllt werden. Noch viel weniger mit staatsrechtlichen Tritten in den Arsch.

In der taz-kolumne “Normalzeit” war darüber zuvor zu lesen:

Am Wochenende wurden erneut mehrere Ausländer auf zwei Dorffesten von vermeintlichen Neonazis körperlich angegriffen. Gleichzeitig trat der mit pornografischen Songs über Gewalttätigkeiten in den Berliner Einwanderervierteln reich und berühmt gewordene Tempelhofer Gangsta-Rapper Bushido auf einem Bravo-Konzert gegen Gewalt an Schulen vor dem Brandenburger Tor auf.

Alle drei Events wurden von Bild bis taz aufs Schärfste verurteilt. Der untote Merve-Philosoph Kurt Leiner, auch “Fascho-Kurt” genannt, gab bereits im Vorfeld zu bedenken: “Die Medien brauchen den, der die Gewalt im Realen vollzieht; der Gewalttäter braucht das Medium als seinen Spiegel.” Die “Gewalt” (u. a. gegen Schwule), die von den Berliner Gangsta-Rappern besungen wird, findet jedoch auch ohne den Umweg über das “Reale” in die Medien, weil die Realness (“Authentizität”) der Sänger darauf beruht, dass sie aus dem Ghetto stammen und die “Spannungen” dort “kein Produkt des Hiphop sind, sondern umgekehrt, der Hiphop das Produkt der Verhältnisse”, wie der Rapper Sido der Presse erklärt.

“Durch den totalen Ausschluss der Gewalt tritt die irreguläre Gewalt vor allem bei denen auf, die als soziale Gruppe vom Aus- oder Einschluss betroffen sind”, schreibt Kurt Leiner, und weiter: Wenn der für den Krieg plädierende Faschismus “die politische Theorie der Gewalt ist (die das 20. Jahrhundert mehr dominiert hat als die letzte bürgerliche Theorie dieser Art, die Klassenkampf-Doktrin des Marxismus)”, dann ist dieser neotürkisch-arabische Kiez-Hiphop die Fanfare eines Bürgerkriegs im Medialen. Die Medien sind laut Leiner “völlig auf Gewalt fixiert, damit sie sonst nirgendwo mehr stattfinden kann”. Man könne demnach den “Frieden” auch als “das Reich der Diskurse” betrachten – und den “Krieg” als “das Reich der Körper”. Deswegen begrüßt zum Beispiel der Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft MigrantInnen und Flüchtlinge der Grünen, Omid Nouripour, den Auftritt von Bushido vor dem Brandenburger Tor ausdrücklich: weil man ihn mit solchen Medien-Ereignissen von seinem “Anspruch auf Realness entfremdet”.

Auch “der Nazi” hadert dergestalt mit der “Authentizität”, denn er “imitiert gewissermaßen die Gewaltproduktion der Medien, indem er sie auf das Reale projiziert”. Für den Berliner Philosophen und Ex-und-Pop-Wirt ist der Krieg nichts weiter als eine Eskalation des Realen, die jede symbolische Ordnung an ihre Belastungsgrenze bringt (heute, da “allein die Androhung von Gewalt bereits strafbar ist”): Jeder Akt der Gewalttätigkeit setzt eine Differenz frei – und “wenn die Gewalt different wird, erzeugt sie den Konflikt als Zeichen”.

Leiner bezeichnet den “gesamten Komplex des Sozialen” als ein “Walten”, dessen “Ursprung und Movens” die “Gewalt, die gewalttätige Eröffnung der Differenz” ist, deren “sprachliche und intellektuelle Organisation man Verwaltung’” nennt, denn “Walten” leitet sich laut Leiner von der indogermanischen Wurzel “ual-dh-beherrschen” ab: “Walten ist die präsymbolische Form dessen, was in der symbolischen Ordnung zu Macht wird. Und das Soziale ist ,Bewältigung’ (Steuerung) des ,Waltens’ (Schicksal).”

Demgemäß bezeichnet das Hamburger Montagsmedium Der Spiegel die Songs des Rappers Sido aus dem Märkischen Viertel denn auch als “Bulletins” und realistischen “Blick auf eine brutale Wirklichkeit”. Während dieser in Wahrheit bloß einige B.Z.-Schlagzeilen über das vermeintliche “Problemviertel” nebeneinander montiert hatte.

Was wir vom Ereignis im Realen wissen, ist für Leiner bloß das, als was uns das Ereignis “im Imaginären erscheint”, und dieses wird wiederum von den Medien gespeist. “Gewalt ist Leben,” darauf läuft Kurt Leiners “Zombologie”, die ihm die Anthropologie ersetzen soll, hinaus. (Sie erschien gerade als 292. Merve-Band.) Dem gemäß wären die oben erwähnten “Events” kein Leben (mehr), sondern – situationistisch gesprochen – “Spektakel” oder postproletarische “Nekromantik”.


20.09.2007

Mediale Mafiamethoden

von Helmut Höge

Jedesmal, wenn in unseren Lebensmitteln Gifte oder Krankheitskeime festgestellt werden, bricht eine (Medien-) Panik aus. Danach beruhigen sich aber die Konsumenten wieder – und alles  geht wieder zur Tagesordnung über.

Als z.B. der “Rinderwahn” ausbrach und überall auf der Welt die Herden zu tausenden “gekeult”, d.h. getötet wurden, verkündete die US-Talkshowmoderatorin Oprah Winfrey, sie werden fortan keine Hamburger mehr essen. Prompt wurde sie daraufhin von texanischen Rinderzüchtern auf 12 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt – der Betrag entsprach den Verlusten, die ihnen durch den Rückgang des Rindfleischverkaufs seit der Talkshowsendung entstanden. In Nordfriesland demonstrierten die Bauern gegen die staatlichen Rinderwahn-Eindämmungsmaßnahmen – vor allem um die existenzzerstörenden Massentötungen von Rindern zu verhindern. Sie forderten eine “Kohortenlösung”, d.h. im BSE-Fall nicht eine “Keulung” der gesamten Herde, sondern nur des betroffenen Tieres, seiner Familie und seines Jahrgangs. Der Bauernführer José Bové kritisierte in diesem Zusammenhang die Kapitalisierung der Landwirtschaft in toto: “Nur verrückte Menschen machen die Rinder wahnsinnig”.

Bei der dann auftretenden Vogelgrippe gab es solche Reaktionen nicht, obwohl Experten rieten, alle  Farmen, die Geflügel in riesigen Mengen züchteten, kurzerhand zu schließen. Weil man das Verbreiten der Krankheit den Zugvögeln anlastete, wie der Biologe Cord Riechelmann schreibt, wurden diese stattdessen verfolgt. 2007 brach die Seuche aber im Sommer aus, da Zugvögel nicht unterwegs sind – und prompt wurde das Geflügel nun ohne große Medienhysterie quasi heimlich “gekeult”. Zuletzt tötete man 560 Enten bei 25  fränkischen Mästern und 205.000 Enten allein in einem oberpfälzischen Mast-Großbetrieb.

Zwischendurch kam es in den letzten Jahren fast schon regelmäßig zu Fleischkandalen. Sie betrafen meist bayrische Fleisch-Großhändler, die mit ihrem “Gammelfleisch” osteuropäische Abnehmer bzw. inländische  Döner-Hersteller belieferten. 2004 ging es um 333 Tonnen “Ekelfleisch”, das ein Kühlhausunternehmen nach Osteuropa verschob, 2005 erwischte man dabei erst einen Münchner Großhändler und dann 50 weitere Fleischlieferbetriebe. Der Spiegel schrieb: “Dass weder eine Fleischmafia noch ein übergreifendes Netzwerk dahinter steckt, macht das Ausmaß des Lebensmittelskandals umso bedenklicher.” Heuer ging es nun um 180 Tonnen “Schlachtabfälle”, die ein  bayrisches Unternehmen auf dem Berliner Markt  “entsorgte”. Jedesmal verschärfte man anschließend die Fleischkontrollen, aber aufgedeckt wurden die Fälle stets von gemobbten Mitarbeitern. Einmal war es ein gescholtener LKW-Fahrer, zuletzt ein geohrfeigter Azubi.

Nun fordern die 2500 deutschen Lebensmittelkontrolleure 1500 weitere Stellen, zudem soll das nicht mehr zum Verzehr zugelassene  so genannte “K3″-Fleisch grün eingefärbt und eine Datenbank namens “Tizian” dafür eingeführt werden . Zuvor hatte man bereits mit BSE-Prionen oder Dioxyn verseuchtes “K1″-Fleisch schwarz eingefärbt und das mit Tierseuchen infizierte “K2″-Fleisch gelb. Betroffen sind von dem jüngsten “Gammelfleisch”-Skandal vor allem die Dönerläden: Um 40-50% sanken ihre Umsätze in Berlin und in Ostdeutschland sogar um 60%. Nicht nur tausende von Arbeitsplätze in diesen Imbissbuden sind dadurch gefährdet, sondern mindestens noch mal so viel in den von ihnen abhängigen türkischen Gemüseläden und Bäckereien.

Die türkische Presse meint, das sei von der deutschen Politik so gewollt: Sie wolle damit das von Arbeitslosigkeit gebeutelte Land entlasten, indem sie massenhaft Türken mit deutschen Pässen quasi zwinge, in die derzeit prosperierende Türkei auszuweichen, indem man hier ihre Existenzgrundlage zerstört. Dieser paranoische Gedanke wurde kürzlich vom (Ost-)Berliner Kurier erhärtet, der am 11.9. “Der Döner-Gau” titelte. In dem  Artikel wurden mit keinem einzigen Wort die skupellosen und deswegen reich und mächtig gewordenen bayrischen Fleisch-Großhändler erwähnt, stattdessen legte der Text nahe, dass die deutschen  Lebensmittelkontrolleure überfordert seien bei der Kontrolle aller  kleinen und kleinsten Dönerbuden, Kantinen usw.: “14 Tonnen Ekelfleisch waren im Juli in Berlin zu Döner verarbeitet worden. Mafia-Methoden…”  Das ist reinster “K3″-Journalismus, die Redaktion hat ihn jedoch falsch – nämlich gelb – eingefärbt bzw. umetikettiert.

20.09.2007

Hausmeisterkunst (199)

von Helmut Höge

Bischofsheim_Poller.jpg

Diesen Poller auf dem Rhöner Kreuzberg schweißte und knüpfte der Haus- und Hofmeister des dortigen Klosters auf die Schnelle zusammen. Ein Restaurant wird dort gerade umgebaut und es galt, die Pilgerer und Wanderer vor den Material bringenden LKWs zu warnen – das war jedenfalls die einhellige Meinung der Klosterverwaltung da oben. Antonia Herrscher, die den Baustellen-Poller photographierte, fährt kommenden Sonntag erneut dort hin, um alles noch einmal zu überprüfen – und den Poller eventuell noch einmal – von einer anderen Seite – zu photographieren.

20.09.2007

Bewegungsmeldung (2)

von Helmut Höge

Hinter Königs-Wusterhausen haben sich zwei Bürgerinitiativen gebildet, die gegen den geplanten Verlauf einer Gas-Pipeline kämpfen, die mitten durch ihre Dörfer gehen soll, was Enteignungen erzingt. “Opal – So nicht!” lautet ihre Parole. Auf ihrer Webpage erklären die Aktivisten:
1. zu Opal:
OPAL, der schöne Name, ist die für die Unternehmung “Ostsee-Pipeline-Anbindungs-Leitung” etablierte Kurzform, im Volksmund auch “Schröder-Putin-Pipeline” genannt.
Von Wyborg bis Greifswald/Lubmin werden von Nord Stream AG zwei Leitungsstränge mit einer Länge von je 1.200 km durch die Ostsee verlegt. Von Greifswald/Lubmin wird eine Leitung – die OPAL – in Richtung Süd bis Olbernhau/Erzgebirge mit einer Gesamtlänge von 480 km durch WINGAS Transport und eine zweite Leitung – die NEL – in Richtung West mit einer Gesamtlänge von 370 km durch E.ON Ruhrgas zur Anbindung an das deutsche und europäische Netz errichtet.

Beteiligte Konzerne und Konsortien sind Nord Stream AG, GAZPROM-GERMANIA, Wintershall/BASF AG und E.ON Ruhrgas AG / E.ON AG. Für den Trassenbau der OPAL tritt die WINGAS als Antragsteller auf. Die WINGAS ist ein gemeinsames Unternehmen der Konzerne Wintershall/BASF AG und GAZPROM-GERMANIA.
Im Auftrag der WINGAS wiederum arbeiten für die Planung und den Bau der Trassen verschiedene Ingenieurs- und Planungsbüros, wie zB. die Fa. Pyöry Infra GmbH aus Hannover.

Derzeit läuft das Raumordnungsverfahren (ROV), in dem die Gemeinsame Landesplanungsbehörde für Berlin und Brandenburg über die Anträge des Antragstellers WINGAS bis ca. Jahresende 2007 zu entscheiden haben wird, wo die beantragten Trassen, Leitungen und Werksstandorte (Verdichterstationen, Absperrstationen) gebaut werden können.

2. zu So nicht:

Dies ist die von Bürgerinitiativen in Groß Köris gegründete Seite deutscher Bürgerinitiativen gegen einzelne unzumutbare Vorgangsweisen, Trassenverläufe, Werksstandorte der im Zuge des Unternehmens Ostsee-Pipeline-Anbindungs-Leitung (OPAL) laufenden Projekte tätiger Großunternehmen wie WINGAS und GASPROM-GERMANIA.

Gegründet wurde die Seite von den beiden gemeinsam auftretenden und wirkenden Groß Köriser Bürgerinitiativen “Für die GK1 – die ortsverträgliche Westumfahrung des Ortes Groß Köris auf bereits bestehenden Trassen” und “Keine Erdgasverdichterstation an den bislang geplanten Standorten in Groß Köris”. Im weiteren Verlauf der Verfahren sollen hier Informationen zur Arbeit dieser und ggf. weiterer, auch an anderen Streckenabschnitten gegründeten Bürgerinitiativen gesammelt und veröffentlicht werden.

3. zum Problem:

Beflissen wurde die Parole ausgegeben “2010 kommt das Gas in Greifswald an!”. Und seither muss alles sehr schnell gehen. Es klingt inzwischen wie eine Drohung. Mächtige wirtschaftliche und politische Interessen schieben einen Ausführungsapparat vor sich her, der keinen Widerspruch brauchen kann.
Seit dem 16.August 2007 läuft im Amt Schenkenländchen die öffentliche Auslegung im Raumordnungsverfahren (ROV) OPAL.

4. zur Verantwortung:

Inhaltlich Verantwortlicher gemäß §10 Absatz 3 MDStV:

Dr. Peter Berz
Försterweg 43a
15746 Groß KörisTel: +49 – (0) 33769 – 20 6 55e-mail: opalsonicht@freenet.de

internet: http://freenet-homepage.de/opalsonicht, vorübergehend auch http://www.goldhahnaudio.de/opalsonicht/

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Demnächst erscheint ein von Stefanie Peter bei Suhrkamp herausgegebener Band “Alphabet der polnischen Wunder”, in diesem findet sich zum obigen Trassen-Verlaufsproblem folgender Text – unter dem Stichwort “Gasleitung”:

Die geplante Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Deutschland hat Polen nachhaltig verstimmt. Nicht zuletzt, weil die Modernisierung seiner Energieversorgung dadurch konzeptionslos wurde. Bis jetzt erfolgt sie zu 58% durch Steinkohle, 13% Braunkohle, 10% Erdgas, 7% Öl und zu 2% durch andere Energieträger (Wasserkraft z.B.). Der Ölmarkt wurde dereguliert und entstaatlicht, in anderen Bereichen hat man die Privatisierung jedoch erst mal gestoppt, es sind inzwischen sogar Wiederverstaatlichungen möglich.

Zunächst schlug Polen statt der 5 Milliarden Euro teuren Unterwasser-Gastrasse durch die Ostsee eine weitaus billigere “Amber-Pipeline” von Russland durch Lettland, Litauen und Polen nach Deutschland vor, die zudem das “politisch unsichere” Weissrussland umgehen würde. Als das abgelehnt wurde (aus russischer Sicht ist Polen politisch viel “unsicherer” als Weissrussland), kamen Pläne auf, sich am Bau eines baltischen Atomkraftwerks zu beteiligen sowie ein weiteres AKW in Westpommern zu bauen. Um norwegisches Flüssiggas zu beziehen, soll ferner eine neue Hafenanlage an der Ostsee errichtet werden – für 400 Mio Dollar. Gleichzeitig will sich das Monopolunternehmen “Polnische Öl und Gas Gesellschaft” (PGNiG) am Bau einer neuen Pipeline von Norwegen nach Schweden beteiligen, die dann bis nach Polen verlängert werden soll. Und zuletzt versprach Premierminister Kaczinsky, seine Einwilligung zur Stationierung von US-Atomraketen gegen “Schurkenstaaten” auf polnischen Boden davon abhängig zu machen, dass sein Land an die so genannte Baku-Tbilissi-Ceyhan-Gaspipeline zwischen dem Kaspischen Meer und der Türkei angeschlossen wird. Der Projektierung dieser Trasse wurde zwar bereits 2002 begonnen, sie wird aber wohl nicht gebaut werden.

Die Ostsee-Pipeline wird die dritte sein, mit der Russland Westeuropa beliefert. Die erste wurde 1982 mit Hilfe der sozialistischen “Bruderländer” von der Yamal-Halbinsel über den Ural durch die Ukraine bis in die Tschechoslowakei verlegt, wo sie sich verzweigte – in die DDR und in die BRD. Die zweite Pipeline wurde nach der Wende mit westlichen Krediten gebaut – sie führt ebenfalls von der Yamal-Halbinsel über den Ural, aber dann durch Weissrussland und Polen nach Deutschland, wo der russische Monopolkonzern Gazprom inzwischen mit der BASF eine Versorgungsfirma und zwei Handelshäuser gründete. Die Transitländer verlangen für die Durchleitung Gebühren. Russland hat Polen immer wieder vorgeworfen, dass sie zu hoch seien. Da Polen jedoch gleichzeitig sein Gas hauptsächlich aus Russland bezieht, gab das deutsche Wirtschaftsministerium im Zusammenhang der polnischen Proteste gegen den Bau der Ostsee-Pipeline zu bedenken: “Polen befürchtet, es könne ohne die Rolle eines Transitlandes erpressbar werden. Der russische Lieferant könnte so Westeuropa direkt beliefern und die durch Polen laufenden Pipelines schließen, bis etwa höhere Preise gezahlt würden.” Weil einige polnische Politiker den Vertrag zwischen Gazprom (51%), BASF und Eon (je 20%) sowie der holländischen Gasunie (9%) zum Bau der Ostsee-Pipeline unter dem Aufsichtsratsvorsitz von Gerhard Schröder als neuen “Hitler-Stalin-Pakt” bezeichneten, bemühte sich zuletzt auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel um wenigstens verbale Beschwichtigung der polnischen Befürchtungen. Dazu teilte sie der zum deutschen Springerkonzern gehörenden polnischen Zeitung “Fakt” mit: “Es geht bei diesem Projekt nicht nur um deutsche und russische Interessen; auch andere Länder in Europa – insbesondere auch Polen – sollen von der Ostsee-Pipeline profitieren können.”

Der Begriff “Hitler-Stalin-Pakt” mag polemisch überzogen sein, aber eines ist sicher, dass Polen nicht von der neuen Pipeline “profitieren” wird. Denn deswegen wird sie ja extra um das Land herum gebaut – und zwar mit weitem Abstand, so daß Polen nicht einmal gefragt werden muß. Matthias Warnig, der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Nord Stram, erklärte dazu: Ein Mitspracherecht haben beim Bau der Pipeline nur die Länder, deren Außenwirtschaftszone dabei tangiert wird. Das gilt für Finnland, Schweden und Dänemark. “Diese Länder können Auflagen machen, eine Genehmigungspflicht gibt es aber nicht.” Gar kein Mitspracherecht haben die Hauptkritiker der Pipeline: Polen, Litauen, Lettland und Estland. Ihre Außenwirtschaftszone wird nicht berührt. “Diese Staaten können aber Fragen stellen und sie werden informiert.” Die Bundeskanzlerin hat dabei erst einmal mit einer Desinformation angefangen.

18.09.2007

Die Siemens-Bande

von Helmut Höge

“Es gibt immer zu viel Deutung und nie genug Fakten. Die Akte durch Deutung sind am gefährlichsten für die Freiheit.” (Francois Ewald)

Erst interpretierte der Siemenskonzern Ende der Achtzigerjahre seine führende Rolle im internationalen Elektrokartell IEA um – zu einem auf freiberufliche Agenten beruhenden Schmiergeldsystem. Statt einer “Kriegskasse” gab es nun “schwarze Kassen” auf Geheimkonten. Festangestellte Mitarbeiter wurden, wenn sie aufflogen und gegen sie ermittelt wurde, entlassen, gleichzeitig aber mit einer “individuellen Pensionszusage” beruhigt.  Der vor kurzem  entlassene  Anti-Korruptionsbeauftragte von Siemens, Albrecht Schäfer,  berichtete  laut SZ am 20.Juni 2006 dem Prüfungsausschuss des Konzernvorstands über ein Liechtensteiner Verfahren “gegen einen ehemaligen Mitarbeiter”. Gleichzeitig legte er einen 40-seitigen Report über das  im Haus  praktizierte  Schmiergeldsystem  bei  der Auftragseinholung vor.

In diesem Werk interpretierte er das “System” noch einmal neu – und um: Danach hatten sich mehrere Mitarbeiter zu einer  “Bande” zusammengeschlossen – zum Nachteil von Siemens schwarze Kassen im Ausland eingerichtet und ein System entwickelt, um unauffällig Schmiergeld zahlen zu können. Die Mitglieder dieser Bande verstanden es lange Zeit, alle Bemühungen bei Siemens, die Vorgänge umfassend aufzuklären, systematisch zu verhindern. Laut SZ kam Albrecht Schäfer in seinem Bericht am Ende zu dem niederschmetternden Ergebnis: “Wir sind belogen und getäuscht worden.”

Exakt die selben Worte hatten 1989 auch Millionen DDR-Bürger in bezug auf ihre Regierung gebraucht, als sie sich von ihr (endgültig) abwendeten. Hier wie dort haben wir es denn auch mit einer Uminterpretation von “Systemen” zu tun. Und wahrscheinlich werden viele DDR-Bürger ihre regierende Partei hernach ebenfalls als eine “Bande” wahrgenommen haben.  In Kreuzberg  machte zuletzt die Parole “Bildet Banden!”  die Runde  an den Hauswänden.  Der FDP-Politiker  und Mitbegründer der Künstlersozialversicherung Rolf Schroers schrieb beizeiten bereits in seinem Buch über den antiamerikanischen deutschen “Partisan” und seines Systems: “Die Solidarität der Bande sichert die Unantastbarkeit der Würde des Einzelnen, die niemals der Tod, aber dauernd die Lebensgier selber gefährdet”.

Unter dem Druck der staatsanwaltlichen Maßnahmen haben jetzt aber doch einige Mitglieder der Siemens-Bande, wie sie schon bald im Haus genannt wurden, ausgesagt – trotz großzügiger Abfindungen. Damit wird nun eine weitere Interpretation des Schmiergeldsystems möglich. Die SZ, obwohl selbst zur Personalisierung neigend, hat dazu heute schon mal einige Aussagen gegen Aussagen gestellt. Der verhaftete Vorstand Thomas Ganswindt sagte demnach z.B., als die Ermittlungen nicht nachließen, habe ihn der Anti-Korruptionsbeauftragte Schäfer beruhigt, es könne nichts passieren, und selbst wenn, Siemens sei sauber.  Es handele sich dabei bloß um Verfehlungen einzelner Leute. Diese beharren nun jedoch umgekehrt darauf, dass sie die Opfer einer systemischen  Verfehlung – eines “Systemfehlers” quasi seien.  Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir wieder bei den Praktiken des internationalen Elektrokartells angekommen sind.  Allerdings galt auch  das IEA mit Sitz in Pully bei Lausanne den unabhängigen  Elektrounternehmen seinerzeit schon als  eine  üble “Bande”. Und die (amerikanische) Staatsanwaltschaft ermittelte immer mal wieder.

18.09.2007

Hausmeisterkunst (198)

von Helmut Höge

Poller_Berlin-Fluegel_1.jpg

Diesen umlegbaren Poller ließ der Hausmeister eines Berliner Blumengroßmarkts installieren. Weil die Autos links und rechts davon trotzdem noch auf den Mitarbeiter-Parkplatz kamen, schraubte er zusätzlich ein rotweißes Querblech oben an den Poller ran. Dieses hatte jedoch den Nachteil, dass beim Umlegen des Pollers, um zu den reservierten Parkplatzen zu gelangen, die Mitarbeiter nun über das Querblech fahren mußten, das schon nach kurzer Zeit völlig verbogen war. Der Hausmeister blieb jedoch gelassen – er nennt die Konstruktion nun Flügel-Poller – photographiert hat ihn Antonia Herrscher.

18.09.2007

Bewegungsmeldung

von Helmut Höge

Die Bild-Zeitung meldet heute, dass die fünf Lausitzdörfer Kerkwitz, Grabko, Atterwasch, Groß-Gastrose und Taubendorf mit insgesamt etwa 1000 Einwohnern den Braunkohlebaggern des schwedischen Schweinekonzerns Vattenfall weichen  müssen: “Schon in zehn Jahren geht die Vertreibung los”.  Die Betroffenen haben sich bereits zu einer Protestgemeinschaft zusammengeschlossen, die grenzüberschreitend aktiv ist – und zwar nach Tschechien hin, dort in Nordböhmen um die Stadt Most herum sollen nämlich ebenfalls etliche Dörfer den Braunkohlebaggern weichen.

Daneben gab und gibt es noch eine Initiative zur Rettung der Lakomaer Teiche in der Lausitz, die ebenfalls von Vattenfall weggebaggert werden sollen. Die Grüne Liga gab kürzlich ihren Kampf dagegen auf, weil sie mit den Prozeßkosten überfordert war.  Aber die Initiativgruppe macht weiter.  Zuletzt verschickten sie folgende mail:

Abbaggerung der Lacomaer Teiche bleibt unverantwortlich

Geld regiert die Welt

Aufruf zum Protest gegen Vattenfall

Die Abbaggerung der Lacomaer Teiche durch Vattenfall bleibt unverantwortlich, auch wenn die gerichtlichen Verfahren dagegen beendet sind.

Sie haben nicht Recht, Vattenfall hat einfach gewonnen, weil sie mehr Geld hatten“ sagt Daniel Häfner, Vorsitzender des Lacoma e.V. , „Jeder Mensch kann die Energiepolitik selbst beeinflussen, wenn er innerhalb von 5 Minuten zu einem Ökostromanbieter wechselt.“

Es ist erschreckend zu sehen, dass Brandenburg nicht zukunftsfähig sein wird.

Eine der wertvollsten Landschaften der Region soll hier dem Profit eines Energiekonzerns geopfert werden, um eines der klimaschädlichsten Kraftwerke zu versorgen. In den nächsten Tagen will Vattenfall mit dem Fällen der Bäume im Teichgebiet beginnen. Wir protestieren weiterhin energisch gegen diesen Wahnsinn und rufen alle Bürger ebenfalls dazu auf.

Ansprechpartner:

Daniel Häfner, Tel. 0179-6719016

In der taz berichtete heute Waltraud Schwab über den letzten Stand der Dinge bei den Lakomaer Teichen:

Umweltaktivisten von Robin Wood besetzen seit gestern Bäume bei den Lacomaer Teichen in der Lausitz. Vattenfall will dort demnächst mit Baumfällungen beginnen, um so das Gelände für den Braunkohletagebau freizuräumen. Die Besetzung ist das letzte Mittel, das den Naturschützern bleibt, um auf die Zerstörung dieses Biotops unweit von Cottbus aufmerksam zu machen. Das Dutzend Leute will, wenn es sein muss, auch monatelang auf den Bäumen ausharren, sagt Ute Bertrand, die Pressesprecherin von Robin Wood. “Wir stellen die Braunkohleverstromung an den Pranger.”

Schon seit 17 Jahren wird erbittert um das 300 Hektar große Gebiet gekämpft, in dem über 170 seltene und vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen heimisch sind. Denn unter den 22 Teichen und dem bereits zerstörten Dorf Lacoma liegen schätzungsweise 42 Millionen Tonnen Braunkohle. Vattenfall kam in deren Besitz, nachdem der Konzern die Laubag (Lausitzer Braunkohlen AG) gekauft hatte. Seither beharrt der Stromriese mit allen Mitteln darauf, diese Kohle zu fördern und zu verstromen.

Umweltschützer hatten zuletzt vor allem gehofft, dass die Rettung der Teiche vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt wird. Die Lacomaer Teiche gelten als Flora-Fauna-Habitat für seltene Tiere. Damit stehen sie unter besonderem europäischem Schutz. Die Regierung Brandenburgs indes habe es versäumt, das Gebiet der EU zu melden, sagt die Grüne Liga. Aus ihrer Sicht ist das ein grober Verstoß gegen EU-Recht.

Aber die EU kann jetzt auch nicht mehr helfen. Vattenfall hat auf Grundlage eines Planfeststellungsbeschlusses des Cottbusser Bergbauamts vom Dezember 2006, das das Abbaggern erlaubt, angefangen, Tatsachen zu schaffen. Dies, obwohl die Umweltschützer dagegen klagten und in einem separaten Eilverfahren die aufschiebende Wirkung der Klage anstrengten. Doch das Eilverfahren wurde diesen Sommer vom Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg abgeschmettert. Vattenfall kann deshalb mit den Vorbereitungsarbeiten für den Tagebau beginnen. Der Konzern hat den Teichen den Wasserzulauf gekappt und wird im Herbst anfangen, Bäume zu fällen.

Das Gebiet ist verloren. Das sehen auch die Umweltschützer so. Der Natur würde es nichts nutzen, wenn die Grüne Liga, die den Rechtsstreit getragen hat, im noch nicht begonnenen Hauptverfahren recht bekäme – weil Vattenfall bis dahin längst alles abgebaggert hat. Deshalb hat man sich in einem außergerichtlichen Vergleich mit Vattenfall geeinigt. “Unser Ziel war es, das Gebiet zu erhalten”, sagt René Schuster von der Grünen Liga. “Das Ziel war nicht mehr zu erreichen.”

Die Baumbesetzung ist deshalb vor allem ein Aufschrei gegen eine Strompolitik, die wertvolle Natur zu Gunsten der kohlendioxidintensivsten Stromherstellung zerstört. “Vattenfall als Klimakiller top, im Umweltschutz ein Flop” steht deshalb auf einem der Transparente der Baumbesetzer. Angesichts der Klimaveränderungen sei die Politik des Konzerns unverantwortlich, argumentiert Bertrand von Robin Wood, die die Baumbesetzung begleitet. Für Vattenfall indes ist die Handlungsweise der Baumbesetzer nicht nachvollziehbar, meint deren Sprecher Marco Bayer lapidar.