http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Samuel_Zeller_Fallback.png

vonHelmut Höge 07.07.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Die Staatspoller des „Sozialismus in einem Block“ zerbröseln langsam und werden überwuchert. André Meier hat gerade wegen eines solchen maroden sozialistischen Betonpfeilers sein altes Pferd verloren: Der Wallach hatte sich am Rand seiner Weide immer wieder daran gescheuert, als plötzlich der DDR-Poller brach und er sich dabei so schwer verletzte, dass er getötet werden mußte. André Meier fand es bemerkenswert, dass die für die Ewigkeit gegossenen DDR-Poller die DDR nur um Weniges überleben. Das Photo hier  ist ein Still, also ein Standfoto aus einer Videoinstallation von Margita Haberland mit dem Titel „Verlandlandschaften“, die in der Ausstellung „Endmoräne““zu sehen ist. Die Gemeinschaftsausstellung findet in der Villa Thyssen, Berliner Str. 19, 15378 Rüdersdorf bei Berlin, Ortsteil Hennickendorf, statt, die F i n i s s a g e „Gel(i)ebtes Leben“ ist am 11. Juli von 11 bis 19 Uhr.

Vorweg: Der russische Realismus

Die Folgen der nachgeholten – bolschewistischen – Modernisierung bedrohen erneut die russische Intelligenzija: „Dead again!“ wie sich die Moskauer Schriftstellerin Masha Gessen bereits im Titel ihres US-Buches über diese Spezies äußert. Als soziale Gruppe entstand sie in Rußland erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts und fand dann ihren wichtigsten Bezugspunkt im Leben und Werk von Puschkin, den sie bis heute nicht verloren hat. Ihr hoher moralischer Anspruch war ebenso persönlich wie stets aufs Ganze gerichtet. 1863 veröffentlichte Nikolai Tschernyschewski die Erzählung „Was tun?“. Der Philosoph und Dichter schrieb sie in der Peter- und-Paul-Festung, er wurde dann 19 Jahre nach Sibirien verbannt. In „Was tun?“ skizzierte er für die kommende Intelligenzija den „Neuen Menschen“ – den Revolutionär als „Beweger“. „Wir lasen es mit gebeugten Knien“, erinnerte sich ein ebenfalls nach Sibirien Verbannter, der sich davon mit vielen anderen zusammen zum Terrorismus inspirieren ließ. Die zweite Beantwortung der russischen Frage „Was tun?“ stammt aus dem Jahr 1902 von Lenin und befaßte sich mit dem bolschewistischen Parteiaufbau, der Avantgarde. Lenin entwickelte darin die Konzeption des Berufsrevolutionärs, den die objektiven Interessen der Arbeiterklasse bewegen. 1997 erschien auch noch ein drittes Werk mit dem Titel „Was tun?“: eine Beantwortung der „russischen Frage“ auf einem Kolloquium der Deutschen Bank mit Siemens, Daimler-Benz und entsprechenden „Verantwortlichen“ in Rußland. Der Titel ist Hilmar Koppers Referat entnommen, der darin ein Bewegungs-„Programm“ entwirft, „das Macht, Geist und Geld zusammenführt“. Es ist die Fortsetzung dessen, was Gorbatschow „umzusetzen“ versucht hatte, nämlich eines der Szenarien, die bereits unter seinem Vorgänger Andropow von verschiedenen ZK-„Braintrusts“ ausgearbeitet worden waren, um den Machterhalt der Parteielite in einer vom „Neuen Denken“ bestimmten sozialistischen „Transformationsperiode“ zu gewährleisten: „durch Umwandlung des Kollektivbesitzes der Nomenklatura in Privatbesitz ihrer einzelnen Mitglieder“ – so der ehemalige ZK-Mitarbeiter Jewgeni Nowikow 1994 in New York.

Wiewohl man die Herausbildung der Intelligenz als „klagende Klasse“ (Wolf Lepenies) mit Emile Zola anheben läßt, erreichte sie etwa zur gleichen Zeit im „rückständigen Rußland“, wo sie am konsequentesten die Partei der „Erniedrigten und Beleidigten“ (Dostojewski) ergriff, ihre stärkste moralische Kraft. Nirgendwo sonst auch wurde sie derart verfolgt, wobei – beginnend mit den Dekabristen – Zigtausende nach Sibirien verbannt wurden, starben oder emigrierten. Was sich aus diesem Typus in Rußland an Studentenprotest, Frauenbewegung, Kommunen und Terrorismus entwickelte, nahm die westeuropäische 68er Bewegung und ihren weiteren Verlauf – 100 Jahre vorher bereits – vorweg. Dennoch war auch für die sowjetische Dissidentenbewegung, besonders für ihre Sprecher Solschenizyn und Sacharow, 1968 ein entscheidendes Jahr: Solschenizyn beendete den „Archipel Gulag“ und begann sich öffentlich für „Regimegegner“ einzusetzen, für Sacharow wurde der Einmarsch der Roten Armee in Prag zum „Wendepunkt“. Beide knüpften wieder bei der alten russischen Intelligenzija an – und nahmen sich explizit Puschkin zum Vorbild.

Für die Literatur dieser Epoche war es laut Rosa Luxemburg kennzeichnend gewesen, „daß sie aus Opposition zum herrschenden Regime, aus Kampfgeist geboren wurde“. Die nachrevolutionäre Literatur hatte zwar auch den Staatsterror zu fürchten, sie ließ sich aber vor allem durch das kommunistische Glücksversprechen ihren Kampfgeist abkaufen. Maxim Gorki scheint hierbei eine Art Scharnier gebildet zu haben: Mit seiner Parteinahme für das Proleteriat und Subproletariat gehörte er noch zur alten Intelligenzija. Nach der Revolution emigrierte er, kehrte jedoch – aus Geld- und Ruhmgründen, wie Solschenizyn meint – wieder nach Rußland zurück: Als sowjetischer Staatsschriftsteller, der sich nicht scheute, sogar „der Sklavenarbeit Ruhm zu singen“, das heißt, die ersten Arbeitslager des KGB propagandistisch zu verklären. Damit verkehrte sich das Engagement russischer Schriftsteller vollends in sein Gegenteil. Der in einem sibirischen Arbeitslager gestorbene Dichter Ossip Mandelstam schrieb 1929: „Es ist so weit gekommen… Sämtliche Werke der Weltliteratur teile ich ein in genehmigte und solche, die ohne Genehmigung geschrieben wurden. Die ersteren sind schmutziges Zeug, die letzteren – abgestohlene Luft.“

In den Samisdat-„Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ meinte Boris Jampolski noch 1975: „Wenn [E.T.A.] Hoffmann schreibt: ,Der Teufel betrat das Zimmer‘, so ist das Realismus, wenn die [Sowjetschriftstellerin] Karajewa schreibt: ,Lipotschka ist dem Kolchos beigetreten‘, so ist das reine Phantasie.“

Während Tschernyschewskis „Was tun?“ ein Manifest der Intelligenzija war, wurde Lenins „Was tun?“ zu ihrem (eigenen) Nekrolog: „Zwischen 1936 und 1956 wurde die Intelligenzija in der Sowjetunion vernichtet“, resümiert Detlev Claussen. Michel Foucault unterschied 1977 den „universellen Intellektuellen“, dessen Ursprünge er bei Voltaire ansetzte und der vor allem von gebildeten Juristen verkörpert wurde, vom „spezifischen Intellektuellen“, der in seiner besonderen Stellung zur Macht, durch seine berufliche Tätigkeit selbst zum moralischen Widerstand gelangt.

Zum älteren Typus zählte Foucault auch noch Sartre, dessen Kriminalisierung De Gaulle einmal verhinderte mit der Bemerkung: „Einen Voltaire verhaftet man nicht!“ Sartre empfahl übrigens seiner Intelligenz, die Existenz sowjetischer Arbeitslager zu verschweigen: um die französischen Arbeiter nicht völlig hoffnungslos zu machen. Erst Foucault änderte dann Sartres Haltung zum „Gulag“. Das Scharnier zwischen beiden Intellektuellentypen war für Foucault der Atomphysiker Robert Oppenheimer. In der sowjetischen Dissidentenbewegung könnte man danach den „Vater der Neutronenbombe“ Sacharow als Repräsentanten der neuen „spezifischen“ und den Schriftsteller und Dichter Solschenizyn als Vertreter der (alten) „universellen Intellektuellen“ bezeichnen.

Das gilt auch für die Lagerliteratur-Verfasser Jewgenia Ginsburg und Warlam Schalamow. Solschenizyn, dem es stets darum ging, weniger zum Leben zu brauchen als mehr zu verdienen, schätzte außer den Samisdat- beziehungsweise Tamisdat-Werken dieser beiden vor allem die Sibirien-„Tagebuchblätter“ des sozialrevolutionären Terroristen Pjotr Jakubowitsch, der ihm wegen seiner „Kompromißlosigkeit“ nahestand. Sein „Archipel Gulag“, bei dem ihm 250 „Lagergenossen“ zuarbeiteten, werde für das Sowjetsystem einmal so „gefährlich wie eine Atombombe“ sein, schrieb er nach seiner Ausweisung 1975 in „Die Eiche und das Kalb“.

Vor kurzem führte der Petersburger Schriftsteller Daniil Granin Klage über das neuerliche Verschwinden der russischen Intelligenzija, die in den sechziger Jahren – vor allem „aus der Physik und später der Biologie“ – entstanden sei, als diese Spezialisten für die Macht wichtiger als die Beamten und sogar das Militär wurden. Für Granin ist die Intelligenzija ein „sozialer Begriff“, im Gegensatz zur westlichen „Intelligenz“, der ein „Persönlichkeitsbegriff“ sei, „fast ein Beruf“. Granin schrieb mehrere Romane über die „wissenschaftliche Sowjetintelligenz“, die sich mit der Industrialisierung und dem raschen Ausbau des Bildungswesens zu einer Art Mittelschicht entwickelte.

Der Sozialismus begünstigt „in seiner entwickelten Form“ – laut George Orwell – „sowieso eher die Mittelschicht als das Proletariat“. Aus Emigranteninterviews zog der US-Slawist Barber 1988 den Schluß, daß die „sowjetischen Arbeiter“ die offizielle Ideologie weit weniger verinnerlicht hätten als die „Intellektuellen“. Jetzt bildete sich seit 1992 im Zusammenhang mit der Reprivatisierung eine neue russische Mittelschicht heraus. Der ehemalige amerikanische Arbeitsminister Robert Reich nennt diesen – globalen – Mittelschichtstypus „Problemfinder“ beziehungsweise „-löser“. Dazu zählt er Werbetexter, Filmer, Pressesprecher und Journalisten, aber auch Broker, Gentechniker, Programmierer und so weiter. Diese dynamisch charakterlosen „Projektemacher“ neuen Typs bilden für ihn das glückliche Fünftel der neuen postsowjetischen Weltgesellschaft: die einzigen Gutverdiener. Die neue russische „Mittelschicht“ hat darin zwar weder Arbeitslager noch Psychiatrisierung zu befürchten, mit den ihr vorangegangenen aber noch dies gemeinsam, daß sie ständig von der Emigration versucht wird.

Granin beklagt den anhaltenden Massenexodus in den Westen. Wolf Lepenies „prognostizierte“ 1992 bereits, „daß in Europa zwei politische Kulturen aufeinanderstoßen“ werden – „auf seiten der armen Länder Intellektuelle mit hohem moralischem Kredit, aber ohne ausreichende Expertise, auf seiten der reichen Länder dagegen Fachleute mit hervorragender Expertise, die an moralischen Problemen nur mäßig interessiert sind“. Lepenies‘ karrieristische „Fachleute“ dürften mit den Reichschen „Problemlösern“ identisch sein, die Granin westliche Berufsintellektuelle nennt.

Wohingegen die „armen Intellektuellen“ nichts anderes als die sich immer wieder von Puschkins „ironischer Poesie“ (Jossif Brodsky) inspirieren lassende „Intelligenzija“ sind. Aus der Pierre Bourdieu neuerdings wieder eine „Front“ machen möchte! Ich vergaß zu erwähnen, daß schon Zola sich stark von Tschernyschewski beeinflussen ließ. Isaiah Berlin hielt dessen Intelligenzija gar für „den größten russischen Beitrag zum sozialen Wandel in der Welt“.

Der Westberliner Lepenies sorgte sich 1992 um die west-„europäischen Intellektuellen“. Im selben Jahr fürchtete der Ostberliner Volker Braun um die östliche „Intelligenzija“ – in einem Essay zur Neuherausgabe von Dostojewskis Puschkin-Rede, die dieser 1880 gehalten hatte: anläßlich der Einweihung des Puschkin-Denkmals, wo nicht zufällig ab 1980 auch die ersten Moskauer Protestdemonstrationen begannen. Volker Braun sah von Puschkins „Onegin“ über Trotzki bis zu Gorbatschow die „Verwirklichung“ ein und desselben „literarischen Typs“ am Werk, die für ihn gleichzeitig seine „Heraustreibung“ war. Vielleicht ist die politische oder wirtschaftliche Verbannung für die Intelligenzija am Ende wesentlich? Sibirien wäre demnach ihr Genius loci. Und Paris bloß so lala!

Postsowjetische True Crime Stories

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es bei der Privatisierung zu heftigen Verteilungskämpfen: Bandenkriege und Auftragsmorde. Gleichzeitig entstanden neue Zeitungen, die sich mit nichts anderem als „Sex & Crime“ befaßten. Außerdem machten eine Reihe neuer Krimi-Autoren von sich reden, die auf diese „neuen Erscheinungen“ reagierten.

Gleich der erste soeben auf deutsch erschienene Band der russischen Krimiautorin Alexandra Marinina, „Auf fremden Terrain“, befaßt sich mit der Mafia – in einer Kleinstadt, wo sie mit der mafiösen Kommunalverwaltung sowie mit einer Rehaklinik-Verwaltung kohabitiert bzw. kollidiert. Der Aufklärer ist eine dort kurende Moskauer Milizionärin namens „Anastasija“. Auch die Autorin war bis vor kurzem noch ein Oberstleutnant der Miliz. Ihre ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte sie in der Hauszeitung des Innenministeriums. Inzwischen verkauften sich ihre bisher 20 Krimis über 13millionenmal. Die Bestsellerautorin lebt nunmehr von ihrem Schreiben, ebenso ihr Agent Natan Sablozkis, der zuvor – im Dienst – ihr Vorgesetzter war.  Der Berliner Argon-Verlag hätte jedoch besser nicht gleich derart mit der Wurst zur Speckseite geworfen – und mit Marininas Mafia-Fall begonnen, denn eigentlich sind ihre Täter gerade keine der hierzulande ebenso beliebten wie gefürchteten russischen „Mafia-Typen“, sondern einfache Menschen – Mörder wie du und ich quasi: WK-Zwo-Veteranen, für den Polizeidienst Untaugliche und frustrierte Ex-Generäle… Der Spiegel zählte sie gerade alle auf, und trug damit das Seinige zum Erfolg der Krimis von Marinina – nun auch in Deutschland – bei. Nötig hätten diese es nicht. Denn die Autorin, die ihrem Alter ego Anastasija erlaubt, sich nebenbei noch mit Englischübersetzungen ein Taschengeld zu verdienen, zieht auch bei ihren restlichen Romansträngen alle angloamerikanischen Register. Diese Westanpassung macht ihre Bücher hier eher überflüssig – im Gegensatz zur sonstigen russisch-sowjetischen und postsowjetischen Bullenprosa, die wahrscheinlich einmalig ist, auch und gerade in ihrer wüstesten Romantik.

In vorrevolutionären Zeiten gab es zwar das Genre nicht, aber sehr viele russische Schriftsteller, die sich aufgrund ihres gesellschaftlichen Engagements verpflichtet fühlten, über Kriminelle, ihre Taten und ihre Behandlung durch die Staatsmacht zu schreiben. So wurde oftmals aus einer kleinen Gerichtsmeldung ein dicker Roman. Bei Dostojewski beispielsweise, der dann sogar seinen sibirischen Gefängnisaufenthalt dazu nutzte, um Verbrecher zu studieren. Die wohl gründlichste Gefängnisforschung stammt von Tschechow: „Die Insel Sachalin“. Mit der Zeit wuchs sich dies zu einem eigenen (Sibirien-)Genre aus, das noch längst nicht abgeschlossen ist. In den USA gibt es bereits das Genre „Sibirien-Krimi“ und sogar „Hollywood heads for Siberia“, wie das Fachblatt Moving Pictures vermeldet. Es bleibt dort jedoch alles beim alten: „Der Russe ist immer der Böse.“  Bereits mit Beginn der modernen russischen Literatur, d.h. seit Puschkin, gibt es eine große Sympathie der Intelligenz mit den Kriminellen, denen auch das Volk zu keiner Zeit sein Mitgefühl entzog. Dadurch kam es zu ihrer ebenso fatalen wie falschen „Romantisierung“ – wie Solschenizyn meint. Mit der Revolution wurde daraus – mindestens bis in die fünfziger Jahre – eine Art Staatsdoktrin: Für die Avantgarde des Proletariats waren die Kriminellen als Subproletariat „Klassennahe“, während die (revolutionäre) Intelligenz bald zu den Klassenfeinden zählte. Die Folge war, daß sich die mit den Bolschewiki sympathisierenden Schriftsteller, wollten sie nicht verfolgt und vernichtet werden, auf die Seite des Staates und seiner Sicherheitsorgane schlugen. Gleichzeitig schafften es viele der übelsten Verbrecher, umerzogen, als KGB-Lagerwächter und sogar -Offiziere Karriere zu machen. Während Zigtausende von politischen Gefangenen in den Gefängnissen und Lagern noch hinter den debilsten Totschlägern rangierten.

Die Organe verfolgten nicht nur die Dichter und ihre Leser bis in die geheimsten Rezitationen – und schufen sich dafür einen entsprechenden (wissenschaftlichen) Apparat, sie sonnten sich und ihren revolutionären Eifer auch immer wieder gerne im Lichte großer Literatur. Außerdem fühlten sie sich auch immer wieder herausgefordert, ihren Alltag selbst schriftstellerisch zu „bewältigen“. Heraus kamen dabei schreckliche Sammelbände – mit Titeln wie „Schild und Flamme“, „Blumen und Stahl“, oder Tschekisten-Memoiren à la „Ein Leben in Gefahr“ (von Tewekeljan). Bis heute gibt es aber auch aller Ehren werte Schriftsteller, die einmal Wächter in irgendeinem Lager waren. Der leider gerade (in der amerikanischen Emigration) gestorbene Sergej Dowlatow („Die Unsren“) beispielsweise.  Seit der Entlassung der letzten politischen Häftlinge und der Reduzierung von Arbeitsplätzen besinnt man sich in Rußland wieder mehr auf den Resozialisierungsgedanken – derart, daß inzwischen ab einem bestimmten Dienstgrad jeder in einer Vollzugsanstalt Beschäftigte nebenbei noch Sozialwissenschaften bzw. Philosophie studieren soll. Mit der Folge, daß es inzwischen wohl nirgendwo so viele schreibende Uniform- und Geheimnisträger gibt wie in Rußland.  Dies ist auch Ausdruck eines anderen Verhältnisses von privat und öffentlich. So fiel einem KGB- Überläufer (Spezialist für Computercodes), den man 1994 in einer Münchner CIA-Siedlung versteckte, vor allem auf, daß sich dort die Amerikaner so benahmen, als würden sie alle normale Angestellte einer stinknormalen Firma sein, die sich abends mäßig im Hofbräuhaus oder in Schwabing amüsierten und morgens müde ins Büro schleppten. In der Sowjetunion legen die Organe dagegen nach wie vor eher Wert auf Isolation: Die Welt wimmelt von Spionen – was zusammen mit dem Verrat dann auch ein breites Genre wurde. Derzeit durchaus induktiv selbstaufklärerisch: So veröffentlichte unlängst ein anderer „Überläufer“, der Bruder des Regisseurs Nikita Michailkow, in München unter Pseudonym heiße „KGB-Insiderstories“ – auf deutsch.

Zwar gab es in der Sowjetunion stets von oben durchorganisierte Massenverhaftungskampagnen – gegen Bummelei und Hooliganismus etwa -, aber die kleinen quasi Einzelfälle waren ansonsten das tägliche Brot der Miliz (der Polizei). Zu Anfang – im Bürgerkrieg – wurden allerdings aus Kriminellen immer wieder konterrevolutionäre Banden – und umgekehrt. Auch und gerade die wachsame Miliz blieb von diesem „Paradigmenwechsel“ nicht verschont. Sehr schön schildert dies der sibirische Journalist Pawel Nilin, dessen Bücher „Ohne Erbarmen“ und „Der Kriminalassistent“ in den fünfziger Jahren auf deutsch erschienen: „Sozialistischer Humanismus mit Action“, wie es in einem Literaturlexikon heißt.  Ab Mitte der zwanziger Jahre entstand aus solchen – die Probleme der revolutionären Moral behandelnden – Miliz-Romanen parallel zu der von oben wieder zugelassenen Marktwirtschaft (Neue Ökonomische Politik – NEP – genannt) für einige Zeit so etwas wie ein eigenes Krimigenre. Seine Helden waren Schieber, Spekulanten, Zuhälter bzw. die diesen neuerlichen „Augiusstall“ säubernden Fahndungsbrigaden: Abschreckungsliteratur. Den Anstoß hierzu gab anscheinend Nikolai Bucharin, der in der Prawda 1923 wiederholt einen „roten Pinkterton“ gefordert hatte. Die Philosophin Marietta Schaginjan veröffentlichte daraufhin eine Groschenheftserie „MessMend oder die Yankees in Leningrad“. Die Cover-Collagen gestaltete Alexander Rodtschenko. Fast zeitgleich wurde Schaginjans Krimi in der deutschen Roten Fahne nachgedruckt, deren Leser jedoch über die chaotisch-ironische Destruktion des beliebten US-Kolportage-Genres durch die sowjetische Autorin not amused waren. Von ähnlich phantastisch-groteskem Kaliber war dann der Kollektiv-Krimi „Die großen Brände“, an dem sich 25 Autoren (u.a. Babel, Grin, Fedin, A. Tolstoi, Soschtschenko und Kolzow) beteiligten.

Spätere Krimischreiber siedelten ihre Handlung immer wieder in dieser guten alten Verbrecherzeit an. Beispielsweise der Komsomol- Funktionär Nikolai Sisow in: „Was soll ich mit einer Million?“ Der Roman erschien hier 1976, er beschwört die NEP-Gestalten wie Schatten der Vergangenheit herauf. Ebenso der 1978 in der DDR – in der Reihe „Spannend erzählt“ – veröffentlichte Roman „Der Schuß“ des jüngst verstorbenen Anatoli Rybakow. Wenn es um das kontemporäre Verbrechen ging, neigte man jedoch – schon bald nach der NEP – dazu, das Problem von Schuld und Sühne wieder losgelöst von allem Fahndungsdruck zu diskutieren. In „Die Abrechnung“ von Wladimir Tendrjakow bekennen sich z.B. alle Zeugen gegenüber dem ermittelnden Milizoffizier als „schuldig“ – um anstelle des jugendlichen Mörders bestraft zu werden!  Solche gleichsam ins Philosophische abdriftende Romane trugen dazu bei, im Westen die Meinung zu verbreiten, im Osten seien echte Krimis verboten, weil man dort davon ausgehe, mit dem Kommunismus werde jedwedem Verbrechen der Boden entzogen. Solschenizyn rühmte jedoch gerade Tendrjakow – vor allem wegen seines Romans „Drei, Sieben, As“, weil der es – vielleicht als einziger russischer Schriftsteller – verstanden habe, „erstmals einen Unterweltler ohne Anhimmelung und Rührseligkeit zu zeichnen und dessen innere Widerwärtigkeit aufzudecken“.  Mit der Perestroika rächte sich aus der Sicht des Volkes das „Bündnis“ der Bolschewiki und insbesondere des KGB mit den Kriminellen. Die im Zuge der Privatisierung eingeleitete Zweite NEP schuf in den neunziger Jahren mit den Neuen Russen, dem Busineß und der Mafia die realen Bedingungen für eine neue Krimikonjunktur. Von den in dieser Zeit entstandenen „Thrillern“ wurden viele sofort zu Bestsellern. Noch immer zeugen zahlreiche Spezialzeitschriften und TV-Sendungen von dem großen Interesse der Russen an allem Kriminellen. Die neue, jetzt gerade mit der ökonomischen Krise wieder eingestellte Literaturzeitschrift Puschkin widmete ihre letzte Ausgabe diesem Thema.

An erster Stelle wird dort der Krimiautor Daniil Koretzky (48) erwähnt, ihm gelangen bereits sieben Bestseller. „Der schreibende Oberst“ (bei der Miliz) ist noch immer im Dienst: Seine Romanideen fallen ihm beim Marschieren auf dem Exerzierplatz ein, behauptet er. Seine Plots gelten als „dynamisch, lebensnah“ und beweisen überdies „große Materialkenntnis“. Von seinen Büchern – beginnend mit „Antikiller“ 1 und 2 – verkaufte er bisher über 2 Millionen Exemplare.  Koretzky sieht sich dennoch weniger als Schriftsteller denn als „Diener des Systems“. Den Schriftstellern wirft er vor, sie würden nicht verstehen, was derzeit wirklich vor sich geht – draußen im Land! Da er z.B. davon ausgeht, daß inzwischen die russischen Bezirksgerichte sämtlichst von der Mafia kontrolliert werden, fordert er, die Armee solle die Kriminalprozesse führen – mit maskierten Richtern. Den Vorwurf der Kritik, sein Roman über die Todesstrafe – „Vollstreckung“ – sei allzu „kafkaesk“, konterte Koretzky resolut: „Nein, so ist das Leben!“

Auch der zweite von Puschkin porträtierte prominente Krimi- Autor Sergej Alexejew (45) ist quasi vom Fach: Er war Untersuchungsführer bei der Kriminalpolizei. Nachdem man ihn wegen Alkoholismus entlassen hatte, wurde er Schriftsteller. Seinen 700-Seiten-Schmöker „Der Schatz von Walkirij“, der sofort 50.000mal verkauft wurde, bezeichnete die Kritik als „philosophisch-ethnographischen Action-Roman“. Der Autor, der angeblich große Ähnlichkeit mit seinem Protagonisten hat, schuf damit einen „Kulturmythos à la Castaneda“. Die riesige Resonanz auf diese „Romantik“ war bisher echter Literatur vorbehalten, klagte Puschkin. Es geht darin um die Zukunft Rußlands, die von einer unsterblichen neuen Komintern, die sich in Ural-Katakomben fit hält, gesichert werden soll.  Zu Alexejews Lesungen erscheinen immer wieder Fans, die sich persönlich für die Walkirij-Auserwählten halten bzw. bereits in besagtem „Untergrund“ leben. Der Autor ist inzwischen selbst von dieser Realität zweiter Ordnung derart überzeugt, daß er neulich schon auf dem Moskauer Flughafen mit Waffen und Munition im Gepäck verhaftet wurde.  Ähnlich erging es auch dem Philosophen Anatoli Koroljow (50), der angesichts der boomenden Krimiliteratur seiner Zeitschrift Snamja (Das Banner) vorschlug, auch einmal einen „Thriller“ zu schreiben. Gesagt, getan. Nur lehnte die Redaktion dann überraschend sein Manuskript – mit dem Titel „Thriller“ – ab. Koroljow suchte sich einen neuen Verlag. Er fand zwei merkwürdige, aber seriöse Geschäftsleute – mit einem Verlag, in dem bisher nur ein Buch erschienen war: über eine Makarow-Pistole!

Kurz vor der öffentlichen Präsentation seines Thrillers fragten sie den Autor, ob er etwas dagegen hätte, wenn die Party in KGB-Räumen stattfände. „Nein, im Gegenteil!“ meinte Kariljow, der nun gespannt ist, ob – und wenn ja, wie – sein Krimi sich immer mehr in die russische Realität rein verlängert.  Der in Berlin lebende Schriftsteller Wladimir Kaminer meint: „Eine revolutionäre neue Ordnung zu schaffen, das ist schon immer eine genuin künstlerische Tätigkeit gewesen, und daraus erklärt sich auch die enge Verbindung zwischen Bolschewiki und Künstlern, seit Dscherschinski.“ Zu dem käme noch hinzu, daß die Miliz, generell alle „Menschen in Uniform“, in der Sowjetunion stets im „Mittelpunkt der Gesellschaft“ standen. Diese Leerstelle hätte nun die Mafia besetzt, der deswegen alle Aufmerksamkeit gelte. Dies könnte u.a. auch den Krimi- Boom erklären.

Die berühmteste russische Leiche

Es ist eine Schande, daß zu Lenins 75. Todestag, er starb am 21. Januar 1924, nur ein einziges Buch erschienen ist. Und das befaßt sich ausgerechnet mit dem Drum und Dran der Einbalsamierung seiner Leiche. Immerhin, diese Geschichte ist ziemlich instruktiv. Der Autor, Ilya Zbarski, hatte als Sohn und Mitarbeiter des späteren Leiters des Lenin-Mausoleum-Laboratoriums, in dem zuletzt über hundert Wissenschaftler tätig waren, privilegierten Zugang zu diesem gruseligen Kultzentrum des Staatskommunismus. Freilich durfte er bis heute die wichtigsten Aufzeichnungen seines Vater, Boris Iljitsch Zbarski, nicht einsehen.  Das Mausoleums-Laboratorium ging aus einer Initiative des Ausschusses für die Verewigung des Andenkens an Lenin hervor, der sich erstmalig am 5. März 1924 unter dem Vorsitz des KGB-Chefs Felix Dserschinski zusammensetzte. Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion wurde es samt Leiche ins sibirische Tjumen ausgelagert und nach dem Krieg zügig zu einem „Weltzentrum der Einbalsamierung“ ausgebaut. Das heißt: Im Anschluß an die Konservierung der Leiche Stalins präparierten die Mitarbeiter des Laboratoriums auch die Kommunistenführer Georgi Dimitroff (Bulgarien), Tschoibalsan (Mongolei), Ho Chi Minh (Vietnam), Agostinho Neto (Angola), Lindon Forbes Burnham (Guyana) und Kim Il Sung (Nord-Korea) nach Art der ägyptischen Pharaonen: für die Ewigkeit.

„Er trägt eine Uniform, und die eine Hand ist leicht zur Faust geballt. Selbst noch im Tode ist er der Diktator“, schreibt der junge Nehru 1929 nach einem Besuch im Lenin-Mausoleum.  Nachdem ihnen 1991 achtzig Prozent ihres Jahresbudgets gekürzt wurden, empfahl der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow dem Laboratorium, sich mit einem „Ritual Service“ halbwegs selbständig zu machen, also auch Einbalsamierungsaufträge von eher antikommunistischen Neureichen anzunehmen: „Angesichts der rasant ansteigenden Kriminalität – 25.000 Morde allein im Jahr 1996 – kam der Vorschlag wie gerufen“, schreibt der Autor, der heute – als 85jähriger – nicht mehr beruflich tätig ist. Die optische Wiederherrichtung dieser Privatverbrecher kostet – je nachdem, wie übel sie zugerichtet beziehungsweise zerschossen wurden – zwischen 1.500 und 10.000 Dollar. Im Gegensatz zu Lenin, der bis heute regelmäßig Balsambäder bekommt, werden ihre Leichen jedoch nicht dauerhaft konserviert, sondern nur für die Beerdigung präpariert. Anschließend kommen sie in Luxussärge, die Ritual Service ebenfalls im Angebot hat. Die Preise dafür schwanken zwischen 5.000 Dollar für einen Holzsarg made in USA und 20.000 Dollar für eine russische Kristallglasversion.

Zur Verewigung der Gangster dient heute eine neue Grabsteintechnik. Dabei wird ihr überlebensgroßes Foto auf eine bis zu drei Meter hohe Granit- oder Malachitplatte gelegt und mit einem Spezialverfahren eingraviert. Die islamischen Banden (etwa in Jekaterinburg) bevorzugen Doppelporträts – auf beiden Seiten des Steins. Rund 65.000 Dollar zahlen sie dafür. Das Gravurverfahren geht auf den in San Francisco lebenden Russen Leonid Rader zurück. Die Regisseurin Kira Rejk drehte einen Film über seine Kunst: „Art in Stone“. In der letzten Nummer der Moskauer Literaturzeitschrift NLO (33/98) versuchte Olga Matich eine erste kulturhistorische Würdigung dieser russischen Verewigungskultur – vom Bolschewistenführer Lenin bis zur postsowjetischen Mafia. Letztere rekrutiert sich vor allem aus ehemaligen Profisportlern, Bodybuildern, Soldaten und Ex- KGBlern. Statt mit Orden sind sie mit „Emblemen des schnellen Abgangs“ ausgestattet – auf ihren Grabsteinporträts: Mercedes- Schlüssel, Handys, Markenturnschuhe. Olga Matich nennt das „Fotorealismus“, Ilya Zbarski spricht von einer Verewigung ihrer Alltagssituation: „Sie tragen meist einen Adidas-Trainingsanzug, die obligatorische Arbeitskleidung der russischen Mafiosi.“  Handelte es sich um einen Anführer oder Brigadier, bleibt er es auch als Toter so lange, bis sich in der Bande ein neuer herausgemendelt hat. An seinem Geburtstag und an seinem Todestag werden große Gelage am Grab veranstaltet – mit bis zu „mehreren tausend Personen“, schreibt Zbarski, der anscheinend bei der Begräbnisfeier des Jakaterinburger „Paten“ der Zentralnije-Bande, Oleg Wargin, dabei war. Dieser ganze kostspielige Auferstehungsaufwand soll bewirken, daß der Betreffende über seinen Tod hinaus „große physische Kraft und ökonomische sowie politische Macht ausstrahlt“ – für seine Gegner ebenso wie für seine Bande beziehungsweise Partei. Es spricht einiges dafür, daß auch noch der letzte „Men in Sportswear“ (MiS) ein bis in den Tod treuer Leninist gewesen ist: Bereits unter Andropow wurden von verschiedenen ZK-Braintrusts Szenarien ausgearbeitet, die den Machterhalt der Parteielite in einer vom „neuen Denken“ bestimmten sozialistischen „Transformationsperiode“ gewährleisten sollten.  Das dann von Gorbatschow favorisierte Szenarium sah eine „Umwandlung des Kollektivbesitzes der Nomenklatura in Privatbesitz ihrer einzelnen Mitglieder“ vor, wie der ehemalige ZK-Mitarbeiter Jewgeni Nowikow 1994 in New York berichtete.

Die drei sich nun bekriegenden Jekaterinburger Banden befaßten sich mit Edelmetallhandel. Den bisher teuersten Verewigungsluxus leistete sich laut Ilya Zbarski der Präsident der größten russischen Erdölgesellschaft, Lukoil, Wagit Alekperow, bereits zu Lebzeiten: Für 250.000 Dollar ließ er sich ein Mausoleum in Form des Tadsch Mahal bauen. Auch sein Grabsteinporträt darin ist bereits fix und fertig. Wenn Lenins Leiche längst zu Staub zerfallen ist, wird es noch wie neu aussehen: die Gravurtechnik soll angeblich 20.000 Jahre halten.  Lenin wird derzeit quasi ehrenamtlich balsamisch versorgt: Ein „Mausoleum-Fonds“ ermöglicht es, daß zweimal wöchentlich eine zwölfköpfige Wissenschaftlerbrigade anrückt, um die notwendigen Restaurationsarbeiten an seiner Leiche durchzuführen. Sie tauschen mal hier einen Fuß und mal da eine Hand aus, wird behauptet. Sein schon 1924 entferntes Gehirn soll angeblich ein Wissenschaftler in seiner Aktentasche nach Amerika verschleppt haben, um es dort zu versilbern. Ilya Zbarski äußert sich darüber nicht. Trotz der Privilegien, die er „in all den Jahren im Schatten und im Schutz des Mausoleums genoß“, plädiert er nun dafür, Lenins Überreste, die eigentlich nur noch aus Kopf und Schwanz bestehen können, endlich „zu beerdigen“.

„True Crime Storis“ im Angebot

Bei „Taschen“ gibt es ein Buch über  „True Crime Detective Magazines 1924-1969“, herausgegeben von Eric Godtland, der Verlag schreibt dazu:

Auf dem Höhepunkt des Jazzzeitalters, als die Prohibition einfache Bürger zu Kriminellen und einfache Kriminelle zu Berühmtheiten machte, wurden Amerikas Detektivhefte geboren. „True Detective“ kam 1924 zum ersten Mal heraus. 1934, als die Große Depression einige spektakuläre Verbrecher wie Machine Gun Kelly, Bonnie und Clyde, Babyface Nelson und John Dillinger hervorgebracht hatte, war die Zeitschrift so berühmt, dass bekannte Cops und Kriminelle gleichermaßen darum buhlten, sich auf den Seiten der Hefte wieder zu finden.  Sogar FBI-Chef J. Edgar Hoover schrieb regelmäßig für das Magazin. Als Alkohol wieder legal, die Depression vorüber, all die berühmtberüchtigten Kriminellen tot oder hinter Gitter und die Verkaufszahlen rückläufig waren, wandten sich die „Detectives“ der „Sünde“ zu, um die Umsätze wieder anzukurbeln. Aufreizende, böse Mädchen in engen Pullovern, geschlitzten Röcken und Pfennigabsätzen schmückten das Magazin und von den Titelseiten rief es „Sexgewohnheiten weiblicher Killer“ oder „Die Schlampe hat mich reingelegt“ oder kurz und knapp „Böse Mädchen“.  Hunderte von Cover- und Innenteilseiten erzählen eine über fünf Jahrzehnte währende Geschichte, die aber nicht nur von Verbrechen handelt, sondern auch von Amerikas Einstellung zu Sex, Schuld und Sühne. Mit Texten des Zeitschriftensammlers Eric Godtland, George Hagenaur und des True Detective-Herausgebers Marc Gerald gewährt „True Crime Detective Magazines“ einen unterhaltsamen Einblick in eine der außergewöhnlichsten publizistischen Nischen.

Was ist überhaupt eine „True Crime Story“?

Auf den Webseiten von „telepolis“ (www.heise.de) hat Stefan Höltgen einen Text mit dem Titel „Mehrwert Authentizität: ‚True Crime'“ veröffentlicht:

Zeitgleich mit der Zunahme fantastischer Sujets in der Literatur und dem Kino findet in den letzten Jahren eine formale wie inhaltliche Hinwendung zum Authentischen im Kriminalgenre statt – also scheinbar in die genau entgegengesetzte Richtung. Die Verfahren, mit denen Morderzählungen als „wahr“ inszeniert werden, gleichen sich dabei medienübergreifend und sind nicht immer allein auf den Effekt aus.

„Die folgende Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.“ Ein Versprechen, das es gibt, seit erzählt wird: Der Autor des Werks verbürgt sich für die Authentizität des Erzählten und das aus ganz verschiedenen Motivationen: Zum einen steckt dahinter der Versuch einer Entgrenzung von Fiktionalität und Wahrheit. Wenn das, was man sieht oder liest auf etwas beruht, das „wirklich passiert“ ist, dann wird – zumindest bei Kriminalerzählungen – damit ein Mehrwert produziert, der sich allein durch stilistische Verfahren nicht erreichen ließe.  Das Leben wird zum Koautor. Zum anderen mag sich hinter der Authentisierung auch der Anspruch verbergen, die außerfiktionale Realität greifbarer und verstehbarer zu machen. Die Kunst imitiert dann die Wirklichkeit, um dem Rezipienten modellhaft oder aus der jeweiligen Perspektive des Autors eine Erklärung dafür zu bieten.

Der eine wie der andere Grund für die Authentisierung des Fiktionalen birgt Schwierigkeiten. Woher weiß ich als Leser oder Zuschauer, dass das Versprechen der Wahrheit kein Trick ist? Und woher weiß ich, dass der Versuch des Autors, uns „seine“ Sicht der Welt zu präsentieren, aufrichtig ist?

Das Eine wie das Andere lässt sich nicht ohne Weiteres belegen. Immer ist Erzähltes konstruiert, selbst wenn es Versatzstücke der Wirklichkeit montiert, gerät eine artifizielle Leistung (die Auswahl und Montage des Materials) mit hinein. Nie kann man sich über die so genannte Intention des Autors sicher sein, weil der Versuch sie zu ergründen notwendigerweise über den Weg der Interpretation geht, die selbst eine Wahrheit produziert, nämlich die des Lesers, die nicht weniger wiegt als die des Autors. Letztlich steht der Rezipient vor jeder „wahren Geschichte“ wie vor jeder „unwahren“.  Von dieser Warte aus betrachtet wäre es daher sinnvoll, Authentizität weniger als ein ontologisches denn als ein ästhetisches Phänomen zu behandeln – eine Meinung, wie sie sich in den letzten Jahren in den Geisteswissenschaften durchgesetzt hat. Authentizität wäre demnach ein Effekt, der im Rezipienten den Eindruck von „Wirklichkeit“ evozieren soll. Zu den Authentizitätssignalen gehören solche Prätexte wie jener zu Beginn dieses Artikels, Angaben, die explizit auf die Wahrheit des Gezeigten insistieren, auf Ort und Zeit des Geschehens verweisen usw. Daneben gibt es Authentizitätsstrategien, das sind all jene Verfahren, die implizit Authentizität suggerieren.  Die subtilsten Authentizitätsstrategien nutzen die Mediensozialisation des Rezipienten und produzieren Wirklichkeitseffekte dadurch, dass sie bestimmte Genreeigenschaften, die mit dem Anspruch „authentisch“ zu sein auftreten, kopieren. Hierzu zählen im Film etwa der Einsatz von Schwarzweiß (das durch seinen stilistischen Kontrast zum mimetischen Farbeinsatz häufig für distanzierte Berichterstattung genutzt wird), verwackelte Kamera und fehlerhafte Bilder (die vom Inhalt ablenken und auf das Medium aufmerksam machen), Mise-en-abyme -Techniken, die die Welt des Zuschauers/Lesers (etwa durch direkte Ansprache) scheinbar in die Erzählungen integrieren, und Verfahren der Intertextualität – beides recht gut an den postmodernen Krimiromanen von William J. Reynolds nachzuvollziehen.  Gerade letzteres Verfahren ist besonders subtil, weil die zitierende Erzählung dadurch, dass sie andere Erzählungen zitiert, sich selbst ontologisch über diese begibt und dem Leser/Zuschauer dadurch suggeriert, er befände sich auf Augenhöhe mit dem Erzähler und blicke mit diesem Zusammen auf den Fundus der Zitatquellen hinab.

In gewisser Weise ist jede fiktive Geschichte immer auch von der Realität, in der sich der Autor befindet, beeinflusst. Vor allem Kriminalerzählungen aber pflegen von jeher ein besonders inniges Verhältnis zur kriminalhistorischen Realität.

Ob Schiller in seiner Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre – Eine wahre Geschichte“ (1785/92) auf den verbrieften Fall des „Sonnenwirts“ Friedrich Schwan rekurriert, ob Marie Beloc Lowndes den ihrerzeit nahe liegenden Jack-the-Ripper-Fall für eine findige Gesellschaftsbeschreibung in „The Lodger“ (1913) nutzt, ob Truman Capote seine „Tatsachenromane“ (etwa „In Cold Blood“, 1966) auf Zeugenaussagen und Interviews stützt oder ob Joyce Carol Oates in „Zombie“ (1997) den Jeffrey-Dahmer-Fall adaptiert: Stets ist es die außerfiktionale Wirklichkeit, die die Stoffe hierfür geliefert hat, und mal mehr, mal weniger detailliert verarbeitet wird.

Allein schon bei der Betrachtung dieser wenigen Beispiele zeigt sich eine Bewegung, die sich vielleicht als „fortschreitende Hyperrealisierung“ beschreiben ließe: Der fiktionale Anteil der Erzählungen nimmt gegenüber den faktenbasierten Aufarbeitungen immer geringeren Raum ein.  Am Ende dieser Entwicklung steht ein Kriminalsubgenre, das sich gerade in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit zu erfreuen scheint: True Crime. Etliche kleine Verlage haben sich in immer weiter auswuchernden Reihen kriminalhistorischer Fälle angenommen, die nun in einem Reportage-Pitaval-Roman-Hybrid aufbereitet in die Krimiabteilungen der Buchläden geraten. Überproportional ist dabei die Beschäftigung mit Serienmördern, die aus verschiedenen Gründen ( vgl. „Killer-Kulturen im Vergleich“ – http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20317/1.html) die größte Medien-Affinität zu haben scheinen.  So führt etwa der Leipziger Militzke-Verlag eine Reihe „Authentische Kriminalfälle“, die im Herbst um zwei weitere Bände erweitert wird. In der jüngeren Vergangenheit wurde dort von Kathrin Kompisch und Frank Otto ebenfalls eine zweibändige Zusammenstellung von Fällen der deutschen Serienmord-Kriminalgeschichte publiziert („Bestien des Boulevard“ & „Monster für die Massen“), die etliche Fälle von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart zusammenträgt, Gemeinsamkeiten darstellt, den Umgang der Presse mit den Fällen nachzeichnet und durch ihr Leitthema einer „kritischen Aufbereitung“ den übergreifenden Zusammenhang stiftet, der aus einer lexikonartigen Fallsammlung erst „Prosa“ zu generieren im Stande ist.

Der Düsseldorfer Droste-Verlag pflegt eine ganz ähnliche Reihe, in der unter anderem der Kriminalist und Kriminologe Stephan Harbort über Serienmörder publiziert. Harbort rückt neben übergreifenden Darstellungen wie in „Das Hannibal-Syndrom“ (2003) auch immer wieder einzelne Täter ins Zentrum seines Schreibens.  So behandelt „Ich musste sie kaputtmachen“ (2004) den Serienmordfall Joachim Kroll und verfolgt die Ermittlungen zu seiner Mordserie, die zwischen 1955 und 1976 die ganze Bundesrepublik in Atem gehalten hat. In diesem Buch geht der Autor besonders trickreich vor, um seine Falldarstellungen in Prosa zu überführen: Er nutzt Montagetechniken, Beschreibungsverfahren und eine schon fast „filmische Schreibweise“. Damit zeigt Harbort, dass ein gewisses Maß an De-Authentisierung eminent für jedwede mediale Darstellung von Realität wie Fiktion ist. Erst wenn Stoffe plotartig aufbereitet, Informationen zielgenau platziert werden und eine Rahmenerzählung klammerartig um die Einzelfälle herumgreift, lässt sich Realität überhaupt „erzählen“.  Mit dieser Ästhetik bedienen die Autoren nicht nur den Wunsch nach authentisierten Stoffen, sondern holen ihre Leser auch dort ab, wo Krimikost heute zumeist goutiert wird: im Kino. Der Trend hin zur „Verfilmung“ kriminalhistorischer Fälle ist auch dort spürbar. Wie in der Literatur hat es im Film von Beginn an kinematografische Aufbereitungen von wahren Verbrechen gegeben (man denke an frühe Beispiele wie die „Jack the Ripper“-Episode in Paul Lenis „Das Wachsfiguren-Kabinett“ von 1924 oder nur sieben Jahre später Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, in den zahlreiche Fakten aus dem Peter-Kürten-Fall einflossen).

Über die Jahrzehnte hin betrachtet hat es auch hier eine deutliche Zunahme solcher Filme gegeben, die vor allem in den letzten 15 Jahren signifikant wurde. Markant ist hier nicht allein die Quantität der True-Crime-Filme, sondern auch die Qualität, also mit welchen Mitteln sie die Fakten der Kriminalgeschichte ästhetisieren. Angefangen bei den Titeln, die mittlerweile mit den zu Markenzeichen gewordenen Namen der in ihnen behandelten Serienmörder werben („Ted Bundy“, 2002, „Dahmer“, 2002, „Gacy“, 2003, …) über sämtliche (und mehr) der hier beschriebenen Authentizitätssignale und -strategien bis hin einem nahezu überbordenden Naturalismus, wenn es um die Darstellung der Verbrecher (vgl. Charlizes Therons Verwandlung in „Monster“) und Verbrechen geht.

Gerade die Gewaltdarstellungen dieser Filme (und auch der Bücher, denken wir an Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ oder Oates „Zombie“) bedingen eine weitere Form der Authentisierung, die sowohl durch optische Verfahren der Annäherung des Blicks an die Wunde als auch durch die Verursachung von Affekten wie Ekel und Schock die Distanz des Rezipienten zum Kunstwerk zusehends schwinden lässt.  Produktionen, wie etwa der 1996 erschienene Film „Funny Games“ von Michael Haneke oder der erst kürzlich in Deutschland reüssierte „Last Horror Movie“ (GB 2003) von Julian Richards versuchen den Betrachter moralisch in das Geschehen zu involvieren, ihn „verantwortlich“ für die Schrecken auf der Leinwand zu machen und ihn letztlich sogar selbst zu bedrohen, wie das Finale von „The Last Horror Movie“ eindrücklich vorführt. Diese Einverleibung des Zuschauers in den Erzählprozess dient jedoch nicht allein der „Publikumsbeschimpfung“ wie bei Haneke oder dem bloßen Experiment wie bei Richards, sondern verfolgt darüber hinaus oft auch eine sehr interessante diskursive Strategie.  Gerade nämlich, wenn ein heiß diskutiertes Thema (wie Medienwirkung) oder kriminalhistorisch berüchtigte Fälle (wie sie spektakuläre Serienmorde darstellen) in den Medien dargestellt werden – sei es in Romanen, Spielfilmen, Reportagen aber auch in den Bericht erstattenden Formaten -, unterliegt deren mediale Transformation auch immer dem Filterungsprozess des Autors, der damit seine je eigene Haltung zum Geschehen wiedergibt.  Dies kann eher zurückhaltend, wie bei Harbort oder Belloc Lowndes, aber auch mit eindringlicher Intention, wie in Langs „M“ oder Matthew Brights „Ted Bundy“ geschehen.

In letzterem Film etwa entwickelt sich zu seinem Ende hin von einer Rape-and-Revenge-Erzählung in einem dialektischen Umschlag zu einem Fanal gegen die Todesstrafe, indem er klarmacht, dass es keine „ausgleichende Gerechtigkeit“ zwischen Tätern und Opfern (bzw. Hinterbliebenen) geben kann. Er konfrontiert den Zuschauer im Finale mit dessen eigenen über den Handlungsverlauf angehäuften Rachegedanken und stellt diese schließlich als ebenso blutrünstig wie die Verbrechen Bundys dar. Und auch hier nutzt der Film authentisierende Ästhetiken zu Verdeutlichung seiner Brisanz.  Während vor dem Hinrichtungsgefängnis in körnigen und verwackelten TV-Bildern Demonstranten gezeigt werden, die „Burn him!“- und ähnliche Transparente in die Luft strecken, nähert sich die Kamera im Hinrichtungsraum bis auf wenige Zentimeter dem vollständig verschnürten und geknebelten Gesicht des Delinquenten und zeigt dessen Tod auf dem elektrischen Stuhl aus nächster Nähe und im grausigen Detail. Schock und Ekel nicht nur vor der Prozedur, sondern auch vor der eigenen Distanz zum Geschehen/Gesehenen übertragen sich auf den Zuschauer.  Im Epilog, der die Exfreundin des Hingerichteten vor dem Fernseher sitzend zeigt, wie sie die Nachrichten über die Hinrichtung gleich einen TV-Krimi verfolgt, bringt der Film seine Agenda auf den Punkt: „Ich kann es einfach nicht glauben. […] Wer war Ted Bundy?“ In der Verdopplung unserer eigenen Zuschauerposition stellt sie sich – konfrontiert mit den authentischen Bildern – dieselbe Frage, die wir uns stellen und die der Film zu beantworten versucht hat.

Poller gehören ebenso wie Sitzbänke zur Straßenmöblierung. Der Berliner Künstler Fabian Brunsing hat sich von den elektronisch versenkbaren neuen Pollern inspirieren lassen bei seiner Arbeit „Pay & Sit: Privatized Benches In Public Spaces“. Dazu heißt es auf der Webseite „http://popupcity.net/2010/06/pay-sit-privatized-benches-in-public-space/“ von Joop de Boer: „To sit on it comfortably, you have to insert a € 0,50 coin. After paying, the pins that prevent people from sitting on the bench will disappear automatically. After a couple of minutes a sound warns the sitter for the end of his/her sitting time, and the pins rise again. Interesting about this ‘Pay & Sit’ bench is that local governments can take big profits from it, and extend control over public space. Perhaps it will be a next step in privatization of public space.“

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/07/07/regionalkrimis_1_true_crime_stories_/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Einen „True Crime“ behandelt die vom „be.bra verlag“ für 2011 angekündigte „fesselnde Geschichte nach einem authentischen Kriminalfall aus der Weimarer Republik“ von Gabriele Stave: „Gefährliches Terrain“.

    Der Roman spielt im Sommer 1923: Drei junge Berliner fahren zu einem Schützenfest ins märkische Rhunow. Da taucht die Ex-Verlobte des einen auf, zusammen mit einem Musiker, der wenig später ermordet wird.

    Der Ermittler stößt schon bald auf „immer mehr Leichen und eine Mauer aus Schweigen.“ Ja, so sind se – die Märker. „Wie unter einem Brennglas scheinen sich die Spannungen der Epoche in Rhunow zu verdichten…“ schreibt der Verlag. Die ganze Epoche in Rhunow. Ist das nicht ein bißchen zu dicke für einen dünnen Regionalkrimi?

    – Der im übrigen 2004 schon einmal rezensiert wurde – von der Preußischen Allgemeinen Zeitung. Da hieß er aber noch „Tödliches Schützenfest. Verzwickter Mord während der sozialen Unruhen der 20er“ und kostete 9 Euro 90. Mit dem Titel „Gefährliches Terrain“ nun 9 Euro 95.

  • In der FAZ stand gestern eine Rezension des Buches von Nicolai Lilin „Sibirische Erziehung“. Es handelt von den „Urki“ – den „Dieben im Gesetz“, wie sie bereits im vorangegangenen „Kommentar“ beschrieben wurden. Hier ein Zitat aus der FAZ-Rezension:

    „Beschrieben werden Sitten und Gebräuche einer Gemeinschaft, in der jeder Junge im zarten Alter von sechs Jahren seine erste Waffe erhält und mit spätestens zwölf ein echter Verbrecher ist, Gefängnisaufenthalte eingeschlossen. Früh müssen die Kinder beim Schlachten der Tiere zusehen, um sich an den Anblick von Blut und körperlicher Gewalt zu gewöhnen. Gleichzeitig herrschen strikte Rollenverteilungen. Jeder Urki-Junge bekommt einen älteren Erzieher, der nicht sein Vater ist. Dieser weist ihn in die Urki-Lebensphilosophie und Praxis ein, zu der angeblich auch gehört, dass man den Reichtum nicht zur Schau stellt und nur tötet, wenn es unbedingt sein muss. Bei Lilin gibt es nur edle Verbrecher, die die Schwachen schützen und Behinderte als heilige Narren verehren und die, auch das gehört zum Ehrenkodex, sich nie einer anderen Macht – etwa der Armee oder der Polizei – unterordnen. Ein Urki darf – siehe Murkas Schicksal – einen Polizisten nicht einmal anschauen, geschweige denn das Wort an ihn richten. Bevor der Held des Buches gegen seinen Willen zur Armee – in den Tschetschenien-Krieg – eingezogen wird, erlernt er wie der Autor die Kunst der Tätowierung, ebenfalls eine Urki-Tradition, die ihm in der Fremde ein Überleben sichern wird.“

  • Der organisierten Kriminalität in der ehemaligen Sowjetunion und danach widmeten sich vor einiger Zeit die beiden JW-Autoren Lili Di Puppo und Nodar Dugladze. Sie ist heute Dozentin in Tiflis und er arbeitet in London, über die taz gab er eine Zeitlang die georgische Zeitung „Iberia“ heraus. Hier ihr JW-Text:

    Direkt nach seinem Amtsantritt hat der neue georgische Präsident Michail
    Saakaschwili der organisierten Kriminalität den Krieg erklärt. Der Kampf
    gegen Korruption – mit dem sich Georgien langsam an die westlichen
    Standards annähern soll – mag für manche Beobachter sehr abstrakt
    klingen. Ähnlich abstrakt wirken solche Begriffe wie »OK«, »georgische
    Mafia« oder »kriminelle Netzwerke«. Allerdings hat sich in Georgien schon einiges getan. Mehrere hochrangige Offizielle
    aus der Schewardnadse-Ära stehen unter Haftbefehl oder befinden sich im
    Gefängnis. Die energische Vorgehensweise der Regierung hat bereits
    Kritiken von Nichtregierungsorganisationen und georgischen Medien wegen
    Menschenrechtverletzungen und dem Verdacht der politischen
    Parteilichkeit hervorgerufen. In diesem besonderen Kampf zielt die neue
    Regierung aber nicht nur auf die Funktionsträger des früheren Regimes,
    sondern auch auf Akteure, die mehr in der Schattenwelt tätig sind, ohne
    deshalb weniger mächtig zu sein. Insbesondere wurde die Stadt Kutaisi
    Schauplatz von mehreren Festnahmen. Dort sind seit je her die
    berüchtigten »Diebe im Gesetz« – im Russischen »vory v zakone« – zu
    Hause. Sie haben lange Zeit den Schutz der Polizei genossen, weil ihre
    Präsenz den in Drogengeschäfte verwickelten korrupten Polizisten in
    vielfacher Hinsicht von Nutzen war. Einige Beobachter betrachten die
    »Diebe im Gesetz« als eine Art Säule des Schewardnadse-Regimes. Der
    frühere Präsident Eduard Shewardnadse pflegte eine besonders enge
    Beziehung zu Figuren der Unterwelt. Ein Blick auf die Geschichte der
    Organisation der »Diebe im Gesetz« kann einiges über ihre prominente
    Rolle in Georgien und ihre komplexe Identität verraten. Sie erzählt auch
    von besonderen, bisher unbekannten Aspekten der sowjetischen Geschichte
    insgesamt.

    Die Sowjetunion wurde von den Dissidenten als eine Hydra bezeichnet. Sie
    durchdrang alle Lebensbereiche. Obwohl im Sozialismus die einzige
    gesellschaftliche Klasse das Proletariat war, existierte doch noch eine
    Unterwelt. Die Unterwelt, die Welt der Außenseiter, die das System
    ablehnten, war in der Sowjetunion aber auch nicht frei von Kontrolle.
    Die Verkörperung dieser Unterwelt war der »vor v zakone« (der »Dieb im
    Gesetz«).

    Diese Gestalt entsprach zugleich der Sehnsucht nach Freiheit und einem
    abenteuerlichen Leben und warf die Schatten des KGB auf die Unterwelt.
    Der »vor v zakone« verkörperte die kriminelle Elite der Sowjetunion.
    Diese geheime Bruderschaft, genannt Diebeswelt (»vorovskoi mir«), besaß
    eine eigene Sprache, einen Ehrenkodex, besondere Rituale, eine
    Hierarchie und eine gemeinsame Kasse. Äußerlich erkannte man einen »vor«
    an seiner Sprache und an seinen zahlreichen Tätowierungen – z.B.
    religiöse Motive, die seinen Glauben ausdrückten. Eine Legende besagt,
    daß die Diebe Jesus Christus selbst Hilfe geleistet hätten: Als Christus
    gekreuzigt wurde, fiel ein Nagel herunter; dieser Nagel wurde von einem
    Dieb geklaut, wofür er von Christus gesegnet wurde. »Fenia« ist die
    verschleiernde Sprache der »vory«, eine Umgangssprache, die Elemente des
    Jiddischen, der Sprache der Roma und der Matrosen aufgenommen hat. Der
    Ehrenkodex, genannt Diebesgesetz, regelte das Leben hinter Gittern.
    Werte und Gesetze, die draußen herrschten, wurden mißachtet; die »vory«
    entwickelten ihre eigene Moral.

    Ein echter »vor« würde nur von gestohlenem oder beim Kartenspiel
    gewonnenen Geld leben – und niemals arbeiten. Er existierte primär für
    seine Bruderschaft und durfte keine Familie haben. Oft waren die »vory«
    auch Waisenkinder, die früh eine kriminelle Karriere begonnen hatten.
    Während einer Initiationszeremonie, die einer christlichen Taufe
    nachempfunden war, erhielt der Kandidat eine Krone und einen Spitznamen
    (»Klitschka«), nachdem er einen Eid geschworen hatte. Damit wurde er als
    »vor« im Gefängnis neu geboren und trat in die Familie der Diebe ein. Je
    länger der »vor« im Gefängnis saß, desto höher wuchs sein Ansehen. Im
    Gefängnis würde er jegliche Arbeit ablehnen und dafür jede Strafe
    riskieren, wie z.B. die Isolationszelle. Solche Ereignisse ließ der
    »vor« dann auf seinen Körper tätowieren und stärkte damit sein Ansehen
    als »Märtyrer«. Der »vor« konnte höchstens eine Brigade bilden, die er
    für sich arbeiten ließ. Die Anwendung von Gewalt war prinzipiell
    verboten und konnte nur im Ausnahmefall kollektiv befürwortet werden.
    Bei seinen Taten durfte sich der »vor« kein Blutvergießen erlauben;
    Gewalt kam nur in Frage, wenn die Ehre des »vor« im Spiel war. Während
    ihrer überregionalen Treffen, der »skhodka«, wurden Urteile nach dem
    Recht der »vory« (»vorovskaia spravedlivost«) gesprochen und
    vollstreckt. Die Solidarität unter den »vory« war in einer gemeinsamen
    Kasse symbolisiert – »obschyak« (»das Gemeinsame«). Der »vor« sollte
    alles mit seinen Brüdern teilen und war an Reichtum nicht interessiert.
    Verschiedene Verbote sollten die Verachtung für den Staat ausdrücken.
    Der »vor« durfte in keiner Weise für die Regierung arbeiten und keinen
    militärischen Dienst leisten. Die Gefängnisverwaltung und der Staat
    waren für die Bruderschaft der »vory« erklärte Feinde. Dennoch kam im
    Laufe der Zeit der »vor« als Ordnungshüter der Unterwelt diesen Feinden
    gerade recht.

    Der Mythos der »vory«, der sich in Filmen, in der Literatur und in
    Liedern, den sogenannten Diebesliedern, verbreitete, wurde vom KGB
    selbst mitgeschaffen. In der Sowjetunion waren alle geneigt, etwas zu
    klauen; man wollte durch die »vory« diese Praxis kontrollieren. Jeder,
    der nicht nach den Regeln der sowjetischen Gesellschaft leben wollte,
    der z.B. nicht arbeitete oder anfing zu klauen, bekam es mit den »vory«
    zu tun. Der »vor« wurde zu seinem Priester. »Vory v zakone« kann man
    auch als Prediger des Gesetzes oder Wächter des Gesetzes übersetzen. Die
    moralische Autorität der »vory«, die normative Kraft dieses Systems, war
    eine Illusion, eine Pseudomoral, und wurde langsam korrumpiert.

    Der Ursprung der »vory v zakone« ist unklar; die Anfänge liegen in der
    Welt der Diebe, die Rußland seit dem 18. Jahrhundert kennt, und später
    in den Moskauer Gilden der Bettler und Taschendiebe. Nach der
    bolschewistischen Revolution von 1917 kam es zu einer ersten Annäherung
    zwischen der Welt der Politik und den klassenbewußten Kriminellen.
    Gemeinsam war den Bolschewisten und den Kleinkriminellen die Verachtung
    für das Eigentum.

    In den 20er Jahren wurde Tbilissi, die Hauptstadt Georgiens, Schauplatz
    spektakulärer Bankraube. Hinter diesen Aktionen und der Vernetzung der
    kaukasischen Region durch Untergrundorganisationen von
    Banditen-Partisanen stand Stalin für die Kassen der bolschewistischen
    Partei in Genf.

    Unter Stalin etablierte sich dann eine regelrechte Kooperation zwischen
    den damaligen sowjetischen Sicherheitsdiensten und den professionellen
    Kriminellen. Die Sicherheitsdienste sahen in ihnen erst einmal ein
    Mittel, um die Disziplin in den überfüllten Gefängnissen und Lagern
    aufrechtzuerhalten und die »Volksfeinde« – gemeint waren damit die
    politischen Häftlinge – zu überwachen. Sie wurden damit in ihrer Rolle
    als kriminelle Elite der Unterwelt, die sich damals den Namen »vory v
    zakone« gab, konsolidiert. Während der sogenannten »sutchja vojna« (dem
    »Krieg der Denunzianten«) in den 50er Jahren versuchte das KGB einen
    Vernichtungsfeldzug gegen die »vory« zu führen, nachdem sich die
    Gefängnisse langsam geleert hatten. Zuvor war es zu Konflikten unter den
    »vory« selbst gekommen, nachdem einige von ihnen von der Front
    zurückgekommen waren, wo sie in der Roten Armee gekämpft hatten. Sie
    hatten – als Kollaborateure – das »Diebesgesetz« verletzt. In diesem
    Kampf verloren jedoch die Puristen, danach wurden ihre Gesetze nicht
    mehr genau befolgt und die Kooperation mit den staatlichen Strukturen
    nach und nach akzeptiert.

    Die »vory« begannen daraufhin, die Gefängniswelt zu verlassen und sich
    über das Land auszubreiten. Sie wurden besonders wirksam in zwei Orten:
    in Rostow-am-Don und in Odessa; Rostow ist bis heute das Mekka der
    Diebe. In einem Diebeslied heißt es: »Rostow Papa, Odessa Mama«. In
    diesen Hafenstädten am Schwarzen Meer, wo täglich schwer zu
    kontrollierende Migrantenströme durchzogen, spielten die »vory« die
    Rolle von Informanten für die Polizei.

    Dann wurden sie von Moskau auf die Sowjetrepublik Georgien angesetzt.
    Bis heute gibt es genauso viele georgische »vory« wie russische, sie
    stellen je ein Drittel der Gesamtzahl. Man wollte die traditionellen
    verwandtschaftlichen Verhältnisse der Georgier zerstören und die dortige
    Schattenwirtschaft kontrollieren. Der georgische Ehrenkodex traf mit
    einem fremden Kodex zusammen. Die Schulhöfe wurden zum ersten
    Einsatzort, wo die »vory« mit ihrer romantischen Ideologie die Jugend
    beeinflussen sollten. Für Prügeleien und in den Beziehungen zu den
    Frauen galten neue Regeln, ihre Sprache, die »fenia«, wurde ins
    Georgische übertragen. Es entwickelte sich eine Schule der Straße. Ab
    dieser Zeit begann aber auch die Korruption des Systems. Der Titel »vor«
    wurde gegen Geld erworben oder in Familien weitergegeben. Die »vory«
    hatten die Rolle eines Konfliktschlichters und eines Vermittlers
    übernommen, sie kontrollierten ganze Stadtviertel. Sie konnten z.B.
    kleine private Unternehmer, die in der Schattenwirtschaft tätig waren,
    erpressen. In Georgien begannen die »vory« auch in der Politik
    einflußreich zu werden: Ein Beispiel ist Jaba Ioseliani, der die rechte
    Hand von Schewardnadse wurde und eine paramilitärische Einheit, die
    »Mkhedrioni«, befehligte. Während einer »skhodka« 1982 in Tbilissi, der
    Hauptstadt Georgiens, verabschiedete man sich von der Regel der
    Nichteinmischung in die Politik. Mit ihrem Ursprung in der Sowjetunion
    bilden die »vory v zakone« nach wie vor eine multiethnische Mafia. Außer
    Russen und Georgiern gehören zur Bruderschaft Armenier, Aserbaidschaner,
    Abchasier, Ukrainer, Usbeken und Kasachen. Nur die Tschetschenen mit
    ihren engen Clanbeziehungen und die Kosaken erwiesen sich als immun
    gegen das fremde Normensystem.

    In Moskau begann Anfang der 90er Jahre ein Kampf zwischen den
    Profisportlern oder Banditen, den Mafiosi aus den Sportclubs, und den
    »vory«, wobei die letzteren ihren traditionellen Einfluß auf die
    kriminelle Welt verloren. Die »vory« wurden als Relikt einer anderen
    Zeit und als Parasiten betrachtet – von dieser neuen Mafia, die keine
    Scheu zeigte, die Gewalt systematisch anzuwenden. Dennoch handelte es
    sich eher um eine Neuverteilung der Einflußzonen als um die Liquiderung
    der »vory«. Die hierarchischen Strukturen der neuen kriminellen Gruppen
    mit ihren »Autoritäten« und »Brigaden« unterscheiden sich kaum von den
    Strukturen der »vory«. Mit der Zeit sind auch Allianzen zwischen den
    neuen »Autoritäten« und den alten »vory« entstanden. Einflußreiche
    »vory« waren an der Geburt vieler krimineller Gruppen der 90er Jahre
    beteiligt und wurden in der Rolle des Konfliktschlichters oder als
    höchste Instanz in der Kriminellen-Justiz immer wieder bestätigt. Auch
    kommt es immer noch gelegentlich zu »Diebeskrönungen«. Und bis jetzt
    gibt es eine personelle Kontinuität in der sogenannten russischen Mafia,
    die international agiert. Vyacheslav Kirillovich Ivankov, genannt
    »Yaponchik«, wurde 1995 in den USA vom FBI festgenommen. Bis dahin hatte
    er den amerikanischen Ableger der Moskauer Gruppe »Solntsevskaya
    Brigada« geleitet.

    Insbesondere in Georgien sind die »vory« immer noch sehr einflußreich;
    das System hat in den georgischen Gefängnissen das Ende der Sowjetunion
    überlebt. Zwei Persönlichkeiten sind als georgische »vory« weithin
    bekannt: David Sanikidze, der in internationale Drogengeschäfte
    verwickelt war, er wurde 1996 in Wien ermordet; und Oniani, der die
    kriminelle Gruppe »Kutaiskaya Brigada« in Moskau aufbaute, zur Zeit lebt
    er in Paris.

    Heutzutage sind die »vory« Unternehmer und besitzen mehrere
    Luxuswohnungen; sie würden nicht mehr ihre Zeit im Gefängnis verbringen
    wollen und sie bringen die »obschyak« auf die Banken. Sie sind in der
    Schweiz, Israel, Frankreich, Deutschland und in den USA wohnhaft. Wie
    ihr Pendant, der KGB, haben sich die »vory« der kapitalistischen
    Gesellschaft angepaßt und haben internationale Ambitionen. Die
    Bezeichnung russische Mafia ist insoweit nicht korrekt, weil die
    Gesellschaft der »vory v zakone« in ihrer Essenz eine multiethnische
    Organisation ist, die aus dieser Multiethnizität ihre
    Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen Systeme, Regionen und Branchen
    bezieht. Inzwischen werden die Moskauer Friedhöfe nicht nur mit den
    Grabstätten von russischen Dichtern und sowjetischen Prominenten
    geschmückt, sondern auch mit monumentalen Denkmälern von Personen, die
    ganz und gar nicht in der Öffentlichkeit wirkten. In diesen Gräbern sind
    die »vory« nach den Ritualen ihrer Bruderschaft begraben und haben ihre
    »Krone« mit in die andere Welt genommen. »Der Dieb ist tot, es lebe der
    Dieb«!

  • Hier noch eine Einzelbesprechung einer postsowjetischen „Untrue-Crime-Story“:

    „Das heimliche Moskau“

    Ein neues Machwerk vom Puschkin-Preisträger Mamlejew

    Von dem 72jährigen Schriftsteller Jurij Mamlejew liegt nun ein ein vierter Roman auf Deutsch vor: „Die irrlichternde Zeit“. Zu Sowjetzeiten schrieb der Mathematiklehrer bereits über hundert Bücher, die jedoch alle unveröffentlicht blieben. 1974 emigrierte er in den Westen, zwanzig Jahre später kehrte er jedoch nach Moskau zurück, wo sich eine kleine Fangemeinde um seine „okkulten Werke“ scharrte, die den Autor als postmodernen Dostojewski, Bulgakow oder Bely verehrt. Auch in den USA, wo man immer wieder gerne böse und satanistische Bücher lobt oder verdammt – und z.B. über den irren Massenmörder Ed Grein gleich drei Filme drehte („Psycho“, „Chainsaw Massacre“ und „Das Schweigen der Lämmer“), ist Mamlejew inzwischen ein gediegener Fall für die Literaturwissenschaft. Eine russische Literatur-Enzyklopädie bemerkt über den Autor: „Sein Hauptthema…ist der Tod, der für ihn die Befreiung des unsterblichen Ichs vom Körper bedeutet“.

    Mamlejews Helden – Mörder und Sadisten – sind deswegen allesamt gewissenhafte Aufklärer, Freiheitskämpfer gar. Da gibt es z.B. einen Pawel, der sein ungeborenes Kind in der Gebärmutter tötet, indem er ihm mit seinem riesigen Penis den Schädel zertrümmert. Oder einen Fjodor, der eine Frau beim Beischlaf erwürgt – im Moment seiner Ejakulation…Und außerdem noch jede Menge andere Herzchen, die sich gottgleich wähnen, indem sie alle möglichen Tiere „just for fun“ töten, oder sich z. B. kastrieren, wobei dann fortan die Mädels beim Fellation diese Leerstelle lutschen müssen. Auch sonst ist der Autor äußerst erfindungsreich, wenn es gilt, den Leser abzustoßen. Dafür findet er anscheinend immer mehr literarische Multiplikatoren, wie etwa Viktor Jerofejew, die von seiner Phantasie begeistert sind und ihn mit Gogol und allen möglichen Großen der Weltliteratur vergleichen.

    In Mamlejews Buch „Die irrlichternde Zeit“ gerät der Held gleich zu Beginn auf eine Party, wo er seine mit ihm schwangere Mutter trifft, sowie eine schöne Frau, die er in einem Schrank halb vergewaltigt. Bei seinem überstürzten Aufbruch schlägt er noch einen jungen Flegel zusammen, der sein Vater ist, wie er später erfährt. Er ist in eine Zeitfalten-Falle getappt: die Party fand vor Jahrzehnten statt, als er noch nicht geboren war. Bei der sich daraus entwickelnden „Handlung“ geht es dann um in Moskau frei umherschweifende „Metaphysiker“ und um eine anti-metaphysische Geheimgesellschaft, welche die ersteren erwürgen will, möglichst schon im Kindesalter. Sie kriegt sie aber schlecht zu fassen. Die Metaphysikergruppe trifft sich in Teestuben und Datschen und sucht meist nach Erklärungen für den Fall des Helden in die Zeitfalte. Bis einer der Antimetaphysiker – er ist der Sohn der einst im Schrank geschwängerten Frau – seinen um viele Jahre Jahre jüngeren Vater, den Helden des Romans, totschlägt. Der Rest der Moskauer Metaphysiker zerstreut sich daraufhin verstört. Und das wiederum bewirkt eine Erschütterung in ganz Russland, die jedoch bloße Behauptung – auf der letzten Seite – bleibt. Der Suhrkamp-Verlag schreibt dazu idiotischerweise – im Klapptentext: „Mamlejew hat einen Roman über die geistige Situation des heutigen Rußland geschrieben. Ein schwarzes Idyll voll verrückter Heiterkeit…“ Das ist ungefähr so zutreffend, als würde man z.B. über die Bücher des Marquis de Sade urteilen: „Der Autor hat akribisch die Ausschweifungen der Französischen Revolution, die perversen Vergnügungen von Robespierre und seinen Gesinnungsgenossen, protokolliert – es ist ein photorealistisches Sittengemälde nach dem Ende des Ancien Régime daraus entstanden, ein Schnappschuß voller ‚transzendenter Schwermut‘.“ Helmut Höge

    Jurij Mamlejew: „Die irrlichternde Zeit“, Frankfurt 2003, 336 Seiten, 22 Euro 90

  • Die neuen russischen „Sex & Crime“-Zeitungen, die es auch an Berliner Kiosken zu kaufen gibt, heißen „Kriminal-Chronik“ und „Speed-Info“.

    Und dann erschien 2010 noch eine vielbesprochene „True Crime Story“ von einem Journalisten, der seinen Kommissar einen historischen Fall ermitteln ließ: eine geheime Bande mordender Jungmänner mit faschistischer Ideologie, deren Väter zur Nomenklatura gehörten. Das Buch heißt „Die schwarze Brücke“, es ist bisher noch nicht auf Deutsch veröffentlicht worden.

  • Ach Tschukotka (noch ein Sibirien-Krimi):

    Tschukotka nennt man eine in Marzahn lebende Jakutin zärtlich. Aber eigentlich heißt die Region hinter Jakutien so: die Tschukschen-Halbinsel vor Alaska. Nach dem Zerfall der Sowjetunion trat die russische Regierung 40.000 Quadratkilometer davon an die Amis ab. Sie verschenkte ohne Not ein „zweites Alaska“, wie Solschenizyn schimpfte. „Die Welt“ sprach von „40.000 Quadratmetern“ – und stellte Solschenizyn damit als bodenlosen Paranoiker hin. Aber mir soll es nur recht sein, wenn die Antikommunisten ihn fallenlassen.

    Schlimmer als dieser Gebietsverlust dürfte sowieso die derzeitige Präsenz von Ami-Goldkonzernen auf der Tschukotka sein. Ihre brutale Politik wird dort nur noch von den US-Ölkonzernen überboten, die mit Kriminellen als Wachpersonal anrücken. Schon gibt es einen ersten Ami- Ölkrimi, der damit spielt, schwarze US-Schwerverbrecher einfach im Gulag auszulagern.

    Im November 1998 weilte der berühmteste Tschukschen- Schriftsteller Juri Rytchéu im literarischen Colloquium am Wannsee. Seine Bücher, sämtlich im Unionsverlag erschienen, sind derzeit im Westen beliebter als im Osten, wo man die Literatur der vom Aussterben bedrohten Völker jetzt oft als Ethnokitsch abtut. Das sind Juri Rytchéus Werke jedoch mitnichten, auch wenn darin immer wieder Schamanen die Richtung weisen.

    Eine Alternativzeitung schrieb: „Seinem Volk geht es nicht gut. 80 Prozent Arbeitslose und Alkoholismus.“ Sein Übersetzer Leonhard Kossuth zitierte im Freitag den Autor: „Das einzige, was hoffen läßt, ist, daß die Tschukschen immer dort gelebt haben, wo andere, größere Völker nicht leben wollten.“ Dem Neuen Deutschland sagte er: „Ich bin es müde, davon zu sprechen. Unter der Alkoholisierung haben wir schon vor der Sowjetmacht gelitten.“ In der Zeit sprach Lothar Baier demgegenüber einmal von einem „Arktischen Arkadien“. Dieses polare Traumland wird nun von Spiegel-TV und ZDF als wahre Horror-Halbinsel aufbereitet.

    Mich interessiert jedoch etwas anderes: Anfang der dreißiger Jahre hatten die sowjetischen Leiter einer Funkstation auf der Wrangelinsel einige dort lebende Eskimos um ihren Lohn betrogen. Als ein Arzt und seine Frau versuchten, dagegen vorzugehen, brachten sie sie um. 1935 mußten sich die Täter in Moskau vor Gericht verantworten.

    Die Untersuchung führte Lew Schejnin, der später auch darüber schrieb. Der Ankläger war kein Geringerer als A.J. Wyschinski. Derselbe, der auch die berühmten Anklagereden gegen Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Jagoda etc. hielt. Während jedoch deren Verdammungen eher lieblos – und nur wenige Seiten lang waren, umfaßte seine Anklage gegen die zwei bolschewistischen Verbrecher auf der Wrangelinsel sage und schreibe 90 Seiten.

    Schejnins Buch sowie Wyschinskis „Gerichtsreden“ wurden später von der DDR übersetzt. In einem Interview erwähnte Juri Rytchéu 1991, daß er daraus einen Roman machen wolle. Als er am Wannsee weilte, rief ich ihn an und bat um ein Treffen. Zu spät: Er war bereits am Abreisen.

    Dennoch hatte ich insofern Erfolg, als ich von ihm erfuhr, daß der Roman längst geschrieben – und sogar schon auf Deutsch erschienen ist: „Unter dem Sternbild der Trauer“. Den „sonderbaren Umstand, daß in diesem Prozeß kein einziger Eskimo Zeuge war“, hatte Rytchéu dergestalt künstlerisch gerächt, daß der Mordfall bei ihm nun von einem Schamanen aufgeklärt wird, der die Wahrheit „durch den Ärmel seines alten, aus Walroßdarm genähten Mantels“ halluziniert.

    Rytchéus letzter Roman heißt „Unna“ und handelt von einer Tschukschin, die laut Klappentext fern von ihrer Heimat im Westen – in einem Zwiespalt zwischen Anpassung und Ablehnung – lebt. Hat der Autor dabei etwa „unsere“ Marzahner Tschukotka im Blick gehabt?

    P.S.: Von Lew Schejnin sind nebenbeibemerkt noch einige andere „True Crime Stories“ in der DDR erschienen. Sie befassen sich zumeist mit den letzten Resten kapitalistischer Gemeinheit, die sich in die neue Zeit hinübergerettet hatten und nun von Schejnin u.a. Ermittlern ausgerottet werden. Ein Sammelband mit solchen Geschichten von ihm heißt dann auch: „Schatten der Vergangenheit“.

  • Zu Rüdersdorf: Kunst und Zement – eine kleine schon etwas zurückliegende Blitzrecherche:

    „Beton – es kommt drauf an, was man draus macht!“ – im hiesigen Fall die neue Hauptstadt. Den Kies dafür bringen Frachtkähne von der polnischen Oderseite über das Schiffshebewerk Niederfinow nach Berlin. Anfänglich wollten die Zementhersteller noch auf kerndeutschen Kies reflektieren. Wozu der Graf von Hardenberg seine ihm zusammen mit dem Schloss Neuhardenberg rückübereigneten Ländereien im Kreis Seelow an das Rüdersdorfer Betonwerk von Readymix verpachten wollte. Aber dort, im Vorwerk von Alt-Rosenthal, stieß er dann laut Tagesspiegel auf die „rabiateste Bürgerinitiative Deutschlands“ – bestehend aus den, wie die Stasi sie einst nannte, „feindlich-negativen Schriftstellern Schlesinger, Stade, Plenzdorf“, nun noch verstärkt durch ihren einstigen IM und einen Westberliner Psychoanalytiker.

    Der britische Konzern Readymix, der heute zur mexikanischen Cemex gehört und dem weltweit 624 Firmen angeschlossen sind, wollte zunächst nur auf drei „Aufsuchungsfeldern“ nach Kies schürfen und damit neue Arbeitsplätze schaffen („Alle Kraft für unsere Hauptstadt“), aber die Alt-Rosenthaler Bürgerinitiative setzte dem Global Player derart wütend zu, dass er das Vorhaben aufgab. Einige Jahre später wurde der Readymix-Konzern selbst rabiat – indem er aus dem Betonkartell austrat, um u. a. gegen HeidelbergCement und Dyckerhoff Marktanteile zu gewinnen. Während der darauf folgenden Razzien bei zehn Kartellmitgliedern kooperierte Readymix mit der Polizei, um mit einer geringeren Strafe davonzukommen. Und dann unterbot der Konzern noch alle Zementpreise seiner Konkurrenten, die notgedrungen mithielten, um ihre teuren Produktionsanlagen auszulasten. Aber plötzlich im letzten Jahr stiegen die Zementpreise wieder – trotz anhaltender Bauflaute. Schon scharrten die Kartellwächter erneut mit den Hufen. Aber die FAZ beruhigte sie: „Diesmal handelt es sich wohl nur um ein Kartell der Vernunft!“

    Um Näheres über dieses merkwürdige Marktgeschehen vor den Toren der Hauptstadt zu erfahren, traf ich mich mit einem Readymixer in Rüdersdorf. Zuerst erzählte er mir begeistert von dem mit Hilfe seiner Firma aufgebauten „Museumspark“, der Anschauungsobjekte vom altgermanischen Kalkbrennofen bis zu den modernsten Zementöfen biete. Dann von den Winnetou-Filmen, die zu DDR-Zeiten in den hiesigen malerischen Kalkbergen inszeniert wurden, und schließlich von dem West-Film „Befreite Zone“, der 2003 in Rüdersdorf gedreht wurde – und in dem mein Gesprächspartner als Statist mitwirkte. Plötzlich trat eine flammende Rothaarige an unseren Tisch, sie war mit dem Readymixer verheiratet, wie ich sogleich erfuhr, und zwar erst seit einer Woche. Die Frischvermählten erzählten mir in stereo die Highlights ihrer Hochzeitsfeierlichkeiten, die in einem Rüdersdorfer Restaurant begannen und mit einem Picknick im Rüdersdorfer Tagebau endeten. Danach waren sie in das Berliner Hotel Interconti kutschiert worden, wo man ihnen eine Übernachtung als Hochzeitsgeschenk reserviert hatte.

    Beide hatten sich beim „Readymix-Umweltforum“ bzw. bei der anschließenden „Readymix-Werksbesichtigung“ kennen gelernt: „Es war Liebe auf den ersten Blick“, so der Readymixer, und seine Frau ergänzte: „Eigentlich wollte ich da gar nicht hin, aber mein damaliger Chef bestand darauf, weil er jemanden brauchte, der ihn anschließend sicher wieder nach Hause fuhr.“

    Sie arbeitete ebenfalls in einer Zementfabrik, die jedoch kein Global Player zu sein schien, denn sie gebrauchte dafür das Wort „Klitsche“. Schon gleich nachdem sie den Readymixer kennen gelernt und sich in ihn verliebt hatte, kündigte sie ihren Chefsekretärinnenjob – und zog nach Berlin, „um näher an Rüdersdorf dran zu sein“. Ihr Zukünftiger bemühte sich währenddessen „rührend“ um eine neue Arbeitsstelle für sie – „bei Readymix“. Aber Zement würde sie „eigentlich gar nicht interessieren“, viel lieber hätte sie „mit Menschen zu tun“.

    Dafür hatte sie, arbeitslos und mit einigen Ersparnissen, dann auch genug Zeit, die sie nutzte, um erst mal ihren Readymixer vor einer endgültigen Bindung „auf Herz und Nieren zu prüfen“ – und dann auch, um „seine ganze Sippschaft näher kennen zu lernen“ sowie sich mit den „zunächst befremdlichen ostdeutschen Gepflogenheiten in Rüdersdorf“ vertraut zu machen. Aber da ihr zukünftiger Mann in mehreren Vereinen aktiv war und sie sofort überall „mit hinschleppte“ war das alles „no problem“. Es folgte eine detaillierte Aufzählung aller Rüdersdorfer Vereinsaktivitäten, mit Schwerpunkt auf Maibaumsetzen, Anangeln und Schützenfest.

    Nachdem ich mich verabschiedet hatte, fiel mir Anna Seghers vernichtende Kritik an Fjodor Gladkows sowjetischem Aufbauroman „Zement“ aus dem Jahr 1927 ein, die in dem Satz gipfelte: „Es ist noch zu viel von Liebe und zu wenig von Zement die Rede!“ Ähnlich ließe sich auch meine Rüdersdorfer Betonrecherche 2006 resümieren.

  • Neuere Sibiriensia:

    Im Zusammenhang einer Würdigung der Bücher des kurzzeitig als Ideologe des Ostfeldzugs der deutschen Wehrmacht eingesetzten Schriftstellers Edwin Erich Dwinger, dessen Romane über seine Kriegsgefangenschaft in Sibirien und seine anschließende Teilnahme am antibolschewistischen Kampf der Weißen in den Dreißiger und Vierziger Jahren Bestseller wurden – schrieb der FAZ- Slawist Karl Schlögel: „Sibirien ist eine deutsche Seelenlandschaft“. Neben Dwingers Blut-und-Hoden-Romantik erschienen damals aber auch noch ganz andere WK1- Sibiriensia. Erwähnt seien die wiederaufgelegten Bücher von Heimito von Doderer: „Die sibirische Klarheit“ und Traugott von Stackelbergs: „Geliebtes Sibirien“.

    In Westdeutschland geriet dieses „weite Land“ (Gerd Ruge) dann noch einmal durch die WK 2-Kriegsgefangenenberichte ins Bewußtsein. Der Bestseller von J. M. Bauer „So weit die Füße tragen“ – über die fiktive Flucht eines deutschen Landsers aus einem jakutischen Straf-Lager zum Schah von Persien wurde 1962 sogar – als TV-Serie – zum ersten deutschen „Straßenfeger“. Wahrscheinlich lag ihm der wahre Fluchtbericht des Polen Slavomir Rawitsch zugrunde, der 1941 von Jakutien nach Indien flüchtete.

    Diese „Welle“ wurde dann abgelöst von Übersetzungen russischer Lagerliteratur: Erst die von Exilanten, dann von Warlam Schalamow, Jewgenia Ginsburg, Alexander Solschenizyn u.a.. Diesen Autoren gelang es, wieder dem hohen Maßstab gerecht zu werden, den zuvor die zaristischen Sibiriensia gesetzt hatten: Beginnend mit den Tagebüchern der Dekabristen-Gattin Maria Wolkonskaja, über George Kennans Reiseberichte und Dostojewskis Schilderungen seines eigenen Gefängnis- Aufenthalts bis zu Tschechows Sachalin-Erkundungen und Jakubowitschs sozialrevolutionäres Werk: „Im Lande der Verworfenen“. Letzteres diente später Solschenizyn als Vorbild. So wie dann sein „Archipel GULag“ noch später ebenfalls Vorbild wurde – sogar praktisch, z.B. für die 1982 inhaftierte Lyrikerin Irina Ratuschinskaja: „Grau ist die Farbe der Hoffnung“. Auch die erst 1997 von den Trotzkisten veröffentlichten frühen Memoiren Nadeschda Joffes zeugen bereits von Widerstand, anders als die Erinnerungen der ersten Frau ihres Vaters, Maria Joffe: „One Long Night“.

    In Westdeutschland begründete 1986 die FAZ ihren Unternehmern das US-Röhrenembargo, mit dem der Bau einer sowjetischen Gas-Pipeline nach Westeuropa behindert werden sollte, damit, daß an diesen „Leitungen…das Blut, der Schweiß und die Tränen von Heeren sowjetischer Arbeitssklaven kleben“. Inzwischen gehören den Deutschen bereits zum Teil diese Anlagen – bis nach Sibirien.

    Und es gibt auch wieder eine neue anschwellende deutsche WK 2-Kriegsgefangenen- bzw. Nachkriegsgefangenen-Lagerliteratur. Das begann bereits gleich nach der Wende – mit der Biographie des Narva-Mitarbeiters Peter Bordihn, der als junger Sozialdemokrat quasi aus Versehen nach Workuta kam: „Bittere Jahre am Polarkreis“. Im Westen erschien etwa zur gleichen Zeit der Lagerbericht von Ursula Roland, die als FDJlerin sieben Jahre in „Stalins Lagern“ verbrachte: „Wie eine Feder im Wind“.

    Herausragend in mehrfacher Hinsicht sind die Werke von Magarete Buber-Neumann, die als Ehefrau des Kommunisten Heinz Neumann erst im GULag war und dann – als ausgetauschte Gefangene – im Konzentrationslager Ravensbrück. Ähnlich verlief das Schicksal von Andrej Eisenberger, der gegen die Deutschen kämpfen wollte und stattdessen – bis 1992! – in die Bergwerke des Ural verbannt wurde: „Wenn ich nicht schreie, ersticke ich“. Sein Vater, ein deutscher Anarchist, der dann für die Komintern in Moskau arbeitete, wurde 1938 erschossen. So auch der erste Ehemann von Gabriele Stammberger. Sie selbst wurde mit Kriegsbeginn nach Usbekistan evakuiert, wo sie den „König der Vagabunden“ Gregor Gog heiratete, der dort jedoch – wie auch Heinrich Vogler – ebenfalls starb: „Gut angekommen -Moskau“ heißen ihre aufschlußreichen im Basisdruck-Verlag erschienenen Erinnerungen. Eher enttäuschend ist dagegen der Bericht von Nathan Steinberger: „Berlin-Moskau-Kolyma und zurück“ – in Form eines „biographischen Gesprächs“ mit Barbara Broggini, die Steinberger ausschließlich – dem aktuellen Thementrend folgend – nach „Judentum“ und „Antisemitismus“ befragte. Hierzu gibt es inzwischen im Zusammenhang der „Holocaust“-Forschung eine ganze Reihe neuer Texte, wobei die jüdischen Autoren meist auf die „Vernichtung“ der sowjetischen Juden durch Stalin abheben und die – zumeist antisemitisch-antikommunistischen Amerikaner – auf den vermeintlich hohen Anteil von Juden gerade im KGB und speziell in der GULag-Verwaltung. Beides zusammen gab Sonja Margolina in ihrem Essay „Das Ende der Lügen“ zu denken.

    Von Finnland übers Baltikum, Polen, Bulgarien, die Türkei und Persien, Korea, bis nach Japan und China gibt es wohl kein Nachbarland Rußlands – ringsum, das keine eigene Sibirien-Lagerliteratur hervorgebracht hat. In den USA gibt es neuerdings sogar das Sub-Genre „Sibirien-Krimis“. Die neuen deutschen Landser-Erinnerungen unterscheiden sich insofern von den meisten Sibiriensia als ihre Autoren mehr oder weniger aliterarisch waren. Bestenfalls brachten sie – wie Ursula Roland – aus dem Lager z.B. „Puschkin“ mit nach Hause. Traugott von Stackelberg lieh deswegen beizeiten schon einigen der Spätheimkehrer seine schriftstellerischen Fertigkeiten. Neuerlich hat dies auch Erwin Peter für den im österreichischen Leopold Stocker Verlag erschienenen Sammelband „Von Workuta bis Astrachan“ getan. Auffallend ist, daß die darin zu Wort kommenden Kriegsgefangenen weniger auf die sowjetische Lagerleitung schimpfen als auf ihre Kameraden, die sich zu „Antifas“ umschulen ließen. So einer war auch der kommunistische Hafenarbeiter Tönnies Hellmann, dessen Lebensgeschichte „Ich war bestimmt kein Held“ von zwei Hamburger Politologiestudenten aufgeschrieben wurde. Soeben erschien auch noch – im Berliner Frieling-Verlag – ein Bericht von Wilhelm Fitzner, der „als deutscher Offizier“ ein sowjetisches „Umerziehungslager“ durchlief – und zum Marxisten heranreifte. Hellmann und Fitzner eint, daß sie – als DKP-Genossen – lieber philosophieren als sich an Details zu erinnern. Das macht die Lektüre ihrer Rechtfertigungsschriften etwas dünn. Der Herausgeber der in München erscheinenden „Deutsch-Russischen Zeitung“, Weber, hat dies Problem umgangen, indem er einfach in jeder Ausgabe aufs Neue den ehemaligen Landser Helmut Eichhorn über seine Erlebnisse in der russischen Kriegsgefangenschaft befragte.

    Worum geht es bei den ganzen Sibirien-Lagerberichten – die übrigens alle ein „Happy-End“ haben: Der Held überlebte – sonst gäbe es keinen Bericht darüber, wie Jossif Brodsky meinte. Für Solschenizyn, der sich an dieser Frage mit Schalamow zerstritt, ist „Sibirien“ zur Menschwerdung des Einzelnen geradezu unabdingbar. Ich würde einschränken: Nur die Kommunisten gehören da hin! Sibirien war und ist eine einzige riesige, im Winter weiße Kaderschmiede. „Ab nach Sibirien!“ titelte beizeiten der FAZ-Dichter und Renegat Schütt: als er noch DKP-Vorständler war – und hellsichtig. „Auf also nach Sibirien – ohne Zaudern und ohne Angst“, schrieb andererseits gerade der Wirtschaftsredakteur der „Woche“ weise. Er meinte natürlich die bodenschatzgierigen deutschen Unternehmer, nicht die bodensatzagitierenden deutschen Kommunisten. Jetzt – da Partner und Gegner identisch geworden sind – wäre aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden. Im Gegenteil: Es könnte sogar ganz lustig werden! „Lachendes Sibirien“ – ich sehe diese neue Literaturwelle schon direkt vor mir. In ersten Ansätzen gibt es sie bereits: Zum einen wäre da Andrei Makine zu nennen, der sich nun von Paris aus seine sibirische Heimat romantisiert: „Die Liebe am Fluß Amur“, und zum anderen der Däne Per Pettersen, dessen politisch-korrekte junge Heldin „Sehnsucht nach Sibirien“ hat – es aber einfach nicht bis dahin schafft. Dieses Schicksal droht wohl auch mir – als überaltertem Kommunisten. Immerhin: die Amis offerieren neuerdings schon mal – im Internet – eine „GULag-Travel-Tour“ – beginnend auf den Solowki-Inseln: als Warming-Up?!

    In dem US-Bestseller „Siberian Light“ wurde zuvor bereits der Fall, daß ein privatisiertes Gefängnis seine schlimmsten – schwarzen – Verbrecher einfach nach Sibirien auslagerte, dadurch gelöst, daß sich eine Gruppe internationaler Ökologen via Internet kurzschloß. Der Bucherfolg bewog den Auslandsredakteur der „Rolling Stones“, kurzentschlossen nach Sibirien zu fliegen, in Irkutsk klärte er die Russen lang und breit darüber auf, daß man nicht „Neger“ zu den Schwarzen sagen dürfe. Ein merkwürdig politisch-korrekter Rassismus spielt da plötzlich über Sibirien Bande.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.