31.01.2011 von Helmut Höge

Ostfriesenpoller. Photo: Peter Grosse
“Gold wird aus Blei gemacht” (Wladislaw Dubowizki, “Nahe Null”)
Ein Buch zu drucken, um damit Geld zu machen, ist einfach, aber um sich das nötige Geld selbst zu drucken, dazu braucht es mehr – u.a. spezielle Apparaturen und Fertigkeiten. Zudem machen es die Druckereien der Zentralbanken den Geldfälschern immer schwerer, indem sie ihre Banknoten mit Wasserzeichen, Hologrammen und Silberfäden versehen.
Ich war mir unsicher, ob ich 2006 einen gefälschten 50-Euroschein in die Hände bekommen hatte – und ging mit ihm bei einem türkischen Kiosk einkaufen. Der Verkäufer besah sich die Banknote, sagte nach kurzem Zögern: “Na ja, geht so!” und gab mir die verlangte Ware sowie das Restgeld heraus. Neulich bekam ich beim Einkauf im Supermarkt erneut einen gefälschten 50-Euroschein zurück – ohne das ich es merkte. Erst als ich damit am Wochende ein Auto mieten wollte, flog die Fälschung auf:… weiter lesen
28.01.2011 von Helmut Höge

Plakat für den Godard-Film “La Chinoise”
In allen Zeitungen wurde Karen Duves Buch über das Essen besprochen. Und jedesmal wurde dazu ein Photo der Autorin mit einem Huhn auf dem Arm abgedruckt. Die Hamburgerin wohnt in Brandenburg auf dem Land. Sie ist Veganerin und als Tierschützerin mit der Kamera unterwegs, ihr Buch heißt “Anständig essen” und folgt auf das Buch “Tiere essen” von Jonathan Foer, mit dem Karen Duve nun einige Lesungen bestreitet. “Anständig essen” ist quasi das Buch zum Film “Dioxin-Skandal” – und das auch noch rechtzeitig zur “bisher größten” Lebensmittel-Demo anläßlich der Grünen Woche. Die Autorin berichtet über die Schandtaten der Agrarindustrie und ihre eigenen Essensexperimente: Sie ernährte sich biologisch, vegetarisch, vegan und frutarisch (für die Frutarier ist das Ausreißen einer noch lebenden Mohrrübe Mord).
Das Huhn auf dem Arm der Autorin hat einen Namen: Rudi. Der Berliner Zeitung verriet sie, dass es einer “Befreiungsaktion” aus der… weiter lesen
17.01.2011 von Helmut Höge
Formes de vie/Lebensformen/Existenzweisen

Vor der Pollerkette

Und hinter der Pollerkette
In dem Manifest “Einführung in den Bürgerkrieg” der Gruppe Tiqqun (wir erinnern uns: mit Hobbes “Leviathan” wurde er staatlich “pazifiziert”) heißt es an einer Stelle:
“In der ziemlich reichhaltigen Sammlung von Mitteln, welche der Westen bereit hält, um sie gegen jegliche Form von Gemeinschaft anzuwenden, findet sich eines, das ungefähr seit dem 12. Jahrhundert eine gleichermassen vorherrschende als auch über jeden Verdacht erhabene Stellung einnimmt: ich meine das Konzept der Liebe. Man muß ihm, über die falsche Alternative, die es jetzt allem aufzwingt (“liebst du micht oder liebst du mich nicht?”), eine Art ziemlich furchterregender Effizienz bezüglich dem Vernebeln, Unterdrücken und Aufreiben der hochgradig differenzierten Palette der Affekte und der himmelschreienden Intensitätsgrade, die beim Kontakt zwischen Körpern entstehen können, zugestehen. So half dieses Konzept mit, die gesamte extreme Möglichkeit der differenzierten Ausbildung der Spiele zwischen den formes-de-vie einzuschränken.… weiter lesen
10.01.2011 von Helmut Höge

Brunnen des Vergessens (Kroatien)
Gedächtniswunder
Die 45-jährige Geschäftsführerin einer Privatschule in Los Angeles, Jill Price, ist ein “Gedächtniswunder” und als solches steht sie natürlich im Zentrum der Aufmerksamkeit all der bekloppten US-Gehirnforscher, die da meinen, unsere Bewußtseinsaktivitäten auf physikalische und chemische Prozesse zurückführen zu können – um mit dieser Reduktion schwer reich zu werden und sich endlich alles leisten zu können: eine Villa, einen BMW, einen Swimmingpool, teure Reisen und Privatschulen für die Kinder. Also den bewußtlosesten Scheißdreck überhaupt. Das aber nur nebenbei.
Jill Price ist eine “Gedächtniskünstlerin”. Über solche Ausnahmemenschen geht es u.a. auch in dem Buch “Lernen und Gedächtnis”, in dem sich ein Abschnitt über die “Die totale Erinnerung!” und “Die Wahrheit über außergewöhnliche Gedächtniskünstler” findet.
Die Süddeutsche Zeitung interviewte Anfang Januar, da man sich ja noch gerne einmal des vergangenen Jahres erinnert, Jill Price. Und leistete sich dabei gleich zu Beginn einen saudummen Patzer,… weiter lesen
09.01.2011 von Helmut Höge

Faszination eines antiken Großpollers. Photo-Archiv: Peter Grosse
1. Die abendliche “Kulturspelunke”
“Spätzle-Stasi” wird der Spitzelskandal in Heidelberg genannt. Dort flog gerade ein Aktivist der Antifa-Bewegung, “Simon Brenner”, als verdeckter LKA-Ermittler auf. Überraschend war, dass er – enttarnt und zur Rede gestellt – “vom normalen Umgangston der linken Szene in einen Behördenjargon switchte,” wie sich einer der Betroffenen wunderte. Das war bei den Stasispitzeln im “Dichterbezirk” Prenzlauer Berg anders: Hier waren Leben und Werk – Lyrik und Frontberichte – noch identisch. Bei Sascha Anderson und Rainer Schedlinski vor allem, die einmal als “Gravitationszentren” eines großen Kreises von Künstlern galten. Nach ihrer Enttarnung stritten sie erst mal alles ab, gleichwohl gab und gibt es Bespitzelte, die nach wie vor fast freundschaftlich mit ihnen verkehren – die Dichter Bert Papenfuß und Stefan Döring z.B..
Schedlinski gab 1986 die Szene- und Literatur-Zeitschrift ariadnefabrik heraus, “deren Abonnent das Ministerium für Staatssicherheit war”,… weiter lesen
04.01.2011 von Helmut Höge
Die Holzjournalisten scheinen immer mehr was gegen mich zu haben. Schon wieder wurde ein von ihnen bestellter und auch rechtzeitig abgelieferter Text von mir “vergessen” – beide Male ging es um eine Besprechung von Fernsehfilmen. Und das ist für mich stets etwas umständlich, weil ich – ebenso wie ich kein Handy habe auch noch nie einen Fernseher besaß. Zum Glück für meine vergessenen Texte gibt es seit einiger Zeit “taz.de”, wenn diese auch nichts dafür zahlt, dass sie den ganzen zuvor weggedruckten bzw. übersehenen Scheiß ins Netz stellt.
Als das vor ein paar Tagen mit dem ersten Text geschah, gab es sogleich einen kleinen “Klick”-Rekord, d.h. der Eintrag wurde von vielen Leuten geöffnet, wie man so sagt. Seit Monaten nervt unser taz-de-chef Mathias Urbach uns schon mit seinen laufenden Klick-Meldungen, d.h. er verschickt über Hausmail regelmäßig Mitteilungen darüber, welcher Artikel wie oft angeklickt wurde. Nun war meine kleine TV-Film-Rezension sicher… weiter lesen
03.01.2011 von Helmut Höge
1. Horizontale Gewerbe

Berühmte Überkopfmalerei. Photo: pohlig.de
“Wir gehören zum horizontalen Gewerbe,” behauptete der polnische Deckenmaler Pjotr, “es gehört mit zu den ältesten,” fügte er hinzu, “schon Michelangelo malte die Decke der Sixtinischen Kapelle auf einem Gerüst liegend aus. Und die Renaissancekünstler waren damals die ersten, die sich neben den Wissenschaftlern zu Gewerben zusammenschlossen. Wenn man weiß, wie Michelangelo gearbeitet hat, dann sieht man sein Deckenbild von der ‘Erschaffung Adams”, die ja eine Erhebung ist – am ausgestreckten Finger Gottes, ganz anders.”
“Auch die Stukkateure haben anfangs die Gipsrosetten und -girlanden an den Decken der adlig-bürgerlichen Wohnungen noch im Liegen angebracht,” ergänzte sein Kumpel – Zygmund. Dem dritten Restaurateur, Kornel, fielen noch die KFZ-Schlosser ein, die sich, wenn sie keine Hebebühne haben oder benutzen wollen, mit einem Holzbrett auf Rädern behelfen, auf das sie sich mit dem Rücken legen und damit unter das Auto rollen.
Ich saß im sogenannten… weiter lesen
02.01.2011 von Helmut Höge
Unter dieser Überschrift kam “perlentaucher.de” gerade auf die taz-Rezension einer CD mit drei Reise-Erzählungen von Wolfgang Neuss zu sprechen. Die Rezension schrieb ich, als die CD 2007 erschien. Warum kamen die “perlentaucher” gerade am 1.1. 2011 darauf zu sprechen? Oder hat eine seltsame Algorithmus-Mutation diesen Text unerwarteterweise aus den Tiefen des abgesunkenen Datenmülls – schwups – wieder an die aufmerksamkeitheischende Oberfläche katapultiert? Möglicherweise schwebte auch der Geist von Wolfgang Neuss über diese digitalen Gewässer und hob das Gut, wie so oft früher – zu Silvester in Westberlin. Man ging an diesem Abend erst Mal zu ihm – in sein Kabarett. Um sich fürs kommende Jahr gewissermaßen zu rüsten – indem man sich mit ihm über die vorangegangenen entrüstete. Später, als er nur noch in seiner Charlottenburger Wohnung “auftrat”, ging der taz-Kulturredakteur Mathias Broeckers immer am 1. Januar zu ihm (oder sie trafen sich zum “Diktatorenfrühstück” im Café Möhring nebenan). Broeckers… weiter lesen