Lebentransplantation

Mein Freund Robert ist tot. Gestern Nachmittag ist er in Heidelberg an den Folgen einer Lebentransplantation gestorben. – Ich wollte schreiben „Lebertransplantation“. Wenn das Korrekturprogramm das Wort nicht irritiert unterkringelt hätte, hätte ich wohl gar nicht gemerkt, dass ich von einem transplantierten Leben geschrieben habe.
Robert war 68 Jahre. Er war der Mensch, den ich nach meinen Eltern und Geschwistern am längsten in meinem Leben gekannt habe.
Im Herbst 1968 brachte ihn ein junger Mann, mit dem ich zu tun hatte, in meine Hinterhof-Studentinnenbude in der Kölner Innenstadt. Robert war in diesen jungen Mann verliebt. Er war in den Jahrzehnten, die folgten, noch oft in meine Freunde verliebt. Ich habe das mal schwesterlich-mitfühlend, mal misstrauisch-eifersüchtig mit ihm geteilt.
Robert hatte nie das, was man eine Beziehung nennt, einen Menschen, der sich ihm ganz zuwendet, der ihm seinen Körper und seinen Alltag öffnet. Ich weiß nicht, ob Robert das wirklich gesucht hat. Er hat den jungen Männern mit einer rasenden, sehnsuchtsvollen Aufopferung hinterher geliebt. Bodenlos bis zur Selbstzerstörung. Und so hat er auch seine radikalen Lebensvorstellungen geliebt, die sich in der Kölner SDS-Zeit, in all den folgenden Lebensphasen bis in die letzten Jahre in der Stuttgart 21-Bewegung zur Utopie von Nähe und Freiheit verbunden haben.
Ich kenne keinen Menschen, der sein ganzes Leben in so beharrlicher Weise radikal war.
In der ersten Polit-Kommune, in der wir in Köln zusammen gelebt haben, gab es für ihn kein Zimmer. Er hat seine Matratze auf einen ausgezogenen Esstisch in einer Ecke des Gemeinschaftszimmers gelegt. Als Aufstieg diente ihm eine Kiste, in der er außer vielen, vielen Tonbändern mit klassischer Musik 5.000 Seiten Vorlesungsmitschriften aus der Philosophie und 12.000 Seiten Tagebuchnotizen aufbewahrte. Das eigenwillige Ensemble nannten wir „Roberts kleine heile Welt“.
Als die Kölner Politszene sich 1970 in ihre Bestandteile auflöste, zog Robert mit den Fixern in eine Kommune. Er hat selbst nie gefixt, aber er hat die alten, inzwischen gut situierten Polit-Kontakte abgeklappert, um Stoff für seine Jungs zu besorgen.
In dem Jahr waren wir noch zusammen in Jugoslawien und haben später in Berlin einen Trip geworfen. Er wurde zum Horrortrip, der langfristig fatale Folgen für Robert hatte. Danach habe ich eine Weile nichts von ihm gehört. Freunde erzählten mir, dass Robert in der Psychiatrie sei. Drei Jahre später habe ich von ihm die ganze Geschichte gehört. Irgendwann hat er vor irgendwelchen Doktoren gesessen und von ihnen gefordert: „Ich will angepasst werden!“. Er wurde interniert, zwei Jahre mit Medikamenten vollgepumpt, er wurde lahmgelegt, später in eine Wohngruppe in Heidelberg integriert. Er wurde nicht angepasst.
Robert nahm sein Leben als einer, der die Menschen liebt und der die Spuren seines eigenen Leidens daran beharrlich sammelt, wieder auf. Er arbeitete als Estrichgießer auf dem Bau, schleppte heißen Teer. Das Existenzielle dieser Tätigkeit erfüllte ihn mit Stolz und Glück. Ende der 70er Jahre entschied er sich, sein endloses Studenten-Dasein zum Abschluss zu bringen. Er arbeitete an seiner Germanistik-Magisterarbeit: Katalogisierung und Auswertung aller Relativ-Sätze im Nibelungenlied. Die Kisten mit den Karteikarten sehe ich noch heute vor mir. Ich war stolz auf ihn, dass er in einer Zeit, in der die politischen Flügel sich gegenseitig exkommunizierten, Relativsätze zählte. Die Arbeit wurde abgeschlossen. Robert erwog, mit einer Promotion weiter zu machen und das Thema darin auszuweiten: Sämtliche Nebensätze im Nibelungenlied.
Es ist nicht dazu gekommen. Ich weiß nicht mehr, warum. Robert hat in den 80er Jahren eine Weiterbildung begonnen. Es hätte keine passendere für jemand geben können, der so sammelwütig ist: die des wissenschaftlichen Dokumentars. Während der Ausbildungszeit und danach war er viel in Berlin, dann auch in Düsseldorf und Frankfurt. Er hat im Bundesfilmarchiv gearbeitet und später dann für den Süddeutschen Rundfunk. In den letzten Jahren vor seiner Verabschiedung in den Rentnerstand hat er alte Wochenschauen verschlagwortet, wie es heißt. Immer wieder war er empört und entsetzt, welche Schätze an alten Filmen die Rundfunkanstalten einfach wegwarfen, und hat so manches schnell vorher noch kopiert und rausgetragen.
Zu der Zeit hatte er schon angefangen, Filme zu sammeln. Die ältesten VHS-Kassetten wurden Anfang der 90er Jahre aufgenommen. Robert wohnte damals in einem winzigen Häuschen in einem Hinterstraßen-Gässchen in Wiesloch. Das einzige Zimmer war mit Büchern vollgestopft, der Dachboden darüber mit vielen Kisten voller Videokassetten. Robert nahm alles an Filmen im Fernsehen auf, was klassisch war oder ihm cineastisch interessant erschien. Zusätzlich alle Konzerte mit Günter Wand und wichtige Tennisspiele. Kassette um Kassette wurde bespielt. 24 Stück passten in eine Kiste, spezielle Kartons „kernige Würz-Erdnüsse“, die er immer aus den Aldi-Filialen holte, weil die eben genau passten. Irgendwann um die Jahrtausendwende war ich bei ihm und habe ihm angesichts des wachsenden Berges zugeredet, die hoffnungslose Sammlung doch wenigstens zugänglich zu machen.
Er hat sie mir nach Reichenow gebracht. So entstand der film+videoclub Reichenow mit seiner Sammlung von etwa 7.000 Filmen. Während wir noch in jahrelang sich hinziehender Arbeit die Filme katalogisierten, hat Robert, der es nicht lassen konnte, immer weiter Filme aufgenommen. „Das sind jetzt aber wirklich die letzten. Jetzt höre ich auf“, hieß es immer wieder. Und dann kam wieder eine Kiste „kernige Würzerdnüsse“.
Etwa 2005 starb Roberts alter Deutschlehrer. Er war ein klassischer Philologe und Bücherfetischist und er hinterließ eine gut sortierte Sammlung klassischer Bücher – Literatur und geisteswissenschaftliche Fachbücher. Ich wollte in Reichenow auch Bücher um mich versammeln, die Gegenwart von Nachdenklichkeit um mich spüren. Robert wusste das. Die Familie des Deutschlehrers verkaufte den intellektuellen Nachlass für 2000 Euro. Robert verhalf mir zu der Sammlung, indem er die Hälfte des Preises bezahlte. Er wollte für sich nur das große Grimm’sche Wörterbuch. Eine legendäre Wörtersammlung, die sich jetzt also in seinem Nachlass befindet.
In den letzten Jahren vor seiner Krankheit und auch noch im letzten Jahr engagierte Robert sich beim Widerstand gegen den Stuttgarter Bahnhofsbau. Davon wissen andere mehr zu erzählen als ich. Er hat auch einen blog dazu verfasst. Im vorigen Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen. Er war während eines Berlin-Besuchs für ein paar Tage in Reichenow. Da hatte er schon eine Weile Leberkrebs. Aber es ging ihm sehr gut, wie er sagte. Er nahm Medikamente und trank Tees und wollte sich der Schwere des Krankheitsbildes nicht beugen. Wir hatten einen heftigen Streit über Aufmerksamkeitserwartungen. Ich hatte ihm die Geschichte meines Beinah-Todes vor zweieinhalb Jahren zum Lesen gegeben, unaufgefordert, aus Mitteilungsbedürfnis. Er hatte den Text gelesen und sich wortlos abgewandt. Das ist das Schlimmste, was einer Autorin passieren kann. Ich habe revoltiert. Er hat meine Vorwürfe zurückgekämpft: er wüsste eben nicht, was er hätte sagen können. Schließlich haben wir lange über Sterben geredet. Ob wir das überhaupt ermessen können, so was wie Todesnähe, Todesferne. Wir haben beide festgestellt, dass wir keine Angst vorm Sterben verspüren. Aber was heißt das schon.
In den Tagen im Spätsommer des letzten Jahres war Robert schon auf Abruf für das Lebertransplantationsprogramm. Und tatsächlich schrieb er ein paar Wochen später, dass es eine Spenderleber für ihn gäbe, und dann wurde er von dem Programm erfasst. Das Programm, das klinischerseits heißt: der Versuch, mit einer transplantierten Leber die tödliche Leberkrebsdiagnose zu bannen, das von Robert aus bedeutete: leben wollen, an die Möglichkeit eines neuen Anfangs glauben können. Er war so dicht daran, so schien es jedenfalls nach den Berichten, die ein Kolja, den ich nicht kenne, alle paar Tage durchmailte. Er war schon in Bad Berka in der Reha-Klinik in Thüringen und musste dann doch wieder zurück nach Heidelberg in die Klinik. Eine dritte Lebertransplantation wurde ins Auge gefasst. Und dann ist mein Freund Robert aus dem Leben getreten.
Ob du dies hier wohl lesen würdest, Robert? Ich glaube, ja. Denn wie viele Romantiker und Existenzialisten hattest du eine Tendenz zum Narzissmus. Nicht im Sinne von Eitelkeit – ich glaube nicht, dass dir das viel bedeutet hat, wie das gesellschaftliche Umfeld über dich gedacht hat. Nein, im Sinne eines sehnsuchtsvollen Betrachtens des eigenen Seins. In der liebenden Treue zu deinem eigenen Leben, im Sammeln und Anschauen all der Relikte, der Erzählungen und Bilder hast du die Spuren der Welt in dir bewahrt.
Du bist gestorben, dein Körper liegt jetzt irgendwo in der Pathologie, denn sicher ist Teil der großen Leber-Transplantationsstudie, dass jetzt genau erforscht wird, was nicht funktioniert hat. Aber du bist nicht tot. Deine Liebe zu bedingungsloser Wahrhaftigkeit, dein radikaler Anspruch auf Teilnahme am Lebendigen, deine Hochachtung vor der Schönheit haben sich in mir verwurzelt. Sie leben in mir weiter, wie sie sicher in vielen weiterleben, die dir nahe gekommen sind oder denen du nahe gekommen bist.
Robert, ich danke dir.

Kommentare (10)

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  1. Liebe Frau Harms,
    auch ich danke für Ihren berührenden Nachruf auf Robert, von dessen Tod ich – seit längerem von Stuttgart nach Niedersachsen ausgewandert – erst gestern erfuhr. Ich kannte Robert vor allem als Kollegen, doch wird er mir als einer der freundlichsten und lebenslustigsten Menschen, die ich kenne, in Erinnerung bleiben. Es freut mich, daß seine so emsig angehäufte Sammlung an Texten, Ton- und Filmmitschnitten zumindest teilweise erhalten bleiben wird. Ich hätte ihm von Herzen noch weitere Jahre gegönnt – nicht zuletzt mit Zusammentreffen auf betrieblichen Weihnachtsfeiern in Stuttgart. So einem bleibt tatsächlich nur das schöne Bild von Robert in Going. Wobei er von mir aus natürlich auch gern im Badischen bei Musik den geliebten Spargel essen darf.
    Mit besten Grüßen
    Jan Wieske

  2. Liebe Imma,
    Eine Nachricht……? !
    heute hatte ich ein Erlebnis, das mich doch sehr erstaunte. Roberts Bruder, Arne, hatte mir gesagt, dass die Abfallgesellschaft nun bald die Mülleimer von Robert abholen würde.Ich dachte mir, dass dies die letzte Gelegenheit wäre, den, von der Familie aussortierten, Papiermüll zu entsorgen. So leerte ich nach und nach die Kartons und beim Letzten fielen zwei kleine Zettel auf die Straße. Als ich sie aufhob, sah ich, dass es sich um Maut-Quittungen in Höhe von jeweils € 2.50 für das Kaiserbachtal in Tirol handelte. Nun fahre ich seit über 30 Jahren mit Jugendgruppen nach Kössen / Tirol und wir durchwandern dann fast jedes Jahr das Kaiserbachtal. Daher war es auch immer ein Thema für mich und Robert, was wir dort erlebt haben und ob wir es wagen könnten mit Jugendlichen über das Stripsenjoch zu gehen – Robert war davon voll überzeugt ! – . Wir haben es daher für dieses Jahr ernsthaft geplant.Ich kann es auch jetzt, nach vielen Stunden , nicht fassen, dass ausgerechnet diese beiden „ Schnippsel“ sich aus mindestens fünf Kartons verselbständigt haben und ich ärgere mich, dass ich sie nicht mit nachhause genommen habe.Es war wie eine Botschaft.Eine Gute!
    Christa

  3. Liebe Frau Holzbaur-Naumann,
    können Sie mir bitte sagen, auf welchem Friedhof die Urne beigesetzt wird? Ich bin öfter in Berlin und würde doch gerne einmal an Roberts Grab gehen.
    Jutta Lambrecht

  4. Liebe Imma,

    auch von mir nochmals herzlichen Dank für den wunderbaren Nachruf auf meinen Schwager Peter. Mir und der Familie geht es nicht anders als offenbar auch einigen seiner Freunde. Dein Nachruf hat bewirkt, daß einiges klar wurde und Peter für mich in einem neuen Licht erscheint, obwohl ich ihn gut kannte. . Schließlich haben wir zusammen 8 Jahre lang seine Mutter und meine Schwiegermutter gepflegt. Alle 14 Tage am Wochenende kam er zuverlässig angefahren und übernahm liebevoll die Pflege. Anders wäre es nicht gegangen. Manfred und ich konnten entspannen und mit den Kindern etwas unternehmen. Auch wenn wir Urlaub machten, übernahm meistens Peter. Unsere 3 Hunde und 4 Katzen betreute er dann oft gleich mit. Innerhalb dieser 8 Jahre pflegten wir 3 Jahre lang gleichzeitig auch meine Tante. Und auch ihre Pflege und Betreuung hat er – wenn es notwendig war – mit übernommen. Es war eine gute Zusammenarbeit. In dieser Zeit war Peter vollständig in unsere Familie integriert. Er feierte mit uns Weihnachten und Silvester und diverse andere Familienfeste. Er erlebte die Pubertät unserer Kinder und die Probleme, die wir damit hatten. Und auch zu ihnen hatte er eine gute Beziehung. Wir kannten natürlich auch den Peter, den Jörg oben beschrieben hat, der vieles häufig besser wußte, was oft Anlaß zu Frotzeleien gab. Zu ernsthaften Beeinträchtigungen führte das in dieser Zeit nicht. Anlaß zu großer Freude gab es immer, wenn in der Spargelzeit Peter mit Unmengen von frischem Schwetzinger Spargel angefahren kam. Allerdins kam es dann auch doch mal zu ernsthaften Auseinandersetzungen, weil niemand den Spargel so dünn schälen konnte, wie Peter das wollte. Geschmeckt hat er dann aber immer allen – sogar viele Jahre noch meiner Schwiegermutter, die sonst kaum noch etwas aß.

    Nach dem Tod der Mutter kam Peter nur noch selten zu uns. Anfangs fiel es uns nicht besonders auf. Wir dachten, er genießt seine wiedergewonnene Freiheit.
    Später fehlte er uns und wir wunderten uns. Aber wir machten es ihm gegenüber nicht zum Thema. Das tut mir jetzt leid. Es tut mir auch leid, daß wir wegen des weiten Weges nicht oft bei ihm sein konnten während seines Krankenhausaufenthalts. Seit einiger Zeit haben wir vermutet, daß er die Lebertransplantation wahrscheinlich nicht überleben wird. Seither haben wir versucht, ihn nach Berlin zu bekommen. Das hat nun nicht mehr geklappt. Ich wollte das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit ihm gerne wieder und nochmal aufleben lassen. Wir hätten ihn gerne begleitet. Was mich tröstet ist das Wissen um die vielen guten Freunde, die auch während der Krankenhauszeit für ihn da waren. Vielen Dank!

    Imma, ich freue mich auch darüber, daß durch die Kommentare zu Deinem Nachruf jetzt immer neue Saiten aus Peter Roberts Leben angeschlagen werden und das Bild rund wird. Danke an alle, die etwas dazu beitragen und an Dich, daß Du diese Möglichkeit eröffnest.

    Sybille Holzbaur-Naumann

  5. Liebe Frau Harms,

    ich möchte Ihnen ganz herzlich für Ihren Nachruf auf Robert Naumann danken. Er trifft, glaube ich, Robert sehr gut, auch wenn mir viele Aspekte darin nicht bekannt waren. Ich kannte ihn erst seit 1999, als er nach Stuttgart kam und mein Kollege, später auch ein guter Freund wurde.

    Er hat mich zwar oft genervt, weil er sehr oft sehr viel besser wußte, z.B. welcher Dirigent als einziger Haydn kann (Hogwood), wie man Spargel zubereitet oder was auf keinen Fall in die Feuerzangenbowle hineindarf. Und dennoch vermisse ich ihn sehr. So wie er konnte keiner mit vollem Mund sprechen, und besonders gut, wenn jemand sagte: “Robert, man spricht nicht mit vollem Mund!”.

    Ich habe ihn noch am Sonntagmittag vor seinem Tod im Krankenhaus besucht. Da ging es ihm schon sehr schlecht und er konnte nur noch ein paar Sätze flüstern. Es hat mir weh getan, daß er so leiden mußte.

    Der Wolfgang Boehrer, der im taz-blog auf Ihren Nachruf geantwortet hat, hat ein schönes Bild gefunden: Robert sitzt inmitten der Blaubeeren in Going und isst glücklich. So kann ich ihn mir auch gut vorstellen.

    Herzlichst

    Jörg Hucklenbroich

  6. Lieber Herr Boehrer,

    das ist ein sehr schönes Bild, das SIe sich von Robert machen: Er sitzt inmitten der Blaubeeren in Going und isst glücklich. So kann ich ihn mir auch vorstellen

    Jörg Hucklenbroich

  7. Liebe Imma,

    auch von mir einen aufrichtigen Dank für Deinen Nachruf auf Robert, oder Peter Robert , wie ich – wenn auch sozusagen mit stolpernden Fingern von den letzten Nachrichten zu schreiben gelernt habe. Vor allem bin ich dankbar einmal etwas mehr von diesem geheimnisvollen Vorleben zu erafhren, das ich wenn auch gleich einem sehr selten besuchten Leuchtturmfeuer nur alle paar Jahre für einige Stunden aufblitzen sah, das mir aber trotzdem vierl bedeutete, nicht nur weil eine große Lebenslust aufschien, sondern auch, weil ich mich bei jeder Begegnung willkommen fühlte und so akzeptiert wie da gerade war. Ein wirkliches Geschenk. Im Sommer 2011 bin ich mit ihm noch von Ziegelhausen, wo er mir geholfen hatte einige Bücherkisten (sic!), die seit Jahrzehnten aus einem Nachlass auf dem Dachboden meiner Cousine verstaubten zu entsorgen und auf einer Serpentinenkehre in Müllkippe und Bananenkiste zu sortieren. Drei Kisten landeten in seiner Stube und bei seiner letzten Berlinreise bei mir…und ich hatte das große Vergnügen mit ihm über den Speyrerhof und die Emertsgrundgegend erstmalig in sein Häuschen nach Wieloch zu fahren, wobei er mir den ganzen Weg Geschichten aus seiner Zeit in Heidelberg, den Lieblingsgasthöfen und den Kräuter- und Wasserquellen erzählte, die er dort nutzte um seine Heiltees zu kochen. Dazu schien die Sonne und wie sich jetzt herausstellt schloss sich auch der Kreis vom Emmertsgrund, wo ich ihn kennenlernte zum Neuenheimerfeld, wo ich meinen Bruder in der Klinik besuchte und wo Robert wie ich vermute seine Transplantationen erhielt.
    Auf seine letzte Mail mit der Ankündigung einer dritten Transplantation konnte ich so wenig antworten, wie Robert zunächst auf Deinen Text, Imma, und als ich eines Nachts mit bleischweren Lidern ein paar dürre Sätze in den Computer getippt und als “Entwurf” gespeichert hatte, fand ich tags darauf die Todesnachricht im Posteingang. Wovon man nicht reden kann, davon soll man schweigen.
    Also mach ich mir ein Bild und in dem Bild sitzt er inmittten der Blaubeeren in Going und isst glücklich.

    Wolfgang

  8. Liebe Imma
    vielen Dank für diesen wunderbaren Nachruf auf Robert. Ich habe ihn bereits dreimal gelesen, weil er mir doch Seiten von Robert ( für viele Menschen übrigens Peter ) eröffnet hat, die ich zwar erahnte, aber nie mit Bestimmtheit zuordnen konnte. Robert lebte, wie beschrieben, in unmittelbarer Nachbarschaft zu mir in dem kleinen „Verschlag „und wir kannten uns kaum, lediglich vom Sehen. Dies änderte sich schlagartig, als er das kleine Haus hinter dem Meinigen kaufte und wir dann plötzlich von Küchenfenster zu Küchenfenster mit ca. 3 Metern Abstand nebeneinader wohnten. Zunächst winkten wir uns beim Frühstück zu, später interessierte er sich für meine Bepflanzung der Abwasserrinne zwischen unseren Häusern und steuerte liebevoll einige Pflänzchen bei. So richtig begeistern konnte er sich dann, als er von unserem Jazzclub erfuhr, dem er auch schnell als Mitglied beitrat und oft Live-Konzerte besuchte.Fast verliebt war er in die Sängerin Melissa Dietrich, der er auch zu einem anderen Konzert nachreiste. Er bestellte gerne einen ganz dünnen Rotweinschorle oder auch zwei, den wir mit viel Humor auf die alte Leber tranken. Nach und nach lernten wir uns besser kennen und es entstand eine Art Freundschaft mit Distanz und Nähe. Sein leidenschaftlicher Kampf für Stuttgart 21 wurde von den Nachbarn oft ein bißchen belächelt, aber seine Glaubhaftigkeit hat selbst die Konservativen davon überzeugt, dass er sich für eine gute Sache engagiert. Bei Diskussionen über klassische Musik und seine heißgeliebten Besuche bei den Schwetzinger Festspielen war man schnell als Laie entlarvt. Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, er hört gar nicht zu, hat er Vieles von dem Gesagten verarbeitet.Richtig schwere Diskussionen entstanden, als es klar war, dass die Lebertransplantation ansteht. Er war zu diesem Zeitpunkt sehr fit. Er fuhr mit dem Fahrrad viele Kilometer, ass Unmengen von Spargel ( sein Spargelbauer war natürlich der Beste ! ), war noch in seinem geliebten Going in Tirol und pflückte bunte Blumensträuße. Dies ist eine der schwersten Erinnerungen für mich,: er brachte eines Tages einen großen Strauß mit Margariten, Kornblumen und Mohn. Er stellte den Strauß in sein Fenster, damit ich auch etwas davon habe. Als er nach Stuttgart musste, brachte er mir den Strauß damit ich ihn weiter pflege. Er stand in ganz gelben Wasser und ich sagte Robert, man müsse das Wasser wechseln. Stolz erkärte er mir, dass es sich hier um Tee handele und dieser würde die Blumen frisch halten. Jedenfalls war ich damals der Überzeugung, da sein Tumor offensichtlich verkapselt war, dass die Transplantation gefährlich wäre, aber da war er heftigst anderer Meinung. Er wollte noch lange leben und viel erleben.Als er im November dann ins Krankenhaus ging, übernahm ich die Pflege seiner Blumen und seine Post.Meine wöchentlichen Besuche bei ihm waren von Angst, Hoffnungen, belanglosen Geschichten geprägt und ich konnte einige wunderbare Freunde von ihm kennenlernen, die sich alle sehr liebevoll um ihn kümmerten. Gesprächen über Abschiednehmen, über ethische Gefühle den Vorbesitzern der Lebern gegenüber, wich Robert
    aus – bis zu meinem letzten Besuch, als er mir erklärte, dass er sich mit dem Gedanken beschäftige, dass er es nicht mehr schaffe und er mir zum ersten Mal beim Abschied die Hand gab.Ich glaube, er hatte gerade begonnen anzukommen, als er gehen musste.
    Er fehlt.
    Christa, die Nachbarin

  9. Kolja ist Roberts Neffe, ich glaube sogar, dass er sein Patenkind ist. Ich habe ihn vor einigen Jahren kennengelernt, weil Robert unbedingt wollte, dass sein Neffe Lang Lang in der Kölner Philharmonie spielen hören und sehen sollte. Das Konzert war ausverkauft, aber ich hatte noch eine Karte übrig, und machte dadurch nicht nur dem Neffen, sondern auch dem Onkel in Stuttgart eine Freude.
    Im September 2010 habe ich Robert zuletzt gesehen, wir waren zusammen in der Essener Lichtburg in “Metropolis” mit der Original-Filmmusik, live gespielt.
    Damals erzählte er mir, daß die Ärzte bei ihm eine überstandene Hepatitis diagnostiziert hätten, von der er gar nichts mitbekommen hätte. Das war der Anfang vom Ende, und damals habe ich nicht geahnt, daß es unsere letzte Begegnung sein würde.
    Es ist traurig, daß er so leiden mußte!

  10. Liebe Imma, ich danke dir für diesen wunderschönen Nachruf, Nachklang, der noch lange klingen wird. Meine Vorstellung war gerade die einer Robert Erzählung, in der die Fäden der verschidenen PErspektiven seiner vielen Freund sich zusammenspinnen würden, ein kleines Abbild seines nie verwirklichten Tagebuchprojekts….
    liebe Grüße
    ewo