29.09.2008 von Claudius Prößer
Zwei Meldungen aus dem miefig-konservativen Chile.
Erstens: Rund fünftausend Schwule, Lesben, Trans- und sonstige Sexuelle sind am Samstag mit den üblichen Verkleidungen durch die Innenstadt von Santiago marschiert, um gegen ihre Diskriminierung zu protestieren und ein wenig Spaß zu haben. Veranstalter war das Movimiento Unificado de Minorías Sexuales, MUMS, was zum Glück nur auf Deutsch ein bisschen krank klingt. So viele TeilnehmerInnen wie im vergangenen Jahr zählte die Marcha del Orgullo 2008 nicht (da war von 15.000 die Rede), aber es waren immer noch deutlich mehr als beim ersten Mal, Ende der Neunziger: Damals trauten sich nur 200 auf die Straße. Ein kleines Video von Chiles Miniatur-CSD hier.

Zweitens: Die New York Times beschreibt ein Phänomen, das Chile seit mehreren Jahren in Atem hält – das Ponceo. Dabei handelt es sich um das sexuelle Gebaren von Teenagern (insbesondere den Anhängern einer als… weiter lesen
28.09.2008 von Gerhard Dilger
In unseren Breitengraden ist wieder viel von „Revolution” und „Sozialismus” die Rede.

Hugo Chávez (l.) sieht sich als Erbe des „Befreiers“ Simón Bolívar. Er hat in Venezuela die „bolivarianische Revolution“ ausgerufen und predigt seit dem 2005er-Weltsozialforum von Porto Alegre den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. In Bolivien übertreibt Evo Morales (r.) von der „Bewegung zum Sozialismus“ nicht, wenn er sein Ziel als „demokratische und kulturelle Revolution“ umschreibt. Und Ecuadors Präsident Rafael Correa (M.) nennt das dortige linke Transformationsprojekt „Bürgerrevolution“.
Doch anders bei als früheren Revolutionen kommt in Venezuela, Bolivien und Ecuador die Macht nicht mehr aus den Gewehrläufen, sondern aus den Urnen. Die durchaus widersprüchlichen Reformprozesse sind eindeutig demokratisch legitimiert.
Beim heutigen Referendum über die neue, fortschrittliche Verfassung in Ecuador geht es zugleich um eine Bestätigung der „Bürgerrevolution“. Die Idee zu einem Verfassungskonvent wurde zuerst in den 90er Jahren von der indigenen… weiter lesen
25.09.2008 von Gerhard Dilger
Gäbe es einen Wettbewerb für die dumm-dreisteste Aufbereitung des Finanzcrashs an der Wall Street, das brasilianische Wochenmagazin Veja läge sicher weit vorne.

“Eu salvei você!” heißt es auf dem aktuellen Titelblatt - auf gut Englisch: “I saved you!”. Das auflagenstarke Leib-und-Magenblatt der konservativen Mittelschicht fing einmal als linksliberales Magazin an. Journalistisch ist es zwar auf den Hund gekommen, doch seine Pseudoenthüllungen sorgen in Brasília und in der Provinz immer noch regelmäßig für Aufregung.
Einen ganz anderen Blick hat auch diesmal die Konkurrenz von Carta Capital:

24.09.2008 von Claudius Prößer
Religiosität hat viele Gesichter, eines der gruseligsten sind die fanatischen Predigten evangelikaler Christen. Auch in Chile gehören ihre theatralischen Tiraden zum akustischen Inventar der Innenstädte und der armen Peripherie, während die Oberschicht eher diskreten Sekten wie dem Opus Dei zugeneigt ist.
Ein besonders krasses Exemplar geistert seit einiger Zeit durchs Internet: Nezareth Casti Rey, ein kleiner peruanischer Junge, der vor Tausenden die Irrlehren der Evolution verdammt (und was man als Evangelikaler noch so alles geißelt).
Zum Glück ist das Internet nicht nur in der Lage, solcherlei zu multiplizieren, es bietet auch Raum für Parodien, die das Grauen angenehm entschärfen. Nezareth, der mittlerweile 17 ist, aber munter weiterpredigt, wurde schon vielfach remixt, unter anderem von einem chilenischen DJ. Keine große Kunst, aber doch lustig:
23.09.2008 von Gerhard Dilger
Heute mal ein echtes Film-Schmankerl aus Porto Alegre – Jorge Furtados Klassiker Insel der Blumen (1989):
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Teil 2 und Alternativ-Version in hoher Auflösung
21.09.2008 von Gerhard Dilger
Am Samstag hat sich der kolumbianische Präsident Álvaro Uribe in Washington von der „lahmen Ente“ George W. Bush verabschiedet.

Seit Uribes erstem Wahlsieg 2002 sind die Staatschefs enge Verbündete. Jetzt bedauerten sie wortreich, dass das bereits 2006 ausgehandelte Freihandelsabkommen (TLC) wegen des Widerstands des US-Kongresses auf Eis liegt.
Barack Obama, der als Senator daran nicht ganz unbeteiligt war, nannte jetzt wieder einen wichtigen Grund dafür: „Wir müssen sicherstellen, dass die Arbeiterrechte geschützt werden… Man hat Gewerkschafter ermordet oder verschwindenlassen… Ich fühle mich nicht gut dabei, einen Vertrag voranzubringen, bis nicht einigermaßen klar ist, dass die Arbeiter in Kolumbien sicher sind.” Allein 2008 wurden bisher mindestens 38 kolumbianische GewerkschafterInnen ermordet.
In der 26-minütigen Pressekonferenz vor dem Weißen Haus erklärte Bush, warum er das Freihandelsabkommen mit Kolumbien befürwortet:
1. Weil sonst „die Investitionen nervös werden.“
2. „Es ist eine Freundschaftserklärung, eine Erklärung gemeinsamer… weiter lesen
19.09.2008 von Claudius Prößer
Der kurzfristig einberufene Unasur-Gipfel in Santiago war ein Erfolg für die derzeitige Vorsitzende Michelle Bachelet – und ein echtes Ereignis für ein, trotz allem, kleines Land wie Chile. Fast alle PräsidentInnen des Subkontinents auf einen Schlag in Santiago, das war dem Fernsehen Dauerliveschaltungen zum Flughafen und den Zeitungen etliche Sonderseiten wert. Das Ganze ging völlig reibungslos über die Bühne und strafte die Bedenkenträger aus der rechten Opposition Lügen.
Einen kleinen Kollateralschaden gab es jetzt aber doch: Chiles Außenminister Alejandro Foxley, der mit am Tisch saß, hat einen Rüffel von Venezuelas Präsident Hugo Chávez bekommen. Genauer: Chávez’ Außenminister Nicolás Maduro hat seinem chilenischen Kollegen einen Brief geschrieben und eine förmliche Entschuldigung für Andeutungen gefordert, die dieser im Nachhinein über Chávez gemacht hatte.

Foxley (l.), Chávez (r.), Bildquellen hier
In einem Interview mit Canal 13 hatte Foxley nach dem Gipfel gesagt, er habe zeitweise nicht… weiter lesen
19.09.2008 von Florencia Abbate
Tausende ArgentinierInnen zeigten am Montag auf einer Demonstration ihre Solidarität mit Boliviens Präsident Evo Morales und verurteilten das Verhalten der USA in der Region. Der Umzug endete vor der bolivianischen Botschaft in Buenos Aires, wo die Demonstranten die Nationalhymne Boliviens sangen.
Organisiert wurde die Kundgebung von dem unabhängigen Gewerkschaftsverband CTA (Central de Trabajadores Argentinos), sozialen Bewegungen wie Barrios de Pie und Libres del Sur, der Kommunistischen Partei, der Sozialistischen Partei sowie der Humanistischen Partei.
„Rassisten und Söldner raus aus Bolivien: Branko Marinkovic und Philip Goldberg” und “Nein zur Autonomie der Großgrundbesitzer” war auf den Transparenten zu lesen. Hugo Yasky, Chef der CTA, verlas eine Stellungnahme, unterzeichnet von 60 Organisationen und 400 Politikern, Gewerkschaftern, Menschenrechtsexperten, Künstlern und Intellektuellen aus Argentinien. Das Dokument drückt die „eindeutige Unterstützung für den Verfassungsprozesses sowie für Präsident Evo Morales“ aus, sowie die „energische Ablehnung aller derjenigen, die das Land mit… weiter lesen
18.09.2008 von Gerhard Dilger
Warum wird es in den USA nie einen Putsch geben? Weil es dort keine US-Botschaft gibt.

In Lateinamerika ist dieses Bonmot besonders beliebt. Nirgendwo haben die USA seit dem 19. Jahrhundert öfter interveniert als in ihrem Hinterhof – direkt oder indirekt.
Das war auch bei der jüngsten Krise in Bolivien der Fall: Ende August traf US-Botschafter Philip Goldberg in Santa Cruz den dortigen Gouverneur Rubén Costas. Tage später begannen die Unruhen, die das Land an den Rand eines Bürgerkriegs brachten. Letzte Woche zog Präsident Evo Morales die Notbremse und erklärte den Balkanexperten Goldberg zur Persona non grata.
Nun hat Brasiliens Präsident Lula diesen Schritt öffentlich als „korrekt” bezeichnet. „Die Aufgabe eines Botschafters ist es nicht, innerhalb des Landes Politik zu machen,“ sagte Lula. Es sei allgemein bekannt, dass sich die US-Botschaften in mehreren Phasen der lateinamerikanischen Geschichte eingemischt hätten. Wortlaut des… weiter lesen
17.09.2008 von Gerhard Dilger
Aufatmen in Bolivien: Vor wenigen Stunden haben die oppositionellen Gouverneure Rubén Costas aus Santa Cruz (l.) und Mario Cossío (M.) in Verhandlungen mit der Regierung von Evo Morales eingewilligt.

Zusammen mit Vizepräsident Álvaro García Linera hatte Cossío die Grundlagen seit Freitag ausgearbeitet. Entscheidend für das Einlenken war die einhellige Unterstützung der Regierung durch die südamerikanischen PräsidentInnen am Vorabend.
Ab morgen soll in Cochabamba über die Verteilung der Erdgassteuer, die Autonomie der Provinzen und die neue Verfassung verhandelt werden.
P. S. Auf dem Bild ganz rechts ist Branko Marinkovic zu sehen, der einflussreiche Chef des “Bürgerkomitees” von Santa Cruz.