30.11.2009 von Gerhard Dilger
Die Garde der volkstümlichen linken Präsidenten Südamerikas ist um ein schillerndes Mitglied reicher:

José Mujica aus Uruguay, 74, ehemals Blumenzüchter, Stadtguerillero und Landwirtschaftsminister, hat in der Stichwahl am Sonntag die absolute Mehrheit erreicht. Auf den Straßen Montevideos feierten Hunderttausende bis spät in die Nacht -

so wie vor fünf Jahren, als die Linke mit Tabaré Vázquez zum ersten Mal in der Geschichte Uruguays die Wahlen gewann.
Auf den ersten Blick wirkt Mujica, den seine Anhänger nur “Pepe” nennen, mit seinem Schnurrbart und wehendem Haarschopf wie ein gemütlicher Großvater. Doch in Debatten zeigt sich der Autodidakt und Krawattenverächter als wortgewandter Intellektueller mit Witz, der alle Register der Volkssprache ziehen kann.
In den frühen 60er Jahren gehörte Mujica zum Gründungszirkel der Tupamaro-Stadtguerilla. Ein Mal wurde er angeschossen, vier Mal verhaftet, zwei Mal gelang ihm die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Das Militärregime von 1973 bis 1985 erlebte er vollständig hinter Gittern,… weiter lesen
30.11.2009 von Claudius Prößer

Wer so schöne Spitzenkleidchen und rote Schuhe trägt, bekommt natürlich nur ungern Konkurrenz von weiblichen Besuchern. Deswegen hatten sich Cristina Fernández und Michelle Bachelet für ihre Papstvisite am Samstag in protokollarisch-züchtiges Schwarz gehüllt, Bachelet als bekennende Agnostikerin verzichtete aber im Gegensatz zu Fernández auf eine Verschleierung. Der
Besuch im Vatikan diente der Erinnerung an den vor 25 Jahren hier unterzeichneten “Freundschafts- und Friedensvertrag” zwischen Argentinien und Chile, der die endgültige Beilegung des
Beagle-Konflikts bedeutete. Benedikts Vorgänger Johannes Paul und der italienische Kardinal Antonio Samorè hatten seit 1979 zwischen den verfeindeten Militärjuntas vermittelt.
Nachdem Bachelet und Fernández jeweils eine Viertelstündchen mit dem Papst geplaudert und in den einstigen Verhandlungsräumen eine Gedenktafel enthüllt hatten, auf denen sie – offenbar latinisiert – als “Michaela” und “Christina” verewigt worden waren, gab die chilenische Präsidentin der Presse zu Protokoll, dass “Chile ein Land ist, welches bei Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn immer… weiter lesen
28.11.2009 von Claudius Prößer
Alejandro Goic, Regisseur und Schauspieler sowie seit den Siebzigerjahren bekennender Sozialist, unterstützt im Wahlkampf
Jorge Arrate. Vorher hatte er sich für die Kandidatur von Alejandro Navarro ins Zeug gelegt, bis der Senator aufgab und Marco Enríquez-Ominami zur neuen linken Hoffnung kürte. Das
hält Goic für einen schlechten Scherz: “MEO instrumentalisiert das Erbe derer, die sich unter der Diktatur aufgeopfert haben, solidarisch waren, sich für die Armen und die Würde der Arbeiter eingesetzt haben. Dieses Erbe, diese Tradition verunglimpft er. Er ist der Prototyp des Yuppie, des rechten Liberalen. Als Unternehmer gehorcht er diesem kulturellen Paradigma.”
Dass “MEO” von vielen Chilenen als De-facto-Rechter betrachtet wird, liegt auch an manch undurchsichtiger Figur in dessen Wahlkampfkommando: etwa Max Marambio, einst Mitglied der politischen Leibwache Allendes (der GAP), der später auf und mit Kuba äußerst lukrative Geschäfte machte und Carlos Cardoen dort einführte, einen Mann, der sich unter Pinochet mit… weiter lesen
26.11.2009 von Gerhard Dilger
Es ist still geworden um die “Fettmörder” aus den peruanischen Zentralanden, die Dutzende armer Bauern auf dem Gewissen haben sollen. Dabei wirbelten die Gangster, die angeblich Menschenfett für 15.000 Dollar pro Liter an europäische Kosmetikfirmen verkauften, am letzten Freitag furios durch die Weltpresse. Auf Websites wie Spiegel Online, aber auch auf taz.de gehörte die Räuberpistole zu den Klickfavoriten.
Begierig wurden die entsprechenden Agenturmeldungen aus Lima aufgegriffen und zusammengemixt. Die Opfer seien entführt und enthauptet worden, berichteten dpa, AFP und AP unter Verweis auf peruanische Medien und hohe Polizeioffiziere. Dann habe man die Leichen “an Haken über Kerzenflammen” aufgehängt, ihnen das Fett entnommen und sie anschließend verscharrt oder in einen Fluss geworfen.
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Stunden bevor die ersten Meldungen über die “Fettmafia” die deutschen Redaktionen erreichten, hatte in Peru die prominente Fernsehmoderatorin Rosa María Palacios bereits die “Volksverdummung” durch Kollegen und Polizei gegeißelt. In einer 8-Minuten-Reportage ihres Magazins… weiter lesen
24.11.2009 von Hans-Ulrich Dillmann
Am 25. November 1960 wurden in der Dominikanischen Republik die drei Schwestern Patria (36), Minerva (34) und Maria Teresa (25) Mirabal durch Schergen des Diktators Rafael Leónides Trujillo Molina ermordet. Der Tag wurde später von der feministischen Bewegung Lateinamerikas zum Aktionstag erklärt und 1999 durch die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen erklärt. Bélgica Adela „Dedé“ Mirabal (84) ist die Überlebende der „Mariposas“ (Schmetterlinge), so lautet der Deckname der Schwestern. Sie zog die Kinder von Patria, Minerva und Maria Teresa auf und hat ein Museum zur Erinnerung an ihre ermordeten Schwestern im Elternhaus in Salcedo gegründet. Dem Leben der „Schmetterlinge“ haben die Schriftstellerin Julia Alvarez mit ihrem Buch „Die Zeit der Schmetterlinge“ und Mariano Barroso mit seinem gleichnamigen Film ein Denkmal gesetzt. Das Interview mit Dedé Mirabal aus Anlass der Veröffentlichung ihrer Lebenserinnerungen wurde im Oktober 2009 im Mirabal-Museum in Salcedo geführt. … weiter lesen
23.11.2009 von Gerhard Dilger
Sting hat sich gegen den Bau des umstrittenen Riesenstaudamms Belo Monte im brasilianischen Amazonasgebiet eingesetzt. In São Paulo gab der Rockstar gestern eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem Kayapó-Sprecher Raoni.

Foto: Dennis Barbosa/Globo Amazônia
“Brasilien braucht Energie, aber vielleicht braucht es nicht Belo Monte”, sagte Sting so diplomatisch wie möglich, die Betroffenen müssten angehört werden. Bereits 1989 hatten sich Roani und Sting erfolgreich gegen das Megaprojekt eingesetzt, für das der Amazonas-Nebenfluss Xingu aufgestaut werden soll. Die Regierung Lula möchte im kommenden Jahr mit dem Bau beginnen, der mehrere indigene Völker in ihrer Existenz bedroht.
“Ich will in Frieden leben, ich will, dass meine Enkel in Frieden leben”, sagte Raoni. “Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal an den Xingu kam, spürte ich, dass der Tropenwald wichtig für die Welt ist”, erklärte Sting, der damals seine Rainforest Foundation gegründet hatte. Heute sei… weiter lesen
22.11.2009 von Claudius Prößer
Nun hat er es doch getan: Sebastián Piñera, der Präsidentschaftskandidat der rechten Opposition in Chile,
zeigt für ein paar Sekunden in einem seiner TV-Spots
ein schwules Paar. Einer der beiden Händchen haltenden jungen Männer flüstert Piñera etwas ins Ohr, so wie es im selben Clip weitere Repräsentanten gesellschaftlicher Randgruppen tun – eine Mapuche, ein Kind mit Down-Syndrom, ein alter Mann, eine Sehbehinderte usw. usf. Woraufhin sich der Kandidat (Achtung, Metapher!) zur deren Stimme macht. Im Fall der beiden
gays sagt er sinngemäß: “Unsere Mitmenschen akzeptieren uns schon – jetzt wollen wir, dass uns auch der Staat respektiert.” (Um den Clip zu sehen, auf das Bild klicken.)

Wie soll man diese Geste einschätzen? Einerseits ist es gerade für einen rechten Politiker in Chile ein Wagnis, Schwule als das zu zeigen, was sie sind: ganz normale Menschen. So richtig akzeptiert werden sie nämlich noch lange nicht, und schon… weiter lesen
20.11.2009 von Gerhard Dilger
Was hat deutsche LeserInnen aus Lateinamerika zu interessieren? Für Blatt- und Portalmacher spielen Nachrichtenagenturen bei der Themenauswahl eine wichtige Rolle. Nur bieten diese auch aus dem fernen Südamerika immer öfter Klatsch-, Skandal- oder Schauergeschichten.
So berichteten heute dpa, AFP und AP unter apodiktischen Überschriften wie „Menschen in Peru ermordet, Fett verkauft“ von einem „mutmaßlichen Fetthändler-Ring“ aus Peru, auf dessen Konto Dutzende von Morden gehen sollen. Die Opfer, meist arme Bauern, seien entführt und enthauptet worden, heißt es unter Verweis auf peruanische Medien – und die dortige Polizei.

So wird man berühmt
Dann habe man die Leichen „an Haken über Kerzenflammen“ aufgehängt, ihnen das Fett entnommen, sie anschließend verscharrt oder in Flüsse geworfen.
„Die Bande kassierte 15.000 Dollar für jedes Kilogramm menschliches Fett“, schrieb dpa zunächst im Indikativ, die Käufer seien laut Polizeigeneral Eusebio Félix Murga europäische Kosmetikfirmen gewesen. afp und ap erhöhten den Exotik-Grusel-Faktor mit einem Schuss blutrünstiger Andenmythologie.… weiter lesen
20.11.2009 von Gerhard Dilger
In der US-Außenpolitik sind Barack Obama noch mehr die Hände gebunden als, sagen wir, bei der Gesundheitsreform.

“Er erinnert mich immer mehr an Jimmy Carter, das war auch ein Mann mit guten Absichten”, sagt der brasilianische Geohistoriker José Luis Fiori.
Ein Beispiel unter vielen ist Obamas Kubapolitik, die nur wenig phantasievoller ist als jene seiner zehn Amtsvorgänger. Schuld daran, meint Obama, sei – natürlich! – die kubanische Regierung, wie dieser Auszug aus seiner Antwort an die prominente Bloggerin Yoani Sánchez zeigt:
For years, I have said that it is time to pursue direct diplomacy, without preconditions, with friends and foes alike. I am not interested, however, in talking for the sake of talking. In the case of Cuba, such diplomacy should create opportunities to advance the interests of the United States and the cause of freedom for the Cuban people. (…) Achieving a
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17.11.2009 von Gerhard Dilger
In Kolumbien geht der Krieg weiter – und die Vertreibungen. Für 2008 schätzt die Menschenrechtsorganisation CODHES die Zahl der internen Flüchtlinge auf 380.000 – die höchste Zahl von Vertriebenen seit 2002, als Álvaro Uribe seine erste Präsidentenwahl gewann.
Vor der kolumbianischen Botschaft in Berlin wiesen AktivistInnen letzte Woche darauf hin, dass in verschiedenen Teilen Kolumbiens Kleinbauern im Auftrag von Palmölpflanzern vertrieben werden – von rechtsextremen Paramilitärs.
Video: Volker Hoffmann