Man sollte der chilenischen Rechten dankbar sein: Ihre Fraktionen im chilenischen Abgeordnetenhaus haben mit den Ex-Christdemokraten der PRI gegen eine Umbenennung des Flughafens von Santiago in Aeropuerto Internacional Pablo Nerudagestimmt. Es waren 44 Stimmen gegen 38 von Vertretern der Concertación, den drei Kommunisten sowie zwei Abgeordneten der rechten RN, die es offenbar doch nicht für eine so schlechte Idee hielten, den Heimatflughafen von LAN Airlines auf den Namen des chilenischen Dichterfürsten zu taufen. Die Initiative war im Jahr 2004 von Abgeordneten der Concertación auf den Weg gebracht worden.
Die sind jetzt natürlich sauer: “Die Rechte hat ideologische Vorurteile und will nicht verstehen, dass Figuren wie Neruda Weltbürger sind”, befand der sozialistische Abgeordnete Alfonso De Urresti, der die Vertreter der rechten Allianz für Chile aufforderte, sich endlich “weiterzuentwickeln”. Natürlich kam die Attacke postwendend zurück: Eine “kleingeistige Debatte” sei das, fand der Fraktionschef der rechten UDI, Patricio Melero:… weiter lesen
Wer die Geschichten der Atacamawüste hören will, kann 20 Stunden nach Santiago de Chile fliegen, dort einen Bus Richtung Arica nehmen, weitere 20 Stunden nach Norden fahren, sich irgendwo nördlich von Antofagasta an der Panamericana aussetzen lassen, am besten an einer verlassenen Siedlung einer Salpetermine, sich auf einen Stein setzen, den Blick in die flimmernde unendliche Weite schweifen lassen und den Geschichten lauschen, die einem die Wüste erzählt. Oder aber man kann in die Buchhandlung seines Vertrauens gehen und irgendein Buch von Hernán Rivera Letelier erwerben, sich auf eine Bank im Park oder zu Hause aufs Sofa setzen, und zu lesen beginnen.
Hernán Rivera, Jahrgang 1950, ist in der Atacama aufgewachsen. Er erzählt von der Wüste, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Salpeter, der dort abgebaut worde, zu den wertvollsten Rohstoffen der Welt gehörte. Er… weiter lesen
Der Journalist Tomás Eloy Martínez, einer der ganz Großen der argentinischen Literatur, ist tot.
Daniel Alberto Dessein aus Tucumán zitiert den alten Freund und Kollegen in seinem Nachruf. “Das Gespenst des Todes”, so Martínez 2008, “ist da”.
Aber ich versuche, ihm keine Bedeutung zu geben. Vielleicht kommt es, wenn man es am wenigsten erwartet. Ich würde, wie Marguerite Yourcenar einmal gesagt hat, am liebsten mit offenen Augen sterben, erfahren, was auf der anderen Seite ist.
Dem faszinierendsten Phänomen der politischen Kultur Argentiniens, dem Peronismus, näherte er sich in Der General findet keine Ruhe und Santa Evita mit einer gelungenen Mischung aus Journalismus, Geschichtsschreibung und Fiktion an. Meister der ironischen Dekonstruktion hat ihn daher der Kritiker Peter B. Schumann genannt.
Als “spannende Einführung in die jüngere Geschichte Argentiniens und… weiter lesen
Tú nunca habrías hecho lo que yo hice por tenerte. Pero eso no fue hecho por otra cosa, fue un amor violento de alma y cuerpo. (G. M.)
Yo me pongo en el viento y en la lluvia tierna, para que estos, viento y lluvia, puedan abrazarte y besarte para mí. (D. D.)
Lo subterráneo es lo que no digo. Pero te lo doy cuando te miro y te
toco sin mirarte. (G. M.)
In Vicuña, dem kleinen Städtchen im Valle de Elqui, wo sie vor 120 Jahren geboren wurde, hat man Gabriela Mistral gleich mehrfach in Stein gemeißelt. Bild und Name der Dichterin, die 1945 den Nobelpreis für Literatur erhielt, zieren aber im ganzen Land die Straßen und Plätze. Unter Pinochet, als Chiles zweiter Nobelpreisträger Pablo Neruda kaum noch öffentlich erwähnt werden durfte, wurde Mistrals Konterfei auf den neuen 5.000-Peso-Schein gedruckt – die spießige Unkultur
„Ich nannte mich
Ich selbst rief mich
Mit dem Namen einer Insel.“1
Hilde Domin schrieb diese Zeilen 1954. Die damals noch unbekannte Lyrikerin leitete ihren Künstlernamen von Santo Domingo ab. Am 6. August 1940 war die gebürtige Kölnerin gemeinsam mit ihrem Mann, dem Archäologen Erwin-Walter Palm, mit einem Wasserflugzeug der Pan American Airways aus Puerto Rico kommend in der dominikanischen Hafenstadt San Pedro de Macoris gelandet. Aus Angst vor den deutschen Bombenangriffen und einer möglichen Invasion hatten die beiden ihr englisches Exil gegen die weit entfernte Insel eingetauscht. Am 27. Juli wäre Hilde Domin, die am 22. Februar 2006 in Heidelberg gestorben ist, 100 Jahre alt geworden. Hans-Ulrich Dillmann sprach mit der Domin-Biografin Marion Tauschwitz, die während der letzten fünf Lebensjahre Domins engste Mitarbeiterin war, über die Lyrikerin, deren Ängste und Verhältnis zu Judentum, Religion und Tradition.
Warum kommt in der Lyrik von Hilde Domin das Judentum nicht vor? Tauschwitz: Judentum, erklärte sie immer wieder, habe in ihrem Leben keine Rolle gespielt; dennoch war Hilde Domin ein religiöser Mensch. In den Briefen, die ich ausgewertet habe, ist sehr oft die Rede von Gott, seiner Existenz, dem Leben nach dem Tod und ihrer Angst, die sie als theologische Furcht bezeichnete. Doch ist der bedingunslose Optimismus, der aus ihren Gedichten spricht und der unzerstörbare Glaube an das Gute im Menschen nicht doch Ausdruck des Judentums? … weiter lesen
Juan Carlos Onetti, einer der Begründer der modernen lateinamerikanischen Literatur, wäre heute 100 Jahre alt geworden.
Prominentester Fan ist sein peruanischer Kollege Mario Vargas Llosa, der heute abend in Frankfurt seine Studie “Die Welt des Juan Carlos Onetti” vorstellt. Darin vereinnahmt der Rechtsliberale den pessimistischen Uruguayer mehrfach als Kronzeugen für seine eigene Sicht auf Lateinamerika.
Onetti kann sich dagegen nicht mehr wehren. Doch mit seinem hintergründigen Humor hatte er sich schon mehrfach trefflich über den 27 Jahre jüngeren Vargas Llosa geäußert:
1977, über eine Begegnung in San Francisco elf Jahre zuvor: „Ich sagte zu ihm, ohne dass er anschließend beleidigt war: Schau, Mario, du hast zur Literatur eine eheliche Beziehung – du musst von dann bis dann deine Pflicht erfüllen. Für mich ist das ein Verhältnis zu einer Geliebten: Wenn ich Lust habe, dann schreibe ich, verrückt, absurd, was auch immer“.
Mario Benedetti ist tot. Der uruguayische Schriftsteller starb am Sonntagabend 88-jährig nach langem chronischen Leiden in seiner Wohnung in Montevideo.
“Die Weltliteratur hat einen schmerzlichen Verlust erlitten”, sagte der Autor Mauricio Rosencof, der die Kulturabteilung der Stadtverwaltung von Montevideo leitet, gegenüber der Zeitung El Observador. “Aber die vielleicht tiefgründigste Botschaft, die uns Benedetti hinterlässt, lautet: Das Vergessen ist voller Erinnerung.” .
Zu Benedettis wichtigsten Werken gehören der Roman Gracias por el fuego (1965), die Erzählungen Con y sin nostalgia (1977), die GedichteViento en el exilio (1981) und Theaterstücke wie Pedro y el capitán (1979). Nach dem Militärputsch von 1973 verbrachte Benedetti, der die marxistische “Bewegung des 26. März (M26)” mitgegründet hatte, zehn Jahre im Exil, unter anderem auf Kuba und in Spanien.
“Benedettis Werk ist zweifellos ein fester Bestandteil der spanischsprachigen Literatur”, so Rosencof. “Es gibt keinen Sänger, der nicht eines seiner Gedichte vertont hätte.… weiter lesen
Auf Gipfeln wird bekanntlich selten Politik gemacht – und wenn, dann meist symbolische. So wie Venezuelas Präsident Hugo Chávez, der jüngst beim Treffen der OAS seinem US-Amtskollegen Barack Obama vor laufenden Kameras ein Exemplar von Eduardo Galeanos Buch “Die offenen Adern Lateinamerikas” in die Hand drückte.
Eigentlich keine große Sache – schließlich fiel Chávez’ Provokation eher schüchtern aus, und Obama, der das Buch lächelnd in Empfang nahm, soll anschließend gesagt haben, das sei doch toll, er sei schließlich ein begeisterter Leser.
Wie der NYT-Kolumnist David Brooks berichtet (hier, auf Spanisch), hat das Danaergeschenk des Venezolaners freilich für “Hysterie und Panik” bei rechten Politikern und Publizisten in den USA gesorgt. Otto Reich, Ex-Botschafter in Venezuela und außenpolitischer Berater von George W. Bush, bezeichnete das Zustandekommen der sympathischen Szene als “Irrtum von Obamas Team, den es unbedingt hätte vermeiden müssen”. Unter Reagan und den… weiter lesen
Am 12. Februar dachten in Buenos Aires viele Menschen an Julio Cortázar, der vor 25 Jahren starb. So auch die Latin@rama-Autorin Florencia Abbate: Hier ist ihre persönliche Hommage an den großen argentinischen Autor.
Als ich Anfang der 90er Jahre begann, Julio Cortázar zu lesen, gehörte es zum guten Ton unter Argentiniern, Lobesreden auf Borges zu halten – selbst wenn sie keins seiner Werke gelesen hatten. Nur wenige erinnerten sich an Cortázar, wie er es verdient hätte: Er war aus der Mode gekommen, und seine moralischen und politischen Botschaften wurden weitestgehend ignoriert.
Während ich später durch Lateinamerika reiste, freute ich mich um so mehr, dass die Bewunderung für Cortázar keine Grenzen zu kennen scheint: Überall redeten Leser, Kritiker und Autoren mit derselben Hochachtung von Cortázar. Juan Carlos Onetti verehrte ihn genauso wie Roberto Bolaño. Der Chilene, nicht dafür bekannt, große Worte zu verlieren, sagte… weiter lesen
Die nicaraguanische Erfolgsautorin Gioconda Belli wird heute 60 Jahre alt.
Gerade lese ich ihre Autobiographie “Die Verteidigung des Glücks“, in der sie ihren abenteuerlichen Werdegang als Sandinistin seit den frühen 70er Jahren schildert. Angesichts der absurden Willkürherrschaft, die Daniel Ortega und seine Frau Rosario Murillo gerade in Nicaragua zusammen mit den rückständigsten Teilen der katholischen Kirche etablieren, ist das eine zwiespältige Erfahrung.
Belli, so schreibt sie zum Schluss, sieht sich als “Doña Quijota, die in den Schlachten des Lebens gelernt hat, dass nicht nur die Siege Täuschungen sein können, sondern auch die Niederlagen”. Ein Trost für die NicaraguanerInnen?
Für das österreichische Magazin Südwind hat Werner Hörtner ein schönes Porträt der Jubilarin verfasst.