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vonChristian Ihle & Horst Motor 11.12.2006

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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20 Jahre ist es nun her, dass der New Musical Express eine Cassette (ja, sweet bygone days…) seinem Magazin beifügte, auf der die besten neuen Indie-Pop-Bands versammelt waren. Alle teilten eine Vorliebe für schrammelige Gitarren, die Ramones, 60s Girl-Group-Harmonien sowie die Beach Boys und praktizierten den aus den Punktagen gelernten Do It Yourself Stil bis zum Exzess. Von den Bands wurden Labels gegründet, die nach Ramones-Songs über homosexuelle Stricher benannt waren, Fanzines wurden geschrieben, gelesen, gepflegt, kurz: eine Szene pulsierte und hatte dank der Beigabe der Cassette des NME auch auf einmal einen neuen Namen bekommen: C 86.

Viele der Bands auf diesem Sampler, aus dieser Szene sind leider in Vergessenheit geraten (We’ve Got A Fuzzbox And We’re Gonna Use It), andere sind in der Zwischenzeit elder statesmen der britischen Indieszene (Primal Scream, The Wedding Present) und doch kommen immer wieder in Anorak gekleidete Indiekids früher oder später auf diese letzte Hochphase des klassischen Indie-Pop zurück. Bob Stanley, einst mit St. Etienne selbst lose mit dieser Szene assoziiert, brachte vor wenigen Wochen einen Sampler namens „CD 86 – 40 Tracks from the birth of indie pop“ heraus, der ähnlich wie Rough Trade Shops Indie-Pop-Sampler von 2004 die Wildheit und Kreativität der damaligen Szene umfassend widerspiegelt. Auf letzterer Rough Trade Compilation waren nicht nur die alten Größen versammelt, sondern auch die eine oder andere junge Band, die ganz nach den damaligen Idealen strebte. Eine von ihnen hieß Love Is All, kam aus Schweden und hätte man nicht nachgelesen, dass die fünf aus dem Jetzt sind, man hätte keinen Unterschied zu den zwanzig Jahre alten Legenden hören können.

Vorgespult um 20 Jahre: Auftritt dieser fünf Schweden, die wie keine andere Band in den letzten zwei Dekaden den Sound und die Attitüde der C 86 Gruppe eingefangen und aufs neue frei gelassen haben. Vom wunderbaren, wie für Indiemädchen geschaffenen DIY-Artwork über die schäbige, flache Produktion bis hin zu dieser Kombination aus himmlischen Melodien, die immer wieder aus der Kakophonie der Schrammelgitarren erwachsen, sind Love Is All mit ihrem Album „9 Times That Same Song“ zur besten Band des Jahres geworden. Retro, klar, aber mit soviel Spielfreude und einem so fantastischen Händchen für die richtige Melodie, dass es gar nicht interessiert, ob hier die Gitarre neu erfunden wurde oder nicht.

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Punksongs wie „Spinning & Scratching“, die den Geist von Poly Styrene, von X-Ray Spex, in sich tragen oder die unzerstörbare Hymne „Make Out Fall Out Make Up“ gehören zum besten, was 2006 gehört hat. Als „Make Out…“ vor ein, zwei Jahren veröffentlicht wurde, erklomm selbst der NME wieder alte, lange vermisste Höhen in Sachen Begeisterungsschreibe und versah die Single Of The Week mit einer Besprechung, die verdammt noch einmal Lust auf die Drogen machte, die der Rezensent genommen haben muss:

„A scruffy, rag tag, indie-as-fuck five piece from somewhere in Sweden, Love Is All’s second ever seven inch is the best HEART AND SOUL pop song released since Beyonce’s ‚Crazy In Love‘ or Outkast’s ‚Hey Ya‘. Yes kids – this sounds like the members of Bikini Kill, Madness, Phil Spector’s Wall Of Sound and Nation Of Ulysses got together on the Muppet Show and sang the best song ever written – backwards! Then the crazy spastic deaf genius that recorded it put all the microphones down a toilet while a dog (wearing shades) jumped all over the mixing desk, pissing wildly with excitement.
Most importantly, this is one of those records that makes you want to throw open the windows, beat your fists against your chest and yell out: „I’m alive! I don’t give a shit that I drink too much, my head’s all shaggy and I look like that Johnny Burrell after a fight with an industrial meat mincer! I am a fuggin‘ rock’n’fugginroller and I will never fuggin‘ die!“ Or something. You know what this single signifies? It signifies that sincerity and soul and not giving a fuck is BACK BACK BACK and that the age of parody and copycat retro rock bands is dead and exclusively for idiots, phoneys and losers.“

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So übertrieben diese Besprechung auch wirken mag, sie bringt tatsächlich auf den Punkt, wie Love Is All klingen. Riot Grrrl Pop, C 06, wie immer man es nennen will, es ist: fantastisch.
Gestern in Berlin bestätigen die Schweden, dass sie live ebenso vor Energie und Spielfreude bersten wie auf Platte, spielen bis auf einen Song das komplette Album und werfen noch ein The Pastels Cover (ja, man weiß wo man her kommt!) hinzu. Wäre mein Herz eine Halle, das Dach wäre weggeflogen. Das Album, das nach langen Wirren und Warten endlich auch im Herbst in Deutschland erschienen ist, heißt augenzwinkernd und nicht ganz falsch „9 Times That Same Song“, aber ganz ehrlich, wenn der eine Song der beste ist, den du in ganz 2006 hören wirst, wer mag ihn nicht neunmal hören?

16.12. Hamburg, Molotow

Christian Ihle

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