Album des Monats Oktober / Platz 1: Babyshambles – Shotters Nation

Ein Doppelalbum, eine neue EP und ein weiteres Album in nicht einmal zwei Jahren… für einen Junkierocker legt Peter Doherty ein beeindruckendes Arbeitstempo vor. Das wirklich erstaunliche an Doherty ist dabei, dass er immer noch nicht vom kreativen Treibsand verschluckt wurde, in den üblicherweise Musiker mit einer zu hohen Drogenaffinität gezogen werden. Trotzdem stellt das neue Album „Shotters Nation“ sowohl in Dohertys Gesamtwerk als auch in dem seiner neuen Band Babyshambles eine Zäsur dar. Erstmals legt Doherty eine Platte vor, die rund, gefällig, manchmal gar glatt klingt.
War das Babyshambles Debüt „Down In Albion“ noch ein in den Abgrund starrendes Monstrum, dem seine Entstehungsgeschichte und der Drogen-Abusus in jeder Sekunde anzumerken war, ist „Shotters Nation“ trotz Drogenreferenz in Titel („Shotter“ ist ein britisches Slangwort für Drogendealer), Coverbild (ein verfremdetes Bildnis des jung an einer Überdosis verstorbenen Dichters Thomas Chatterton) und mehreren Songlyrics ein nüchternes, cleanes Werk.

Diese Wandlung ist vor allem zwei neuen Mitwirkenden geschuldet: Patrick Walden der bisherige Gitarrist der Babyshambles, wie Doherty selbst dem Crack zugetan, stieg nach dem Debütalbum aus und ward kaum noch gesehen. Seine Gitarrenarbeit hatte vielleicht nicht die Präzision eines großen Musikers, aber das krachend-verstörende, metallisch-misanthropische, das in seinen Gitarrienlinien aufblitzte, ergänzte Dohertys blauäugigen Blick in den Abgrund kongenial – insbesondere auf dem großen Hit „Fuck Forever“, der trotz seiner Lyrics und eines zerfransten Gesamtbildes das hymnischste Lied war, das Doherty je geschrieben hatte. Walden wurde ersetzt durch Mik Whitnall, der den Drogen kaum weniger als Walden zugetan scheint, aber dessen idiosynkratisches Gitarrengenie bei weitem nicht erreicht und den Esprit eines Session-Musikers versprüht.
Die zweite große, vielleicht noch bedeutendere Änderung im Babyshambles-Sound fand außerhalb der Band hinter dem Produzententischchen statt: Mick Jones, der bisherige Produzent aller Doherty-Alben, wurde durch Stephen Street ersetzt. War Mick Jones aufgrund seiner Vorgeschichte als Songwriter der Clash und Urvater des britischen Punkrock auch auf dem Produzentenstuhl dem laisser-faire und dem Punkesprit zugetan, tritt mit dem ehemaligen Blur- und The Smiths – Zuarbeiter Stephen Street einer der anerkanntesten Produzenten der jüngeren britischen Indievergangenheit auf den Plan, der – wie er in Interviews kaum verhüllt zugibt – Doherty an die kurze Leine nahm und die bisherige Babyshambles-Philosophie des „quasi-Live“-Sounds komplett verwarf.

Als Folge erhält der Hörer ein hervorragendes, stimmiges Album, das mit potentiellen Radiohits en masse bestückt ist – muss aber auf all das verzichten, was Dohertys Platten bisher aus der Masse vieler Gitarrenbands heraushob: das kompromisslose, die I don’t care fuck all Einstellung, das Raue, Nihilistische, das über den Mikrofon-Ständer stolpern…

Man kann das als notwendiges Zeichen von Erwachsenwerden interpretieren, aber man kann diese Wandlung auch schade finden. Bisher fand die Entsprechung des nicht zu bändigenden Dohertys, den man aus der Boulevardpresse kannte, immer seine Entsprechung im unbequemen Songwriter, der ohne es eigentlich zu wollen, immer noch ein Libertine, ein Punk war. Dohertys Platten waren ein unbewusst gestreckter Mittelfinger dem Rockestablishment gegenüber. Aber es ist wie schon in den 70ern: das Rockestablishment gewinnt immer.

So bleibt neben dem Verlust der Romantik des reinen Rock and Roll einfach ein gutes Album über, das keineswegs mehr verschreckt, sondern sich in Teilen sogar an den Sound der eigenen Epigonen wie The View annähert. Obwohl man das wiederum von ganzem Herzen kritisieren möchte, bleibt wieder nur zu konstatieren: der Junge kann Songs schreiben, von denen andere nicht zu träumen wagen. Selbst der eher uninspirierte Start ins Album mit mediokren Rocknummern ist irrelevant, holen die Shambles erst zur Dreierkombination Unstookietitled (ein Cracklullaby), French Dog Blues (ein Ian Brown zitierendes Poplied) und There She Goes (ein wehmütiger, wunderbar romantischer Barsong) aus.
Spätestens beim Albumschlusssong The Lost Art Of Murder, das Pete Doherty solo, nur von der Folklegende Bert Jansch an der Gitarre begleitet, vorträgt, kann man ihn wieder nur ins Herz schließen und ein weiteres Mal hoffen, dass endlich, endlich dieses Soloalbum veröffentlicht werden wird, dass diesem Songwriter Gerechtigkeit widerfährt und er als der beste seiner Generation anerkannt wird. Scheint die Vergangenheit der „What A Waster“s mit diesem Album zu den Akten gelegt, sind die „There She Goes“ und „Lost Art Of Murder“s die Zukunft des Peter Doherty.

(Christian Ihle)

Anhören!
* There She Goes (A Little Heartache)
* French Dog Blues
* The Lost Art Of Murder (hier)

Im Netz:
* Indiepedia
* Homepage
* MySpace
* Peteblog (deutsch)

Kommentare (4)

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  1. es war nun mal ein doppelalbum auf Vinyl. so wie London Calling ein Doppelalbum war. aber klar, darüber lässt sich streiten. mit 16 songs war es jedenfalls ungewöhnlich lang für dieses genre. ich kann nur jedem die vinyl version empfehlen: wunderschön ist die.

  2. Eine Albumlänge von mehr als 45 Minuten macht damit ein Album automatisch zu einem Doppelalbum, da man es, im Falle einer Veröffentlichung auf Vinyl, auf zwei LPs verteilen müsste??

    Spätestens seit Einführung der CD halte ich das für eine gewagte Theorie…

    Egal, in jedem Fall ein interessanter Blogeintrag. Ich glaube das Album werde ich mir tatsächlich mal anhören.

  3. Nun ja, alte Vinyl-Schwäche: Das Debüt „Down In Albion“ war ein Doppelalbum. Auf CD dann zu einem „normalen“ Album zusammengeschrumpft.

  4. Wann haben denn die Babyshambles ein Doppelalbum veröffentlicht?