http://blogs.taz.de/popblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-31-um-08.26.47.png

vonChristian Ihle & Horst Motor 30.01.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

„Der Unterschied zwischen Filmen über die DDR und Indianerfilmen ist, dass an Indianderfilmen zwar wenig stimmt, dass sie aber trotzdem spannend sind. Außerdem sind ihre Zielgruppe keine Indianer.
Welche Zielgruppe haben Filme über die DDR? „Das Wunder von Berlin“, das an diesem Sonntagabend zu sehen sein wird, könnte nicht absurder wirken, wenn die Schauspieler durch Indianer ersetzt würden.“

(…)

Wenig von dem hat man verstanden, was die Menschen damals wirklich bewegt hat, ihren Alltag und ihre Ängste. Das Geschichtsbild ist die Botschaft, die Maueröffnung als Happy End, bei der der Nazi-Opa endlich sterben kann, als er live im fernsehen seinen Grenzer-Enkel die Freundin küssen sieht (man hat sich zufällig in der Menge an einem Grenzübergang getroffen) und sich versöhnt mit seinem Land. Die Haare stehen einem zu Berge.
(…)
Dann ein „spießiger“ Familienvater, der im Büro seine Kollegin von hinten nimmt, anscheinend ein unverzichtbares Element der Suberzählung „Ehekrise“.
(…)
Eine Punkband, die wie eine leiernde Version der Ärzte klingt und sich sofort auflöst als zum ersten Mal die Polizei kommt. (Soviel zur tatsächlich reichhaltigen DDR-Punk-Szene in den Achtzigern, zu der man Romane schreiben könnte.)
(…)
Pärchen unterhalten sich mit Sätzen aus „Paul und Paula“, weiter reicht die Kenntnis der Autoren des von der Defa hinterlassenen Filmschatzes wahrscheinlich nicht.
Ein Punk, der sich freiwillig (!) zum dreijährigen Armeedienst meldet, um studieren zu können („Und dann gründen wir eine Familie“, sagt er zu seiner Freundin, und sie lacht sich nicht tot) und der bei der Armee, beeinflusst vom Politunterricht, plötzlich zum überzeugten Schützer der Staatsgrenze wird. Als wäre die NVA nicht der Ort gewesen, an dem auch der letzte Naivling seine Illusionen über dieses Land begaben (…) hätte.
Aber unser junger Mann will in der Wendezeit nicht mit seiner Freundin demonstrieren gehen, sondern vom Fronturlaub so schnell es geht, zurück zu seiner Grenzeinheit: „Ich lasse meine Kameraden nicht im Stich! Befehl ist Befehl!“
Herr im Himmel! Wenn es solch einen Simpel je gegeben hat, dann gehört der Mantel des Schweigens über dieses schlichte Gemüt gedeckt.“

(Jochen Schmidt, Süddeutsche Zeitung)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/popblog/2008/01/30/schmaehkritik-63-das-wunder-von-berlin/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Endlich sagt mal jemand die Wahrheit über diesen gequirlten Mist. Selbst als ehemalige West-Punkerin war mir die Entwicklung des Protagonisten völlig unglaubwürdig, die schauspielerischen Leistungen auf Knallchargenniveau. (Ausnahme Opa und Freundin)
    Passte aber wie Ar… auf Eimer zur davor erlittenen Schmach am Brandenburger Tor, wo von Oben herabgefeiert wurde, das es nur so ein Graus war.

    Das alles wurde dieser Revolution, auf die die Ostdeutschen wirklich stolz sein können in keinster Weise gerecht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.