Fantasy Film Fest (5): Martyrs, Summer Scars, Cash

Martyrs (F, Pascal Laugier)

Blut, Blut, Blut. Woher kommt nur die neue Faszination der Franzosen mit Blut? Von „High Tension“ über „Inside“ zu „Martyrs“ wird derart wild auf die Zwölf gegangen, das man schon ein nationales Trauma vermuten muss. „Martyrs“ erzählt die Geschichte eines missbrauchten, entführten Mädchens, das sich als Erwachsene an ihrer (vermuteten) Entführerfamilie rächt. So weit könnte es ein einfaches Vengeance-Movie sein – aber „Martyrs“ läuft gegen so viele Rezeptionsgewohnheiten sturm, dass trotz der etwas fehlplatzierten Hochglanzoptik mit genügend Erwartungen gebrochen wird, um den Film durchgängig zu einer Herausforderung zu machen. Der stärkste Bruch geschieht ungefähr in der Hälfte des Films, wenn mehr oder minder aus dem Nichts Blickwinkel wie Hauptprotagonist gewechselt wird und das Vengeance-Movie zum Torture-Porn wird – dabei gleichermaßen die wahre Vorgeschichte erhellt als auch zu ihrem Ende führt. Es sei jedoch – Hochglanz hin, Hochglanz her – gewarnt: spätestens die Kompletthäutung gegen Ende sieht etwas unappetitlich aus. (8/10)

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Summer Scars (UK, Julian Richards)

Darf man bei der Grande Nation eine neu entdeckte Faszination mit Blut verorten, arbeitet sich das Vereinigte Königreich an einem anderen Thema ab: Gewalt unter/gegen/von Jugendlichen. Julian Richards, vor zwei Jahren mit „The Last Horror Movie“ auf dem FFF vertreten, wählt im Gegensatz zu anderen UK-Festivalbeiträgen wie „Mum & Dad“ (eine Farce) oder Eden Lake (im Grunde backwoods horror goes „Chavs“) eine ruhigere, anfangs weniger spekulative Ausdrucksform. Sein „Summer Scars“ verweist auf „Stand By Me“: eine Gruppe Jugendlicher und ihr Tag im Wald, während dem sie einem psychisch labilen Erwachsenen begegnen. So weit gelingt „Summer Scars“ auch gut, die dräuende Gefahr ist allgegenwärtig, doch nie offensichtlich, die Spannungen innerhalb der Gruppe nehmen zu und drohen durch einen äußeren Einfluss in Gewalt zu kippen. Doch gegen Ende verliert Richards etwas den roten Faden und überfrachtet „Summer Scars“ mit einer zusätzlichen sexuellen Ebene, die weder schlüssig hergeleitet noch notwendig wirkt. (5/10)

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Ca$h (F, Eric Besnard)

Der kunstvoll ausgeführte Diebstahl ist nicht umsonst ein eigenes Genre im Film. Konventionen herrschen im Heist-Movie und so besteht der Spaß für den postmodernen Regisseur von heute gleichermaßen im Brechen derselben wie im lustvollen, stilsicheren Zitieren. „Ca$h“, ein französischer Raubzug durch die Kinogeschichte, entscheidet sich für letzteres und liegt damit richtig. Eine einzige große Charade ist dieser Film, eine Verstellung sondersgleichen und macht doch in jeder Sekunde Spaß. Der in „Murder By Death“ damals so schön formulierte Vorwurf, dass wir Zuschauer doch nur an der Nase herumgeführt werden, weil wir die Lösung nie und nimmer erraten könnten, gilt hier tausendfach: Ca$h hat mehr Twists in seiner Geschichte als Chubby Checker singen könnte. Und obwohl Jean Reno als geheimnisvoller Überdieb für seine Verhältnisse blass bleibt, bereitet „Ca$h“ von der ersten bis zur letzten Minute Vergnügen. Jean Dujardin, der bereits auf dem letztjährigen FFF mit OSS 117 eine komödiantische Glanzleistung lieferte, spielt das Ensemble an die Wand und könnte vielleicht sogar die in den Boden gefahrene „Ocean’s Eleven“ Serie mit seinem überkandidelten Charme retten. (8/10)

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(alle Texte Christian Ihle)
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