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vonChristian Ihle 15.11.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Der moderne Fußball hat viele Abscheulichkeiten hervorgebracht. Den Schalensitz, die Knappenkarte, den Videowürfel. Eine der widerwärtigsten Errungenschaften der neuen Zeit ist jedoch der Torjubel.

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Kaum ein Spieler, der sich noch unspektakulär von seinen Mitspielern feiern lässt. Stattdessen halten sich selbst jene Kicker für Burgschauspieler, die damals in der Weihnachtsaufführung der Grundschule nicht einmal den Esel spielen durften, weil die Klassenlehrerin Angst um ihre Reputation hatte. Also sehen wir Samstag für Samstag groteske Pantomimen, die dem Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen vor Scham körperliche Schmerzen bereiten. Wenn sich ein gestandener Mann wie Lucio den Ball unters Trikot stopft und debil am Daumen nuckelt. Wenn Schalkes Rafinha so gierig die Eckfahne bespringt, dass sicher auch auf „Youporn“ ausreichend Klicks zusammenkämen. Und wenn Franck Ribéry sich mit klebrigem Pathos ans Bayern-Wappen greift, während Stürmerkollege Luca Toni eine eingebildete Glühbirne im Ohr verschraubt, in der vergeblichen Hoffnung, dass es im Kopf ein wenig heller werde.

(…)

Nun, wer mit dem ganzen Mist angefangen hat, ist zweifelsfrei dokumentiert. Roger Milla feierte seine Tore bei der WM 1990 in Italien mit einem Makossa-Tanz an der Eckfahne. Was damals noch als afrikanische Folklore durchgehen mochte, hatte fatale Folgen. Fortan hampelten nämlich auch dutzendweise Mitteleuropäer so hüftsteif an der Eckfahne herum, dass im deutschen Tanzlehrerverband eine Krisensitzung die nächste jagte.

Die nächste Stufe des Grauens zündete dann der Brasilianer Bebeto, der bei der WM 1994 nach Toren eine imaginäre Babywiege schaukelte, um die bevorstehende Niederkunft seiner Gattin anzukündigen. In der Folge hielten es auch hierzulande Hinz & Kuntz für angebracht, die Anhänger mit ihren privaten Nichtigkeiten zu belästigen. Seither kann in europäischen Profiligen keine Spielerfrau mehr schwanger werden, ohne dass sich sofort eine mannschaftsinterne Theater-AG bildet, die bis zum nächsten Wochenende eine passende „Baby-an-Bord“-Choreographie ausarbeitet.

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Dabei ist ganz im Gegenteil der Jubel nach einem Treffer der Moment, der ausschließlich der Mannschaft gehören sollte. Sie hat schließlich das Tor durch ihr Zusammenspiel ermöglicht, jeder anständige Spieler würde ihr im Moment des Erfolges seine Reverenz erweisen. Moderne Stürmer aber denken gar nicht daran; lieber deuten sie selbst nach simplen Abstaubern eitel auf ihre Rückennummern oder recken die Zeigefinger bedeutungsschwanger in Richtung Himmel. Ganz so, als habe der liebe Gott gerade partout nichts Besseres zu tun, als beim Montagsspiel der Zweiten Liga reinzuschauen.“

(Philipp Köster, 11 Freunde)

Inhaltsverzeichnis:
* Die ersten 100 Folgen Schmähkritik

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