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vonChristian Ihle 01.08.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Der Film in einem Satz:

Ein typischer Sion Sono: Gesellschaftskritik, Geschlechtsverkehr und Gewaltexzesse.



2. Darum geht‘s:

Es beginnt mit einer zerstückelten Leiche in einem heruntergekommenen Stundenhotel in Tokyos berüchtigtem Sex- und Vergnügungsviertel Shibuya. Mit der zunächst einsetzenden polizeilichen Aufklärung, der Präsentation der Leiche, Tatortgestaltung und Farbgebung wirkt „Guilty Of Romance“ zunächst wie eine Verneigung vor dem italienischen Thrillergenre Giallo – und seinem Großmeister Dario Argento.

Doch bevor gut zwei Stunden später der whodunnit-Faden überhaupt erst wieder ernsthaft aufgenommen wird, beschäftigt sich „Guilty Of Romance“ allen frühen Erwartungen entgegen mit der Tradition des japanischen Pink-Movies und des Grand Guignol, mit Leben und Selbstfindung in Hierarchien, Sex als Tauschmittel, Liebe als Währung, Ehe als Gefängnis, mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft wie in der Beziehung, familiärer Unterdrückung, Rebellion und Verweigerung, mit Schmutz in allen Spielarten, obsessiver Selbstreinigung und devoten Selbstauslöschungsfantasien. „Guilty Of Romance“ hat Metaebenen, um eine ganze Doktorarbeit zu füllen – ohne dabei Antworten oder wenigstens klar verortbare Haltungen zu liefern, sondern diese vielmehr ständig (und wechselnd) kritisch auszustellen.


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„Guilty Of Romance“ ist dabei nicht 50 Shades Of Grey, sondern ein großer Kübel feuerblutrote Neonfarbe. Manchmal erscheint Sion Sonos Melodramhorrorgroteskensexthriller wie ein lakonisches Spiegelbild zu Gaspar Noes „Enter The Void„, das ebenfalls im Vergnügungsviertel Shibuya zu Hause war. Wie Noe schwelgt auch Sono in grellen Farben und oft undurchdringlicher Story, aber wo „Enter The Void“ ein Drogentrip und/oder Erlösungsreise einer kaputten Seele war, ist Sonos „Guilty By Romance“ ein Trip um sich selbst, der nie ankommen will, der ein Schloß zeigt, aber sich weigert, es aufzusperren.

Wie immer bei Sion Sono ist natürlich auch „Guilty Of Romance“ zu lang, zu repetitiv und zu grell, zu psychedelisch und zu vielen Stimmungsschwankungen unterworfen. Aber selten zuvor ist ihm trotz aller Wirrnis und liegen gelassener Handlungsfäden so ein kohärenter und trotz aller Länge durchgehend fesselnder Film gelungen. Eine Grenzfilmerfahrung, keine Frage.



3. Der beste Moment:

Eine Nachmittagstee-Einladung mit Muttern, die man so noch nicht gesehen hat. Ehre, Würde, Prostitution und Inzest als Tischthemen im leise lächelnden Japanklischee vorgetragen.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wem Takashi Miike zu Mainstream ist.



* Regie: Sion Sono
* imdb



Text: Christian Ihle, „devote Selbstauslöschungsfantasien“ by Robert.

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