Berlinale (6): Nachtzug nach Lissabon, Rock the Casbah

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1. Der Film in einem Satz:


“Before Sunrise” für ZDF-Zuschauer mit pseudorevolutionärer Story im Background.


2. Darum geht‘s:


Als dem Lehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) in Bern durch Zufall ein altes Büchlein eines Protugiesen in die Hände fällt, lässt er sein Leben stehen und liegen und reist spontan nach Lissabon, um den Autor aufzuspüren, dessen Fragen, welches Leben man lebt – und welche der eigenen möglichen Leben ungelebt bleiben – Gregorius so bewegen. In Lissabon spürt er die Familie des Autors auf und lernt nach und nach dessen Lebensgeschichte: Richtersohn aus gutem Hause, der die Seiten wechselte und den Widerstand gegen den faschistischen Diktator unterstützte und letztlich viel zu früh verstarb. In Rückblenden wird die Zeit des Widerstands erzählt und so lernen wir eine Dreiecksgeschichte, eine Liebelei, Eifersucht unter besten Freunden kennen.





So weit, so trivial – das ist, was bleibt, von diesem Nachtzug nach Lissabon. Bei all dem Überbau um die Möglichkeiten des Lebens und Verpassen von Chancen, um Faschismus und Widerstand, um Selbstständigkeit oder biedere Erfüllung von Pflichten bleibt also am Ende: Eifersucht, Begierde und Freundschaft. Alles kompetent (aber nie subtil) präsentiert von Bille August und so im Grunde nur ZDF-Kino, das sich dank der großen Namen und des kommerziellen Erfolgs der Buchvorlage irgendwie ins Kino und den Berlinale-Wettbewerb geschlichen hat.



3. Der beste Moment:


Mit Sicherheit nicht: Bruno Ganz fürchterliches Overacting des gebrochenen besten Freundes. Dann schon lieber gleich Hitler.



4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Wer schön ausgestattete und ordentlich besetzte Filme mag und gerade die Adlon-DVD-Box nicht zur Hand hat. (Text: Christian Ihle)


* Regie: Bille August
* imdb


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Rock the Casbah


1. Der Film in einem Satz:


Überraschenderweise gibt es im Krieg keine Gewinner – ja, auch 1989 im Gaza-Streifen nicht


2. Darum geht‘s:


1989, Gaza: die erste Intifada tobt in der Stadt, in der zehn Jahre zuvor noch Israelis zum Hummus essen zu besuchen waren. Tomer und seine Einheit junger Rekruten der IDF werden in den Hagel aus Steinen und Hass geschickt um Ruhe herzustellen. Doch daraus wird nichts, im Gegenteil. Ein Kamerad wird in einen Hinterhalt gelockt und dort mit einem vom Dach gestoßenen Waschmaschine getötet. Der Kommandant ordnet drei junge Rekruten sowie einem kurz vor dem Ende seiner Wehrpflicht stehenden Soldaten an, auf diesem Dach für den Rest der Woche Stellung zu beziehen. Eine ebenso nervraubende wie öde Zeit beginnt – für die Soldaten wie für die Zuschauer.


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Nun haben Filme über den Nahostkonflikt auf der Berlinale in den vergangenen Jahren bisweilen Erfolge gefeiert – zum Beispiel „Lemon Tree“, eine schlaue Nachbarschaftsstudie, die 2008 den Panorama Publikumspreis gewann. Oder „Beaufort“, ein intensiver Kriegsfilm über den Abzug der israelischen Armee aus dem Libanon, der 2007 der Silbernen Bären gewann. Im Gegenteil dazu ist „Rock the Casbah“ trotz des schlauen Titels und der spannenden Szenerie ein Kriegsfilm aus dem Lehrbuch, in dem Gaza als bessere Kulisse dient: zynische Generäle, verzweifelte Soldaten, ausrastenden Rekruten zwischen Langeweile und Tod, das Übliche.


3. Der beste Moment:


Wenn auf dem Dach dann tatsächlich „Rock the Casbah“ von The Clash aus einem Kofferradio tönt – und die Szene aussieht, wie das Musikvideo zu „Rock the Casbah“


4. Diese Menschen mögen diesen Film:


Wer klassische Kriegsfilme und eher schlichte Moral mag. (Text: Daniel Erk)


* Regie: Yariv Horowitz
* imdb:

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