Neue Platten: BRMC (6/10), Palma Violets (8/10), Die Nerven (?/10)

Black Rebel Motorcycle Club – Specter At The Feast





Wer: Einst neben Strokes & Stripes Speerspitze der Garagenpunk-Revolution der frühen Nullerjahre, veröffentlichen Black Rebel Motorcycle Club regelmäßig Album um Album, die sich zumeist auch nicht allzu fürchterlich unterscheiden.



Bisherige Glanzleistung: Natürlich jene Debütsingle „Whatever Happened To My Rock’n’Roll„, die das Führer-war-alles-besser-Lamentieren mit einer solchen Aggressivität auf den Punkt brachte, dass niemand BRMC im Geilheit-des-Rocknroll-Abfeiern-Genre das Wasser reichen kann. Außer natürlich Thomas Gottschalk:


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…und Thomas Gottschalk:


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Jetzt:
„Specter At The Feast“ ist Black Rebel Motorcycle Club im bekannten more of the same – Modus. Egal das wievielte Album die Amerikaner hier schon veröffentlichen, es bleibt bei brodelndem Shoegaze-Rocknroll, der in seinen guten Momenten über eine bestechende Melodielinie beeindruckt („Returning“), in seinen schlechten Momenten beliebig vor sich hinschrammelt. Es ist schon bezeichnend: wenn man auf die BRMC-Karriere zurück blickt, war „Howl“ ihr bestes Album – und damit das einzige, das versucht hatte, anders zu klingen, eine Art dunklen Americana, weirden Country mit in die Shoegazemelange einzubringen. So ist „Specter At The Feast“ aber wie gehabt: stuff für Fans, alle anderen hingegen brauchen nun auch nicht mehr anfangen, BRMC zu hören.


Wertung: 6/10


Höhepunkt:
Returning

Soundcloud-Link


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Palma Violets – 180





Wer:
Vier junge Briten, mal wieder von der britischen Presse zu den neuen saviours of rocknroll ausgerufen.


Bisherige Glanzleistung:

Die Debütsingle „Best Of Friends“ wurde tatsächlich aus dem Stand zum Song des Jahres vom NME gewählt. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, ist das zuletzt Suede mit „Drowners“ zu Beginn der 90er gelungen.



Jetzt:

Soll man Mitleid haben, wenn eine Band so früh so hochgelobt wird? Einerseits ist es ja toll, dass der NME eben nicht wartet bis sich alle gegenseitig nach Album Nummer Drei versichert haben, dass hier eine wertige Band aufspielt, sondern gleich mit der Hype-Sau durchs Dorf reitet, andererseits sind Palma Violets aber bereits von Single Nummer 1 ab dermaßen unter Beobachtung, wie gut sie denn nun wirklich seien, dass eine anständige Entwicklung und eine objektive Beurteilung kaum mehr zugelassen wird.
Versucht man mal das Tohuwobohu zu vergessen und die Platte unvoreingenommen zu hören, dann bleibt aber ein wirklich überaus unterhaltsames, toll geschriebenes und nur selten eindimensionales Album, das eben nicht den geraden Weg zum nächsten Oasis-Über-Refrain geht, sondern sich eher wie eine modern produzierte Variante alter Garage-Nuggets und Beat-Bands anhört – ohne dabei allerdings irgendwas neu oder anders zu machen, das nicht.
Natürlich kommt man nicht umhin bei jungen Kids, die den Rocknroll-Traum leben als gäbe es kein Morgen, die Libertines zu erwähnen, aber im Gegensatz zu Pete & Carl sind hier die Einflüsse deutlich stärker ein Jahrzehnt früher zu verorten: 60s statt Punk. Ganz toll werden Palma Violets immer dann, wenn sie der Orgel den Vorzug lassen und sich so tatsächlich einen eigenen Sound schaffen. Wenn auf dem Konzert der etwas hyperkinetische Sänger mit einem für britische Indiebands überraschenden Hang zur Publikumsinteraktion sagt „it ain’t about being cool, it is about having fun“ dann fasst er Palma Violets besser zusammen als das alle Reviews dieser Welt könnten. Don’t fear the hype, es lohnt!



Wertung: 8/10


Höhepunkt:
Neben der immer noch tollen Debütsingle „Best Of Friends“ vor allem „All The Garden Birds“, das etwas vom blauäugigen-in-den-Himmel-starren der frühen Stone Roses hat und das hauptsächlich von der Orgel getragene „Step Up For The Cool Cats“.


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Die Nerven – Kartoffel EP





Wer:

Drei Stuttgarter, unsere liebste deutsche Punkband und im letzten Jahr große Abräumer in unseren Jahrescharts.


Bisherige Glanzleistung:

Das fantastische 2012er Album „Fluidum“ und daraus der beste Song, der endlich auch ein schön weirdes Video bekommen hat:

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Jetzt:

Eine EP als Aprilscherz! Haben die cheeky bastards doch drei Coverversionen fürchterlicher Originale aufgenommen und für gut 24 Stunden zum kostenlosen Download bereitgestellt, nur um die Werke dann pünktlich am 2. April wieder zu löschen. Silbermonds „Durch Die Nacht“ ist dabei eine unhörbare Soundcollage geworden (aber hat immerhin das „unhörbar“ des Originals behalten), Annett Louisans schön behämmertes „Das Spiel“ wurde musikalisch praktisch originalgetreu neu aufgenommen, liefert aber durch den Wechsel der Perspektive von Frau zu Mann in gewisser Weise einen Beitrag zur Gender-Diskussion, die Frau Louisan um einige Jahre zurückgeworfen hatte.
Höhepunkt ist aber ohne Zweifel das Cover des DJ-Ötzi-Millionensellers „Ein Stern der deinen Namen trägt“, das die Nerven komplett von innen nach außen gedreht haben – und eben nicht einfach als lustige 1,2,3,4-Holzhammer-Punkversion aufgenommen wurde (was ja nichts anderes wäre, als den gegenteiligen Heino zu machen), sondern auf beeindruckende Weise all die im Subtext bei Volksmusik und Schlager ja auf erschreckende Art vorhandene, aber nie offen ausgesprochene Depression & Verzweiflung in das Lied zurückprügelt. Wäre Ian Curtis nicht in Manchester, sondern in Tirol geboren, der Stern hätte wohl so geklungen.


Wertung: ?/10


Höhepunkt:


Soundcloud-Link


Ein Stern, der deinen Namen trägt. Schon fast eine Frechheit, dass bei den Nerven sogar schon die Witze eine ernsthafte Qualität erreichen!


Das Popblog präsentiert die aktuelle Tour der Nerven übrigens, die allen Lesern hier noch mal ausdrücklich ans Herz gelegt sei:

04.04.2013 CHEMNITZ, ATOMINO
05.04.2013 BERLIN, NAHERHOLUNG STERNCHEN
06.04.2013 SOLINGEN, WALDMEISTER E.V.
27.04.2013 STUTTGART, SELF SERVICE OPEN ART SPACE
02.05.2013 LINZ (A), POSTHOF
03.05.2013 WIEN (A), VENSTER 99 (mit CAROUSALS)
04.05.2013 AUGSBURG, BALLONFABRIK (mit OIRO & CLUB DÉJÁ-VU)
05.05.2013 SCHORNDORF, MANUFAKTUR (mit THE INTELLIGENCE)

Kommentare (2)

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  1. Die Nerven sind wirklich klasse. Hoffe die bleiben noch lange zusammen und feilen weiter an ihrem Sound- und Text-Kosmos. Ganz große Band!!!

  2. Pingback: Spex - Magazin für Popkultur » Die Nerven