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vonChristian Ihle 05.08.2013

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung entrüstet sich Heike Schmoll darüber, dass Christian Krachts „Faserland“ Gegenstand der Schullektüre ist. Zunächst checkt man zweimal das Datum, ob man nicht aus Versehen doch gerade einen Text von 1995 liest und recherchiert dann, warum ausgerechnet die Praktikanten-Rentner, die es schaffen, ein Buch von vorne bis hinten komplett misszuverstehen, eine ganze Seite in einer renommnierten Tageszeitung füllen dürfen, bis man dann zur Erkenntnis gelangt: ne, Heike Schmoll schreibt seit 1989 für die FAZ und hat im Jahr 2002 die theologische Ehrendoktorwürde der Stadt Tübingen verliehen bekommen.


Das, also der Hang zu einem daher wohl eher konservativen Menschenbild, erklärt eventuell auch die Kritik an „Faserland“, da Kracht ja gerade auf dieser Ebene seine stärksten Szenen hat. Schmoll findet es ungeheuerlich, dass der Protagonist in Faserland ein zynischer Wohlstandsverwahrloster ist, der sich Fäkalsprache bedient und dann auch noch weniger von Geschichte weiß, als er vorgibt und – potztausend! – nicht mal Richard Wagner erwähnt, dafür aber den armen Nazis einen Abkürzungswahn in die Schuhe schiebt, dem doch die Franzosen noch viel mehr frönen würden!


Putzig, wie hier der cleane, allwissende, moralisch über alle Fragwürdigkeiten erhabene Protagonist als einzig denkbarer Schullektürengegenstand implizit gefordert wird:


„Bei der Titelfigur des Romans (Ich-Erzählung) handelt es sich um einen finanziell unabhängigen dandyhaften Absolventen des Salemer Internats (…) Ganz offensichtlich ist der Protagonist ein nicht gerade menschenfreundlicher Zyniker mit einer Vorliebe für fäkalsprachliche Ausdrücke und abartige Phantasien. (…) Von seinen widerlichen Phantasien über Zugtoiletten und Exkremente soll hier gar nicht die Rede sein.
Noch abwegiger sind für Schüler allerdings die historischen Bezüge, die gelegentlich sogar als Vorzüge des Romans gepriesen wurden. „In Deutschland gibt es einen Abkürzungswahn, der von den Nazis erfunden worden ist“, behauptet der Autor (sic!), doch (der frühere Deutschlehrer und Didaktiker, Anm.) Zobel weist zu Recht daraufhin, dass Akronyme (…) weder von den Nazis erfunden noch jemals in Deutschland allein üblich gewesen sind. In Frankreich sind sie eher noch häufiger.
Über die Stadt Rungholt schreibt er, sie sei vor „zweihundert Jahren oder so“ von einer Sturmflut ins Meer gezogen worden, obwohl man in Norddeutschland weiß, dass die „Grote Mandränke“ 1362 über das Land kam.
(…)
Als Gast im feudalen „Baur Au Lac“ in Zürich hätte er Gelegenheit gehabt, auf die dort beginnende Liebesaffäre Richard Wagners mit Mathilde Wesendonck (…) zu verweisen, doch das weiß der Protagonist nicht, und der Autor macht auch keine Anstalten, es ihn wissen zu lassen.
(…)
Geradezu aberwitzig ist aber sein Vorurteil gegenüber älteren Leuten, von denen der markenbewusste Dandy in Barbour-Jacke weiß: „Ab einem gewissen Alter sehen alle Deutschen aus wie komplette Nazis… In Badenweiler zum Beispiel oder überall an der Ostsee.“
(…)
Ganz offensichtlich handelt es sich um einen ichbezogenen Menschen, der voller Vorurteile und Ressentiments gegenüber seinen Mitmenschen ist, denen er nahezu ausschließlich vorurteilsbeladen begegnet. Völlig ungehemmt in seinen Antipathien werden sie mal als Nazis, dann als „SPD-Schweine“ bezeichnet, oder er wünscht seinen Mitreisenden im Flugzeug nach Frankfurt „mitsamt ihren Swatch-Understatement-Uhren, die sie auf dem Rückflug von Pataya im Dutyfree in Bangkok gekauft habe, den Tod.“
(…)
Wie unglaubwürdig die Erzählung in sich ist, zeigt sich dann, wenn er seine Barbour-Jacke im Flughafengebäude entzündet, ohne dass irgendjemand Notiz davon zu nehmen scheint. Als ob jemand im Flughafen einen Brand legen könnte und sich dann einfach davonmachen könnte.
(…)
Es ist eine Schande, dass Niedersachsen ausgerechnet solch einen Text eine zentrale Stellung beim Abitur zubilligt. Selbst literaturinteressierte Schüler dürfte er abschrecken.“

Heike Schmoll in der Franfurter Allgemeinen Zeitung:



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