Song (und Lyrics!) der Woche: Blackbox von Locas In Love

Das Kampflied mit dem Herz am rechten Fleck – es gibt wohl keine Band in Deutschland, die dieses Subgenre so beherrscht wie Locas In Love. Ähnlich wie zuletzt „Manifest“ auf „Lemming“ ist nun auch auf Ihrer neuen Platte „Use Your Illusion 3&4“ mit „Blackbox“ erneut ein kämpferischer Song gegen all das Falsche auf der Welt enthalten, der aber nicht bei einem selbstgenügsamen „Scheisse!“ verharrt, sondern hinterfragt und, ja, tatsächlich für das Bessere statt nur gegen das Schlechte kämpft.


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Ursprünglich war von der Band angedacht, die Lyrics mit Fußnoten zu versehen und dadurch zusätzlich Stellung zu beziehen, was (wie ich finde: leider) dann aber doch verworfen wurde.
Für uns haben Locas aber noch einmal das Archiv geöffnet und auch die beiden Annotations zu den „Blackbox“-Lyrics herausgesucht:

Da ist eine Maschine (*1) , die dir sagt, wie du zu sein hast,
die dich straft, wenn du abweichst und sie ruft nach dir: he du! (*2)
und sofort drehst du dich um und du weißt du bist gemeint
und obwohl du sie durchschaust, kannst du ihr nicht entgehen.
Wir sind uns einig: da ist kein Geld, das nicht schmutzig ist,
aber es gibt verschiedene Grade der Schmutzigkeit.
Und ich, ich bin der Junge, der alles ganz ernst meint
und hier kommt der Moment, der uns alle vereint.

Was sich nicht in einem, in nur einem Satz sagen läßt,
muß man gar nicht sagen, ist den Atem nicht wert.
Wenn du alles, was du denkst dringend erledigen zu müssen
und was wichtig scheint einfach nicht machst, wird dann etwas Schlimmes passieren?
Da ist ein Unterschied zwischen etwas Radikales formulieren und es nur wiederholen,
da ist ein Unterschied zwischen einer Forderung und bloßen Parolen.
Und ich, ich bin der Junge, den du nicht Mann nennen sollst,
weil das für alles steht, was falsch ist.

Dann kommen die Geigen und Trompeten und das ganze Orchester
um all das zu sagen, was Wörter nicht ausdrücken können.
All die schüchternen Revolutionäre, die nicht laut sind, sondern leise,
euer Widerstand ist spürbar, selbst wenn wir ihn nicht hören.
Und what’s so funny about peace and love and understanding,
sag mal ehrlich: was ist komisch daran, Dinge gut zu finden
wie Freundlichkeit, Gerechtigkeit anstatt davon zu singen
welche Exzesse man erlebt hat oder Privates preiszugeben?

Ein Protestsong ohne Gegner ist ein lahmes, lahmes Pferd
und ein Lied, das keinem wehtut ist meistens nichts wert.
In mir ist eine Leere, in mir ist eine Dunkelheit.
Ich werde immer leerer und immer dunkler mit der Zeit.
Denn vermutlich stimmt es, daß Liebe immer politisch ist,
aber genauso, daß da keine Liebe ist in der Politik,
daß sie gerade deshalb so unendlich langweilig ist
und deshalb nicht verändert, wie es uns jeden Morgen geht.

Und das ist gerade jetzt. Das passiert in echt.
Wir blicken nicht zurück, denn da waren wir ja schon.
Und jeder Moment verweist auf den nächsten Ton. Und es passiert.


(*1) Die marxistische Tradition ist eindeutig: der Staat wird … explizit als repressiver Apparat verstanden. Der Staat ist eine „Unterdrückungsmaschine“, die es den herrschenden Klassen (im l9. Jhd. der Bourgeoisie und der „Klasse“ der Großgrundbesitzer) erlaubt, ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse zu sichern, um sie dem Prozeß der Abpressung des Mehrwerts (dh. kapitalistischen Ausbeutung) zu unterwerfen. Der Staat ist dabei vor allem das, was die Klassiker des Marxismus als Staatsapparat bezeichnet haben. Man versteht unter diesem Begriff nicht nur den spezialisierten Apparat (im engeren Sinne), dessen Existenz und Notwendigkeit wir ausgehend von der juristischen Praxis erkannt haben, d.h. die Polizei, die Gerichte, die Gefängnisse; sondern auch die Armee, die … direkt eingreift als ergänzende repressive Macht in letzter Instanz, wenn die Polizei und ihre spezialisierten Hilfstruppen „von den Ereignissen überrollt“ werden; und über all dem: der Staatschef, die Regierung und die Verwaltung:In dieser Weise dargelegt berührt die marxistisch-leninistische „Theorie“ des Staates das Wesentliche, und es kann keinen Augenblick ein Zweifel darüber bestehen, daß man sich bewußt werden muß, daß dies wirklich das Wesentliche ist. Der Staatsapparat, der den Staat definiert als repressive Ausführungs- und Interventionsmacht „im Dienste der herrschenden Klassen“ im Klassenkampf, den die Bourgeoisie und ihre Verbündeten gegen das Proletariat führen, ist in der Tat der Staat und definiert in der Tat seine grundlegende „Funktion“. (Louis Althusser: „Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1970)

(*2) Wir drücken … aus, daß die Ideologie derart „wirkt“ oder „funktioniert“, daß sie durch eine ganz bestimmte Operation, die wir Anrufung nennen, aus der Masse der Individuen (sie rekrutiert alle) Subjekte „rekrutiert“ oder diese Individuen in Subjekte „verwandelt“ (sie verwandelt alle). Man kann sich diese Anrufung nach dem Muster der einfachen und alltäglichen Anrufung durch einen Polizeibeamten vorstellen: „He, Sie da!“( Die polizeiliche Praxis der „Anrufung“ (hier besser „Aufforderung“ – Anm.d.Ü.), bei der es um die Kontrolle von „Verdächtigen“ geht, ist eine „spezielle“ Form der täglichen, einem Ritual gehorchenden Anrufung). Angenommen die vorgestellte Szene spiele sich auf der Straße ab und das angerufene Individuum wendet sich um. Es wird durch diese einfache Wendung um 180 Grad zum Subjekt. Warum? Weil es damit anerkannt hat, daß der Anruf „sehr wohl“ ihm galt und „niemand anders als es angerufen wurde“. Wie durch Erfahrungen belegt, verfehlen diese praktischen Telekommunikationen der Anrufung praktisch niemals ihren Mann; sei es durch mündlichen Zuruf oder durch Pfeifen, der so angerufene weiß immer, daß er es ist, der gemeint war. Dies ist auf alle Fälle ein merkwürdiges Phänomen, das nicht allein durch ein „Schuldgefühl“ erklärt werden kann, trotz der Vielzahl der Leute, die „sich etwas vorzuwerfen haben“. (ibid)

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