vonChristian Ihle 07.01.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Wer bestimmt denn heute das Gesicht der Jungsozialisten? Spinnerte Studenten, aus dem Leim geratene Akademiker, wildgewordene Pädagogen!“ (auf dem CSU-Parteitag), „Ich hoffe dass manchen von Euch die Augen aufgehen, dass Sie Ihre Dummheit begreifen und merken, dass wir heute mit der selben Sorge um die Freiheit kämpfen wie es unsere Väter von 1933 getan haben. Ihr wärd die besten Schüler von Dr. Josef Goebbels gewesen, ihr wärd die besten Anhänger Heinrich Himmlers gewesen, ihr seid die besten Nazi, die es je gegeben hat!“ (zu Demonstranten auf einer Kundgebung gewandt)
Alexander Kluges sanfte Stimme kommentiert an dieser Stelle aus dem Off: „Franz-Josef Strauß ist kein Nationalsozialist. Vom Nationalsozialismus gesehen, steht Strauß rechts. Da wo er von Braunau am weitesten entfernt ist, spricht er in Chile.“
Cut zu einer Strauß-Rede beim chilenischen Militärdiktator Pinochet: „Sorgen Sie dafür, dass die Freiheit in Ihrem Lande, gleichgültig von woher sie bedroht wird, erhalten bleibt. Arbeiten Sie daran, dass Disziplin, Fleiss, Leistung, Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn ein blühendes Land Chile schaffen!“

1980 drehen Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Stefan Aust gemeinsam ein polemisches Essay, um Franz-Josef Strauß als Bundeskanzler zu verhindern. Originalaufnahmen von Strauß-Reden werden gemischt mit ausladenden Betrachtungen, die allegorisch immer wieder auf FJS zurückführen, beispielsweise in der Geschichte des Wolfs und der sieben Geißlein. Die Affären der Ära Strauß werden mit sanfter Wut aufgearbeitet, von Petitessen – wenn Strauß einen Verkehrspolizisten, der ihn wegen Falschabbiegens ein Ticket schreibt, aus dem Dienst entfernen lassen will („Für mich als Minister müssen andere Regeln gelten als für ein dahergelaufenes Marktweib“) – zu Korruptionsvorwürfen über – natürlich – die Spiegel-Affäre, in der Strauß nicht nur seinen CDU-Bundeskanzler und den Ausschuss anlügt, sondern auch Recht bricht und in der Folge entlassen wird, bis zum dreckig geführten Zweikampf gegen Helmut Kohl um die Bundeskanzlerkandidatur, die Deutschland so nah an das Gefühl irre gewordener US-Primaries der Trump-Ära führt, wie es das politische System vorher und nachher hierzulande nicht gesehen hat: „Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig. Ihm fehlen die geistigen, die charakterlichen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt einfach alles.“
Mit gut zwei Stunden ist „Der Kandidat“ etwas zu lang geraten und seine Stärken sind auch seine Schwächen: das Abschweifende, Mäandernde steht im Widerspruch zur Dringlichkeit und Wut, ergibt aber aus filmischer Sicht natürlich eine viel faszinierende Collage als es eine reine Anti-Strauß-Doku vermögen könnte: Alexander Kluges Fingerabdruck ist nicht zu übersehen.

„Der Kandidat“ ist ein beeindruckendes Zeitdokument, eine Reise in eine andere Welt. Eine andere Welt der Politik (die leider in diesen Tagen näher wirkt als in den gut 40 Jahren, die dazwischen liegen), eine andere Welt des Landes und eine andere Welt des Kinos. Dass man mit diesem künstlerisch-kreiselnden Film dachte, politischen Einfluss ausüben zu können (und am Ende ja auch recht behielt), ist faszinierend in sich selbst. Es muss in den 70ern wirklich viele spinnerte Studenten, aus dem Leim geratene Akademiker und wildgewordene Pädagogen gegeben haben!

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