taz logo klein
logo taz.de logo tazblogs
06.02.2010

Erfolgreiche Analyse

von Schröder & Kalender

***
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
***
Seit Jahresanfang gaben nacheinander Backröhre, Mac G4, Braun-Rasierer und die Gegensprechanlage ihren Geist auf. Gestern, als wir die erste Sackkarre mit Büchersendungen in den Fahrstuhl rollen wollten, war der ausgefallen, ein Zettel hing an der Tür: »Wir arbeiten an der Analyse.« Schön war, dass die Techniker das Ding nicht nur analysiert, sondern auch flott repariert haben. Danach brachten wir, trotz vereister Gehwege – vielleicht zum letzten Mal –, unsere neue Folge ›Das Äußere des Inneren‹ zur Postfiliale am Bundesplatz.

Nicht nur Wilmersdorfer Witwen, die hier ihre Pensionen und Renten abheben, tragen Trauer. Auch uns droht Unbill, denn die für uns so bequeme Postfiliale in der Mainzer Straße, die wir fußläufig mit der Sackkarre erreichen können, soll geschlossen werden.

Jörg Schröder

Barbara Kalender vor der Post in der Mainzer Straße, der Eistänzer rechts im Bild hat noch einmal Glück gehabt.
***

Der erste Leser der neuen ›Schröder erzählt‹-Folge meinte: »Flotte Folge!« Na denn, sie ist auf dem Weg zu unseren Subskribenten.


Titelillustration von Yvonne Kuschel

(YK / BK / JS)

04.02.2010

Die Goldklumpen von Gütersloh

von Schröder & Kalender

***
Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
***

Bertelsmann feiert 175jähriges Jubiläum. In unserer heutigen Kolumne in der jungen Welt mit dem Titel ›Muttertürme‹ erinnern wir uns an einen Besuch in Gütersloher Parkhotel vor knapp dreißig Jahren, als Reinhard Mohn noch Herr im Hause Bertelsmann war. Und hier eine andere Geschichte zum Thema:

Moppel Claer verfolgte mich bis in die Achtziger wie der Loriotsche Spaghetti. Kaum dachte ich, ich wäre ihn los, schon klebte er wieder irgendwo anders, wenngleich das auch nur zur Hälfte an seiner ungebrochenen Autorenaufdringlichkeit lag. Ebenso sehr spielte die übliche Verlegergier nach Barem eine Rolle, die mich Ärger, Geschmack und Stilgefühl immer wieder vergessen ließ, denn mit diesem Urviech war immer ein bißchen Geld zu machen. Bis hin zur letzten Reise nach Gütersloh 1985 zum Bertelsmann Buchclub, bei dem Matthias Wegner als neuer Besen kehren sollte. Vorbei die Zeiten, in denen wir dem guten Hans Arnold pro Besuch zwei bis drei Lizenzen verkaufen konnten. Wegner hatte sich aus Rache an Holtzbrincks Rowohlt, die ihn als Verlagsleiter geschasst hatten, gänzlich mit dem Mohn-Imperium identifiziert, so sehr, daß er allen Alsterdünkel fahren ließ und uns, ganz unhanseatisch begeistert, die Qualitäten eines grauslichen Bertelsmann-Club-Bikes anpries, mit dem er die Wiesen um Gütersloh angeblich lustvoll beradelte. >

30.01.2010

Die halbe Wahrheit

von Schröder & Kalender

***
Der Bär flattert in östlicher Richtung.
***
Der taz-Wahrheits-Redakteur Michael Ringel hat »Jörg Schröder« in einer seiner berüchtigten koprolalistischen Kolumnen des Plagiats bezichtigt. Unser Blog heißt aber Schröder & Kalender, denn wir schreiben und zeichnen gemeinsam. So etwas geht natürlich nicht in einen Ringel-Männerkopf rein.

Zur Sache: Vor zwei Jahren, am 13.01.2007, hatten wir Michael Ringel in unserem Blog zugerufen: »Herr Ringel, Sie sind full of shit!« Wie jeder weiß – nur Ringel nicht –, soll dieser Ausdruck im Slang nicht bedeuten, dass die beschimpfte Person voll des peinlichen Erdenrestes ist, sondern: »Herr Ringel, Sie sind ein Lügner!« oder »Intrigant« usw. Weil dies im Amerikanischen schön und drastisch klingt, haben wir den o.g. Ausdruck gewählt. Was nun das Plagiat angeht, so meint Herr Ringel in seiner Kolumne ›Feindbild Furz‹ wir hätten damit Joschka  Fischers Zwischenruf: »Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!« abgekupfert. Was Fischer damit meinte, war klar: »Herr Präsident, Sie sind ein Idiot!«  Wenn Michael Ringel nun meint, ein intriganter Charakter und ein Idiot seien ein und dasselbe, dann bitte gern, wir schenken ihm das Arschloch als Zugabe.

(BK / JS)

28.01.2010

Deutsche Geschichte in der Nußschale

von Schröder & Kalender

***
Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
***

Bei Kolumnen muss man auf Taille gehen, mehr als fünftausend Zeichen sind nicht drin. So war es heute wieder bei unserer Kolumne in der jungen Welt, die vom Schloss Schönhausen handelt. Um die Ecke habe ich (JS) als Kind gewohnt. Die äusführlicheren Geschichten über meine Jugendtage, finden sich in unserem Blog: Spaziergänge in Niederschönhausen.

(BK / JS)

26.01.2010

Großes Musiktheater und kleine Opfer

von Schröder & Kalender

***
Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
***

Peter Edelmann

Foto: Peter Edelmann

In Pfungstadt ist eine Fassade zusammengestürzt, die Südhessische Energie AG (HSE) hatte, ohne auf die Statik zu achten, einen Graben ausschachten lassen. »Die HSE fördert Kunst und Kultur, die für die Region Identität stiftend sind«, steht vollmundig auf ihrer Website. Gegenwärtig tut sie dies mit dem Musiktheater ›Gisei – Das Opfer‹ von Carl Orff. Die kleinen Opfer Maria und Peter Edelmann saßen sechs Wochen in ihrem Hinterhaus und froren. Das Ton- und Videostudio von Freund Peter ist zerstört – so viel zur Förderung von Kunst und Kultur.

Wir fragen den Aufsichtsrat der HSE, den SPD-Bundesabgeordneten und Darmstädter Bürgermeister Walter Hoffmann: Kann die von ihm beaufsichtigte HSE es sich leisten, die Verantwortung für den Mist, den sie gebaut hat, auf kleine Bauunternehmer abzuwälzen? Und hatte nicht das Bauamt der Stadt Pfungstadt vertreten durch ihren Bürgermeister Horst Baier die Verantwortung für die Baugenehmigung des hirnrissigen Kabelgrabens? Das sind Fragen, die unseren Freunden Maria und Peter gegenwärtig wenig helfen, weil sie in ihrer Ruine sitzen und miterleben müssen, wie eine Institution nach der anderen versucht, die Verantwortung abzuwälzen. Wir werden die zuständigen Kulturstifter der HSE und die Initiativen der Stadt Pfungstadt weiter beobachten.
(BK / JS)

23.01.2010

Kampf gegen die ›Endlösung‹

von Schröder & Kalender

***
Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
***

Andreas Biss gehört zu den unbesungenen Helden des jüdischen Widerstands in Budapest gegen Eichmann und seine Helfershelfer. 1944 verhandelte er zusammen mit Rudolf Kasztner als Beauftragter des jüdischen Rettungskomitees ›Waadah‹ mit Eichmann und später über Becher mit Himmler vorgeblich als Beauftragter der ›Jüdischen Weltmacht‹, wie sie nur in den Köpfen der Nazis existierte.

Biss und Kasztner wagten sich in die Höhle des Löwen, ständig die Deportation vor Augen, sie nutzten die widerstreitenden Interessen der Nazis, deren Angst vor der vorhersehbaren Niederlage, vor der kommenden Vergeltung. Sie hatten keine andere Waffe als ihren verzweifelten Mut zur List. Sie erreichten zunächst die Entsendung von zwei ›Probezügen‹ mit Juden aus Budapest über das KZ Bergen-Belsen in die Schweiz. Und sie erreichen über ihre SS-Konfidenten bei Himmler – gegen den Protest Eichmanns bei Kaltenbrunner – die Einstellung der Vergasung in den KZs ab November 1944. Bereits seit Juli 1944 war es ihnen gelungen, die Deportationen aus Ungarn einstellen zu lassen.  Himmler begründete diese Maßnahme: Das wertvolle ›Tauschmaterial Juden‹ sollte nicht mehr ›im Gas vergeudet werden‹.

1944 lebten noch 600.000 bis 700.000 Juden, die zur Ermordung bestimmt waren, im deutschen Machtbereich. In den Lagern, die erst ab Januar 1945 bis April 1945 befreit werden konnten, wurden halb verhungerte, dem Tode nahe, jedoch lebende Menschen angetroffen. Sie alle hätte es bei der Befreiung nicht mehr gegeben, wenn die Vergasungen nicht im Herbst 1944 angehalten worden wäre.

Rudolf Kasztner wurde 1958 in Israel von Eiferern ermordet. Andreas Biss war in Jerusalem als Zeuge im Eichmann-Prozeß vorgeladen, Generalstaatsanwalt G. Hausner verzichtete aber schließlich darauf, Biss öffentlich aussagen zu lassen, weil er Proteste befürchtete. Hatten Andreas Biss und Rudolf Kasztner sich mit Schuld beladen? Erst Kasztner, dann Biss wurde vorgeworfen, als Juden mit den Henkern verhandelt zu haben – siehe dazu unser Blog vom 7. August 2009 ›Killing Kasztner‹.

Aber Biss und Kasztner hatten Schlimmeres getan, sie waren ›öffentlich‹ bei ihrem Standpunkt geblieben: daß es keine Heldentat ist, nachträglich Nazi-Jäger zu sein; größer ist der Verdienst derjenigen, die zur Zeit der Verfolgung und Vernichtung den Versuch unternahmen, den Juden zu helfen.

Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag
Andreas Biss, ›Wir hielten die Vernichtung an. Kampf gegen die ›Endlösung‹ 1944‹. Mit einer Nachbemerkung von H.D. Heilmann. Mit zahlreichen Dokumenten, 13 Faksimeles, Zeittafel und Register. Brosch., 404 Seiten. März Verlag, 1978 (nur noch antiquarisch erhältlich).

***

»Für jeden, also auch den Verfasser dieser Besprechung, der als Jude nicht versuchen mußte in dem von den Nazis besetzten Europa zu überleben, ist dieses ein erschreckendes und bestürzendes Buch … Viele Tatsachen aus dem Bericht von Andreas Biss kamen zuerst beim Eichmann-Prozess in Jerusalem zur Sprache, so auch die Rolle, die Joel Brand spielte >

18.01.2010

Hartz IV lässt grüssen

von Schröder & Kalender

***
Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.
***

Seit Neujahr haben wir uns Klausur verordnet, denn wir redigieren die letzte Fassung der neuen Folge von ›Schröder erzählt‹. Bis zur Auslieferung Ende Januar bleibt also kaum Zeit für Blogs und andere Vergnügungen.

Gestern Mittag aber haben wir unserem Drang nach Auslauf einmal nachgegeben und sind durch das graumeliert vereiste Berlin – seit zwölf Tagen kein Sonnenstrahl! – ins Medizinhistorische Museum der Charité gefahren. Patricia, die Lebensgefährtin unseres Kommissionsverlegers Martin Schmitz, ist Zahnärztin und führte uns durch die Ausstellung ›goldgefüllt und perlengleich. 300 Jahre Zahnheilkunde in Berlin‹ (bis 28. Februar 2010). Ohne Patricias Erklärungen und Kommentare wäre die Ausstellung über die Fortschritte der Zahnheilkunde vom Jahrmarkts-Chirurgen Doktor Eisenbarth bis zur computer-gestützten Prothetik unergiebig geblieben.

Barbara Kalender

Was soll der Laie mit der Präsentation von Goldklopf-Instrumenten anfangen, wenn man nicht weiß, dass damit Goldplomben eingeklopft wurden, oder mit »Articulations-Papier« und den diversen »Pulpa-Arsen«-Pülverchen mit »genau dosiertem Cocainersatz«. Wieso überhaupt Ersatz? >

12.01.2010

Die Musterkolonie Ostheim

von Schröder & Kalender

***
Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
***

»Man könnte Manfred Essers Roman als einen Heimatroman bezeichnen, der von einer Heimat handelt, die keine Heimat ist: Arbeitervorstadt, gewachsenes Quartier und zugleich deformiert wie alle städtischen Wucherungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um den genau fixierbaren und von Esser fixierten Stadtteil einer süddeutschen Großstadt: Stuttgart-Ostheim. Dieser Stadtteil wird dargestellt aus einem proletarischen Bewußtsein heraus. Bewußtsein heißt das, was nicht auf psychologischen Selbstzweck gerichtet ist, sondern sich zusammensetzt aus unzähligen einzelnen alltäglichen tageslaufbedingten auf das materielle mehr als auf das ideelle Wohlsein gerichteten einfachen Gedankengängen. Wiederum bedeutet das nicht Reduzierung auf ein versimpeltes Genossendeutsch, das so künstlich wäre wie jede Kunstsprache, sondern der mündlichen Redeweise wie der tagtäglichen Überlegung nachgebildet. Nichts wird ausgelassen, der proletarische ist zugleich ein, an den Regeln bürgerlichen Anstands gemessen, obszöner Roman. Was seit Freud Unterbewußtsein heißt, ist hier kein Privileg bürgerlicher Klasse. Essers Erzählweise verfährt nach dem Prinzip des Mosaiks, das Ganze gewinnt große und übergreifende Züge. Esser hat, und das muß ihm vielleicht am höchsten angerechnet werden, zu zeigen versucht, dass der politische Roman auch ein avantgardistischer sein kann.« Helmut Heißenbüttel

Manfred Esser, Ostend-Roman, März Verlag
Manfred Esser, ›Ostend-Roman‹. Leinen, 342 Seiten. März Verlag, 1978 (nur noch antiquarisch erhältlich).

Das Umschlagbild zeigt die Wohnkolonie Ostheim in Stuttgart, Originalstraßenabwicklung (Kanonenweg, jetzt Haußmannstraße), Baujahr 1891.

***

Ostend-Roman mit unbekannten Kurden, dem Textilkaufmann Nelle und Gemahlin, den Arbeiterfamilien Ziegler und de Pasquale, dem Sänger Esswein, dem Schlächter Eberhard, dem Fixer Uli Müller, dem Frührentner Gscheidle, >

08.01.2010

Tief Daisy

von Schröder & Kalender

***
Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
***

Schröder & Kalender

Blick vom Südbalkon auf den Bundesplatz

Dass unsere Nachbarn ein laxes Verhältnis zur Strassenglätte haben, beweist der Rollerunfall des französischen Kultur- und Kommunikationsminister Frédéric Mitterrand.

AFP
Foto: AFP

***
Unsere heutige Kolumne in der jungen Welt kündigt ebenfalls von schliddernden Autos in der der Provence, aber auch davon, dass Nichtrauchen manchmal nicht gesund ist.

(BK / JS)

06.01.2010

Die Befreiung Guinea-Bissaus

von Schröder & Kalender

***
Es schneit, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
***

PAIGC
João Bernardo Vieira  (links, später Präsident, wurde im März 2009 durch Militärs ermordet) Generalsekretär Amilcar Cabral (mitte). FOTO: PAIGC

***

In diesem Buch geht es um die Befreiungsbewegung der Republik Guinea-Bissau, nicht zu verwechseln mit der östlich liegenden Repulik Guinea. Seit 1963 kämpfte die Befreiungsbewegung PAIGC in Guinea-Bissau (früher »Portugiesisch-Guinea« genannt) gegen die Kolonialarmee. 1973 waren zwei Drittel des Landes befreit und im folgenden Jahr wurde die Unabhängigkeit von Portugal anerkannt.

Basil Davidson, der englische Journalist und Afrikanist (›The African Past‹, Which Way Africa?‹) legte 1969 mit diesem Buch eine Studie zum bewaffneten Befreiungskampf  vor. 1967 besuchte er die befreiten Gebiete und studierte die Akten der Befreiungsorganisation PAIGC (Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea-Bissau und Kap Verde). Davidsons Buch wird eingeleitet von Amilcar Cabral, dem Generalsekretär der PAIGC und Gründungsvater der Republik. >