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vonSchröder & Kalender 04.10.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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Unglück ist es, was die Stinnes-Sippe mit der Arcandor-Mehrheitseigentümerin Madeleine Schickedanz verbindet. Näheres steht in unserer Kolumne in der jungen Welt als kleiner Beitrag zur Finanzkrise.

Finger einer Hand voll Angst

Untertitel für die Online-Ausgabe: Die armen Millionäre

Wir besitzen drei große Haushaltsmaschinen und zwei kleine Küchengeräte von Privileg, der Hausmarke von Quelle. Deshalb sind wir natürlich daran interessiert, daß keine Heuschrecke das Fürther Haus frißt, denn die würde zur Sanierung als erstes jeglichen Service abschaffen. Aber was soll man machen? Thomas Middelhoff, dem es fast gelungen wäre, die feste Burg Bertelsmann zu schleifen, hat Quelle, Karstadt und Thomas Cook – diese Unternehmen waren vor einem Jahr noch 5.500 Millionen wert – so voll an die Wand gefahren, daß die melancholische Schickedanz-Tochter Madeleine jetzt nur noch 650 Millionen leicht ist.

Weil ich ein mitfühlender Mensch bin, tut mir solche Armut auf hohem Niveau immer leid. Meine erste Erfahrung mit solchen bedauernswerten Aktionären machte ich als unreifer Verleger mit 29 Jahren. Damals schickte H.B. Corell dem Melzer Verlag sein Manuskript ›Five Fingers and a Bit of Fright‹. Ein Thriller, ich war interessiert, und es meldete sich telefonisch eine weltläufige Stimme im schnarrenden Preußenton: »Ich möchte Sie ins Sommerhaus meiner Familie nach Garmisch einladen.« Dort könne man alles weitere besprechen, im übrigen stehe H. B. für Hubert von Blücher, Corell sei ein Pseudonym.

Versteht sich von selbst, daß ich vor dem Treffen Leben und Taten des ›Marschall Vorwärts‹ nachgeschlagen hatte, sein Porträt war im Lexikon abgebildet. Hubert war dem Vorfahr wie aus dem Gesicht geschnitten, die gleiche lange schiefe Hakennase, bis auf den martialischen Schnurrbart, denn er war glatt rasiert. Der Urenkel des Fürsten von Wahlstatt empfing mich vor seinem prächtigen oberbayerischen Holzhaus inmitten eines riesigen Grundstücks mit Blick auf die Zugspitze. So etwas beeindruckte mich damals, wenn ich mich auch bemühte, es mir nicht anmerken zu lassen.

In seinem Arbeitszimmer erzählte er aus seinem Leben: Sein Vater war Botschafter gewesen, deshalb wurde er in Stockholm geboren. Schade, daß es damals noch kein Google gab, dann hätte ich herausgefunden, daß der Typ ein adliger Hochstapler war – contradictio in adjecto. Angeblich hatte er Martin Bormann das Nazigold in Argentinien apportiert, und später behauptete er, der beste Freund von Howard Hughes zu sein. Wenn ich diese Aufschneidereien damals schon gekannt hätte, gäbe es diese Geschichte nicht. Ich erfuhr nur allerlei Klatsch über Hollywoodstars, den deutsche Geldadel wie Gabriele Henkel und daß er oft mit Walter Scheel gesoffen habe. Besonders liebte er die Zote, offenbar rittmeisterliches Kasinoerbe.

Neben seinem Anwesen in einem ebenfalls großen Landhaus lebte eine Erbin aus der Stinnes-Dynastie. Dieser Konzern hatte einst zu den großen deutschen Vermögen gehört: Kohle und Stahl, See- und Binnenschiffahrt, Papier, Chemie, Hotels, Druck. Als Stinnes in den Nachkriegsjahren zusammenbrach, schnitt sich Friedrich Flick die Filetstücke wie die Feldmühle heraus. Frau Stinnes war Mitte vierzig und Malerin. Ja, was malte sie? Strandgut aus bayerischen Seen, surrealistischer Kitsch, ohne Rausch und Ekstase gemalt – na, mit etwas Wahnsinn schon. Meine höfliche Frage nach Ausstellungen parierte sie mit der Bemerkung: »Ich verkaufe jedes Jahr nur eine Arbeit.« Mal erstand Krupp eine für die Villa Hügel, mal mußte Oetker mit fünfzigtausend Mark für eine Wurzel ran. Jedes Jahr erbarmte sich ein anderer Industrieller, um Frau Stinnes mit nobler Geste über Wasser zu halten. Kein Wunder, denn sie jammerte perfekt, dreimal stieß sie den herzerweichenden Seufzer aus: »Ach Gott, ich bin wirklich arm!«

Nach der Besichtigung der Bilder tranken wir Tee. Ihr Freund, der Colonel, war gerade zu Besuch, Chef des britischen Geheimdienstes in Germany. Kein Spion, der aus der Kälte kam, sondern ein untersetzter Fünfziger mit Dunhill-Pfeife und einem Bart – danach mußt du lange suchen: Auf seinen roten glattrasierten Wangen saßen zwei blonde Haarbällchen! Er berichtete, daß er soeben vom Pariser Aero-Salon in Le Bourget komme, wo die Flugzeugindustrie, inklusive die der UdSSR, ihre neuen Modelle vorgeführt habe. Da waren natürlich alle Oberspione zur Stelle, um ganz offen zu begutachten, was sie später mühevoll ausspähen ließen.

»Schon eine schlimme Sache, wenn man sein Vermögen verliert«, sagte ich später zu meinem Gastgeber. »Tja, sie ist wirklich arm dran. Früher hatte Hugo Stinnes tausend Millionen, jetzt hat sie nur noch drei.« Und sofort schob Blücher zwei Geschichten nach über diese sonderbare Familie: Der Stinnes-Bruder nahm als Bobfahrer für Argentinien an Olympiaden teil und belegte regelmäßig den letzten Platz. Außerdem versuche er, die Sahara zu bewässern. Seine obskuren Untersuchungen nahm Stinnes bevorzugt in Antibes vor, bis zu den Hüften im Mittelmeer stehend, auf dem Rücken ein selbstkonstruiertes Meßgerät, im Mund einen Ansaugschnorchel. Diese Sippe verlor demnach ihr Vermögen nicht ohne Grund, vielmehr muß eine ziemliche Gehirnmauke die Nachfahren des ingeniösen Konzerngründers Hugo Stinnes befallen haben.

(BK / JS)

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kommentare

  • In welcher Folge von Schröder erzählt. Ich recherchiere gerade über Von Blücher in Zusammenhang mit dem Nazigold. Angeblich hat er Gold im Wert von 400.000.000 Dollar nach Argentinien verschippert und sich nach USA abgesetzt. Dann wäre das mit Howard Hughes gar nicht unwahrscheinlich.

    Hochachtungsvoll Petra Hebeisen

  • Ziemlich heftige Personalunion… muss vor der „Sezession“ gewesen sein – vielen Dank an JS für die Ausführungen.

    RG

  • Lieber Rüdiger Grothues,

    um mit dem Ende der Vorschlagsliste anzufangen, Hubert von Blücher wollte der Autor ja aus guten Gründen nicht genannt werden. Deshalb steht auf der Impressumseite: »Originaltitel: Five Fingers and a Bit of Fright. Aus dem Amerikanischen von H. B. Corell.«

    Tatsächlich gab es aber noch gar keine amerikanische Fassung, die wollte Hubert wohl erst nachträglich anfertigen, wenn sein Thriller in Deutschland die Bestsellerlisten gestürmt hätte. Davon konnte keine Rede sein. Das Buch war ein Flop, obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, die schlimmsten Stilblüten zu entschärfen.

    Das Buch ist mit dem Titel ›Finger einer Hand voll Angst‹ 1967 im Joseph Melzer Verlag Darmstadt erschienen, dessen Verlagsleiter, Cheflektor und Hersteller ich damals war. Mehr Positionen waren damals in dem Unternehmen nicht zu vergeben 😉

    Die Fortsetzung kann man in ›Schröder erzählt‹ nachlesen.

    Herzliche Grüße
    Jörg Schröder

  • Amüsante Geschichte, dieser Ausflug in die Sphäre der wahren Hungerleider – ich als Liebhaber von Geschichten mit einem pointierten Schluss frage mich allerdings: Was geschah mit dem Manuskript? Hat Melzer es verlegt?
    Und ganz nebenbei sinniere ich über Autorennamen und englischsprachigen Titel des Manuskripts: Vermutlich wollte der Autor suggerieren, sein Thriller stamme aus dem angloamerikanischen Raum, dem Stammsitz des Genres. Aber spätestens die erste Seite des Krimis dürfte dann in Deutsch geschrieben worden sein – oder irre ich mich?
    Abhilfe hätte der Verlag schaffen können, indem er den Autorennamen gelassen, den Titel eingedeutscht und das Ganze mit der Anmerkung versehen hätte: Ins Deutsche übertragen von Hubert von Blücher.

    Fragen über Fragen … Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung in der Jungen Welt.

    Viele Grüße von
    Rüdiger Grothues
    [Open Nine Pub]

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