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Beiträge für die Kategorie ‘Außerordentlich und obszön – Bildertausch’

20.11.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (12)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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Das Bild ›Hella / März‹ malte Berndt Höppner als Pendant zu ›Doris / März‹, welches wir als Cover-Illustration für Gunter Rambows Fotobuch benutzten. Höppner war Mitglied der Kölner Künstlergruppe Exit, die eng mit Rolf Dieter Brinkmann, Ralf Rainer Rygulla und Rolf Eckart John zusammen arbeitete. Die Bilder von Exit zeigte Uwe Husslein erstmalig in der Kölner Pop-Ausstellung im Zusammenhang mit Brinkmanns literarischer Produktion. Höppners Illustrationen wurden neben ›Doris‹ für zwölf weitere März-Titel benutzt darunter Ken Kesey, ›Einer flog über das Kuckucksnest,

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Paulus Böhmer, ›Aktionen auf der äußeren Rinde‹ und Hermann Peter Piwitt, ›Das Bein des Bergmann Wu‹. Berndt Höppner (1941 in Chemnitz geboren) ist Professor an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, er lebt in Biel. >

15.11.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (11)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.
Im Juli 1975 verlieh eine Jurry, die aus Bazon Brock, Nicolas Born, Peter Handke, Michael Krüger und Urs Widmer bestand, den ersten von Hubert Burda gestifteten Petrarca-Preis. Der Preisträger war postum R. D. Brinkmann, Verleihungsort der Mont Ventoux. Ich war zu dieser Zeit gerade in Juan-les Pins, fuhr zur Preisverleihung und berichtete nicht, wie ursprünglich geplant, in der Frankfurter Rundschau über das Ereignis, sondern ein paar Jahre später in der taz. Die Geschichte ist vier engbedruckte taz-Seiten lang und trägt den Titel ›So-ja-Bohnen‹. Hier ein paar Zitate daraus, die Fotos liegen in der Kölner Pop-Ausstellung in der Vitrine. (JS)

»Und nun geschah das Sonderbarste, was ich während dieser Petrarca-Preis-Verleihung sah. Die Leute pflückten Lavendel, der Porträt des toten Dichters Rolf Dieter Brinkmann auf der Spanplatte wurde vom ZDF an die provenzalische Mauer gelehnt und abgefilmt.

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Genau die Atmosphäre, über die Brinkmann sich zu Lebzeiten schreibend ausgeätzt hätte, über dieses Lämmeressen, den Lorbeermuff, die Witwe … na ja, und die Tischreden. Ich war beim Sonderbaren, ach so, die Lavendelwiese – alles verteilte sich, da sehe ich diesen unglücklichen Handke, wie er auf einem leichten Hang Kobolz schießt. Im Turnsport nennt man das ja wohl ›Rolle vorwärts‹. Macht doch dieser Fiti tatsächlich drei unbeholfene Rollen auf einer Lavendelwiese. Das mußt du dir einmal vorstellen: Einer, der es nicht kann, jemand, der nicht fröhlich ist, der ein Erwachsener ist, der Schriftsteller ist und obendrein einer, der Handke heißt, im Lavendel mit drei, vier mißratenen Rollen nach vorn!

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Die ganze Gesellschaft wieder in den Bus, Hubert Burda half dem Fahrer auf französisch: »bon bon bon«, weil das Wenden schwierig war. Zurück zum Hotel, umziehen für den Festakt, die eigentliche Verleihung des Preises. Zwar waren die verunglückte Besteigung des Mont Ventoux – Bazon Brocks Lorbeerkranz, boing, klatsch, Maleen Brinkmann auf den Dez – bereits gelaufen, aber nun sollte es zum Kosmokulturellen übergehen.

Währenddessen ein neuer Fernsehauftritt von Handke. Er hatte sich eine Mineralwasserflasche organisiert; um ganz nebenbei Lockerheit zu zelebrieren, goß sich das Perrier hinten in den Kragen und sprach vor der laufenden Kamera: »Erfrischend!« Danach zog auch er sich um, trug das weiße Oberhemd und die schwarze Samtjacke. Wir fuhren nach Roussillon ins ›David‹, es hat einen Stern und Blick auf die bunten Ockerfelsen. Im Innenhof des Restaurants wurden dann weitere Reden gehalten für die internationale Welt der Literatur. Drei Ritter standen tapfer dabei mit ihren kleinen Röschen im Knopfloch, uralt, Ehrenlegion, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Handke probte sie auf französisch an. Diese Kulturfranzosen haben ja ein ungeheures Stehvermögen, solche alten bedeutenden Menschen kannst du notfalls von der Bahre hochkippen, bomm, sie stehen auch noch senkrecht, wenn einer anschließend auf deutsch über Literatur redet und ihnen Brinkmanns ›D-Zug-Gedicht‹ vorliest. Handke konnte sich in seiner Ansprache die Spitze nicht verkneifen, daß Literatur keinesfalls ein »verächtliches Abtun abgelebten Lebens sein dürfe«. Den Schuh sollte ich mir wegen ›Siegfried‹ anziehen. Und nach seinen Ausführungen fragte er aufgeräumt das Tramperpärchen: »Sie lieben sich wohl sehr, weil Sie sich immer streicheln?!« Die monegassische Reiseführerin wurde langsam krötig, denn das Essen wartete.

Die Jakobsmuscheln und das Huhn in Blätterteig waren längst verzehrt, die Sorbets schon reingezogen, die Davidoffs wurden angezündet, Hubert Burda schwärmte von Lucia di Lammermoor. Nun ging es zum gemütlichen Teil über, Michael Krüger berichtete aufgeregt, wie er beim Herflug in einer Privatmaschine in Wetterturbulenzen geraten sei, und der Pilot in den schwarzen Wolken über den Vogesen einen gräßlichen Looping nach dem anderen geflogen habe. Interessanter fand ich, daß er mir angedudelt erzählte, Brinkmann sei eigentlich ein Irrer gewesen. Er hatte ihn auf einem Bahnhof kurz hinter Graz vom Zugfenster aus beobachtet – sie kamen beide vom ›Steirischen Herbst‹. Rolf Dieter stand auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, in Anzug und Weste, obwohl es sehr warm war, riß Block und Bleistift aus dem Koffer, notierte etwas, legte Block und Bleistift wieder zurück, schleppte den Koffer zehn Meter weiter, riß die Schreibutensilien wieder heraus. Zehnmal sei das so gegangen, vollkommen verrückt sei dieser Brinkmann da herumgegeistert. Das war nun wirklich verrückt: ein deutscher Lyriker und Hanser-Verleger aus der Petrarca-Jury, der mir vertraulich steckte, er habe einen Dichter beobachtet, der eigentlich nur ein Verrückter gewesen sei. In Juan-les-Pins fand ich später einen Brief des Lyrikers Wolf Wondratschek vor, darin beklagte der sich bei mir, daß nicht er der Preisträger sei: »Gegen einen Toten kommt man eben nicht an«.

Aus ›Schröder erzählt‹, Sonderausgabe zur 20. Folge: ›So-ja-Bohnen‹, ›Maggi pur‹ und ›Gewissensbisse‹ erschienen im Februar 1995

Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese stellen wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vor, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

Wir haben dieses Foto von Martin Eberle aus der Serie ›After Show‹, Portraits nach dem Auftritt, ausgewählt, obwohl von dieser Wand kein Bild für die Kölner Ausstellung abgehängt wurde.

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Martin Eberle hing jahrelang in den Clubs ab, die er später für sein Buch ›Temporary Spaces‹ fotografierte. In seiner neuen Arbeit porträtiert er Musikerfreunde: »Wenn sie von der Bühne kommen und alles gegeben haben. Es sind Menschen, deren Musik für mich wichtig ist wie zum Beispiel die neue Platte von T.Raumschmiere (Random Noize Sessions Vol. 01″). Sie ist gerade erschienen, aber ich habe schon eine Demo seit dem Sommer, das ist tolle Musik.
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Aus der Arbeit ›After show‹: T.Raumschmiere, 40 x 50 cm, (Werkabzug)
Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.

Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹.

(Copyright für die Abbildungen: Erika Schröder und Martin Eberle, sonst BK / JS)

10.11.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (10)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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›Gunni‹ ist eine Arbeit von Karolus Lodenkämper. Die vier Siebdrucke auf durchsichtiger PVC-Folie sind in der Manier der Zerlegung einer farbigen Vorlage in die vier Grundfarben gelb – rot – blau – schwarz angelegt. So ergibt sich das farbige ›Gunni‹-Motiv. Der Künstler Karolus Lodenkämper illustrierte Rolf Dieter Brinkmanns Gedichtband ›Standphotos‹, der 1969 als Hundertdruck VI bei Hildebrandt in Duisburg erschien.

Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Hi Schatz! ist Martin Eberles nächste große Arbeit: »Es geht um kommunikative Aspekte, um Beobachtungen, um Botschaften. Interessant, wie die Stadtoberfläche als Kommunikationsraum benutzt wird. Mädchen machen Fanbekundungen, anonyme Liebesbriefe. So viele Liebesbriefe auf einer Wand, das ist ungewöhnlich.« Martin Eberle fotografierte sie auf der Potsdammer Straße bei New Energy, inzwischen sind die Botschaften verschwunden.

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Aus der Arbeit Hi Schatz!: Ohne Titel, 50 x 60 cm, Color Print auf Alu Diasec. Artist Print

Eberle versucht mit seinen Fotos eine Intensität zu erreichen, die in der normalen Wahrnehmung selten möglich ist, weil es schwer fällt, sich auf solche Ausschnitte der Realität zu konzentrieren.

Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.
Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹.

(Copyright für die Abbildungen: Karolus Lodenkämper und Martin Eberle, sonst BK / JS)

06.11.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (9)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.
Für die Kölner Pop-Ausstellung haben wir einige Fotos vom legendären Frankfurter Provo-Fest während der Buchmesse 1967 eingeliefert. Und so spielte sich das ab: Einladungskarten wurden auf der Messe verteilt, am Tage der Veranstaltung hatten Adam Seide, Silvia Ohanyan und ein paar Hilfskräfte in stundenlanger Arbeit Kanapees belegt und alle möglichen Salate zu einem Buffet aufgebaut. Das Faß Heringe war nicht eingetroffen, aber draußen im Flur standen an der Wand aufgereiht zwanzig Kisten von Bols mit der Aufschrift: »Zeer oude Genever 6 x 1 l«. Das sind, rechne nach, hundertzwanzig Liter Schnaps, die der großzügige, aber irgendwie auch wahnwitzige Lubberhuizen von De Bezige Bij an uns expediert hatte.

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Gedränge vor der Lesung
v.l.n.r.: Esteban Lopez, Jürgen Hillner, Jörg Schröder

Alles war vorbereitet, hundert Stühle standen in einem ordentlichen Halbkreis im Saal. Kurz nach fünf stellte Adam stolz die letzte Platte aufs Buffet, da kam die berüchtigte Wiener Clique die Treppe hoch, vorneweg Kurti Kalb und Dominik Steiger, dahinter ein Pulk von Mitläufern, last but not least Oswald Wiener und Ingrid Schuppan. Diese Truppe war der gefürchtete Partyschreck, sie klaute zudem auf den Messeständen hemmungslos Bücher. »Einfach charakterlos!« wie unser Getränkemann Sepp Fischer immer sagt, wenn er sich über böse Menschen echauffiert. Es geschah das Unabwendbare: Ossi, Ingrid und Kurti zogen sich Stühle ans Buffet, die anderen taten es ihnen nach. Bevor meine Gäste aus Holland überhaupt erschienen waren, hatten die zwölf Kakerlaken die Platten geputzt. Kein Sträußchen Petersilie blieb übrig! Eine rücksichtslose Rotte mit Gangstruktur, aber was willst du machen?! Wiener kriegst du nicht raus!

Die Niederländer trafen pünklich ein: Jeroen Brouwers, Jeanine van Erk, Esteban López, Hugo Raes, Hans Tuynman und Jan Gerhard Toonder, mein Freund Herman Ysebeart, ein surrealistischer Maler, der neben den ›Kohlkunstplakaten‹ seine Bilder ausstellte, auch einige Provos aus der Truppe von Hans Tuynman waren dabei.

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Der Provo Herman Ysebeart

Mit den Gastgebern, der Wiener Clique, dem Team vom Hessischen Fernsehen und den anderen Pressefritzen schon mal vierzig Leute, die als Zuhörer gereicht hätten. Die Veranstaltung konnte nicht mehr gänzlich in die Hose gehen. Das sind doch immer die Ängste von Autoren und Gastgebern, daß das Publikum wegbleiben könnte. Es waren auch deshalb so viele Pressemenschen von ›Zeit‹, ›Rundschau‹, ›FAZ‹ und ›Spiegel‹ gekommen, weil in einem Hinterzimmer – wichtig, wichtig! – der Filmproduzent Rob Houwer und Esteban López saßen, dort Statements zur Verfilmung von ›Wie Bruder und Schwester‹ abgaben, bei dem Herbert Vesely, der Anfang der sechziger Jahre ›Das Brot der frühen Jahre‹ verfilmt hatte, Regie führen sollte.

Nun aber passierte etwas, das meinen Ruhm als Veranstalter berüchtigter Feste begründete, obwohl ich gar nichts Schrilles angekündigt hatte außer »Genever & holländische Spezialitäten«. Ein Schwall von Gästen brach kurz vor acht in den Saal, die Stühle mußten an die Wand gerückt werden, weil kein Platz mehr zum Sitzen da war. Die ersten Steinkrüge mit Genever machten die Runde, die Leute tranken das Zeug wie Wein. Unaufhörlich schoben sich Menschen die Treppe hoch, preßten sich in die Räume. Es müssen sich vierhundert, vielleicht auch fünfhundert in Flur, Saal und Adams Wintergarten gequetscht haben. Dank des Genevers entstand keine Panik, im Gegenteil, alle waren laut und fröhlich. Nein, nicht alle, denn die Niederländer scharrten mit den Hufen, wollten vorlesen, hatten nach Jahren des Wartens endlich ihren Auftritt zur Buchmesse. Aber das Publikum wollte nur grölen und saufen. Außerdem, wo hätten sie lesen sollen? Der Saal war rappelvoll. Ich kämpfte mich zu Seide durch: »Habt ihr eine große Stehleiter, Adam?« Hatte er, das Ding wurde über die vielen Köpfe durchgereicht, in die Mitte des großen Saales gesetzt. Jetzt konnte das ›Read-in‹ beginnen. Jeroen Brouwers, ein junger Autor aus Belgien, erstieg die Leiter als erster und brüllte seinen Text vom armen Hoolwerf heraus, der den verdorrten Leib seiner Ingrid mit den Händen zerbröselt und danach das Haus anzündet. Man konnte nichts verstehen, die brodelnde Meute grölte, er las ungerührt zu Ende. Wer auf dem Felde der Literatur so tapfer kämpft, dem wird endlich auch Erfolg zuteil; vor kurzem erhielt Jeroen Brouwers den Prix Femina in der Kategorie ›bester ausländischer Roman‹.

Anschließend bestieg Jan Gerhard Toonder die provisorische Kanzel, mit Stentorstimme schrie er seinen Text raus. Das Publikum johlte zurück: »Wir wollen Provos! Du bist kein Provo!« Das waren nicht irgendwelche Punks, sondern Leute mit korrekten Anzügen, aber eben vom Genever bedröhnt. Herman Ysebeart, der Maler mit dem Silberzylinder, fing an, greuliche Beleidigungen gegen die Moffen und andere Verdommelings auszustoßen, die immer mit »Goddome! Goddome!« endeten. Hans Tuynman war als nächster dran, er versuchte erst gar nicht, etwas vorzutragen, sondern begann mit Fidibus und Feuerzeug sein Buch ›Ich bin ein Provo‹ anzuzünden.

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Hans Tuynman zündet sein Buch ›Ich bin ein Provo‹ an, assistiert von dem Autor Dominik Steiger

Unter ihm ein ständiges Gedränge und Geschiebe, das Fernsehen kurbelte trotz der erschwerten Bedingungen. Hugo Raes kam nicht mehr zu seinem Auftritt, weil Dominik Steiger, Otto Jägersberg und H. C. Artmann plötzlich die Idee hatten, ihre eigenen Texte zu lesen – auch sie sturzbetrunken. So ging der Putz los. Dominik obsiegte kurzfristig im Kampf um die Höhe. Jetzt machte Hugo, ein jähzorniger Typ und ebenfalls mit Genever abgefüllt, dem Titel seines Romans ›Ein Faun mit kalten Hörnchen‹ alle Ehre, zerrte Steiger von den Sprossen und verfolgte seinen Rivalen durch die wabernde Masse. Jägersberg und Artmann halfen ihm nicht, sondern verpißten sich. Ein ganzer Trupp Holländer jagte den Österreicher bis in die Siebdruckwerkstatt von Thomas Bayrle, die an die Räume von Adam Seide angrenzte.

Ich hatte so ein Gefühl, daß irgend etwas passieren würde, zwängte mich durch die Menge. Auch hier hatten sich fünfzig Schaulustige eingefunden und beobachteten das Autorenturnier. In der Mitte der Werkstatt gestikulierte eine Rotte wütender Niederländer, die Dominik ans Fell wollten. Der stand mit dem Rücken zur Wand und schwenkte eine abgeschlagene Bierflasche, verschaffte sich so den gewissen Abstand. Es geht die Fama, Steiger sei in der Fremdenlegion gewesen. Neben mir schrie Thomas Bayrle in Panik: »Bitte nicht! Meine Werkstatt!« Als die Holländer dem Österreicher gefährlich nahe kamen, schnappte sich der in die Enge getriebene Dichter einen Farbeimer und schwappte den Inhalt durch den Raum, watsch! Seine Feinde sahen aus wie lackierte Clowns, und nicht nur sie! Alle, die sich das Schauspiel angesehen hatten, darunter auch viele Pressemenschen, waren mit weißer Siebdruckfarbe bespritzt.

Die Niederländer fuhren ins Hotel, um sich die weiße Kruste von den Gesichtern zu lösen. Das Fest ging weiter. Nach Mitternacht traf auch noch ein Jazzterzett ein, das Saxophon jammerte, der Verleger Hans Nikel legte einen Striptease hin und zeigte seine Hühnerbrust. Das wiederholte er später auf diversen Titelbildern seiner ›Pardon‹ und als Würstchen im Tarzankostüm auf dem Messestand. Nein, der war kein Exhibitionist, noch schlimmer, der fand sich wirklich sexy. Die Siebdruck-Farbdämpfe waberten durch die Räume – hochexplosives Zeug! Alle Gäste waren sternhagelvoll, und es ließ schon mal einer der Schwankenden eine glimmende Kippe in den Haufen mit Strohhülsen fallen, mit denen die Geneverflaschen eingepackt gewesen waren, ich konnte das Feuer immer gerade noch austreten. Aber nichts Schlimmeres geschah außer dem Attentat mit der weißen Farbe. Glücklicherweise waren die Heringe nicht eingetroffen, sonst hätte man sich damit auch noch eine Schlacht geliefert.

Zahlreiche Medienvertreter hatten am nächsten Messetag Weißes im Haar und auf ihrer Kleidung. Ein Feuilletonist von ›Christ und Welt‹ zeterte lautstark auf dem Melzer-Stand: »Jetzt sehen Sie sich mal mein Jackett und meine Hose an! Von oben bis unten mit weißer Farbe bespritzt! Der Anzug ist ja versaut! Ich habe nur diesen einen dabei!« »Dann dürfen Sie nicht auf solche Feten gehen«, erwiderte ich lachend. »Sie waren der Veranstalter! Sie müssen für den Schaden aufkommen!« Als er endlich begriff, daß bei mir nichts zu holen war, zog er die letzte Karte: »Eine Unverschämtheit! Das schreibe ich! Darauf können Sie sich verlassen!«

Es schrieb nicht nur ›Christ und Welt‹, die niederländische Literatur bei Melzer war in aller Munde, die Presse und das Fernsehen berichteten ausgiebig über die ›weißen Pläne‹ der Amsterdamer Provos: die zwanzigtausend weißen Fahrräder, mit denen die Autos aus der Stadt verbannt werden sollen, die Polizisten in weißen Uniformen ohne Knüppel und Revolver, die stets ein Feuerzeug bei sich tragen müssen, damit sie Passanten Feuer für ihre Zigarette geben können … Ganz klar, deshalb hatten die Provos das Frankfurter Happening mit der weißen Farbe veranstaltet. Und jeder, der beim ›Read-in‹ dabei war, erinnert sich daran als ›die Nacht, in der ich ein Provo war‹. Frag mal die Leute nach diesem Fest, und du wirst sehen, sie bekommen ein Leuchten in die Augen.

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Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Aus der Arbeit natur morte: Ohne Titel, 50 x 60 cm, Colour print auf Alu gerahmt. Auflage 3 + 2 Artist print

Es zeigt die Decke der Küche des ehemaligen Burger King in der Rosenthaler Straße. Daraus wurde dann Mikys Kachelbar.

Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.
Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹.
(Copyright für die Fotos und Abbildungen: Peter Zollna, Martin Eberle, sonst BK / JS)

31.10.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (8)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordlicher Richtung.
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Das Schlittschuh-Blatt ist eine Arbeit aus dem Jahre 1969 von Henning John von Freyend. Er gründete mit Berndt Höppner und Thomas Hornemann die Kölner Künstlergruppe Exit, welche eng mit Rolf Dieter Brinkmann, Rolf Eckart John, Linda Pfeiffer und Ralf Rainer Rygulla kooperierte. Mit ihren Zeichnungen trugen die Exit-Künstler zur Gestaltung zahlreicher Schriften von Rolf Dieter Brinkmann und anderer Autoren bei: März-Texte 1, Gras, Gummibaum, Der fröhliche Tarzan etc.

Henning John von Freyend ist auch der Maler des berühmten Bildes ›Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann (siehe Außerordentlich und obszön vom 30.09.2006), das gegenwärtig in der Kölner Pop-Ausstellung hängt. Er ist auch einer der wichtigsten Briefpartner Brinkmanns (›Rom, Blicke‹) und besitzt darüber hinaus zahlreiche Karten und Briefe von ihm. Eine Publikation dieser Korrespondenz mit zahlreichen Abbildungen der Kunstwerke, auf die sich die Briefe beziehen, ist geplant, Arbeitstitel: ›Briefe an einen Maler‹. Henning John von Freyend hat im Laufe der Jahre ein umfangreiches Werk geschaffen, aber nur selten ausgestellt. Einige Arbeiten hängen gegenwärtig im Kölner Kunsthaus Binhold.
John von Freyends Bilder, die sonst bei uns hängen, sind nun in der Kölner Pop-Ausstellung zu sehen. Statt des Schlittschuhs hängt hier jetzt ein Foto von Martin Eberle aus der Serie ›nature morte‹.

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Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Aus der Arbeit natur morte: Ohne Titel, 50 x 60 cm, Color Print auf Alu gerahmt. Auflage 3 + 2 Artist print

Eberle versucht mit seinen Fotos eine Intensität zu erreichen, die in der normalen Wahrnehmung selten möglich ist, weil es schwer fällt, sich auf einen Ausschnitt der Realität stark zu konzentrieren.

Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.
Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹.
(Copyright für die Abbildungen: Henning John von Freyend und Martin Eberle, sonst BK / JS)

26.10.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (7)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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1968, ein Jahr vor der Gründung des März Verlags war ich im Darmstädter Melzer Verlag Verlagsleiter, Cheflektor und Hersteller in einer Person. Da fiel es leicht, Bazon Brock eine eilige Bitte zu erfüllen. Er wünschte sich eine SetCard, wie sie Models haben. Aus dieser Idee entstand als Schnellschuß kurz vor der Buchmesse die Broschüre: ›Bazon Brock, was machen Sie jetzt so?‹. Inzwischen wurde dieser Titel zu einem antiquarischen Rarum.

Damit nicht genug, Bazon hatte noch andere Ideen. Eigentlich wollte ich, wie jedes Jahr zur Buchmesse auf dem Melzer-Stand Großfotos von Autoren und Buchumschlägen aufziehen. Jetzt mußten es ›Literaturbleche‹ – Brocks letzte Aktion vom Mai 1968 – in der Manier von Hinweis- und Verbotsschildern sein, die er in der Galerie Patio ausstellte und in Frankfurt aufhängte. Zum Beispiel baumelte unter dem Straßenschild Freiherr-vom-Stein-Straße der Blechtext von Brock: »Der Tod muß abgeschafft / werden, diese verdammte / Schweinerei muß aufhören. / Wer ein Wort des Trostes / spricht, ist ein Verrräter / Bazon Brock.« An einem Baukran unter der profanen Warnung: »Der Aufenthalt / unter der angehobenen Last / und im Schwenkbereich / der Drehbühne / ist verboten. / Lebensgefahr!« hing sein Literaturblech: »alles passt zueinander / alles passt übereinander / nichts rutscht / alles sitzt vollendet / bazon.« Einen anderen Text hatte ich mir einfallen lassen: »Was heute läuft / kann man mit dem Stock dran fühlen / Melzer.«

Bazons Werk kam an die Wand, mit meinem wurde der Fußboden belegt. Beide Bleche wurden in der nötigen Anzahl geprägt. Der Stand sah interessant aus! Vor allem war es komisch, wenn Leute die roten Blechschilder betraten. Dann knackte es, und sie erschraken. Außerdem hatte Bazon noch ein Objektbuch hergestellt, das stand vor der Messekoje. Auf zwanzig Lochplatten, einen Meter hoch, die in einer Führungskonsole hingen – solche Ständer findest du in Eisenwarenhandlungen zur Präsentation von Kleinteilen –, hatte er jeweils einige Seiten der ›Was machen Sie jetzt so‹-Broschüre geklebt, dazu Gegenstände aus seinem persönlichen Besitz: eine Brille, Zigarettenkippen, eine Unterhose, Socken … Sachen, die man einem Suchhund zum Schnüffeln geben würde. Natürlich hatte die Unterhose auch den dezenten gelben Fleck. Eben ein Ready-made, in dem man blättern konnte wie in einem großen Buch.

Das Kunstwerk stand bis 1973 im Keller meiner Frankfurter Wohnung, Bazon hatte es nicht abgeholt. Als ich nach dem Konkurs des März Verlages Kunst, Antiquitäten und meine Bibliothek verkaufen mußte, kam auch der Antiquar Horst Nibbe aus Köln. Er nahm so viele Olympia-Press-Bücher mit, wie in seinen Caravan gingen. Erst kurz vor der Abreise entdeckte er das Brock-Buch im Keller und kaufte es für fünfhundert Mark. Ein gutes Geschäft, das Objekt wäre heute mindestens zehntausend Euro wert. Aber leider ist ihm das Schicksal der Beuysschen Badewanne widerfahren: Der Antiquar hatte seine Karre so mit Pornos vollgeladen, daß er die Lochplatten nebst Ständer bei einem Freund in Wiesbaden unterstellte – ebenfalls in einen Keller. Bald darauf inspizierte der Wiesbadener Hausmeister den Abstellraum, schrie »Ekelhaft!«, als er die getragene Unterhose entdeckte, und warf »den Dreck« weg. Der arme Nibbe erzählt mir die Geschichte dieses Verlustes immer wieder kummervoll seufzend, wenn wir uns mal wieder sehen, wie zuletzt sahen wir uns bei der Vernissage der POP-Ausstellung in Köln. (JS)

Für die Zeit, in der die Leihgaben bei in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Das rote Melzer-Blech haben wir für die Dauer der Ausstellung in Köln mit Martin Eberles Foto aus seiner Fotosequenz ›nature morte‹ getauscht.

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Aus der Arbeit natur morte: Ohne Titel, 41 x 48 cm. Color Print auf Alu gerahmt. Auflage 3 + 2 Artist print

Das Motto von natur morte lautet: »Mit den drei Fackeln, die ihn in seinem Studium der Natur unablässig leuchten, nämlich Beobachtung, Gefühl und Vernunft, gibt der Künstler Erscheinungen wieder, die uns ins Träumen bringen, schlichte Gegenstände, die uns rühren, Schauplätze, die uns durch ihre kühne Silhouetten erstaunen und erschrecken […] Ein vollkommener Künstler ist, wer mit dem besten Geschmack in der Natur auswählt. Früher hieß es, die Natur wiedergeben. Heute hingegen: in der Natur auswählen.« C. Nègre, La Lumière, Paris 1851

Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.
Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹. Martin Eberle (Fotos), Heinrich Dubel (Text) dokumentieren in ihrem Buch ›Temporary Spaces‹ das Design des nomadischen Clublebens in Berlin-Mitte.

(Copyright für die Abbildungen: Jörg Schröder und Martin Eberle, sonst BK / JS)

20.10.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (6)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
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Linda Pfeiffer und Ralf Rainer Rygulla 1968 in Köln während einer Protestveranstaltung in der Pädagogischen Hochschule. Linda studierte dort zusammen mit Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla. Sie arbeitete mit an ›Acid · Neue amerikanische Szene‹, Hrgb.: von R. D. Brinkmann und R. R. Rygulla. Ein Nachdruck im Originalformat mit festem Deckel und Fensterstanze ist gegenwärtig noch bei Zweitausendeins zu beziehen. Linda drehte mit Brinkmann und Rygulla auch Underground-S-8-Filme und lebt seit 1970 mit Henning John von Freyend von der Künstlergruppe Exit zusammen. Sie arbeitet in Köln als Grundschullehrerin. Im März Verlag erschien 1985 ein Buch mit Erzählungen von Linda Pfeiffer, ›Ich weine – ich lache‹.

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Linda Pfeiffer und Barbara Kalender während der Vernissage der Pop-Ausstellung vor dem Bild ›Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann‹ von Henning John von Freyend.
Wir mußten umhängen für das großformatige Foto von Martin Eberle aus der Serie ›After Show‹, Portraits nach dem Auftritt.

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Eberle hatte jahrelang in den Clubs abgehangen, die er später für sein Buch ›Temporary Spaces‹ fotografierte. In seiner neuen Arbeit fotografiert Eberle Musikerfreunde: »Wenn sie von der Bühne kommen und alles gegeben haben.«

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›Peaches‹ 2004, 108 x 138 cm, Colour print auf Alu gerahmt, 8 + 2 Artist print

Peaches erstes Konzert in Deutschland fand 1998 in dem Club galerie berlintokyo statt, den Eberle mitgründete. Peaches wurde 1968 in Toronto als Merrill Beth Nisker geboren. Bevor sie nach Berlin ging, arbeitete sie in Kanada als Grundschullehrerin und Bibliothekarin. In Berlin begann ihre Karriere als Musikerin. Sie spielt die Instrumente für ihre Songs selbst, programmiert ihre eigenen elektronischen Beats und hat auch die meisten ihrer Alben und Singles produziert. Ihr erstes Album ›Fancypants Hoodlum‹ veröffentlichte sie 1995 noch unter ihrem Geburtsnamen Merrill Nisker, 2000 erschien ›The Teaches of Peaches‹, 2003: ›Fatherfucker‹ und 2006: ›Impeach My Bush‹. Ihr Genre ist Electronica, ihr Stil: Indie Rock, Experimental Techno und Eletro-Techno. Teaches ist befreundet mit Iggy Pop und Chilly Gonzales, mit denen sie auch gemeinsam auftrat und produzierte. Wer mehr über Teaches wissen will findet es hier.

Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.

Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›TemporarSpaces‹

(Copyright für die Abbildungen: Foto von Ulrike Pfeiffer, Martin Eberle, sonst BK / JS

15.10.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (5)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert heftig in westlicher Richtung.

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Der Pudding stammt aus der Dessert-Serie von Thomas Hornemann. Die Galerie Exit entwickelte sich 1969/70 zu einem Treffpunkt der Kölner Undergroundszene: Ausstellungen, Musikveranstaltungen, Lesungen und Filmvorführengen wechselten sich ab. Mit ihren Arbeiten trugen John von Freyend, Höppner und Hornemann zur Gestaltung diverser von R. D. Brinkmann herausgegebener Publikationen bei. Auch der März Verlag benutzte einige Motive von Exit.

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1970 erschien im März Verlag der Roman des schwedischen Autors Staffan Beckman, ›Meinen Sie, daß Georg verrückt ist?‹. Er handelt von einem Agenten, der die Möglichkeiten einer sozialistischen Revolution in Schweden erkunden soll. Das Ergebnis seiner grotesken Recherche ist, wie nicht anders zu erwarten: Menschen in einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft haben wenig Interesse an den Idealen des Kommunismus. Statt dessen strampeln sie sich lieber ab in einer Gesellschaft im Überfluß. Für den Schutzumschlag dieses Buches wählten wir einen Siebdruck aus der Dessert-Serie von Thomas Hornemann. Eine andere Arbeit aus dieser Serie ist der Pudding, der nun in der Kölner Pop-Ausstellung zu sehen ist. An seiner Stelle hängt hier jetzt eine Arbeit von Martin Eberle aus der Serie ›nature morte‹

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Eberle versucht mit seinen Fotos eine Intensität zu erreichen, die in der normalen Wahrnehmung selten möglich ist, weil es schwer fällt, sich auf einen Ausschnitt der Realität stark zu konzentrieren. Bei dem Motiv handelt es sich um eine Werkstatt, bei der Eberle 2002 sein Auto reparieren ließ. Die Werkstatt in Tempelhof gibt es nicht mehr.

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Ohne Titel (Werkstatt), 53 x 68 cm, Colour print gerahmt, 800 Euro netto. Auflage 3 + 2 Artist print
Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr.

Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹


(Copyright für die Abbildungen: Thomas Hornemann und Martin Eberle, sonst BK / JS)

10.10.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (4)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert heute nicht.

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Im Herbstprogramm 1969, des im selben Jahr gegründeten März Verlags, kündigten wir die ›Schnellste Pizza der Welt. Neue Gedichte aus England‹ an. Es wurde die langsamste Pizza der Welt, denn der Herausgeber und Übersetzer Ralf Rainer Rygulla lieferte kein Manuskript. Mehr als die Ankündigung ist nicht erschienen, aber es gab und gibt das Umschlagmotiv mit dem Motorradfahrer von Thomas Hornemann, dieser Siebdruck hing immer in meinen Räumen und hängt jetzt in Berlin im Flur.

Zur Pop-Ausstellung in Köln waren neben Linda Pfeiffer und Henning John von Freyend auch Thomas Hornemann gekommen. Ihn hatte ich das letzte Mal 1969 gesehen. Die drei Mitglieder der Künstlergruppe Exit: Berndt Höppner (Doris), Henning John von Freyend (Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann) und Thomas Hornemann (Motorradfahrer) waren während der Buchmesse meine Gäste gewesen, zusammen mit Maleen und Rolf Dieter Brinkmann, Rolf Eckart John und Linda Pfeiffer schliefen sie in meiner Frankfurter Wohnung, die ich gerade gemietet hatte. Sie war noch nicht möbliert, die Kölner schliefen auf Feldbetten. So sahen die Künstler 1969 aus:

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v.l.n.r.: Berndt Höppner, Linda Pfeiffer, Henning John von Freyend, Thomas Hornemann.

Alle, die sich in Köln wieder trafen, waren begeistert von Uwe Hussleins formidabel kuratierter Ausstellung, siehe dazu auch die Besprechung von Wolfgang Frömberg in in der StadtRevue. Die Ausstellung zeigt das Rhizom unserer frühen Aktivitäten, wie wir es selbst nicht besser hätten präsentieren können.

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Den Motorradfahrer der ›Schnellsten Pizza der Welt‹ haben wir für die Dauer der Ausstellung in Köln mit Martin Eberles Foto aus seiner Fotosequenz ›nature morte‹ getauscht.
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Das Motto dieser Arbeit lautet: »Mit den drei Fackeln, die ihn in seinem Studium der Natur unablässig leuchten, nämlich Beobachtung, Gefühl und Vernunft, gibt er Erscheinungen wieder, die uns ins Träumen bringen, schlichte Gegenstände, die uns rühren, Schauplätze, die uns durch ihre kühne Silhouetten erstaunen und erschrecken […] Ein vollkommener Künstler ist, wer mit dem besten Geschmack in der Natur auswählt. Früher hieß es, die Natur wiedergeben. Heute hingegen: in der Natur auswählen.« C. Nègre, La Lumière, Paris 1851

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Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr.

Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT - Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹ (s.o.)

(Copyright für die Abbildungen: Thomas Hornemann und Martin Eberle, sonst BK / JS)

05.10.2006

Außerordentlich und obszön – Bildertausch (3)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

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