vonMesut Bayraktar 14.01.2018

Stil-Bruch

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Die Vorstellung des Glücks und die Irrtümer beim absurden Menschen. Was hat Albert Camus mit Immanuel Kant gemeinsam und warum ist moralische Integrität problematisch?

Albert Camus’ Mythos des Sisyphos ist das literarische Monument des Absurden, das er der Nachwelt hinterließ. Sein Essayband – 1942 erschienen – beginnt mit den schlagenden Worten: Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem, den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten.
Damit markiert er nicht nur, dass er in der Tradition der französischen Moralisten steht, sondern befasst sich darüberhinaus mit einer Frage, die auch schon die Antike – daher besitzt sie bis heute Strahlkraft – umgetrieben hat. Bereits Sokrates Handlungsethik, Platons Politeia, Aristoteles Nikomachische Ethik, der Skeptizismus, der Epikureismus, den Lukrez besungen hat, und der Stoizismus, der die Ethik römischer Cäsaren kodifizierte, kreisen um die Frage, ob das Leben sinnvoll gelebt werden kann. Sie implizieren im Gewand nach dem richtigen Leben das Problem des Selbstmords. Die Verbindung zwischen den französischen Moralisten mit den Klassikern der Antike vor dem Hintergrund der faschistischen Verwüstung in Europa, die nichts als Trümmer und Tote hinterlassen hat, hat Camus’ Existentialismus so anziehend auf viele Intellektuelle und junge Leute gemacht, nachdem Gott gestorben war, den wir, wie Nietzsche spottete, getötet haben, dass diese Anziehung bis heute anhält.

Das hellsichtige Bewusstsein

Im Grunde genommen hat Camus, wie er selbst zu seiner eigenen Verwunderung sagte, lediglich etwas auf den Straßen der Weltgeschichte aufgehoben, woran alle vorbeigegangen sind. Sein Sisyphos-Mythos verkündet schließlich die Wahrheit, das es hinter dem blauen Ozean und über den gestirnten Wolken des Himmels keine Metaphysik gibt, die dem Menschen Halt in einer haltlosen Welt versprechen könnte. Das Leben des Menschen ist ein Sturz. Soll er sich nicht angesichts dessen das Leben nehmen, um der Grausamkeit der Existenz zu entkommen?
Nein, so Camus, denn der Wert des Lebens liege darin, das Absurde anzuerkennen, aber nicht zu akzeptieren, sich vielmehr dagegen aufzulehnen, d.h. in der Revolte zu leben, wohlwissend das Absurde nicht besiegen zu können. Nur das verleihe dem Menschen Würde. Es ist zudem das erschütternde Zeugnis für die einzige Würde des Menschen: die unnachgiebige Auflehnung gegen seine conditio, die Ausdauer in einer für unfruchtbar erachteten Anstrengung. Diese Disziplin, die Camus fordert, hält das Bewusstsein wach und im Wachen ist das Bewusstsein hellsichtig. Das hellsichtige Bewusstsein schwebte ihm beim Menschen, der das Absurde sieht, anerkennt, aber nicht akzeptiert, vor. Daraus erhebt sich die hellsichtige Vernunft und das Absurde ist die hellsichtige Vernunft, die ihre Grenzen feststellt. Das Bewusstsein steht im Modus Vivendi mit dem Absurden. Das ist die einfache und schlichte Emanzipationsformel von Camus Philosophie eines Rebellen, mit der er seiner Verantwortung als Intellektueller sicherlich gerecht wurde. Denn vergessen wir nicht, dass in der Einfachheit jede Wahrheit lauert, aber das Schwierigste die Einfachheit zu erkennen selbst ist.

Die Freiheit, die sich als Freiheit erkennt

In der Tat ist diese Wahrheit, die Camus in radikale Worte brachte, indem er sie bei der Wurzel packte, sowas wie ein Erweckungserlebnis der Freiheit, die sich als Freiheit erkennt. Aber im Grunde genommen ist es damit nicht getan, obwohl es so scheint, als wäre es damit für Camus getan gewesen, was sein folgender Essayband im Jahr 1951 Der Mensch in der Revolte bewies. Aus der profanen Erkenntnis, dass es keine Metaphysik gibt, entsprechend das Dasein absurd ist, folgt die idealisierte Erkenntnis, die das Absurde zur Idealität sublimiert.
Zunächst ist der Mythos des Sisyphos in seinem Wesen eine geniale Verkündungsurkunde, dass das Zeitalter jedweder Metaphysik beendet. Der Mensch wird auf sich selbst zurückgeworfen und sein wichtigstes Interesse bleibt nun der Umgang mit dem Nihilismus, den Gottes Tod ihm hinterlassen hat. Diesen Umgang schildert uns Camus, ohne daraus zu folgern, einen physischen oder philosophischen Selbstmord begehen zu müssen, wie Letzteren Kierkegaard, Schestow und Dostojewski, so Camus, getan haben sollen, indem sie das Absurde zwar erkannt, aber einen Sprung aus dem Absurden vollzogen haben. Diesen Sprung gilt es zu unterlassen und permanent der Grenze zum Absurden gewärtig zu sein, ähnlich wie die kantische Grenze des Wissens, die es einzuhalten gelte, damit die reine Vernunft sich nicht in der Welt verläuft. Dann und nur dann folgt ein Leben in der Wahrheit, die sich nicht selbst betrügt. Übrig bleibt ein Schicksal, bei dem nur das Ende unausweichlich ist. Abgesehen von diesem einzigen Verhängnis des Todes stellt alles andere, Freude oder Glück, Freiheit dar. Es bleibt eine Welt, deren einziger Herr der Mensch ist. Was ihn bannte, war die Illusion einer anderen Welt. Diese Illusion war eine metaphysische, die Camus erkannte und beseitigte, sodass sie sich als das Absurde enthüllte. Eine prästabilisierte Harmonie existiert nicht. Ein überzeitliches Ordnungsprinzip hinter den Erscheinungsdingen ist ein Betäubungsmittel des Absurden, womit es sich camoufliert. Das kantische Ding an sich ist das Absurde. Die Existenz ist zufällig. Der Mensch wird nicht erwartet. Er ist kein Gast, er ist weniger als das. Er ist eine stumme Kreatur, die erlöst werden will in einer Welt, die nicht erlöst werden kann. Er ist ein Fremdling und gleicht dem verschollenen Zauberer, Prospero, dessen Grenze zum Absurden Kaliban verkörpert und der sich in der Kunst mit dem Schein einer Erlösung begnügen muss, denn wir sind vom gleichen Stoff, aus dem die Träume sind und unser kurzes Leben ist eingebettet in einen langen Schlaf.

Das Absurde und die conditio socialis

Darauf lässt sich auch eine starke Ästhetik aufbauen, wie Camus beeindruckende Romane zeigen. Aber wichtiger noch, um nun zu der von Camus idealisierten Erkenntnis zu kommen, wo er großherzig Freude, Glück und Freiheit in Aussicht stellt: Camus erkannte dabei nicht, dass er sich anschließend selbst in eine Illusion verstrickte, nämlich in eine weltliche, d.h. dass eine Welt bliebe, deren einziger Herr der Mensch sei, wie oben zitiert. Das war schon im Sisyphos-Mythos angelegt. Was Camus bannte, war die Illusion einer sozialen Welt der Freiheit, die schon da und in der Glück oder Freude zu haben ist, sobald man das Absurde erkannt hat. Er hatte die Illusion im Himmel entlarvt und ist damit stehen geblieben, statt die Illusionen nun in der sozialen Welt anzugehen, in der Verhältnisse vorherrschen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, wie Karl Marx programmatisch schrieb. Statt den zweiten Schritt ebenso radikal zu vollziehen, wie er den philosophischen vollzog, hat er das Absurde zur Idealität, zur ethischen Richtschnur, besser: zum kategorischen Imperativ erhöht. Camus ist ein existentialistischer Kantianer. Dies verwehrte dem hellsichtigen Bewusstsein, dass das Absurde nicht nur eine conditio humana ist, sondern auch eine conditio socialis, d.h. das Absurde ist auch in der sozialen Welt angelegt und hat hier seine Gesichter, die zu entlarven Camus nicht oder nicht konsequent genug anging. Denn dies hätte die kritische Analyse konkreter politischer, gesellschaftlicher, ökonomischer und historischer Umstände erfordert, die Durchdringung eines ungeheuren Materials und eine radikale Parteinahme für die Unterdrückten im Klassenkampf, die den Menschen nicht in eine zwecklose Revolte stachelt, welche ihm die Illusion von Freude, Glück und Freiheit gibt, worin man sie sich wie Sisyphos als glückliche Menschen vorzustellen(!) braucht – sondern dem Menschen in einer zweckvollen Revolution zur Seite steht, welche ihm zur Wirklichkeit von Freude, Glück und Freiheit verhilft. Aber bekanntlich hatte Camus eine Phobie zur Geschichte. Für ihn war die Geschichte Terror. Sein hellsichtiges Bewusstsein klebte am Jetzt und verbannte das Werden aus seinen Kategorien, wo doch das Absurde nur im Werden, mit geschichtlichem Bewusstsein verbannt werden kann.
Die Gesichter des Absurden zu benennen, heißt jene verantwortlichen Individuen und herrschenden Klassen beim Namen zu nennen, die Notwendigkeiten aufrechterhalten, welche nicht notwendig sind – Notwendigkeiten, die den Menschen zur Einsamkeit verurteilen, indem sie verkünden: dass das so ist, wie es ist, ist natürlich und ewig und normal. Gerade in dieser Verkündung grinst uns das Absurde der sozialen Welt an. Obwohl es so, wie es ist, absurd ist, weil – um Camus Worte zu bedienen – eine Welt übrig bleibt, in der der Mensch Herr über Menschen ist.

Das Problem der moralischen Integrität

Freilich, das erfordert für den Intellektuellen einen hohen Preis, vielleicht etwas, was ihn um den ritterlichen Titel, Intellektueller zu sein, bringen könnte. Es erfordert teilweisen Verzicht auf moralische Integrität. Und wer Camus Schriften kennt oder sich an dieser Stelle an sein Disput mit Jean-Paul Sartre erinnert, weiß, dass gerade sie – die moralische Integrität – eine Heiligkeit für Camus darstellte, wie die sittliche Größe der Vernunft für Kant. Doch moralische Integrität bedeutet auch stets moralisch integre zu den herrschenden Verhältnissen des Absurden zu sein, die jene Moral damals wie heute aus den Kirchen, Behörden, Parlamenten, Ministerien, Schulen, Universitäten, Institutionen, Polizeiknüppeln, Pfefferspraydosen, Panzern und Schnellfeuerwaffen diktiert, in die man sich integriert. Moralische Integrität bedeutet immer auch, sich dienstbar für die moralische Apologie der Gewalt des Absurden zu machen – unabhängig davon, ob man will oder nicht. Das geschieht heute mit Camus Vermächtnis, wozu er selbst beigetragen hat. (Es gibt gar religiöse Kreise, die den Roman Der Fremde als Parabel zur Kreuzigung Jesus Christus verstehen wollen. Das ist absurd!)
Dabei – und es ist verwunderlich, dass so ein scharfsinniger Denker wie Camus dies nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte – Dabei haben die Gesichter des Absurden in der sozialen Welt ihre Moral, wogegen jene, die sich gegen das Absurde in der Welt auflehnen, wie es Camus gegen das Absurde in der conditio humana tat, mit moralischer Desintegration antworten: wir haben unsere Moral.

In diesem Sinn muss man es mit dem Programm der aktuellen Spielzeit beim Maxim-Gorki-Theater halten, das den Titel trägt: „Desintegriert euch!“


Titelbild von Nadja Bamberger und Prisma Engelhaft / Bild im Text aus Wikipedia, zur Wiederverwendung gekennzeichnet

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