Archive for Dezember, 2007

27.12.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (24)

von Wolfgang Koch

Vor dem Krieg ist nach dem Krieg. Vier Jahre nach der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechtes in der Monarchie demonstrieren Tausende vor dem Rathaus und in Ottakring gegen die Teuerungswelle.

Bei den 1911er-Wahlen zum Reichstag verlieren die Christlichsozialen 17 ihrer bisher zwanzig Wiener Mandate. Damit vollzieht sich eine für die Stadt entscheidende Wende: Die Sozialdemokratie erleidet nämlich zugleich in den Sudentenländern eine empfindliche Niederlage; so kommen jetzt zahlreiche ihre neuen Abgeordneten aus Wien.

Das Schwergewicht der Sozialdemokratie wird fortan auf der Stadt beruhen, während die Christlichsozialen, aus Wien hinausgedrängt, zur einer Partei der Länder mutiert.

Vor dem Krieg ist nach dem Krieg. Ich will hier keine extragrosssen Worte über die Weltkriegskatastrophe verlieren.

Wir halten fest: Das Weisse Wien, das mit den Liberalen begonnen und sich mit den Christlichsozialen fortgesetzt hat, erblasst, es wird fahl und immer bleicher. Der Rotlichtbezirk am Spittelberg, mit seinen Nymphen-Liesls und Kellnerinnen in weissen Strümpfen,… weiter lesen

24.12.2007 von Wolfgang Koch
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Manifest für eine moderne Neutralitäts- und Sicherheitspolitik

von Wolfgang Koch

Univ.-Prof. Dr. Heinz Gärtner gehört zu den wenigen nichtmilitärischen Sicherheitsexperten in Österreich, denen mit Recht internationale Aufmerksamkeit zuteil wird. Seit 1979 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP), hat Gärtner seine Kenntnisse kontinuierlich am New Yorker Institute for Security Studies sowie an den Universitäten von British Columbia, Erfurt, Stanford und New Haven vertieft.

Mit dem »Manifest für eine moderne Neutralitäts- und Sicherheitspolitik« verfolgt der Forscher eine konsequente Aufwertung der österreichischen Verteidigungsdoktrin der Neutralität. Er zeigt, dass das bei Politikern eher unbeliebte Instrument einen wertvollen Beitrag zur gemeinsamen Europäischen Aussenpolitik darstellen kann. Die Abschnitte zum Reformvertrag der EU hat Gärtner gemeinsam mit dem Linzer Völkerrechtler Franz Leidenmühler verfasst.

© Wolfgang Koch 2007
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Thesen zur Neutralität und zur österreichischen Sicherheitspolitik
Von Heinz Gärtner

Die österreichische Neutralität war immer wieder in der Lage, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Im Zusammenhang mit dem neuen Reformvertrag der Europäischen Union (EU)… weiter lesen

20.12.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (23)

von Wolfgang Koch

1905 demonstrieren 200.000 Menschen für das allgemeine Männerwahlrecht. Im Reichsrat haben sich lange nur die fünf Abgeordneten der Wiener Demokraten vorbehaltlos dazu bekannt. Erst unter Androhung eines dreitägigen Generalstreiks gelingt dann der Durchbruch. 1907 sollen von den sechs Millionen Männern im wahlfähigen Alter fünf Millionen wählen dürfen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wird damit immer noch rund einem Drittel der Männer über 24 Jahre das Wahlrecht vorenthalten.

Die Wahlreform 1907 bringt zwar das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht – aber nur für den Reichsrat und nicht für die Gemeindevertretung. Der NÖ-Landtag bastelt sich eine kuriose Mischung aus Privilegien-, Zensus- und allgemeinem Wahlrecht. Das direkte Wahlrecht in den Landgemeinden stärkt die in Wien ohnehin bereits starken Christlichsozialen.

»Das Bürgertum mummelt sich ein«, notiert der Literat Hermann Bahr im Jahr vor der Wahl – »mit allen Masken und bunten Jacken und Larven der Vergangenheit…« Eine liberal-bürgerliche Politik gibt es kaum noch! Sie… weiter lesen

17.12.2007 von Wolfgang Koch
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Ist der Tod ein Engel mit Handy?

von Wolfgang Koch

In Rufweite der Ehrengräber der Gruppe 14A findet sich am Wiener Zentralfriedhof das Grab eines jungen Mannes mit Migrationshintergrund. Der Stein darüber zeigt den Verstorbenen lebensgross gemeisselt mit einem Handy, und aus seinen Schultern wachsen Flügel.

Diese einmalige Mischung aus Mobilfunk und Transzendenz hat den bulgarischen Schriftsteller Dimitré Dinev so begeistert, dass er das Grab 2003 an prominenter Stelle in seinem Debütroman Engelszungen vorkommen liess.

Dinev ist heute um die Vierzig. Er emigrierte aus seiner Heimat nach Österreich, als dort 1990 die gewendeten Kommunisten als »Bulgarische Sozialistische Partei« die Wahlen gewonnen haben und das Ruder der Macht in der Hand behielten. Dinev lebte dann zunächst als Illegaler am Wiener Brunnenmarkt, er jobte als Kellner und in einem Prater-Spielcasino, bis er sich entschloss seine neue gewonnen Einsichten in das Leben auf Papier festzuhalten.

Ich halte es für kein Wunder, dass an diesem Grabmal am Zentralfriedhof ein Zuwanderer auf einen anderen stiess.… weiter lesen

13.12.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (22)

von Wolfgang Koch

Der Architekt, Theoretiker und Schriftsteller Adolf Loos imaginiert sich 1911 vor dem Museum für angewandte Kunst in eine widersprüchliche Millionenstadt hinein. »Wenn ich die Zinshäuser am Stubenring betrachte, so habe ich nur ein Gefühl: fünfstöckiges Mährisch-Ostrau.«

Wien wird erbaut, das ist vollkommen richtig, aber Wien wird auch parallel dazu erfunden. Kritiker wie Loos oder Ludwig Hevesi schärfen der ästhetischen Verstand, lehren die urbane Intelligenz ihre Umgebung immer präziser wahrzunehmen.

Durch den demiurgischen Akt dieser doppelten Erschaffung, der materiellen und der geistigen, steigt die Stadt schnell zum Mythos ihrer selbst auf. Sie wird zu einem massgeblichen Projektionsraum des europäischen Selbstverständnisses.

Viele Menschen allerdings erleben den Aufbruch der Moderne nur von seiner katastrophischen Seite. Sie stöhnen unter Mietwucher und Gestank, sie leiden unter dem martialischem Gepränge der Verwaltung, der Präpotenz des Hofes und der Anarchie der veröffentlichten Meinungen.

In dieser verrückten Gleichzeitigkeit von Macht und Ohnmacht gibt die Stadt einen prächtigen… weiter lesen

10.12.2007 von Wolfgang Koch
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Ist der Tod ein nackter Sohn?

von Wolfgang Koch

Der Wiener Jugendstil ist bekanntlich aus zwei Stammtischrunden im Café Sperl hervorgegangen. Erstens der Hagengesellschaft (nicht zu verwechseln mit dem Hagenbund) um den Naturalisten Josef Engelhart, und zweitens um den sogenannten Siebener Club um Gustav Klimt, Kolo Moser und Joseph Hoffmann, die sich als Stilisten bezeichnen lassen.

Als 1905 die Klimt-Gruppe aus der Secession austrat, blieb Engelhart hartnäckig Mitglied, obwohl gerade ein Bildnis von seiner Hand zu Kontroversen und schliesslich zur Abspaltung aus Solidarität mit ihm geführt hatte. Wer also war dieser Josef Engelhart?

Ein Maler und Bildhauer, der längst internationale Beachtung verdient hätte. Auf das Eckgrab seines Vaters am Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 16H, stellte er einen nackten Jüngling, der unter der Last der Trauer beinahe zusammenzubrechen scheint. Diese fantastische Plastik lässt den Historismus weit hinter sich, die Linien des Körpers fliessen und nähern sich antiken Formen an. Der Beine des Schmerzgebeugte scheinen unter der Last wegzuknicken, gerade bewahrt er… weiter lesen

06.12.2007 von Wolfgang Koch
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Kleine Wiener Stadtgeschichte (21)

von Wolfgang Koch

Karl Lueger, der »Herrgott von Wien« oder zumindest der Jungen ÖVP Währing, die heute noch Kränze an seinem Sarkopharg niederlegt, Karl Lueger plant um 1900 eine Metropole für vier Millionen Einwohner. Sein Werkzeug ist der Architekt Otto Wagner. Man könnte das natürlich auch umgekehrt sehen.

Tatsächlich plant Wagner, der den Karlsplatz mit der in Wien rücksichtlos bewunderten Karlskirche despektierlich »eine Gegend« nennt, die unbegrenzte Grossstadt – und das hat in dieser Zeit nichts Erschreckendes an sich. Kein Mensch fürchtet sich davor, von Arbeitskräften aus dem Osten »überrannt« zu werden. Niemand spricht von »Überfremdung« oder »Umvolkung«, wie das heute üblich ist.

Im Gegenteil: Wien ist ja in der Ära vor dem Ersten Weltkrieg, was den Grad der Modernisierung und der Industrialisierung anlangt, gegenüber Berlin schwer »rückständig«; in den Zwanziger- und Dreissigerjahren ist selbst Prag in der Architektur voraus.

Wagner behandelt die Moderne interessanterweise nicht als Qualität abstrakter Konzepte, sondern als eine… weiter lesen

03.12.2007 von Wolfgang Koch
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Ist der Tod eine Wienerin?

von Wolfgang Koch

Geboren in Köln, aufgewachsen in den einfachsten Verhältnissen in Berlin, bis zu ihrem 26. Lebenjahr auf elenden Provinzbühnen durch Deutschland tingelnd, stieg sie am Wiener Burgtheater auf zur gefeierten Tragödin. Wenn es in dieser Stadt je einen Star gegeben hat, der diesen Namen verdient, das ist es sie: Charlotte Wolter (1834-97).

Im Archiv des Theatermuseums liegen noch ganze Schachteln von Fanpost: fein säuberlich in Goldschrift verfasste Liebesgeständnisse, Papierblumen, Schattenrisse vom Haupt der Schaupielerin,… Die Wolter hat mit ihrer Leidenschaftlichkeit, ihren Gefühlsekstasen auf der Bühne, den Wiener Theaterenthusiasmus angeheizt wie keine andere Schauspielerin.

Den Durchbruch schaffte mit sie mit 30 in der Rolle der Maria Stuart. Bald wurden »Wolter-Stücke« für sie geschrieben. Durch die Heirat mit einem Industriellen zur Gräfin O’Sullivan de Gras aufgestiegen, wuchs ihr ohnehin schon enormes Selbstbewusstsein ins Unermessliche. Sie setze die Malerei Markarts besser fort, als er es gekonnt hätte, sagten die Zeitgenossen über diese Frau.… weiter lesen