19.08.2011 von Wolfgang Koch
Der israelische Politologe Zeev Sternhell und seine Mitarbeiter haben sich alle erdenkliche Mühe gegeben, dem Faschismus das Prädikat der »einzigen originären politischen Ideologie des 20. Jahrhunderts« zu verleihen. Ihre Studien stellen einen biologischen Determinismus in allen Varianten dieser Ideologie fest, und sie arbeiten einen gewissen Anteil einer spezifischen Marxismusrevision (die mit den Namen George Sorel, Arturo Labriola, Robert Michaels, u. a. verbunden ist) an dem Phänomen heraus.
Hinter diesen Stand der Faschismusforschung sollte auch die Expertise im Fall Breivik nicht mehr zurückfallen. Ob seine aggressiv-antiislamische Weltdeutung dieser einen Ideologie des 20. Jahrhunderts geschuldet ist, oder etwas grundsätzlich Neues darstellt, ist keine unwichtige Frage. Die Antwort entscheidet mit, wie der Brevikismus in den nächsten Jahrzehnten bekämpft werden kann.
Dass es sich bei dem Einzeltäter weder um einen Einzeltäter, noch um einen Einzeldenker handelt, das wusste sofort jeder, der in den letzten Jahren die Namen Theodore John Kaczynski, Timothy James McVeigh und Franz Fuchs… weiter lesen
18.08.2011 von Wolfgang Koch
Antifaschismus ist die größte gemeinsame Schnittmenge der westlichen Demokraten, oder sollte es zumindest sein; seine Praxis reflexartig, reaktiv und meist die Angelegenheit einer verschwindend kleinen Minderheit.
Das kann sich zwar schlagartig ändern, wenn Asylantenheime brennen, Romafamilien ausgewiesen werden oder Bomben hochgehen. Dann wogen Lichtermeere auf, Blumen häufen sich an Gedenkorten für die Opfer. Im grauen Alltag der »Ausländerflut!«-Brüller aber zieht höchstens mal eine eine kleine Schar Gesichtsmasken über den Kopf, um sich mit Schmierereien und Rauchbomben der Agitation von Neonazis oder den Aufmärschen nationaler Burschenschaften entgegen zu stellen.
Zu dieser zirkushaften Entschlossenheit wackerer Antifa-Initiativen braucht es nicht viel. Im Grunde nur eine Gestalt, die sich als »Faschist« zu erkennen gibt – fertig ist die Kontrastideologie. Man verneint den eigenen Wesenszug und bejaht das Gegenteil davon. Das hat den eminenten Vorteil, das Ideal rein zu halten; und man kommt nicht mehr in Versuchung, die eigene Gut- oder Schlechtigkeit zu rechtfertigen.
Entsprechend der… weiter lesen
18.08.2011 von Wolfgang Koch
Kann man christlicher Fundamentalist sein, ohne fromm zu sein? Gewiss kann man das; Frömmigkeit ist keine Voraussetzung für aggressives Sendungsbewusstsein, für antidemokratische Affekte und Letztgültigkeitsansprüche.
Wir kennen das von den arabischen Hijackern von 2001, die aus Fanatismus die westliche, freiheitsliebende Welt mit Passagierflugzeugen zu zerstören trachteten: diese mutmaßlichen Selbstmordattentäter waren keine Männer von Traurigkeit; sie gestanden ihren Vermietern ein Faible für mexikanische Frauen ein und tranken exzessiv Alkohol.
Über den Anführer Mohammed Ata wurden handfeste Sex- und Drogeneskapaden in Florida berichtet – warum soll da ein christlicher Fundi nur Wasser schlürfen dürfen?
Für die katholischen Theologin Saskia Wendel, benutzt Breivik das Christentum nur »um eine europäische Identität zu konstruieren«. Er misst der römischen Papstkirche die Funktion zu, Schwert im Kampf um ein nationales Europa zu sein.
Allerdings ist in Breiviks Augen der amtierende Papst kein Kreuzzugs-Führer, sondern angekränkelt vom Liberalismus. »Breivik«, so Wendel, »fordert nicht nur eine Revitalisierung des Christentums,… weiter lesen
17.08.2011 von Wolfgang Koch
Was ist ein Christ? Gute Frage, denn Jesus Christus war wohl genauso wenig einer wie Buddha ein Buddhist und Karl Marx ein Marxist war. Die Traditionshüter sagen: »Wer Christus so annimmt und durch sein Leben bekennt, wie sich dieser Christus selbst bezeugt hat. Wer vorbehaltlos an sein Wort, seine Lehre glaubt und diesen Glauben durch seine Taten (als echt) beweist«.
Das Verbüffende an diesem Gedanken: er ist gar nicht so alt. Die Idee, dass man von einer religiösen Idee persönlich überzeugt zu sein hat, tauchte erst relativ spät, mit dem Protestantismus, auf. In den Jahrhunderten davor dominierten die Zeichen, die Liturgie, das Ritual. Für Abergenerationen von Christen ging die Betonung der Form der Betonung des Sinns, den der Einzelne nachzuvollziehen hat, voraus.
Stimmt schon, ein Christ glaubt an einen persönlichen Gott und an das Weiterleben der Seele nach dem Tode. Heute kann er sich genau genommen, nur als Christ bezeichnen,… weiter lesen
16.08.2011 von Wolfgang Koch
Bei keiner Frage waren die Gralshüter der öffentlichen Meinung so eilig zu Stelle wie bei der, ob der sich der norwegische Terrorist noch »Christ« nennen darf. Und die Antwortglocken läuten von Rom über London, Zürich und Wittenberg bis zu Slavoj Žižek und zu den Freimauernlogen hundert Mal: »Nein! Nein! Ein christlicher Konservativer ist dieser kaltblütige Mörder sicher nicht«.
Das war allerdings auch nicht die Frage. Die war: »Kann der Massenmörder Breivik nach seinen Taten überhaupt noch ein Christ sein?«
Hinter der tausendfach wiederholten Blitzanalyse des Großfeuilletons von Der Spiegel, NZZ und F.A.Z., Brevik sei »aus dem Nichts« bzw. »aus der Mitte der Gesellschaft« gekommen, steht die äußerst wirkungsmächtige Illusion, normale Christenmenschen würden »so etwas« nicht tun.
Denn: Dekalog, denn: »Du sollst nicht töten«, und hat sich Jesus Christus nicht lieber ans Kreuz schlagen lassen als einen falschen Bart anzukleben und gegen seine Verfolger zu kämpfen? – Die Schwachen trösten, eimerweise… weiter lesen
15.08.2011 von Wolfgang Koch
Die Antideutschen haben seit den Attentaten vom 22. Juli alle Hände voll zu tun, a] um ihre Islamkritik vom Antiislamismus der extremen Rechten abzugrenzen, b] um die pro-israelische Haltung des Rechtspopulismus und des Terroristen Breivik zu entzaubern und den notdürftig mit Anti-Mohammed-Karikaturen überpinselten Antisemitismus aufzudecken.
Um es gleich vorweg zu nehmen: die Antideutschen, diese Sondertruppe des deutschsprachigen Linksradikalismus, hat in beiden Punkten vollkommen Recht.
Nicht ein Jota Kritik an religiösen Fundamentalisten braucht nach den Morden in Norwegen zurückgenommen zu werden; wir stecken den Finger weiter in die Wunde der Islamwelt, wenn sie Menschen in eine exklusive Eingeschlossenheit führt.
Zweitens ist die neue Israel-Freundlichkeit der äußeren Rechten tatsächlich nur von taktischem Kalkül; kratzt man ein wenig an der Oberfläche der Argumente gegen das multireligiöse Zusammenleben mit den Korangläubigen, so wird der alte ideologische Judenhass sofort wieder sichtbar.
Was ich den antideutschen Stimmen vorwerfe, das sind nicht diese Schlussfolgerungen aus ihren Analysen, sondern der… weiter lesen
14.08.2011 von Wolfgang Koch
Das zweitwichtigste Instrument der Publizistik, nach dem Bericht, ist der Kommentar, genauer: die Ferndiagnose, denn über Anders Behring Breivik ist trotz seiner voluminösen Bekennerschrift ja noch sehr wenig (vor allem über Ausbildung, Berufstätigkeit und finanzielle Verhältnisse) in der Öffentlichkeit bekannt.
Die Ferndiagnose verrät in der Regel oft mehr über den Autor als über den Täter und das Ereignis: also über des Schreibers Vorlieben, seine Feindbilder, sein psychologisches Gespür, sein historisches Wissen, über Originalitätsdrang, Angriffs- und Formulierlust.
Im Folgenden zwei anspruchsvollere Beispiele aus dem Universum des gedruckten Wortes. Der Computerpionier David Gelernter war einer der Adressaten des US-Terroristen Theodor Kaczinsky und wurde 1993 von einer Briefbombe schwer verletzt. Seine Analyse des norwegischen Doppelverbrechens erschien eine Woche nach den Taten in der F.A.Z. vom 29. Juli 2011.
Der zweite Autor fühlte sich von Gelernter direkt angesprochen und antwortete eine weitere Woche später auf dessen Text. Reinhard Jellen, langjähriger Telopolis-Kolumunist und DJ, veröffentlichte… weiter lesen
13.08.2011 von Wolfgang Koch
ANTIISLAMISMUS Sammelbegriff für Widerstand gegen den Islamismus, der entweder als a] unverbesserliche Hass- und Gewaltreligion, b] gefährliche Terrorideologie, od. c] bekämpfenswerte Pervertierung einer an sich guten u. richtigen Idee (Fundamentalismus) gedacht wird. Schärfste Formulierung: nicht Breiviks mordlüsterne Bekennerschrift 2011, sondern die von der US-Regierung Bush 2002 beschlossene völkerrechtswidrige Doktrin des preemptive war, des »vorbeugenden Krieges gegen Nationen«, die eine Bedrohung für die US-Sicherheit darstellen.
FANATISMUS Von lat. fanaticus, begeistert, rasend; uspr. für einen der vielen röm. Götter schwärmend. – Aus der übergroßen Zugewandtheit zu den Lehren des Koran entsteht Gewaltbereitschaft entweder a] für od. b] gg. den Prozess einer Islamisierung. Kennzeichen: ewige Rechthaberei. Der Fanatiker ist unduldsam, kompromisslos; von blindem Eifer getrieben, tritt er laut für sein persönl. Melodrama aus wirren Gedanken ein; er gebärdet sich chauvihaft u. machoerprobt. »Wer nicht für Allah ist, ist gg. ihn«, bzw. umgekehrt: »Wer nicht gg. Allah ist, ist für ihn«. Symb.: Sprengstoffgürtel, Templerkreuz.
FUNDAMENTALISMUS … weiter lesen
12.08.2011 von Wolfgang Koch
Kein Attentat ohne unterhaltsame Verschwörungstheorien. Nun sollte man das Ereignis angesichts der Opfer wohl nicht zum Gegenstand von Amüsement zu machen. – Aber, Gegenfrage: Was ist denn die Verbreitung eines Amateursfilms, der zeigt, wie Schwerbewaffnete der Delta Forces in einem niedlichen roten Schlauchboot sitzen, anderes als Infotainment, als Unterhaltung unter dem Vorwand von Aufklärung?
Man schüttelt den Kopf über dieses regietheaterreife Bild; verkneift sich ein Lachen, oder auch nicht. Nur: das ganze Gerede über die mangelnde Professionalität der norwegischen Polizei in Utøya (»Wäre die Polizei schneller am Tatort eingetroffen, hätte es vielleicht weniger Ermordete gegeben …«), dieser pseudokritische Diskurs des Tagesjournalismus ignoriert geflissentlich zwei Tatsachen: nämlich dass es 1. Breivik war, der geschossen hat (er ist der Schuldige, der für das Massaker zur Rechenschaft zu ziehen ist), und dass 2. eine zügigere Überfahrt kaum möglich war.
Ablegestelle und Boote fallen nicht ins Gewicht. Das einzige, was dem Sondereinsatzkommando geholfen hätte,… weiter lesen
11.08.2011 von Wolfgang Koch
Der Begriff Kulturmarxismus ist ein jeder Realität entbehrendes Hauptversatzstück der Breivik’schen Fanalschrift. Die Ideologen der äußeren politischen Rechten fassen damit seit Jahren all das zusammen, was ihnen gerade nicht in den Kram passt: Klassensolidarität, Political Correctness, Gendergerechtigkeit, Liberalismus, Humanismus, Marxismus-Leninismus.
Breivik hat sein Feindbild, das multikulturelle Europa, als »EUdSSR« bezeichnet, und als hätten wir an seinem »Antikommunismus« noch nicht verstanden, dass er ein Kind von Gestern ist, ein paradox-fernes Echo auf die ideologische Rigidität im Zeichen des nuklearen Patts von Ost und West, bringt er in seiner Bekennerschrift auch noch diesen Begriffschwamm Kulturmarxismus in Stellung.
Das Wort rührt noch vom ’68-Schock her. Seit damals sind Rechtsintellektuelle in den USA und in Europa von der Vorstellung besessen, von marxistischen Klassikern lernen zu müssen, weil sie nicht weiter in den Schmöckern von Otto Bismarck und Eric Voegelin, Robert Michels und Arnolt Bronnen, Carl Schmitt und Leo Strauss blättern wollen.
Vor allem einem… weiter lesen