vonoliverkrueger 28.01.2019

Zeitlupe

Notizen zu Gesellschaft, Medien und Religion von Oliver Krüger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz).

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Seit der legendäre König der Spartaner, Leonidas, mit seinen 300 Mannen ein Heer von hunderttausenden Persern an den Thermopylen aufgehalten hatte, ist das „heldenhafte“ Opfer essentiell für die „abendländische“ Kampfmoral wie auch für seine populären Verarbeitungen in Film, Literatur und Computerspielen.

Wenn wir jedoch populäre Filme als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen betrachten, dann verdeutlicht die letzte Filmdekade den Zerfall männlicher Heldenbilder.

Der moderne Antiheld wurde zwar schon im Werk Lord Byrons geboren. Und seit den 1970er Jahren bevölkern die gebrochenen Helden zahlreiche Filmbühnen: Im Western Cat Ballou (1965) oder in Independence Day (1996) sind es vom Alkohol gezeichnete Männer, die sich mutig für ihre Mission aufopfern und schließlich die Welt retten. Aber sie retten immer noch die Welt. So wimmelt es im populären Kino der 1990er Jahre und der frühen 2000er noch von klassischen Heldenmythen: Sowohl die Trilogien der Matrix (1999-2003) als auch Der Herr der Ringe (2001-2003) und schließlich die comic-hafte Überzeichnung der antiken Leonidas-Sage in 300 aus dem Jahr 2007 zelebrieren prachtvoll männliche Heroen – stets im eindeutigen Kampf von Gut gegen Böse. Frauen sind hier meist nur hübsches Beiwerk.

In den genre-typischen Filmen unserer Tage geschieht nun etwas Neues. Die Zerstörung des Heldentums nimmt apokalyptische Ausmaße an und es bleibt unklar, wer oder was denn noch gerettet werden soll. Den eindrücklichen Auftakt machte das Urgestein aller Actionhelden: James Bond mit Skyfall – „Himmelssturz“ (2012) zum 50-jährigen Jubiläum dieser Filmreihe. Bei einem Anschlag auf das Hauptquartier des Geheimdienstes werden alle wichtigen Agenten getötet und das Gebäude vollkommen zerstört. Die weibliche Schönheit wird nicht vom smarten Bond im Smoking befreit, sondern vor seinen Augen vom Bösewicht hingerichtet. Dieser ist ein ehemaliger britischer Agent, der durch seinen Einsatz entstellt wurde und nun Rache an seiner Vorgesetzten nehmen will. Das Finale ist ein düsterer Showdown auf dem entlegenen Landsitz aus Bonds verkorkster Kindheit. Mit jugendlichem Personal werden diese Motive in den zwei Agentenfilmen Kingsman (2014 & 2017) parodistisch fortgeführt: Die guten Akteure erweisen sich als genauso brutal und rücksichtslos wie die Schurken und zerstückeln ihre Gegner vergnüglich im Fleischwolf…

Niemand aber verkörpert den Niedergang des Heldentums so prägnant wie die Figur des Logan / Wolverine aus der X-Men-Filmreihe (gespielt von Hugh Jackman). Der Mutant Logan ist seit den ersten Filmen zu Beginn der 2000er zwar nie ein fröhlicher Geselle, aber immerhin quasi unsterblich. Jede Verletzung, jeden Schuss, jede Marterung überlebt er, weil sein mutierter Körper die Eigenschaft der Selbstheilung besitzt. In Logan – The Wolverine (2017) ist der frühere Held jedoch nur noch ein leidendes Wrack, von innen vergiftet, gealtert und mit schwindenden Superkräften. Hauptsächlich muss er sich um seinen kranken Mentor kümmern, den einst allmächtigen Telepathen Professor Charles Xavier, der dement dahinsiecht. In sehr langen 137 Minuten wird dieser Abgesang auf das martialisch-männliche Heldentum in Szene gesetzt.

Was im Autorenkino schon lange präsent ist, hat damit auch den populären Film erreicht: Der übermenschliche Heros, der seit der Odyssee Abenteuer bestehen muss, um am Ende seiner Mühen die errettete „Prinzessin“ in seinen Armen halten zu dürfen, wirkt zunehmend albern. Bond, den die Produzenten aus naheliegenden Gründen nicht auf’s Altenteil schicken wollten, blieb daher im nachfolgenden Film Spectre (2015) nichts anderes übrig, als sich in ein Drehbuch der 1960er Jahre zu flüchten: Er rettet die Welt (und die hilflosen Frauen) wieder einmal vor einem Schurken namens Blofeld (*gähn*).

Aber eigentlich wissen alle, es ist Zeit zu gehen: This is the end.

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Literatur:

Anuschka Albertz: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart. München 2006.

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Bildnachweis (Wiki-Commons):

Jacques-Louis David: Léonidas aux Thermopyles (1814)

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Le%C3%B3nidas_en_las_Term%C3%B3pilas,_por_Jacques-Louis_David.jpg

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