vonAlexander Jeuk 11.03.2025

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Die Idee, dass es „keine Alternative“ gebe – ein Slogan, der meist mit Margaret Thatcher in Verbindung gebracht wird, in Deutschland aber auch mit Angela Merkel – zur aktuellen Wirtschaftsordnung ist eines der mächtigsten Narrative im westlichen politischen Diskurs; vielleicht sogar das mächtigste überhaupt. Es wird so oft wiederholt, dass es kaum noch verteidigt werden muss. Es gilt als selbstverständlich, als das Fundament einer „realistischen“ Wirtschaftspolitik – im Gegensatz zu vermeintlich träumerischem Idealismus, der unzählige Male zu Ruin, Armut und Schlimmerem geführt haben soll.

„Es gibt keine Alternative“ hat schwerwiegende Folgen. Erstens machen unsere Austeritätsgesellschaften nicht nur die meisten von uns arm, sondern untergraben auch unser enormes individuelles wirtschaftliches Potenzial, ein besseres Leben zu führen. Zweitens sind wir nicht in der Lage, auf Krisen zu reagieren – sei es der Klimawandel oder der russische Angriff auf die Ukraine –, weil die Frage stets lautet: „Wer soll das bezahlen?“

Diese vermeintliche „Alternativlosigkeit“ basiert auf vielen propagandistischen Lügen, doch zwei stechen besonders hervor: eine geschichtsrevisionistische Verzerrung westlicher Wirtschaftsmodelle und sozialistischer Parteien sowie die Gleichsetzung alternativer Wirtschaftsmodelle mit der Sowjetunion.

Geschichtsrevisionismus

Die erste dieser Lügen ist weniger eine offene Falschaussage als vielmehr die aktive Unterdrückung der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Jeder, der mit der Wirtschaftsgeschichte vertraut ist, weiß, dass jede heute erfolgreiche Gesellschaft durch staatliches Wirtschaftshandeln und Industriepolitik aufgebaut wurde.

Tatsächlich war die erfolgreichste wirtschaftliche Entwicklungsphase – die goldenen Nachkriegsjahre von den späten 1940ern bis in die 1970er – das Ergebnis von Verstaatlichungen, Industriepolitik und Planung, sowohl unter konservativen als auch sozialistischen Regierungen, und oft inspiriert durch den Keynesianismus. Ich habe dies bereits mehrfach ausführlich dargelegt und werde es hier nicht im Detail wiederholen. Mein ausführlichster Artikel zu diesem Thema ist hier zu finden.

Die Sowjetunion als Strohmann für „alle“ Alternativen

Die zweite propagandistische Lüge, die die Idee der „Alternativlosigkeit“ aufrechterhält, ist die Gleichsetzung der Sowjetunion und jener Staaten, die sie „inspiriert“ hat, wie z. B. die DDR, mit alternativen, in der Regel sozialistischen, Wirtschaftsmodellen. Dies ist eine absurde Identifikation aus zwei Gründen.

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Erstens ist die beste Alternative zu unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung, wie oben bereits erwähnt, die Politik der goldenen Nachkriegsjahre – oft unter der Führung sozialistischer Parteien wie der SPD in Deutschland oder der Labour Party in Großbritannien. Natürlich hat der neoliberale historische Revisionismus dazu beigetragen, uns glauben zu machen, dass diese Parteien nicht sozialistisch, sondern lediglich sozialdemokratisch gewesen seien. Doch diese Unterscheidung ist selbst ein Ausdruck geschichtsrevisionistischer Verzerrung, denn die Sozialdemokratie ist eine Variante des Sozialismus – und in vielen Ländern die historisch populärste.

Zweitens ist es fraglich, ob die Sowjetunion und der Bolschewismus überhaupt als sozialistisch bezeichnet werden können. Bestenfalls waren sie das, was Marx als „vulgären“ oder „primitiven Kasernenkommunismus“ bezeichnete – also Formen archaischer kollektivistischer Ideologien. Jeder, der Marx studiert hat, sollte wissen, dass zumindest der marxistische Sozialismus für Freiheit und das gute Leben steht – der Bolschewismus hingegen für Terror, Tyrannei und einen regressiven Kollektivismus, der sich auch in der undemokratischen Befehlswirtschaft niederschlug.

Genau deshalb war es propagandistisch so nützlich, die Sowjetunion mit dem Sozialismus und wirtschaftlichen Alternativen zur neoliberalen Wirtschaftsordnung gleichzusetzen – während man gleichzeitig Europas sozialistische Parteien als nicht-sozialistisch und bloß als sozialliberal umdeutete.

Es gibt nicht nur Alternativen – wir haben sie bereits gelebt

Es gibt viele Lügen, die die gegenwärtige Ordnung am Leben halten. Doch die beiden oben genannten leisten für die Verteidiger des Neoliberalismus besonders viel Arbeit. Dabei ist es gar nicht schwer, Alternativen zu benennen. Ein Blick in die Geschichte genügt – ein Blick auf den Erfolg sowohl konservativer als auch sozialistischer Industriepolitik und Wirtschaftsplanung.

Natürlich sind wir nicht an diese vergangenen Modelle gebunden. Wir rühmen uns unserer kreativen und innovativen Denkweise – zumindest, wenn es um Kunst und Technologie geht. Doch wenn es um alternative Gesellschaftsmodelle geht, scheint uns diese Vorstellungskraft völlig verloren gegangen zu sein. Dies ist das direkte Resultat der Lüge, dass alle alternativen Ansätze zur aktuellen Wirtschaftsordnung gescheitert seien – wobei mit „alle“ eigentlich nur die Sowjetunion gemeint ist.

Ob wir erfolgreiche alternative Modelle der Vergangenheit an die heutigen Realitäten anpassen oder völlig neue Modelle entwickeln, idealerweise auf der Basis bewährter Ansätze, liegt an uns. Doch eines steht fest: Alternativen sind nicht nur möglich – viele von ihnen waren und sind besser als vier Jahrzehnte neoliberaler Austeritätspolitik und Armutsproduktion.

 

Der Artikel ist eine Übersetzung aus dem Englischen. Das Original findest du hier.

© 2025 Alexander Jeuk für den Text. Für das Bild siehe die Bildunterschrift.

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