vonTim Ullrich 05.11.2021

AnthropoScenes

Ist die Erde gesund, freut sich der Mensch. Ein Politik- und Planetary Health Blog von Tim Ullrich.

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Sofort ist das vertraute Gefühl wieder da. Gedämpfter Frieden, gespendet von Auslegeware, auf die hie und da grobes Brezelsalz fällt. Museale Stille, manchmal sanftes Murmeln, im bunten Zwielicht der Kunst-Am-Bau-Beleuchtung. Die Gänge, die ins Innere führen, sind verschlungen, die Sichtachsen gerundet; die Scharounsche Philharmonie oder Staatsbibliothek West kommen in den Sinn. Wie langweilig und kalt erscheinen dagegen symmetrische Irrtümer wie das Grimm-Zentrum oder der Messe-Cube, die nicht ein einziges Geheimnis in sich bergen? Deren Innenräume sich der/m Betrachter*in ähnlich schnell erschließen, wie der einer City-Toilette? 

Schaut man von außen auf den weißen Riesen, der da am Rand der Autobahn gestrandet ist, könnte es im Rückblick verwundern, dass die 24-stündige HAU-Aufführung von David Foster Wallaces  „Unendlicher Spaß“, die 2012 als „Theatermarathon“ durch den „utopischen Westen“ futuristischer 60er- und 70er-Jahre-Architekturen zog, nicht auch gerade hier entlang führte. Hauptbahnhof des Verweilens 

Andererseits: vielleicht empfiehlt sich dieser Ort schlichtweg nicht als Zwischenstation. Ist das hier nicht ein Hauptbahnhof des Verweilens? Die Schritte der Besucher*innen werden gemächlicher, sobald sie die erste Ebene erreichen; überall findet sich eine Ecke zum Hängen, Lungern, sich Sammeln oder Snacken. Die Außenwelt gerät in Vergessenheit, fadet aus. Vor den Bullaugen fließt, von hier aus lautlos, der alte Verkehr, wie bereits vergangen; vor Hauswänden, auf die Aktivisten „DW enteignen“ oder „Stadt von unten statt von oben“ geschrieben haben. Stumm zeigt die Stadt die Male ihrer jüngsten Kämpfe her. Hier scheinen sie weit weg. Wieso nicht drei Tage und drei Nächte hier verbringen, bevor man sich wieder an Land spülen lässt?

Verstreute Grüppchen beugen sich im Foyer über Faltpläne. Vereinzelt ist erleichtertes Aufatmen zu vernehmen, wenn eine*r endlich die einzige Rolltreppe entdeckt hat, die von der zweiten in die vierte Ebene führt. Zur Performance von Lawrence. Ein neues Level ist freigespielt, ein schwarzer Fleck auf der Map wird erhellt. Wir lassen das Tageslicht hinter uns und es wird nautisch. Schwere rote Ketten, die die Tribüne tragen, hängen von der Decke. Das hier könnte der Frachtraum eines Schiffes sein. Wohin es steuert, ist nicht zu erkennen. Das Set ist in seegrasgrünes Licht getaucht und es blubbert subaquatisch, wie in einer von Drexciya erdachten Welt. 

Aufstand der Natur und die Spur der Steine 

Im Schaltraum auf der Eingangsebene schließt Cyprien Gaillard an sein Werk „Nightlife“ aus dem Zyklus „Nature Runs Riot“ von 2015 an. In einem 3D-Film war damals unter anderem zu beobachten, wie sich Strauchgewächse der Sorte „Hollywood-Juniper“ die Stadtlandschaft von Los Angeles zurückerobern. Als habe die Natur endgültig genug vom menschlichen Treiben, sahen wir die Junipers mit Blätterhieben auf menschliche Infrastruktur einprügeln. 

Was diese für L.A. waren und sind, wird, nebenbei bemerkt, allmählich der „Drüsige Götterbaum“ für Berlin. Eine Rundfahrt mit der Ringbahn wird zur Expedition an den Rand urbanbotanischer Schlachtfelder, richtet man den Blick darauf, wie „Ailanthus altissima“, entlang des Bahndamms, Ansprüche auf seinen Teil der Stadt anmeldet. Aus allen erdenklichen Lücken in der Bebauung ploppen seine Triebe, wie weiland die der Löwenzahnpflanze im 80er-Jahre-Intro zur Peter-Lustig-Erklärsendung. 

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Bei Gaillard scheint die Phase des Aufstands der Natur mittlerweile durchschritten und eine neue Innerlichkeit an ihre Stelle getreten zu sein. In seiner Installation „Suspire (for ICCs Control Room)“ blicken wir ins Hirn der altgewordenen Maschine ICC, die über sich selbst nachdenkt und seufzen muss. Kann aus den Irrtümern der Vergangenheit etwas Neues entstehen? Kristalline Strukturen aus Cofalit, unschädlich gemachtem Asbest, liegen vornehm, mahnend, vielleicht auch richtend, auf dem Pult vor den Monitoren des ehemaligen Wachraums. Eine Konferenz der Steine, vor Bildschirmen, auf denen das Jonamotiv in Form eines Disneycartoons anklingt. 

Nachdenken, blubbern, abhängen, sich verändern, wachsen, mit Zeit. Wie Jona im Bauch des Fisches, der, wieder an Land, die unangenehme Aufgabe, in der Stadt Ninive zu sprechen, in Angriff nahm, vor der er sich zuvor hatte drücken wollen. 

Nostalgia is a one way street. Der Weg des ICC sollte jedoch von hier an Richtung Zukunft weisen. Seit 2014 herrscht Stillstand zwischen AVUS und Messegelände. Zehn Tage Berliner Gastspiele waren eine gute Erinnerung daran, dass es sich lohnen könnte, die Köpfe endlich aus dem Sand zu nehmen. Viel wäre vertan, wenn es bei einem Seufzen bliebe und sich der Möglichkeitssinn gleich wieder schlafen legte. 

Das ICC könnte ein Ort werden, der, aus sich selbst heraus entwickelt, neuen Raum schafft für Veränderung: Hangspace, Agora, Stadtinnenfreiraum – die Möglichkeiten sind immens. Eines ist dabei sicher: um auch nur eine von ihnen verwirklichen zu können, muss die Sanierung des Gebäudes und seiner Umgebung nun angepackt werden. Verweise darauf, dass vorher jedes Detail der Folgenutzung festgelegt sein muss, haben sich als Nebelkerzen erwiesen. 

Feldstärke: Das Vorbild Tempelhof 

Denn dass die Bürger*innen, wenn man sie nur lässt, am besten wissen, wie ein solcher Möglichkeitsraum genutzt werden muss, haben sie an anderer Stelle bereits bewiesen. 

Ein Ort setzt den Rahmen, die Leute gestalten ihn täglich neu: mit diesem Modell konnten die Berliner*innen auf dem Tempelhofer Feld bereits hervorragende Erfahrungen sammeln. Mittlerweile ist das ehemalige Flughafengelände im Süden der Stadt für sie all das, was der Central Park für New York ist. Seine überraschenden und vielfältigen Nutzungen, die auf ein weltweites Echo stoßen, hätten so an keinem Reißbrett entworfen werden können. Während der Lockdowns boten sich hier zudem wichtige, offen zugängliche Freiräume, die der Erhaltung der körperlichen und mentalen Gesundheit der Städter*innen dienten. 

Ebenso wie die Hangars, die sich, bedauerlich ungenutzt, um Berlins schönsten öffentlichen Ort schmiegen, gehört das alte Kongresszentrum im Westen nun neu erfunden, klimagerecht transformiert und für die Stadtgesellschaft und ihre Besucher*innen geöffnet.

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