vonTim Ullrich 21.11.2021

AnthropoScenes

Ist die Erde gesund, freut sich der Mensch. Ein Politik- und Planetary Health Blog von Tim Ullrich.

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Eine ganze Woche lang soll Catherine Deneuve im Anschluss an die Premiere von Marco Ferreris „Das Große Fressen“ (1973) nicht mit ihrem Mann Marcello Mastroianni gesprochen haben, der eine der Hauptrollen spielte. Der Film, in dem vier Männer beschließen, sich zu Tode zu essen, spaltete auch die französischen Kritiker*innen. Die einen sahen in ihm den „ekelhaftesten und dekadentesten Film in der Geschichte Frankreichs“, die anderen „eine wilde und radikale Attacke auf das bürgerliche Establishment“ der 70er Jahre, wie Roger Ebert schrieb. Die heftigen Reaktionen auf Ferreris Film rührten unter anderem daher, dass er das, was er nicht darstellte, mitzeigte: Mangel und Hunger, die andere Seite der Medaille des Exzesses der Protagonisten, die deren Handlungen in den Augen der Zuschauer*innen moralisch verwerflich erscheinen ließ. Ein Jahr vor Erscheinen des Films, 1972, hatte der Club of Rome seinen ersten Report über die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht, der davor warnte, dass das Ziel unendlichen Wachstums mit der Tatsache eines endlichen Planeten nicht zu vereinbaren sei.

Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral, meinte Brecht und tatsächlich wird gerade auf dem Teller das Private politisch.  Man kann die Rolle, die die Ernährung für unser individuelles Leben und für den Zustand des Planeten spielt, schwer überschätzen. Zu viel oder zu wenig Nahrung zu haben, macht krank. Was wir zu uns nehmen, ist Teil unserer Kultur und formt unsere Identität. Essen ist Heimat und Biographie. Wie die sprichwörtliche Proustsche Madeleine in Lindenblütentee, strukturieren Essen und Trinken unsere Erinnerung und sind vielfach emotional aufgeladen. Die Vorstellung, unsere Ernährungsweise in kurzer Zeit fundamental umzustellen, weckt daher bei vielen Menschen Zweifel und Ängste. Doch die Zeit drängt. Bis 2050 werden voraussichtlich 10 Milliarden Menschen auf dem Planeten zuhause sein. Um für sie alle eine gesunde Ernährung unter Einhaltung der planetaren Grenzen zur Verfügung zu stellen, müsste unser derzeitiges Ernährungssystem von Grund auf umgekrempelt werden, wie Wissenschaftler*innen in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet warnen. Sie sprechen von der zentralen gesundheitlichen Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Von allem zu viel und dabei nie genug

Man könnte ein Diktum Peter Kurzecks aus seinem Roman Vorabend (2011) verwenden, um die Ausgangssituation zu beschreiben. Noch immer haben wir „von allem zu viel und dabei nie genug“. Auf der einen Seite fehle noch immer 820 Millionen Menschen auf der Welt ausreichender Zugang zu Nahrungsmitteln. Auf der anderen Seite litten in den Industrieländern immer mehr Menschen an den Folgen krankhaften Übergewichts. Ungesunde Ernährung und Unterernährung stellten ein größeres Risiko für Krankheit und Sterblichkeit dar, als ungeschützter Sex, Alkohol-, Drogen- und Nikotinmissbrauch zusammen. Hinzu träten die gesundheitlichen Folgen des jetzigen Ernährungssystems als Teil des menschengemachten Klimawandels.

Über- und Unterernährung, sowie der Klimawandel, hätten laut einer weiteren großangelegten Lancet-Arbeit inzwischen pandemische Ausmaße erreicht. Sie wirkten oft am selben Ort und zur selben Zeit und hätten gemeinsame gesellschaftliche Auslöser. Für das komplexe Zusammenspiel mehrerer synergistisch wirkender Pandemien, verwenden die Forscher*innen den Begriff der„globalen Syndemie“. Dass seit 2019 auch noch die Coronapandemie hinzugekommen ist, hat eine ohnehin brenzlige Situation noch verschärft. Überraschenderweise sei der größte Hebel, um Gesundheit und Planet gleichzeitig zu schützen und den negativen Folgen der globalen Syndemie entgegenzuwirken: unsere Ernährung. Knapp ein Viertel der jährlichen Todesfälle unter der erwachsenen Weltbevölkerung, 11 Millionen Tote im Jahr, ließen sich durch eine zügige und tiefgreifende Umstellung des globalen Ernährungssektors nach mehreren Schätzungen vermeiden.

Von Lose-Lose zu Win-Win

Unsere heutige Art zu Essen sei eine Lose-Lose-Ernährung: gleichzeitig schlecht für den Planeten und schlecht für uns. Eine Win-Win-Ernährung wäre dagegen gesund für den Menschen und würde den Planeten schützen. Die Ernährung der Zukunft sei vor allem flexitarisch, bestehe also zum Hauptteil aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Saaten, nur geringen Mengen an Fisch, Geflügel, Milchprodukten und Zucker und verzichte fast vollständig auf rotes Fleisch.

Ein Weg, die Syndemie wirksam zu bekämpfen, wäre eine rasche globale Ernährungsumstellung; dazu müsse sich bis 2050 „die Zufuhr von Obst, Gemüse, Nüssen und Hülsenfrüchten verdoppeln, sowie die von rotem Fleisch und Zucker mehr als halbieren“. Die massiven Verluste durch Lebensmittelverschwendung müssten mindestens halbiert und eine nie dagewesene Umstellung der Nahrungsmittelproduktion umgesetzt werden. Unter anderem müssten Ertragslücken um 90 Prozent geschlossen und das globale Ernährungssystem so umgestellt werden, dass es ab 2040 netto Kohlenstoff einspart. Über die bestehenden Flächen hinaus solle im Sinne einer „Half Earth Strategie“ keine Expansion in artenreiche Wälder und erhaltene Ökosysteme mehr erfolgen und für die Frage, was angebaut werden solle, zur Erhaltung der Biodiversität fortan die Maxime „Qualität statt Quantität“ gelten. Außerdem empfehlen die Wissenschaftler*innen den Ausstieg aus den Biokraftstoffen der ersten Generation.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: das Prinzip der Co-Benefits

Bei allen vorgeschlagenen Maßnahmen machen sich die Wissenschaftler*innen einen schönen Zufall der Naturgeschichte zunutze: was dem Menschen guttut, tut auch der Erde gut. Und hier kommen die sogenannten „Co-Benefits“ ins Spiel. So werden nämlich von planetaren Gesundheitsexpert*innen Maßnahmen genannt, die nach dem „Zwei Fliegen mit einer Klappe“-Prinzip den Menschen gesund machen und gleichzeitig die Umwelt schützen. Sie sind sozusagen die Goldnuggets der planetaren Gesundheitswissenschaft. Sie gilt es zu finden. Im Bereich Ernährung lautet ein klassisches Beispiel: wenn wir die Zufuhr von rotem Fleisch und Zucker drastisch reduzierten, würde nicht bloß unsere Gesundheit gestärkt, sondern auch der Planet geschont und das Tierwohl verbessert. In diesem Fall hätten wir es also sogar mit einer Win-Win-Win-Situation zu tun.

Raus aus dem Verbrenner – raus aus dem Steak? 

Wie in den Bereichen Energie und Mobilität bleibt fraglich, ob die Umstellung des Lebensstils Einzelne*r ausreichen wird, um ambitionierte globale Ziele innerhalb stark begrenzter Zeiträume zu erreichen. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass auch bei der Umstellung des Ernährungssystems ein baldiges und konzertiertes politisches Handeln nötig sein wird. Vor kurzem wurden auf der UN Klimakonferenz in Glasgow wichtige Erklärungen zum Waldschutz, zum Ende der fossilen Energieträger, zur Reduktion von Methan und zum Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor verabschiedet. Vom Ausstieg aus dem Steak oder dem Schokoriegel, war indes nichts oder nur wenig zu hören. Nur auf Die Ärzte auuus Berlin war mal wieder Verlass.

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Auch der Blick auf Deutschland zeigt: von einer Ernährungswende, die den Namen verdiente, sind wir weit entfernt. Eine Münchener Arbeitsgruppe analysierte in einer kürzlich veröffentlichten Befragung von 55 Ernährungsexpert*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Ernährungsgesellschaften die Situation in Deutschland im Vergleich mit internationalen Good Practice Standards. Dabei beurteilte sie ernährungspolitische Maßnahmen anhand von drei Kriterien: dem Beitrag, den sie zu einer Verbesserung der Ernährung der Bevölkerung leisten würden, wie leicht sie umzusetzen wären und ob sie die Ernährung vor allem in sozial benachteiligten Gruppen verbessern würden.

Den größten Nutzen versprächen demnach 1. verpflichtende Ernährungsstandards für Kitas und Schulen, aber auch für andere Einrichtungen, in denen Gemeinschaftsverpflegung angeboten wird, wie Krankenhäuser, Hochschulen, Behörden, Senior*innenheime und andere soziale Einrichtungen. Bestandteil dieser Maßnahme wäre ein kostenloses, steuerlich gegenfinanziertes Kita- und Schulessen für alle, weil hierdurch vor allem benachteiligte Familien profitieren würden, 2. eine „gesundheitsförderliche“ Mehrwertsteuerreform (das hieße in der Maximalform: ein Ende der Mehrwertsteuervergünstigung für ungesunde Lebensmittel und eine Senkung der Mehrwertsteuer auf gesunde Lebensmittel, durch Anpassung der europäischen Umsatzsteuerrichtlinie, auf 0 Prozent), 3. eine Besteuerung zuckerhaltiger Getränke („Softdrinksteuer“) und 4. eine gesetzlich verbindliche Beschränkung von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel.

Ein Teil dieser Good Practice Maßnahmen wiederum fand Eingang in ein kürzlich veröffentlichtes Forderungspapier von 15 Sozial-, Gesundheits- und Umweltverbänden mit dem Titel „Ernährungswende jetzt anpacken“. Die Unterzeichner*innen konstatieren: unser derzeitiges Ernährungssystem sei „ungesund, unsozial und höchst klima- und umweltschädlich“ und fordern von den Ampelkoalitionär*innen unter anderem eine „evidenzbasierte Weiterentwicklung der Qualitätstandards der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Gemeinschaftsverpflegung mit Blick auf die planetaren Grenzen“ und die Einrichtung einer „Zukunftskommision Ernährung“. Auch der Sozialverband VDK, der Verbraucherzentrale Bundesverband und Greenpeace schlossen sich jüngst Forderungen nach einer gesundheitsförderlichen Mehrwertsteuerreform an und fanden in einer repräsentativen Umfrage heraus, dass 71 Prozent der Bundesbürger*innen befürworteten, dass sich in den Lebensmittelpreisen die wahren Preise – also auch Kosten durch Umwelt- und Klimaschäden in der Produktion – widerspiegelten. 81 Prozent der Befragten sprächen sich zudem für steuerliche Anreize aus, die umwelt- und klimaverträglichen Konsum fördern würden.

Integrierte Ernährungspolitik: freies Kita- und Schulessen für alle

Mit Peter von Philipsborn, einem der Autor*innen der Münchener Studie, habe ich mich über den aktuellen Stand der Umsetzung in Bund und Ländern unterhalten. Erste Bundesländer hätten sich bereits bemüht, DGE-Vorgaben für die Kita- und Schulverpflegung umzusetzen, nämlich Berlin, Hamburg, Bremen, Thüringen und das Saarland. Eine Studie der Technischen Universität Berlin, auf die von Philipsborn verweist, zog 2017 bezüglich der Qualität des tatsächlich gelieferten Schulessens in Berliner Schulen allerdings das ernüchternde Fazit: „Bei der Verteilung der Nährstoffe besteht bei nahezu allen Menüschienen der untersuchten Cateringunternehmen Optimierungsbedarf. Die DGE-Empfehlungen werden nur von einer einzigen Menüschiene eines Caterers erreicht.“ Ein weiteres Manko: kostenfrei für alle seien die bisherigen Angebote auch nicht, stattdessen müssten bedürftige Familien bislang Förderanträge (z.B. im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets) stellen, sodass die benötigte Unterstützung häufig nicht ankomme. Laut einem Gutachten des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, würde eine qualitativ hochwertige, flächendeckend beitragsfreie Kita- und Schulverpflegung 5,5 Milliarden Euro im Jahr kosten. Der Beirat schlage zur Gegenfinanzierung eine Softdrinksteuer vor, wie sie in vielen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, bereits umgesetzt sei. Zusätzlich solle die reduzierte Mehrwertsteuer auf tierische Erzeugnisse entfallen.

Auf die Frage, woran es bei der Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen aktuell hake, entgegnet von Philipsborn, dass die Ganztagsverpflegung in Deutschland verhältnismäßig jung sei und es an vielen Stellen noch an Infrastruktur und Erfahrung fehle. Die Politik sei nicht ausreichend für das Thema sensibiliert. „Als ich selbst in die Schule gegangen bin, gab es ja noch garkein Gemeinschaftsessen in der Schule. Das ist für Deutschland noch relativ neu.“, sagt er. Die Einführung einer Softdrinksteuer scheitere aktuell vor allem an den wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen sowie deren erfolgreicher Einflussnahme auf die politischen Akteur*innen.

Allerdings sollen sich, nach Informationen der Lebensmittelzeitung, die Ampelkoalitionär*innen in den laufenden Verhandlungen auf eine Zuckersteuer und Werbeverbote geeinigt haben. Ob diese Punkte auch wirklich im fertigen Koalitionsvertrag landen werden und wie diese Instrumente konkret ausgestaltet werden, bleibt abzuwarten.

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