vonchina-watch 26.02.2022

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Was passiert hinter der Orwellschen Großen Mauer? Beobachtungen und Kommentare von Au Loong-Yu zu China und Hongkong.

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Ein Video über eine angekettete Frau am 27. Januar im Kreis Feng, Xuzhou, Provinz Jiangsu, verbreitete sich im Internet wie ein Virus, und innerhalb von drei Wochen erreichte die Zahl der Treffer zum Online-Thema „Xuzhou angekettete Frau“ Milliarden (1). Die Zensur der Regierung löschte die meisten dieser Beiträge, aber die spontane und kollektive Anstrengung der chinesischen Internetnutzer hatte genug Zeit, um die wahre Geschichte dieser entführten, vergewaltigten und unterdrückten Frau aufzudecken, der man angeblich die Zähne ausgeschlagen hatte, weil sie sich gegen ihre Vergewaltiger wehrte. Jede verantwortungsbewusste Kommunalbehörde hätte diese Behauptung ernst genommen und Ermittlungen eingeleitet. Als die Internetnutzer sahen, dass dies nicht der Fall war, ergriffen sie die Initiative zu einer Online-Untersuchung, ergänzt durch eine Überprüfung vor Ort von mutigen Zivilreportern, darunter zwei Frauen, die vorübergehend festgenommen wurden. Dies zwang die örtlichen Behörden dazu, ihre Aussagen viermal zu ändern, bis die Provinzregierung die Einrichtung eines Untersuchungsteams ankündigte, was schließlich am 23. Februar zur Bestrafung von 17 Beamten des Kreis Feng führte. Dies wurde aber von den Internetnutzern nicht akzeptiert, da ihnen die Ermittlungen nicht glaubwürdig erschienen.

Zugangskontrolle zum Dorf im Kreis Feng, Xuzhou (Foto auf Twitter von Jennifer Zeng 20.2.2022)

Ganz zu schweigen davon, dass die lokale Regierung nun still und leise alle Zugänge zum Dorf für Nicht-Anwohner sperrte und damit die Online-Diskussion zum Schweigen brachte, und was noch wichtiger ist: die angekettete Frau wurde nicht wieder gesehen.

Online-Ermittler aus der Zivilgesellschaft

Bis heute wissen wir nicht, wie diese Frau wirklich heißt. Die örtliche Behörde behauptete zunächst, es handele sich um Yang, und nachdem der „Online-Sherlock Holmes“ (so der Spitzname der Online-Ermittler) diese Lüge aufgedeckt hatte, sah sie sich gezwungen, die Behauptung zu revidieren und stattdessen zu sagen, dass es sich um Xiao Huamei handele. Der „Online-Sherlock Holmes“ entlarvte dies nicht nur als eine weitere Lüge, sondern ließ auch Zweifel an der Vermutung aufkommen, dass es sich um ein vermisstes Mädchen namens Li Ying aus Sichuan handeln könnte. Die Ermittlungen waren weit davon entfernt, die ganze Wahrheit herausfinden zu können, aber sie reichen aus, um die Absprachen zwischen den „Kunden“ (dem „Ehemann“ der Frau), der Mafia und den örtlichen Beamten in dieser schrecklichen Branche namens Menschenhandel aufzuzeigen, deren Hauptopfer Frauen und Kinder sind.

Gedeckt durch lokale Behörden

Der „Kunde“ in diesem Fall heißt Dong Zhimin, der die angekettete Frau 1998 „heiratete“. Aus dieser „Ehe“ gingen laut offiziellen Angaben acht Kinder hervor. Die Version des ersten Beamten über die Identität der armen Frau ist nichts anderes als ein Beweis dafür, dass die örtlichen Regierungsbeamten mit Dong unter einer Decke stecken. Wie konnte er acht Kinder haben, während die Ein-Kind-Politik in Kraft war, und sogar so privilegiert sein, dass er nicht nur jede Bestrafung umging, sondern auch in den Genuss von Wohlfahrtsleistungen für seine Kinder kam? Wie konnte das „Paar“ mit gefälschter Identität heiraten und mehr als zwei Jahrzehnte lang verschwinden, während die Mutter des vermissten Mädchens nach ihrem Kind suchte und eines der strengsten sozialen Kontrollsysteme der Welt in Kraft war (vom alten Haushaltsregistrierungssystem bis hin zu einem durch die Kommunikationsrevolution und angewandter künstlichen Intelligenz bei der Gesichtserkennungstechnik verbesserten Überwachungssystem) ?

Vor zehn Jahren veröffentlichte der Hongkonger Wissenschaftler Alvin So ein Buch, das sich auch mit dem Zusammenspiel von einer Mafia und den lokalen Regierungen befasste:

Die Mafia ist daran beteiligt, weil die korrumpierten lokalen Behörden sie brauchen, um den Bauern ihr Land wegzunehmen. Kathy Walker (2006) verwendete den Begriff „Gangsterkapitalismus“, um die Plünderung des öffentlichen Reichtums durch die Machthaber und ihre Handlanger zu beschreiben. Und He Qinglian (2006, S.93) berichtete, dass „örtliche Verwaltungen in ganz China kriminelle Organisationen als Schlägertrupps eingesetzt haben, um Stadtbewohner aus ihren Häusern und die Bauern von ihrem Land zu vertreiben“.(2)

Frauenentführungen

Die angekettete Frau von Xuzhou ist nur einer von Hunderttausenden von Fällen von Frauenentführungen. Apologeten Pekings mögen diese Art von Ereignissen als etwas bezeichnen, das auf die lokale Ebene beschränkt ist. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte hängt mit der landesweiten Politik der KPCh zusammen. Zum einen geht es um die „Ein-Kind-Politik“. Das Phänomen der Kindstötung von Mädchen oder der „vermissten Frauen“ – „die nach biologischen Durchschnittswerten hätten geboren werden müssen, aber aus der Welt verschwunden sind“(3) – ist weltweit verbreitet. Chinas Fall hat jedoch eine Besonderheit. Die Ein-Kind-Politik des Landes, die in der Welt einmalig ist, vor allem, wenn es um das Ausmaß ihrer Umsetzung geht, hat in den letzten drei Jahrzehnten erheblich zur selektiven Abtreibung von Mädchen beigetragen. Diese führte zu einer unverhältnismäßig niedrigen Geburtenrate von Mädchen, und erwachsene Männer haben nun zunehmend Schwierigkeiten, eine Ehefrau zu finden, insbesondere im ländlichen China. Viele Menschen greifen dann auf den „Kauf“ von Ehefrauen zurück, was wiederum das Geschäft der Mafia mit der Entführung junger Mädchen fördert. Dass diese Branche in einer orwellschen Gesellschaft wie China, in der die staatliche Kontrolle über die Bevölkerung umfassend und gigantisch ist, florieren kann, bedarf einer Erklärung. Was Alvin So über das Zusammenspiel zwischen lokalen Behörden und kriminellen Banden gesagt hat, trifft auch auf den Menschenhandel zu. Außerdem hat es mit dem Kern des chinesischen orwellschen Staates zu tun. Dessen lokale Behörden können ihre Verbrechen nicht unbegrenzt vertuschen, wenn ihre Macht in irgendeiner Weise von den Bewohnern, von Oppositionsparteien des Landes, einer unabhängigen Presse, unabhängigen Gewerkschaften oder Frauenorganisationen kontrolliert wird. Hier ist die Unterstützung durch den Einparteienstaat von entscheidender Bedeutung – seine Nulltoleranz gegenüber der Pressefreiheit, gegenüber Dissidenten und gegenüber unabhängigen Bürgervereinigungen – all diese Eigenschaften des orwellschen Staates tragen dazu bei, den lokalen Behörden den besten Schutz zu bieten, die ihrerseits die lokale Mafia schützen.

Öffentliche Meinung kann Behörden zum Handeln veranlassen

Was den Fall Xuzhou betrifft, so ist man trotz der großen Online-Unterstützung für die angekettete Frau noch sehr weit davon entfernt, ihr sichtbare Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wenn eine prominente Sportlerin wie Peng Shuai keine Gerechtigkeit erfährt, sondern nur zum Schweigen gebracht wird, nachdem sie offen behauptet hat, ein ehemalige Vize-Premierminister habe sie sexuell missbraucht, ist die Chance, dass ein Bauernmädchen wie die angekettete Frau Gerechtigkeit erfährt, gering. Dennoch ist die überwältigende Online- und physische Unterstützung für sie beeindruckend. Sie beweist, dass die Menschen sich von Zeit zu Zeit immer noch Gehör verschaffen und die Behörden zwingen können, ihre Politik zu ändern. Darüber hinaus gibt es noch eine mögliche und bedeutende Entwicklung. Ein Kommentator von Radio Free Asia , Song Yang, kam zu folgendem Schluss:

Heutzutage hat sich die Wut in der Bevölkerung rasant entwickelt, vergleichbar nur mit der Energie, die sich vor dem Ausbruch von Vulkanen aufbaut. Ein solches Ausmaß an Wut ist in der Vergangenheit selten gewesen…. Selbst die „kleinen Nerze“(4) schweigen und hören auf, ihr Loblied (auf den Staat) zu singen. Auch die Freunde, die einst Hoffnung oder Illusionen über den Status quo hatten, sind nun desillusioniert und glauben, dass die Regierung alle betrügt. (5)

Anmerkungen
1. Deutsche Welle (chin.) vom 24.2.2022 Der Vorfall mit der „angeketteten Frau“: Fünftes Briefing und die Menschen glauben es noch immer nicht (铁链女”事件:第五次通报民众仍不买账)
2. Alvin So, Class and Class Conflict in Post-Socialist China, World Scientific Publishing Company, 2013, S. 148.
3. Quanbao Jiang u.a., Estimates of Missing Women in Twentieth Century China, in Continuity and Change Vol. 27, Issue 3, Dec. 2012, Cambridge University Press, online
4. Ein Ausdruck in China für die Beschreibung junger, chauvinistischer Nationalisten im Internet.
5. Radio Free Asia (chin.) vom 21.2.2022, Menschen aus der ganzen Welt zeigen ihre Solidarität mit der angeketteten Frau auf einzigartige Weise (各地民众以独特方式声援锁链女)

Übersetzung  von F. Hofmann, Forum Arbeitswelten

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