vonMario Zehe 15.10.2021

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Nachdem Karim in flagranti mit der Frau des Spitzenkanditaten des „Elan National Francais“ erwischt wurde, muss der junge Franzose maghrebinischer Abstammung vor seinen rechtsextremen Häschern quer durch Frankreich fliehen. Einzig dessen Kumpel Alexandre und zwischenzeitlich ein paar Truckfahrer stehen ihm solidarisch bei. Barus bereits vor einem Vierteljahrhundert erschienene grafische Erzählung Autoroute du Soleil wurde jüngst bei Reprodukt neu aufgelegt und erweist sich angesichts der andauernden politischen Turbulenzen in der Fünften Republik und den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen als aktueller denn je.

In den Umfragen der vergangenen Monate liegt Marine Le Pen irgendwo zwischen einem Viertel und einem Drittel der Wählerstimmen. Die Frage wird sein, ob die Umbenennung und strategische Neuausrichtung des einst stramm rechtsextremen „Front National“ in ein populistisches „Rassemblement“ dahin gehend erfolgreich ist, spätestens im zweiten Wahlgang auch Wähler der anderen, gemäßigten Rechtsparteien für sich zu gewinnen. Die bürgerliche Maskerade der Rechtsextremen ist ein im vergangenen Jahrhundert so oft aufgeführtes Schelmenstück, dass man ja eigentlich kaum glauben mag, es könnte heute noch irgendjemand darauf hereinfallen.

Diesbezüglich kann die Lektüre von Barus Autoroute du Soleil sehr erhellend sein. Der Comicroman erlaubt einen dokumentarisch anmutenden Blick auf das ländliche Frankreich der 1990er Jahre, in denen sich die letzten Hochöfen Lothringens dem Willen der Sprengmeister beugen müssen und eine sozial deklassierte und politisch orientierungslos gewordene Arbeiterklasse hinterlassen, die von der extremen Rechten nun wild umworben wird. Barus bekanntes Interesse für die soziale Realität gesellschaftlicher Randgruppen finden sich im Comic ebenso wieder wie seine oft variierten Motive der devianten Maskulinität und ihrer Artikulation mittels Gewalt als Medium. Allein dieser thematischen Fokussierungen wegen wäre das Buch schon lesenswert.

Faszinierend ist jedoch auch und insbesondere die Figur des Dr. Raoul Faurissier, dem Führer und Spitzenkandidaten des Elan National bei den kommenden Wahlen. Dessen Reaktion auf den Seitensprung seiner Frau mit einem der beiden Protagonisten des Buches hat nichts mit der Überreaktion eines gehörnten Ehemannes zu tun, sondern vielmehr mit der konkreten Realisierung des faschistisch-rassistischen Albtraumes unreiner Kopulationen. Nachdem hier Faurissier seine bürgerliche Existenz abstreift, um an dem „Araber“ grausame Rache zu nehmen und dabei auch seine eigene Vernichtung einkalkuliert, zeigt sich der Faschismus in seiner wahren, nämlich immer schon wahnhaften Gestalt.

Zu Ästhetik und Stilistik von Autoroute de Soleil ist zu sagen, dass dieses frühe Werk des Comicautors nicht nur bezüglich seiner Themensetzungen dem entspricht, was Baru in den vergangenen dreißig Jahren in variierter Form abgeliefert hat: vor dem Hintergrund eines dokumentarisch angehauchten Dekors werden die Konflikte der Außenseiter in aller Regel gewaltsam ausgetragen. „Gewalt als Handlungsform, die denjenigen angemessen ist, die aus den (geregelten) gesellschaftlichen Verhältnissen herausgefallen sind“, schreibt der Medienwissenschaftler Jörn Ahrens über Barus Comic-(Anti-)Helden in seiner sehr lesenswerten Studie über Gewaltdarstellungen in der grafischen Literatur. Barus expressiver Stil verleiht dieser Aggressivität und Gewalt eine ikonische Gestalt. So wie die Ordnung um die Protagonisten herum auseinanderfällt, so verformen sich deren Gesichter und Körper in den Momenten größter erzählerischer Dichte zu grotesk verzerrten Physiognomien, die nur noch Hass oder blanke Angst repräsentieren.

Baru: Autoroute du Soleil, Reprodukt 2021 (1994), 432 Seiten, s/w, 29 €.

Verlagslink mit Bildbeispielen.

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