Als am 13. September bundesweit gegen die rechtsextreme AfD demonstriert wurde, war in vielen Meldungen von Tausenden Teilnehmenden die Rede. Wir zählten 127.000, verteilt auf 29 Städte. Medien tun sich oft schwer damit, über größere Protestwellen zu berichten. Fast zwei Drittel der Demonstrationen seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fanden in kleineren Orten statt, mit ein paar hundert oder ein paar tausend Menschen. Einzeln sind sie oft nicht sonderlich spektakulär, aber in der Masse ergeben sie ein ganz anderes Bild.
Seit 2024 sammeln wir diese Demos, in diesem Jahr zum dritten Mal. Das Material stammt aus zwei Quellen. Leser*innen schicken Hinweise an demohinweise@taz.de, idealerweise mit einem Link zur Lokalberichterstattung. Gleichzeitig recherchieren wir selbst: in Regionalzeitungen, Polizeimeldungen und Versammlungsanmeldungen. Nennen Polizei und Veranstalter unterschiedliche Zahlen, dokumentieren wir die Spanne und verwenden in der Regel die niedrigere Zahl mit dem Hinweis, dass es sich um die Mindestzahl handelt.

Alles landet in einer Google-Tabelle. Die Oberfläche ist für alle einfach zugänglich, und niemand muss Code anfassen, um eine Demo nachzutragen oder eine Zahl zu korrigieren. Den Rest erledigt ein stündlicher Automatisierungsworkflow mit Github. Dieser liest die Tabelle stündlich aus, prüft die Einträge und ordnet anhand des Datums zu, welche Demos bereits stattgefunden haben und welche noch geplant sind. Das Ergebnis sendet er über die Schnittstelle an das Visualisierungstool Datawrapper, wo sich mehrere Karten aktualisieren.
So entsteht ein Element, das sich überall einbinden lässt: im Übersichtsartikel, in Nachrichtentexten, auf Social Media, und das immer den aktuellen Stand zeigt, ohne dass jemand aktiv aktualisieren muss.

Dasselbe Prinzip nutzen wir inzwischen auch für andere Sammlungen, beispielsweise in unserer Netzwerkgrafik zu den Vetternwirtschaftsfällen bei der AfD oder Wahlniederlagen der rechtsextremen Partei in Ostdeutschland. Dieses Vorgehen senkt die Schwelle für Kolleg*innen, die mit Datenjournalismus sonst wenig zu tun haben. Sie arbeiten an einem datenjournalistischen Projekt mit, ohne sich in neue Werkzeuge einarbeiten zu müssen.
Die Sammlung hatte einen Nebeneffekt, den wir so nicht geplant hatten. Über zwei Jahre meldeten sich mehr als tausend Menschen bei uns, die selbst auf Demos waren oder sie organisiert hatten. Im Frühjahr 2025 schrieben wir sie an und fragten, was die Proteste bei ihnen bewirkt haben. 446 antworteten, aus allen 16 Bundesländern, vom Dorf bis zur Millionenstadt. Aus einem Postfach für Hinweise wurde so eine eigene Recherchequelle.