vonLalon Sander 16.10.2026

Das Daten-Kochbuch

Tools, Skripte, Daten und KI, die beim Journalismus helfen.

Mehr über diesen Blog

Als ich kürzlich einen Projektbericht schrieb, formulierte ich “Dafür haben wir keine KI verwendet. Bewusst nicht”. Die Formulierung führte dazu, dass ich gefragt wurde, ob vielleicht der Post KI generiert sei. War er nicht, aber die Frage konnte ich irgendwie nachvollziehen, der Rhythmus der beiden Sätze fühlt sich inzwischen sehr computergeneriert an.

In den vergangenen Monaten hat sich mein Schreiben verändert. Einerseits ist Verarbeitung mit Großen Sprachmodellen (in der Öffentlichkeit oft nur “KI” genannt) immer häufiger Teil der Texterstellung: Vorrecherche, Übersetzungen, technische Redigate, Titel-Brainstorming oder Faktenchecks – für all diese Schritte nutze ich in manchen Situationen Sprachmodelle. Andererseits stellt sich immer wieder die Frage: Was stammt von mir? Vor allem: Was hätte nur von mir stammen können? Was wäre für ein Sprachmodell unmöglich?

Viele Journalist*innen und Autor*innen denken intensiv darüber nach, welche Rolle und welchen Mehrwert menschliches Schreiben hat, wenn Software Texte schneller und in ähnlicher Qualität generieren kann. Anderswo skandalisieren Medien, wenn Politiker*innen Texte und Reden durch Große Sprachmodelle generieren. Der Vorwurf der Nutzung von KI ist oft unwiederlegbar: Wie soll man nachträglich beweisen, dass etwas menschlich entstanden ist ist?

Neben der Frage, ob ein Sprachmodell tatsächlich an der Enstehung des Textes beteiligt war, stellt sich aber auch auch die Frage, wie der Text signalisieren kann, dass er menschlichen Ursprungs ist. Kurze, prägnante, rhythmische Formulierungen wie “Das ist nicht trivial. Das ist tiefgründig” vermeiden? Den langen Gedankenstrich, der gerne von Sprachmodellen verwendet wird, vermeiden? Absichtlich Rechtschreibfehler machen, was eine KI niemals täte? Die falschen Anführungszeichen verwenden?

Titel von „The Magic Paintbrush“ von Fran Hunia

Bei solchen Gedanken muss ich an eines meiner liebsten Kinderbücher denken, das englische Leselernbuch „The Magic Paintbrush“. In der wunderbar illustrierten Nacherzählung eines chinesischen Märchens erhält ein Kind namens Liang einen verzauberten Pinsel. Fortan werden alle Bilder, die er malt, real, sobald er sie beendet hat.

Die neue Fähigkeit nutzt Liang, um armen Menschen zu helfen und malt für sie Werkzeuge und Nutztiere. Er gerät so ins Visier des Kaisers, der möchte, dass Liang mit dem Pinsel Reichtümer für den Palast malt. Als Liang entkommen kann, taucht er unter. Er beginnt seine Bilder absichtlich nicht zu Ende zu malen, damit sie nicht lebendig werden. So kann er endlich als einfacher Künstler leben.

Liang muss seine Kunst verleugnen, um sich wie ein echter Künstler zu fühlen. Unvollkommenheit wird zum Zeichen von Authentizität, weil die Zauber-Kunst realer ist als sie sein soll. Liang verleugnet aber auch sich selbst, denn mit seiner Kunst hatte er zuvor die Welt und die Leben seiner Nachbar*innen deutlich verbessert.

Die Geschichte von Liang enthält möglicherweise auch eine Warnung für die heutige KI-Entwicklung: Als der Kaiser Liangs Pinsel doch in die Hände bekommt, nutzt er ihn, um ohne Ende Gold herzustellen. Ein Schatz, der dann zu seinem Untergang wird. Angesichts der großen finanziellen Blase, die sich um die KI-Konzerne in der Realität aufbläst, sollte es vielleicht auch dort heißen: Lieber kleine, echte Lösungen als endlose Gier.

Das ist womöglich auch die Lösung für den Einsatz von Großen Sprachmodellen in der Textproduktion. Statt darauf zu setzen, dass ein einzelner Computer-Workflow aus dem Nichts einen fertigen Text liefert, ist es sinnvoller, im Prozess zu schauen, welche Schritte sinnvoll mit Großen Sprachmodellen unterstützt werden können. Sehr oft reduziert sich die öffentliche Auseinandersetzung auf die binäre Frage „mit oder ohne KI?“. Zielführender ist es, „für welche Schritte und in welchem Umfang wurde eine Großes Sprachmodell verwendet?“

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/datenkochbuch/schreiben-mit-grosse-sprachmodelle-ki-llm-menschlichkeit/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert