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vonAchmed Khammas 22.01.2020

Der Datenscheich

Erneuerbare Energie, Science Fiction, Technikarchäologie und Naher Osten – verifiziert, subversiv, authentisch.

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Die längere Pause hatte gute Gründe, auf die ich in einem späteren Posting eingehen werden. Derweil werde ich mich befleißigen, die Kurzrezensionen einiger der interessantesten SFs der letzten Zeit zu veröffentlichen – denn derer gibt es einen ganzen Stapel.

Rejoice – Die letzte Entscheidung von Steven Erikson (2018/2019) ist ein Roman, der sich exakt auf dem Schnittpunkt meiner beiden liebsten Genres befindet: Erstkontakt und Maschinenbewußtsein (d.h. äußerst fortgeschrittene KIs). Das Buch wird vermutlich nicht allzuviele Freunde finden, denn dazu ist es viel zu utopisch – und zwar in einem positiven Sinne. Und DAS ist wirklich nicht zeitgemäß, oder? Denn wer wagt schon zuzugeben (so wie ich es gerne tue), daß sie oder er die ‚Intervention‘ einer höheren Macht wünscht, um den Saustall hier unten aufzuräumen? Allerdings bin ich mit meiner diesbezüglichen Meinung nicht alleine, denn kein geringerer als Stephen Baxter bezeichnet Rejoice als ‚provokativ‘ und ‚unverzichtbar‘! Ich empfinde das Erscheinen dieses Buches als außerordentlich erfreulich, da es viel zu wenige Romane gibt, die sich aus einer optimistischen Weltsicht heraus mit den genannten Themen befassen. Daher: Eine ganz besondere Empfehlung!

Der Metropolist von Seth Fried (2019) gehört zu den Romanen, in denen sich rauchende und saufende KIs tummeln, auch wenn dies weitestgehend virtuell ist. Hier geht es um den Konflikt zwischen Vertretern verschiedener Infrastruktur-Behörden der Zukunfts-Stadt Metropolis, dessen genüßlich lesbare Beschreibung in Form einer leichten, kurzen und humorvollen Darstellung daherkommt.

Im Krieg von Adrian Tchaikovsky (2018/2019) behandelt das Thema technisch optimierter Bioformen – über die Geschichte von Rex, einem riesigen Hund, der zusammen mit seinem Rudel in einem jahrzehntelangen Krieg kämpft, bis er sein ‚Herrchen‘ verliert und plötzlich eigenständige Entscheidungen treffen muß. Sehr menschlich geschrieben – und von der Presse als Warnung vor den Gefahren von KIs und Superwaffen in den Händen skrupelloser Machthaber aufgenommen, was allerdings nicht ganz ins Schwarze trifft. Denn Rex ist weit mehr als nur eine aufgemotzte Waffe – und das sollte wiederum den erwähnten ‚Machthabern‘ zu denken geben…

Neon Birds von Marie Grasshoff (2019) befaßt sich mit einem ‚technischen Virus‘, der die Menschen in Cyborgs verwandelt, die dem Willen der KI KAMI gehorchen. Als Resultat werden die infizierten Gebiete in Sperrzonen verwandelt – bis es den Virusträgern gelingt, deren Mauern zu durchbrechen und ein erbitterter Kampf um das Überleben der Menschheit beginnt.

Tagebuch eines Killerbots von Martha Wells (2017/2019) gehört zu den Favoriten des Jahres, da es Action und trockenen Humor auf eine Weise verbindet, wie sie nur selten gelingt. Als der Protagonist, ein ausgemusterter Killerbot, der eine wissenschaftliche Gruppe auf ihrer Mission beschützt, zu Bewußtsein gelangt und sich selbst frei hackt, eröffnet sich vor der Maschine eine Welt voller unerklärlicher Emotionen und noch viel mehr. Es macht großen Spaß, sie dabei zu begleiten, weshalb es auch kein Wunder ist, daß sich der Rezensent von Otherland – dem Buchladen meines Vertrauens in Berlin – dazu verstiegen hat, schon nach wenigen Seiten ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Ich bin Killerbot tragen zu wollen.

Sandtaucher von Hugh Howey (2014/2019) gehört zu den dystopischen Werken – wobei die Welt im vorliegen Fall von gigantischen Sandmassen bedeckt ist, ohne daß allerdings beschrieben wird, wie es dazu kam. Satt dessen begleiten wir die Sandtaucher, die in über hundert Metern Tiefe in lange versunkenen Städten nach Schätzen und brauchbaren Gegenständen suchen. Warnung: Nichts für Klaustrophobiker!

Transfusion von Jens Lubbadeh (2019) ist der neueste Thriller des Wissenschaftsjournalisten, in dem es diesmal um die Lebensverlängerung durch Bluttransfusionen geht. Wie von ihm gewohnt, beeindruckt der Autor mit Hintergrunddetails um die wissenschaftlichen Konzepte, so daß man neben des Lesespaß auch noch etwas dabei lernt.

Neptunation – oder Naturgesetze, Alter! von Dietmar Dath (2019) gehört zu den SFs, die man nur eingefleischten Fans empfehlen kann – diesen dafür aber sehr! Es ist recht selten, daß zeitgenössische Autoren solch große Würfe wagen, wie Dath in seinen sozial-utopischen Entwürfen, die sich über das gesamte Sonnensystem erstrecken. Einerseits sehr spannend – andererseits mit ellenlangen englischen Dialogen befrachtet, deren Sinn sich mir nicht erschließt, denn konsequenterweise hätte es ebensoviel chinesische und russische Passagen geben müssen. Dazu ist die Dialogform (die sich auch als als Gestotter zu bezeichnen läßt) nicht gerade leserfreundlich. Trotzdem nahm ich das Buch als Anlaß, den quasi Vorgänger, Der Schnitt durch die Sonne (2017), zu bestellen, der die Reise einer kleinen, seltsamen Gruppe von Menschen zur Sonne beschreibt, in der es eine Zivilisation gibt, die anders ist als alles, was Menschen kennen. Daths Bücher sind was für Kenner, denn man wird sie unweigerlich mehr als einmal lesen müssen, um auch nur halbwegs hinterher zu kommen.

Die (öko-)politischen Anmerkung:

Geht Euch das europaweite Tannenbaum-Massaker nicht auch auf den Wecker? Dem Hauptverband der Deutschen Holzindustrie zufolge wurden im vergangenen Jahr alleine in Deutschland rund 30 Millionen Bäume verkauft und anschließend entsorgt, von denen jeder im Schnitt 25 € gekostet hat.

Klar, die Anbauer, die Holzindustrie und die Verkäufer freuen sich über diesen Irrsinn, bei dem liebenswerte Tannenschößlinge ein paar Jahre lang aufgepäppelt werden, um sie dann brutalst umzuhauen – nur damit sie einige Tage lang die Brandgefahr in Wohnungen steigern und anschließend als Baumleichen auf den Bürgersteigen landen.

Ich finde es auch keineswegs tröstlich, daß die jährlich etwa 350.000 in Berlin eingesammelten Bäume in Biomassekraftwerken Strom und Fernwärme liefern, bzw. äquivalente Mengen zu Spanplatten gepreßt (München) bzw. kompostiert werden (in mehreren Städten in Hessen und Rheinland-Pfalz).

In meinen Augen bleibt das Ganze eine unsägliche Vergeudung – die sich letztlich auch leicht verhindern ließe, wenn die Bäumchen mitsamt Wurzelballen verkauft und nach den Feiertagen zurückgegeben werden, um sie in Aufforstungsprojekten einzusetzen. Utopisch?! Nein. Denn einer Achtung gegenüber allen Lebens entspricht das gegenwärtige Verhalten ganz und gar nicht. Und zu diesem Leben zählen in meinen Augen auch die in jungen Jahren gekillten Nordmanntannen.

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