vonAchmed Khammas 04.09.2026

Der Datenscheich

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Das vielfältige Brummen kam näher und näher und begann sogar die lauten Sirenen zu übertönen. Er hatte schon ein paar solche Angriffe miterlebt, bislang jedoch meist aus sicherer Entfernung. Oder in einem Luftschutzkeller. Diesmal sieht er, daß sich der Horizont rötet wie bei einem Sonnenaufgang, nur daß dies an der völlig falschen Stelle geschieht. Und obwohl das Blitzen und Donnern an ein Gewitter erinnert, weiß er nur zu gut, daß es kein Regen ist, der da vom Himmel fällt.

In seiner Heimat war das provisorische Militärcamp, in welchem er sein Zelt im Schatten der Dattelpalmen aufgeschlagen hatte, auch ein paar Mal von Flugzeugen angegriffen worden. Doch dies war immer am Tag geschehen, und selten, daß es mehr als zwei oder drei der einmotorigen Maschinen waren, die wie zornige Hornissen im Tiefflug über das Lager hinweg brausten. Sie flogen so schnell, daß das hektische Tack-Tack der Maschinengewehre im Lärm ihrer Motoren fast unterging.

Doch hier, in diesem weit entfernten und so fremden Land kamen sie immer zu Dutzenden, ja zu Hunderten in der Nacht, und die Flakscheinwerfer der deutschen Abwehr suchten sie oft vergeblich am Himmel, so hoch flogen sie. Er wickelte sich in den schweren Militärmantel, der er, ebenso wie seine Kameraden, gleich nach der Ankunft in den für sie freigemachten Baracken südlich der Stadt ausgehändigt bekommen hatte – zusammen mit einem Stück Seife und einem Handtuch. Die Soldaten, die ihnen die Sachen aushändigten, hatten sehr jung gewirkt.

Auch die anderen Deutschen, denen er bislang begegnet war, hatten einen freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Doch die vielen Menschen, die vorhin noch die Straßen um ihn herum bevölkert hatten, waren jetzt fast alle verschwunden. Kaum daß die Sirenen mit ihrem an- und abschwellenden Warngesang begonnen hatten, der ihn ein wenig an den Muezzin seines Geburtsdorfes erinnerte, da schienen sich diese Deutschen in Luft zu verwandeln.

Sie hatten damals manchmal eines der englischen Flugzeuge abschießen können. Der kleine Ali, wie ihn alle nannten, hatte sogar schon zwei Stück erwischt. Aber es funktionierte nur, wenn sie den Piloten tödlich trafen. Reihum mußten sie sich daher abwechselnd in den Wipfeln der Palmen verstecken und Wache schieben – während sie die uralten Vorderlader aus osmanischer Zeit mit vorgespanntem Hahn krampfhaft in den Händen hielten. Und ja, manchmal trafen sie. Aus den Wracks holten sie dann die sehr viel moderneren englischen Maschinengewehre heraus und versuchten sie zu reparieren. Gerade hierin hatte er selbst ein gewisses Talent gezeigt, das ihm mit einer Sonderration Tabak oder einem verlängerten Urlaub belohnt wurde. Doch beim Schießen reagierte er viel zu langsam, und seine Kugeln pfiffen meist völlig harmlos weit hinter den Flugzeugen vorbei.

Er war jetzt fast alleine auf der Straße. Es gab irgendwo Schutzbunker, das wußte er, doch als das Geheul losgegangen war, hatte er nur wie gelähmt dastehen und den umherhastenden Deutschen zuschauen können. Jeder schien genau zu wissen, wo das beste Versteck für ihn war, doch nach ihm hatte sich niemand mehr umgeschaut, ganz anders als sonst, wo er immer wieder erstaunte und mißtrauische Blicke geerntet hatte, sobald den Menschen seine dunkle Hautfarbe auffiel. Auch die SS-Patrouillen hatten ihn in den vergangenen Wochen immer häufiger angehalten, doch das Papier, das er sorgsam wie seinen Augapfel hütete, zauberte auch in ihre verschlossenen Gesichter einen Ausdruck von Verblüffung, bevor sie ihm dann zackig den Gruß mit dem hochgerissenen Arm entboten. Heil Hitler. Sein Retter.

Allerdings kam er sich im Moment nicht sehr gerettet vor. Dem Brummen folgten inzwischen mehr und mehr dumpfe Explosionen, die auch immer näher kamen. Verzweifelt blickte er zu dem Café zurück, an dem er noch vor kurzen gesessen hatte. Er war mit seinen Kameraden verabredet gewesen, doch von denen hatte sich bislang keiner blicken lassen. Inzwischen rechnete er auch nicht mehr damit, daß noch einer von ihnen kam. In dieser Nacht wäre es auch Selbstmord gewesen. Er schaute zu den Gebäuden auf der anderen Straßenseite, von denen einige die Schäden früherer Angriffe zeigten, die sogar noch im Dunkeln zu erkennen waren. Seine Augen waren gut, Beduinenaugen, die es gewohnt waren selbst in mondlosen Nächten ihren Weg zu finden, und der Widerschein der Scheinwerfer und der Feuerbälle, die sich vom Westen her näherten, reichten aus um ihm zu zeigen, daß außer ihm sonst niemand mehr zu sehen war.

Als die Hand seinen Arm packte und ihn mit sich zog, stolperte er erschreckt mit, denn er hatte niemanden herankommen hören. Der Deutsche schien zu hinken und schrie ihm etwas zu, das er kaum verstand, sein Deutsch ließ immer noch zu wünschen übrig. Aber er merkte instinktiv, daß ihm dieser fremde Mensch helfen wollte und ließ sich daher mitziehen. Ein paar Schritte später hatte er sich gefangen, der Fremde hatte ihn aus seiner Starre gerissen, und nun streckte er seinen Arm aus, um den Hinkenden zu stützen. Jetzt kamen sie schneller voran. Der Deutsche rief etwas, das wie „lossloss“ klang, und dann „dibrukke“.

Plötzlich sah er, wohin sie hasteten. Ja, es war der Bahnhof, dessen Gleise in der Höhe der Dächer eines einstöckigen Hauses verliefen, wie er mit seinen Kameraden voller Erstaunen feststellen mußte, als sie es damals zum ersten Mal sahen. Der Zug stand da oben wie auf einer Dachterrasse, und die Menschen und Fahrzeuge bewegten sich unter ihm hindurch. Jetzt verstand er. Die stählerne Brücke würde sie wenigstens vor den von oben herabfallenden Bomben schützen.

Die Engländer im Irak hatten manchmal auch Bomben geworfen, aber nur sehr selten. Zumindest ihr Lager, das sich in der Nähe seines Geburtsortes Tikrit befand, wurde auch nicht mit Artillerie angegriffen. Aber später, als sie sich immer weiter zurückziehen mußten, erst über die neue Grenze nach Syrien hinein, und dann weiter nördlich in die Türkei, wo man sie schließlich internierte, da hatten ihnen die Franzosen unterwegs auf die Köpfe geworfen, was sie nur hatten. Sie selbst besaßen zu diesem Zeitpunkt kaum einen Schuß Munition mehr, und konnten nur wie eine wild gewordene Herde auseinander laufen, wenn das ferne Grollen der Flugzeuge erklang. In der Türkei war es dann aber eher noch schlimmer, denn sie wurden in ihren Sommeruniformen in ein Lager am wohl kältesten Ort des gesamten Landes gepfercht, wo viele seiner Kameraden erfroren oder verhungerten. Und ohne den Mufti von Jerusalem, Haj Amin Al-Husseini, und dessen dessen Besuch beim Führer wären sie wohl alle elendig krepiert.

Der hinkende Deutsche und er erreichten die Brücke keinen Moment zu früh, denn als sie sich schwer atmend an die seitlichen Mauern preßten, fielen auch schon die ersten Bomben. Später erinnerte er sich nur noch daran, wie er auf dem Boden liegend und mit weit aufgerissenen Augen beobachte, wie die große Kirche inmitten des nahen Platzes getroffen wurde und in Flammen aufging, die so hoch in den Himmel reichten, als versuchten sie, einige der alliierten Flugzeuge zu erfassen, welche ihre Brandbomben über der Hauptstadt des Reiches abwarfen.

Es war der 23. November 1943, und er sollte diese Nacht sein Leben lang nicht mehr vergessen.

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