Mein Taschengeld beträgt 25 Pfund im Monat, was zu dieser Zeit etwa 25 DM entspricht. Sehr nobel von meinen Eltern, aber trotzdem völlig unzureichend. Ich nehme zwar an, dieses Problem haben alle Teenager dieser Welt, doch das bringt mir auch nichts. Es tröstet noch nicht einmal. Dabei sind meine Bedürfnisse angemessen bescheiden, denn im Grunde interessiert mich nur diese tolle neue Musik, die ich seit einigen Jahren höre. Angefangen in Berlin, während der Sommerferien, und später dann in Damaskus mittels selbstgebauter Antennen, mit denen ich so lange herumexperimentiere, bis ich die Piratensender der Nordsee empfangen kann. Nicht immer, und wenn, dann nur lange nach Sonnenuntergang. Was irgend etwas mit den genutzten Mittelwellen zu tun hat. Die Musik ist wunderbar, auch wenn neben den Wahnsinnseffekten, die es immer wieder zu hören gibt, auch noch atmosphärische Einspielungen erfolgen. Was sich manchmal aber kaum unterscheiden läßt. An Radio Geronimo schreibe ich und bekomme sogar eine ausgeflippte Karte als Antwort. Sie haben nicht im Traum daran gedacht, daß sie jemand in dieser Ecke der Welt überhaupt empfangen könnte. Dabei wissen sie noch nicht einmal, daß sich Damaskus hinter dem Kassioun-Berg versteckt, was die Sache noch viel unwahrscheinlicher macht. Aber vielleicht entwickle ich vor lauter Sucht nach diesen Sphärenklängen ja eine Art biomagnetisches Feld, das die Funkwellen regelrecht ansaugt …
Aus Berlin bringe ich auch schon einige Schallplatten mit, sowie die Chassis eines Dual-Plattenspielers, versteckt im Handgepäck. Den passenden Unterbau bastle ich dann selbst. Aber die Platten sind so teuer! Die allererste Single bekomme ich 1966 von unseren Berliner Nachbarn Rosi und Jürgen Schaade geschenkt: Monday Monday von The Mamas & the Papas. Ich spiele sie immer wieder, stundenlang. Doch was für ein blöder Name für eine so tolle Truppe. Und obwohl ich vom ersten gehörten Song an sofort zum ewigen Beatles-Fan werde, ist die erste LP, die ich mir vom gesparten Taschengeld kaufe, Out of Our Heads der Stones – und zwar jene Ausgabe, auf der (I Can’t Get No) Satisfaction ist. Und natürlich wegen genau dieses Songs.
In Damaskus gibt es dagegen gar keine Platten. Jedenfalls keine, die mich interessieren. Ein paar Geschäfte führen zwar Klassik-Schallplatten, und natürlich findet man auch noch Schellack-Platten mit arabischen Schnulzen. Einzig ein armenischer Musikinstrumente-Händler in der Salhieh-Straße besitzt eine winzige Ecke, in der man Jazzmusik findet. Und dort entdecke ich zwischen diesen – oh Wunder des Orients! – einmal ein Exemplar von A Hard Day’s Night, das vermutlich nur versehentlich dazwischen geraten ist. Und das kaufe ich natürlich sofort, wobei ich mir das Geld dafür möglicherweise durch einen Banküberfall beschaffe … ich habe jedenfalls keinerlei Erinnerung mehr daran, woher ich es habe. Dies ist allerdings ein absolut einmaliger Fall – und die Platte habe ich natürlich immer noch.
Nach der Katastrophe von 1967 geht es meinen Eltern wirtschaftlich nicht besonders gut, und zum ersten Mal seit unserer Ansiedlung in Syrien muß der Sommerurlaub ausfallen, den meine Mutter und ich normalerweise in Berlin verbringen. Mit einem dreiwöchigen Aufenthalt in einem bayerischen Dörfchen und anschließender Besuchstour im Süden des Landes zu Verwandten und Freunden. Da die syrischen Sommerferien meist drei bis vier Monate lang sind, ist dafür auch genug Zeit. Inzwischen ist jedoch schon 1969, und keine Reise nach Deutschland bedeutet auch: keine neuen Platten. Oh Gram!
Da ich am Ende des Schuljahres sitzen bleibe, das erste Mal überhaupt und auch nur deshalb, weil ich unseren Direktor immer wieder zur Weißglut bringe, also im Grunde völlig berechtigt (beides!), habe ich Zeit genug, um den ziemlich unrealistischen Plan zu fassen: Ich mache einen Plattenladen auf! Daß ich keinerlei Grundkapital habe, scheint mir kein ausreichender Hinderungsgrund zu sein. Und so ziehe ich eines sonnigen Tages los, direkt ins beste und teuerste Wohnviertel der Stadt. Denn hier sind meine Kunden: die Kids der Oberschicht, die vielen Ausländer und vielleicht ein paar Intellektuelle. Es haben schließlich genug Leute im Ausland studiert, und wenigstens einige von ihnen sind sicherlich auf den Geschmack gekommen.
Nachdem ich die Abu Rummaneh, eine Allee mit prachtvollen Palmen auf dem breiten grünen Mittelstreifen, bis zur halben Höhe entlanggewandert bin, biege ich links ab. Hier geht es ebenfalls leicht aufwärts, aber schmaler und in einem sanften Bogen. Nach weniger als 100 m erreiche ich ein kleines viereckiges Plätzchen, das dicht mit Pinien bewachsen ist. Drumherum die üblichen Wohnhäuser, jeweils freistehend, mit vielen Balkonen und Fenstern. Das Erdgeschoß ist Hochparterre, während die Wohnung im Unterparterre in den Genuß eines Lichtgürtels kommt, der rings um das Haus verläuft und häufig breit genug ist, um Platz für große Bäume, Rosensträucher und Hollywoodschaukeln zu bieten. Ebenerdig existieren an den Hausseiten oftmals eine oder zwei Garagen mit Wellblechrollos – und genau auf solche habe ich es abgesehen.
Die Ecke gefällt mir irgendwie. Grün, ruhig und trotzdem genau am richtigen Platz der Stadt. Es ist Mittagszeit im Sommer und manchmal so still, daß man die Fliegen vorbeisummen hört. Wer kann, verschläft diese Stunden des Tages, um sich nach der Siesta voller Lebenslust in die einsetzende Kühle des Abends zu stürzen und dann auch lange durchhalten zu können. Ich blicke auf die kleine Grünfläche und bitte darum, sehen zu dürfen, wie es hier in zehn Jahren aussehen wird. Ich schließe die Augen … und WOW!!
Ich erblicke die Zukunft – und sie gefällt mir ausgesprochen gut. Neben den zwei Edelrestaurants, die sich schon seit wenigen Jahren in umgewidmeten Hochparterre-Wohnungen von zwei Eckhäusern befinden, sowie einer übel beleumdeten, mir jedoch recht gut bekannten Discothek im Tiefparterre (oh ja, auch solche gibt es hier!), sehe ich nun ringsherum imaginäre weitere Läden, Cafés und Imbisse. Und einen Haufen junger Leute, von denen einige protzend mit Pappas Auto um das kleine Karree quietschen. Noch einmal: WOW! Ich reiße die Augen auf. Nein, jetzt existieren diese Läden nicht, aber die Wohnungen, die zu ihnen umgebaut werden, sind klar erkennbar. Soweit meine Erinnerung reicht, hatte ich weder davor noch danach jemals wieder eine derartige Hellsicht auf Bestellung. Und nachträglich gesagt: Die spätere Realität übertrifft das Gesehene sogar noch. Aber eins nach dem anderen.
Ein Geschäft direkt am Platz kommt jedenfalls nicht in Frage, da ist mir die Atmosphäre – in einer Dekade – viel zu unruhig. Aber wie steht es mit den beiden kleinen Seitengassen, die an zwei Ecken des Karrees abgehen? Nun, die linke ist ziemlich steil, während die andere völlig eben ist. Da ich Bequemlichkeit sehr schätze und diese auch meinen Kunden bieten möchte, wende ich mich sofort nach rechts. Und da ist sie auch schon: eine wunderschöne Doppelgarage, leicht zurückgesetzt, eine saubere, mit Steinplatten ausgelegte Zufahrt, Südseite. Oh ja, aus uns beiden könnte was werden …
„Hey Achmed! Was machst du denn hier?“
Ich drehe mich um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es auch eine Doppelgarage, und die ist schon ausgebaut. Mehr als eine verglaste Front mit Aluminiumrahmen und ebensolcher Glastür sehe ich allerdings nicht. Davor steht ein Typ, ein paar Jahre älter als ich, der mir vage bekannt vorkommt. Leider habe ich nicht das eidetische Gedächtnis meiner analphabetischen arabischen Vorfahren. Na ja, dafür kann ich lesen. Aber an die Namen der Leute, denen ich nur einmal begegne, kann ich mich nur selten auf Anhieb erinnern – so wie es in der Gesellschaft hier ansonsten völlig normal ist.
„Ich bin Khaled, wir kennen uns aus dem Granada-Bad, erinnerst du dich?“
So langsam, aber wirklich nur ganz, ganz langsam. Ich brauche es nicht zu sagen, er sieht es in meinem Gesicht und lacht.
„Und? Was schaust du dir die Garagen da drüben an?“
„Ich mache hier einen Schallplattenladen auf.“
Khaled stutzt und starrt mich plötzlich mit einem völlig veränderten Blick an. „… ach wirklich?“
„Ja. In der ganzen Stadt gibt es keine vernünftige Musik. Die paar Discos, wie eure Nachbarn da vorne, müssen sich ihre Platten aus Beirut herüber schmuggeln lassen, denn hier zu kaufen gibt es keine, oder?“
„Da hast du recht. Aber komm doch lieber herüber in den Schatten, dann kann ich dich auch meinem Partner Hikmat vorstellen, denn das hier ist unser Laden. Und eigentlich wollen auch wir Platten verkaufen – um es gleich zu sagen …“
Da es mir erst einmal die Sprache verschlägt, geht Khaled durch den noch völlig leeren Laden, wie ich nun sehe, und durch eine kleine Tür links an der Hinterseite, aus der er zusammen mit jenem Hikmat wieder auftaucht, der sich als ruhiger und angenehmer Zeitgenosse entpuppt. Bei der Vorstellung erfahre ich, daß beide den gleichen, nicht allzu weit verbreiteten Nachnamen Zouhdi haben, ohne jedoch verwandt zu sein. In dem schmalen Hinterzimmer haben sie eine Werkstatt eingebaut, die sie mir nun stolz zeigen, wobei Khaled ein großes Talent im Mechanischen hat, wie er mir erzählt, während Hikmat ein begnadeter Elektroniker ist. Sie haben ihren Laden erst vor wenigen Wochen eröffnet, führen aber bereits Reparaturen durch. Neben ein paar Transistorradios liegen einige dieser neuartigen Kassettenrecorder herum, und in der Ecke steht, schon etwas verstaubt, ein einsamer Plattenspieler. Also, wenn das alles ist, was die Jungs zu bieten haben …
Ich erzähle ihnen, was ich geplant habe. Sie sind beide ehrlich und geben zu, von der tollen neuen Rockmusik nicht viel zu verstehen. Was sie dagegen können, ist, so gut wie jedes elektrische oder elektronische Gerät zu reparieren.
„Und das macht ihr da hinten?“
„Ja.“
„Na, dann können wir uns doch gegenseitig die Kunden bringen. Wer Musik will, den schickt ihr zu mir rüber – und wer ein kaputtes Gerät hat, dem empfehle ich euch.“
Allzu sehr begeistert sie mein Vorschlag nicht. Sie scheinen schon genügend Arbeit zu haben.
„Und was ist mit dem Raum hier vorne?“, frage ich. „Der ist immerhin mindestens dreimal so groß. Und leer. Wieso?“
„Bisher haben wir einfach noch keine Zeit, um die Sache mit der Musik anzugehen.“
„Was für Musik wollt ihr denn verkaufen?“
„Na ja, was halt gefragt ist. Tom Jones. Engelbert Humperdinck und so …“
Ich muß mich stark zusammenreißen, um nicht ausfallend zu werden. Oder zu kotzen.
„Waaas? DAS nennt ihr Musik? Ihr seid ja nicht mehr ganz dicht. Da könnt ihr ja gleich Um Kulthoum und Wadi‘ al-Safi ins Repertoire aufnehmen!“
Deren hier äußerst beliebter Gesang hört sich für mich – vermutlich aufgrund meiner Geburt in Berlin und den temperierten Klängen, mit denen ich in den ersten Lebensjahren berieselt werde – tatsächlich wie Katzengejammer an.
„Nun mach mal halblang. Wir wollen uns schon auf westliche Musik beschränken, aber warum nicht diese Schmusesongs. Du weißt doch selbst, wie die Bräute darauf abfahren!“
(Anmerkung: Die auf Arabisch tatsächlich ausgesprochenen Sätze haben selbstverständlich einen ganz anderen kulturell-sprachlichen Kontext – ich übertrage sie hier eher inhaltsgetreu.)
Ich knirsche mit den Zähnen. Denn natürlich haben die beiden recht. Das ist ja das Schlimme.
„Na gut, umso besser, dann machen wir uns keine Konkurrenz. Bei mir haben diese Schmalzlocken und Sülznudeln jedenfalls absolutes Hausverbot!“
Hikmat und Khaled grinsen sich an. Irgend etwas geht da vor, aber ich schnalle es noch nicht und bleibe vorsichtig.
„Wann wollt ihr denn beginnen?“
„Und wann du?“
Oups, damit habe ich nun gar nicht gerechnet. Welche konkreten Pläne schweben mir eigentlich vor? Mir geht unverhofft auf, daß ich mir im Grunde noch keinen einzigen Gedanken darüber gemacht habe, wie ich meinen Plan in die Realität umsetzen soll. Wohlgemerkt, ich habe 50 Pfund in der Tasche, was in etwa 50 DM entspricht. Es ist nicht zu erwarten, dafür auch nur einen Quadratmeter der gegenüberliegenden Garage anmieten zu können. Nächsten Monat kommen natürlich weitere 25 Pfund dazu, sofern ich geruhe, zwischenzeitlich nichts davon auszugeben. Na toll.
Langer Rede kurzer Sinn: Wir gelangen schnell zu einer Einigung. Ich bekomme den vorderen Raum, um ein Plattengeschäft zu installieren. Man nennt das „in den Schoß fallen“ … oder „ins gemachte Nest“. Die Absprache ist absolut fair: Dekoration und Musikstil sind ausschließlich meine Entscheidung. Der erzielte Gewinn wird unter uns drei gleichmäßig aufgeteilt. Ich habe nichts an irgendwelchen Kosten zu tragen, werde dafür aber nicht an den Reparatureinnahmen beteiligt. Damit reichen meine 50 Pfund plötzlich aus.
In rund drei Wochen habe ich eine Sperrholztheke mit Fächern für die Platten gebaut, mit Hilfe von Freunden die Decke in einen strahlend bunten Regenbogen verwandelt und ein paar Spots installiert. Aus meinem Zimmer in der elterlichen Wohnung hole ich den niedrigen Tisch und die vier kubischen Hocker, dazu die Musikanlage mit zwei ebenfalls selbstgebauten riesigen Boxen. Das erste Mal eine Platte aufzulegen, die Regler voll aufzudrehen und dem halben Viertel die Existenz unseres Ladens mitzuteilen … ja, das hat schon was.
Als Hommage an den gewählten Namen Blow Up hänge ich genau vis-à-vis der Eingangstür das Plakat von Vanessa Redgrave aus dem Film, auf dem sie ihren nackten Oberkörper nur mit den Armen verdeckt. Eine Ikone. Und dann legen wir los. Aufgemacht wird irgendwann, oft erst am Nachmittag, dafür mit Open End. Und die ganze Zeit spielt die Musik.
Womit wir vor dem nächsten Problem stehen. Ich bin schließlich nicht bereit, meine Platten zu verkaufen. Die zwei nicht allzu dicken Stapel bilden das unantastbare Stammkapital. Und der dritte Stapel mit allem möglichen Schrott, den wir von dem bereits erwähnten armenischen Händler gekauft haben, muß zur Tarnung stehen bleiben. Das sind schließlich die einzigen Platten, für die wir eine Quittung vorweisen können. Ganz blöd sind weder wir noch die Zollfahndung.
Der neue Laden spricht sich schnell herum, und mit einer Reihe von Philips-Kassettenrecordern, Mk-3-Modellen mit Mittelschalthebeln, wird die von den Kunden gewünschte Musik kopiert und ihnen verkauft. Was auch wesentlich günstiger als eine Platte ist, denn die Kassettenrohlinge werden gerade immer billiger. Außerdem ist es die einzige Art, die Musik überhaupt zu verbreiten – und damit die Freude daran.
Der Rubel rollt, der Mond scheint in der milden Sommernacht und die viele Jahrtausende alte Stadt hört Pink Floyd und Jimi Hendrix, Gravy Train oder ausnahmsweise auch mal Creedence Clearwater Revival – aber nur Cosmic Factory! Im Hinterzimmer kommen sie mit den Reparaturen kaum mehr hinterher und alles ist gut. Nun ja, fast alles. Denn das Angebot bleibt recht beschränkt, und neue Sachen gibt es gar nicht. Nach ein paar Wochen ist klar, daß es so nicht weitergeht. Zeit für das nächste Wunder.
Überraschenderweise hat dieses die dickliche, mit einer Halbglatze geschmückte Gestalt von Khaleds Onkel, der uns einen Kredit von 6.000 Pfund anbietet. Da ich nicht in dem Vertrag drin bin, übernehmen die anderen beiden die Sache – und drücken mir ein paar Tage später den dicken Geldstapel bar in die Hand. Der entspricht immerhin dem Jahresgehalt eines kleinen Angestellten. Vorangegangen ist eine Vereinbarung mit einem Freund Khaleds, um jemanden für den sicheren Transport zu haben. Ahmad ist Offizier in einem der zivilen Geheimdienste, hat einen staatlichen Peugeot und Verwandte in Beirut, wo ich einkaufen werde.
Die Lage hier ähnelt der Situation Berlins während der Mauer. Die Oasenstadt Damaskus gleicht einem ruhigen und etwas verschlafenen Ostberlin, in dem es einiges einfach nicht gibt, während die Hafenstadt Beirut, kaum zwei Fahrstunden entfernt, dem spritzigen und lauten Westberlin ähnelt, das ebenso keine Polizeistunde kennt und alle Formen von Genuß und Ablenkung bietet. Es gibt jede Menge Importe und, noch viel wichtiger: sogar Preßwerke! Die Matrizen werden aus den USA und Europa eingeflogen, und schon am nächsten Tag kann man in vielen Läden die neuesten Singles und LPs erwerben. Wofür ich nun auch genügend Geld habe.
Natürlich gibt es keine reale Mauer, aber eine zur Hälfte sozialistische, in Form der Grenzstation auf der syrischen Seite einer Pufferzone. Die andere Hälfte ist purer levantinischer Merkantilismus. Mit meinem irakischen Paß kann ich jederzeit hin- und herreisen, brauche kein Visum und muß mir nur den jeweiligen Stempel abholen. Zurückgelegt wird die Strecke in Sammeltaxis, zumeist alten 190ern, die losfahren, sobald fünf Passagiere drin sitzen.
Mit einer großen Kiste bepackt werde ich bei der Rückkehr allerdings von syrischen Zollbeamten gefragt werden, was sich denn da Nettes darin befindet. Ich werde antworten: „Ach, nur ein paar Schallplatten“, worauf sie sicherlich ein ausgesprochenes Interesse an diesen entwickeln werden. Mit unabsehbaren Folgen, von denen die absehbaren schon schrecklich genug sind.
Nein, es geht dabei wirklich nicht um die Umgehung des Zolls. Nun gut, ein wenig schon. Aber in erster Linie gilt es zu vermeiden, daß das Kultusministerium Wind von unserem Kulturimport bekommt. Den Bestimmungen zufolge ist jeder Informationsträger zu übergeben, um dort zwecks diverser Zensurmaßnahmen gelesen, angeschaut und angehört zu werden. Auch das wäre möglicherweise in Ordnung, aber ich will die Platten jetzt, gleich, sofort auf den Teller des Blow Up legen … und nicht erst in drei Monaten und dann auch noch völlig zerkratzt!
Ich also los nach Beirut und dort schnurstracks zur Geschäfts- und Lifestylemeile al-Hamra. Es ist ein üblicher Vormittag mit hupenden Autos, völlig hektischen oder völlig lässigen Passanten, Straßenverkäufern und ein paar Touristen. Schon ganz vorn auf der linken Straßenseite fällt mir etwas an einem Fotogeschäft auf, eine Art Neon-Werbung mit einem Pfeil und einer stilisierten Schallplatte. Ich betrete den Laden und frage den Verkäufer, ob sie tatsächlich Schallplatten führen.
„Ja, aber unten. Die Treppe ist da drüben.“
Ich steige die Stufen herunter, es spielt Musik, die ich nicht kenne. Der Keller ist zu einem sauberen Plattengeschäft ausgebaut, mit mehreren Reihen gut gefüllter Kästen. Der Raum scheint früher wohl ein Studio gewesen zu sein, denn es gibt ein verglastes Kabuff, in welchem ein junger Mann sitzt. Nach der Begrüßung komme ich gleich zur Sache.
„Ich habe 6.000 syrische Pfund dabei, um Schallplatten zu kaufen, die ich in meinem Laden in Damaskus verkaufen will. Fällt dir dazu was ein?“
„In Damaskus gibt es jetzt also einen Plattenladen? Oha!“, grinst er frech. „Was für Platten willst du denn? Jazz, Blues oder Klassik? Ich habe alles da.“
„Anscheinend nicht ganz. Ich will nur Rockmusik.“
Erstaunt blickt er auf. Jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit.
„Nenn‘ mal ein paar Gruppen.“
Ich zähle ihm meine Lieblingsbands auf sowie ein paar andere, die zwar nicht dazugehören, aber trotzdem gut genug sind, um einen Platz im Repertoire des Blow Up zu verdienen. Fast mit jedem Namen wird sein Grinsen breiter, schließlich lacht er laut los.
„Ich hätte das nie gedacht … aus Damaskus? Und du verarschst mich wirklich nicht?“
Empört zücke ich das Geldbündel und halte es ihm dicht vor die Nase.
„Entschuldige bitte, ich wollte nicht unfreundlich sein, aber ausgerechnet Damaskus … so nah und doch so weit weg. Ich bin immer mal wieder dort, habe da Familie. In Bab Touma.“
Das ist das Thomas-Tor.
Ich frage: „… bist du Christ?“
„Ja, ich bin Armenier.“
Noch einer. Klar, denn wohin flüchten sie, als die Jungtürken sie 1915 massakrieren? Nach Syrien! Und zwar in das Land Syrien. Das heißt: inklusive des Bergs Libanon, Alexandrette usw. – aus dem später an Tischen in London und Paris der per Lineal konstruierte Staat Syrien wird. Welcher dann etwas enger ausfällt. Heute sind die Armenier ein nicht mehr wegzudenkender Teil der religiös und ethnisch bunten Gesellschaftsmelange in der Region, haben einen großen Anteil am Goldhandel und stellen die besten Autoschlosser. Aber eben nicht nur, wie sich im vorliegenden Fall beweist.
„Komm her. Hier hast du einen Block und einen Kuli. Schreib auf, was ich dir sage.“
Ich habe es mir zwar etwas anders vorgestellt, doch bislang gibt es keinen Grund, nicht mitzuspielen. Wir gehen zu einer der Reihen, und innerhalb einer halben Stunde habe ich die erste Seite des Blocks voll. Meist steht hinter dem Songtitel oder Gruppennamen, je nachdem, was kürzer ist, die Zahl Eins. Aber nicht immer.
„Von der hier solltest du drei … nein, besser gleich fünf nehmen. Die läuft super!“
„Okay, es sollten insgesamt aber nicht zu viele Singles sein. Ich will die Leute ja auch noch weiterbilden.“
„Dann laß mal sehen, wie viel wir schon haben.“ Und kurz darauf: „Gut, komm rüber zu den LPs.“
Worauf es nicht lange dauert, bis eine zweite Seite voll ist. Dann kehren wir in sein Kabuff zurück.
„Gib mir das Geld und komm um vier Uhr wieder, bis dahin sollte alles da sein.“
Ich kenne ihn nicht. Und was ist, wenn der Laden zu ist, wenn ich um vier Uhr wieder davorstehe? Oder dann gar keinen Keller hat? Diverse kriminelle Szenarien tanzen vor meinem geistigen Auge herum. Ich gebe mir einen Ruck. Bin ich denn nicht bestens geführt worden? Also verschwinde ich, spaziere erst etwas herum, kaufe ein Poster, esse ein Sandwich und setze mich dann in ein Café, um einen Chocolat Mou zu verputzen und die vorbeiflanierenden Mädchen zu beäugen, von denen einige recht niedlich sind.
Mein Armenier gehört zur Fraktion der Glücksengel. Alles ist da. Er erzählt mir, daß er unsere Liste entsprechend den Labels aufgeteilt, die Bestellungen telefonisch durchgegeben und auf sofortige Lieferung bestanden hat.
„Hier, nimm die Liste und hake ab.“
„Hey, das ist nicht nötig. Ich vertraue dir.“
„Dankend abgelehnt. Wir machen ein Geschäft. Und du wirst bald wieder neue Platten kaufen wollen. Was hier bei mir geschehen soll. Du könntest die Platten etwas billiger bekommen, wenn du die Firmen selbst abklapperst. Willst du das?“
„Nein. Denn du hast mich gut beraten. Du verdienst deine Marge“, erwidere ich lächelnd. Es allein zu tun, wäre mit diversen Fahrtkosten verbunden, und ich könnte den Nachmittag keinesfalls so angenehm verbringen.
„Das sehe ich auch so. Und deshalb werden wir jetzt jede Platte abhaken und dann alles zusammenrechnen.“
Und so geschieht es auch. Bei diesem wie auch allen späteren Besuchen. Anschließend packe ich die Kiste in ein Taxi, liefere sie bei den Verwandten von Ahmad ab und fahre mit dem nächsten Sammeltaxi glücklich nach Damaskus zurück. Zur Feier des Tages leiste ich mir die beiden Vorderplätze neben dem Chauffeur. So sitze ich wesentlich bequemer – und der Fahrer genießt es auch und fährt vielleicht etwas fürsorglicher. Das Poster erregt an der Grenze keinen Verdacht, und schon zwei Stunden später kann ich Ahmad anrufen und Vollzug melden.
Woraufhin sich dieser in seinen Wagen setzt, ebenfalls über die beiden Bergkett(ch)en nach Beirut fährt, bei seiner Verwandtschaft einen Kaffee trinkt und die Kiste einlädt. Kurz nach zehn fährt er bei uns vor. Ich stolpere fast über meine Füße vor Aufregung, als ich aus dem Laden stürze, um beim Hineintragen der eingeschmuggelten Kiste zu helfen. Anschließend sitzen wir bis nach zwei Uhr morgens zusammen, während ich ihm und mir die klanglichen Geschmeide und Edelsteine zu Gemüte führe. Denn das sind seine Bedingungen: Das Recht auf das erste Hören … und auf den Erstkauf.
Tatsächlich nimmt er rund zehn Singles und fünf oder sechs LPs mit, zu ihrem vollen Preis. Während der gesamten Zeit unserer fruchtbaren Zusammenarbeit gelingt es mir nur ein einziges Mal, ihm eine Platte zu schenken: die Get Ready-LP von Rare Earth, mit ihrer ununterbrochenen tanzbaren A-Seite. Ansonsten meint er:
„Für mich ist es einfach nur ein schneller Besuch in Beirut. Ich habe aber keine Lust, mir dort in irgendeinem fremden Laden stundenlang Platten anzuhören. Und die fänden das sicherlich auch nicht so spannend. Mein Gewinn an der Sache ist, daß ich gemütlich hier bei dir sitzen und alles in Ruhe anhören kann … und dann in nur zehn Minuten zu Hause bin.“
Und so kann auch der reguläre Schallplattenverkauf beginnen, was einiges ändert. Zum Beispiel das Niveau meiner Einkünfte. Und natürlich unseren Bekanntheitsgrad. Schon bald zählen so illustre Persönlichkeiten wie Dureid Lahham, der wohl bekannteste Schauspieler Syriens, zu den Kunden, von denen einige anfänglich auch nach Tom Jones fragen, dies aufgrund meiner giftigen Blicke fortan aber tunlichst vermeiden. Als Kompromiß führe ich den Verkauf von Batik-T-Shirts ein, die sich gegenseitig mit immer bunteren Farbexplosionen übertreffen und von meinem Freund Rafiq Qanawati hergestellt werden, der hierfür die elterliche Medikamentenfabrik nutzt.
Auch im Hinterzimmer brummen die Geschäfte. Der Raum wird von meinen Partnern für das eine oder andere Schmusestündchen mit ihren wechselnden Freundinnen genutzt – ich habe ja ein eigenes Zimmer zu Hause, doch das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Und dann werden manchmal auch größere Geräte angeschleppt, um die einiges Gewese gemacht wird. Und dies nicht unberechtigt, wie ich erfahren muss, als eines Tages ein bewaffnetes Kontingent die Straße besetzt und das Blow Up stürmt.
Egal, wer gerade dran ist: Wir selbst sind ein eingespieltes Team. Khaled und/oder Hikmat bilden in jedem Fall die Verantwortlichen – und damit die Opfer –, während ich mein europäisches Gesicht mit einem dümmlich-erschreckten „… huch!?“ aufsetze und daraufhin als unliebsamer Zeuge von den Beteiligten schleunigst aus dem Laden hinauskomplimentiert werde. „Das ist ein ausländischer Kunde!“
Es ist wichtig zu entwischen, um möglichst schnell die Familien der anderen beiden zu informieren. Die hängen sich wiederum ans Telefon und mobilisieren ihre jeweiligen Klientelnetzwerke. Bisher passiert dies – wesentlich ziviler, aber trotzdem unangenehm – etwa jede Woche. Und immer reihum: Zollfahndung, Sittenpolizei, Staatssicherheit, Drogendezernat, politische Polizei, verschiedene Nachrichtendienste – … Habe ich wen vergessen?
Meist wird Khaled oder Hikmat zum Verhör irgendwohin mitgenommen und taucht nicht viel später wieder auf. Schließlich gibt es zwar einiges, was gegen unsere Aktivitäten spricht, aber nichts, das sich tatsächlich beweisen läßt. Die Leute vom Zoll können kaum die Plattentitel unterscheiden, in der Werkstatt wird nie ein Mädchen in flagranti erwischt, und das staatsgefährdende Potential entpuppt sich weniger schlimm als das akustische. Dazu kommt, daß damals tatsächlich keiner von uns kiffte – und daß die verkündeten politischen Ansichten von Friede, Freude und Rockmusik vielleicht wehrkraftzersetzend sind, aber nicht in signifikantem Maße, da sich bislang nur höhere Offiziere als betroffen erweisen. Und denen kann man das Hören dieser Musik ja schlecht verbieten.
Diesmal scheint es allerdings ernst zu sein, denn während ich noch zwischen den Kalaschnikows meinen Weg nach außen bahne, werden Khaled und Hikmat in Handschellen aus der Werkstatt herausgetrieben, und ein paar Männer beginnen, einen der wartenden Wagen mit jenen ominösen Apparaten zu beladen, über die ich mich schon gewundert hatte. Es handelt sich um große Rucksack-Funkgeräte der Al-Fatah, mit denen diese ihre Fedayin-Trupps in die von Israel besetzten Gebiete schickt. Und die dabei anscheinend ziemlichen Belastungen ausgesetzt sind und ständig kaputtgehen. Worauf sie im Blow Up mittels Lötkolben und Oszillographen fachkundigen Heilungsprozessen unterzogen werden.
Ich vermute, daß dies als patriotische Leistung verbucht wird, was die syrischen Behörden aber trotzdem sehr nervös macht. Die bekommen allein bei dem Wort „Funkgerät“ schon Panikattacken, seitdem es diese böse Geschichte mit dem israelischen Spion Eliahu Cohen, alias Kamal Amin Thabet, gibt: Er steht schon kurz davor, ins nächste Ministerkabinett aufgenommen zu werden, als man seine Sendungen abfängt und ihn dingfest macht.
Hikmat und Khaled bleiben diesmal einige Tage in Haft, und ich muß den Laden allein schmeißen. Wie ich später erfahre, bedarf es eines Besuchs von Jassir Arafat persönlich bei Präsident Assad, um die Angelegenheit zu bereinigen und die Funkgeräte wieder zurückzubekommen. Worauf auch meine beiden Freunde entlassen werden, etwas erschöpft zwar, aber ohne mehr als ein paar nervende Verhöre erlebt zu haben. Die sind schon nach ein paar sonnigen Tagen mit toller Musik, hübschen Mädchen und überlangen Öffnungszeiten vergangen und vergessen.
Und während das tolle Leben im Sommer 69 langsam in den Herbst und Winter übergeht, nähert sich das Abitur, das mich in ein paar Monaten erwartet … was ich aber mit beständigen Anstrengungen erfolgreich verdränge. Laß es doch warten!