Schluchzend wache ich auf, wieder einmal zu Tode erschreckt von dem bösen Traum, der mich nicht in Ruhe läßt. Ich falle fast aus dem Bett und renne ins Schlafzimmer meiner Eltern. Gott sei Dank ist mein Vater da. Ich krabble zu ihm in das große Bett und kuschle mich an. Ohne richtig aufzuwachen rückt er brummelnd ein wenig zur Seite. Hier ist es warm und ich fühle mich geborgen. Schnell schlafe ich wieder ein.
Es ist immer wieder der gleiche Traum. Ich bin bis zur Brust im Treibsand versunken. Irgendwo in der Wüste. Ich habe gerufen und geschrien, aber es ist niemand da, der mir helfen könnte. Ich merke, wie ich einen Fingerbreit nach dem anderen immer tiefer sinke. Es ist erschreckend langsam. Mein Körper zuckt, schreit danach, weiterleben zu dürfen, doch mein Schicksal ist nicht mehr zu ändern. Aber der Sand erreicht mein Kinn, das ich verzweifelt nach oben recke. Doch dann berühren die trockenen, heißen Körner meine Lippen, meine Nase, die Augen. Ich bekomme keine Luft mehr… und mit dem letzten panischen Entsetzen kommt Dunkelheit. Aus der ich dann immer heulend zu mir finde, zwischen naßgeschwitzten Laken und mit entsetzlich laut klopfendem Herzen.
Ich weiß nicht, wie oft sich dieser Traum wiederholt. Sicherlich aber mehr als ein Dutzend Mal. Es ist der einzige Albtraum, den ich je hatte. Während der Pubertät verschwindet er – um im Alter von 19 Jahren noch ein einziges Mal und in stark veränderter Form, wiederzukehren. Diesmal träume ich nämlich, mit der gleichen Erbarmungslosigkeit in eisig kaltem Wasser zu versinken. Trotzdem ist dieser Traum eine Art Abschied… vom Traum. Denn seine Elemente waren fast alle erst wenige Tage zuvor real gewesen. Ich war von einigen Freunden in Hamburg eingeladen worden, über Silvester mit an den Ostseestrand Kalifornien zu kommen, wo sie die Tage über ein kleines Häuschen gemietet hatten. Aus der versuchten Verkupplung mit einer bildhübschen jungen Dame wurde zwar nichts, aber am Strand hatten wir zusammen viel Spaß, trotz der Kälte und des schneidenden Windes. Und umso gemütlicher waren die Abende in der warmen Stube. Im Traum spielten wir Verstecken und ich grub mich auf einem weit ins Wasser hinausragenden Anleger in eine Schneewehe ein, die sich dort aufgetürmt hatte. Ich bin in meinen dicken Pelzmantel eingepackt, das Erbstück einer Tante, aber als Hippie kann man so etwas tragen. Ich höre das Lachen der anderen, dann ihre Rufe, die aber immer entfernter klingen. Plötzlich merke ich, daß sich der Anleger bewegt. Ich hebe meinen Kopf aus dem Schnee und bemerke erschreckt, daß sich der Steg losgerissen hat und bereits weit aufs offene Wasser hinausgetrieben ist. Durch die Verlagerung meines Körpers beginnt alles zu kippen und ich rutsche mitsamt dem Schneehaufen in das kalte und dunkle Wasser. Die sich vollsaugenden Klamotten ziehen mich wie ein Stein in die Tiefe. Mein letzter Gedanke ist: „Meine Eltern werden traurig sein.“ Dann sterbe ich und wache auf und merke, daß ich bei eben jenen Freunden in Hamburg bin. Ich war nur kurz eingenickt und bin nun heilfroh über dies sich doch sehr wundernde Waltraud, an deren Brust ich mich ausheulen kann, während ich zwischen abgehackten Schluchzern versuche zu erzählen, was überhaupt los ist.
Nach diesem letzten Todestraum habe ich nie wieder etwas Derartiges erlebt. Nicht etwa, daß ich mich stets an alles erinnern kann, was während der REM-Phase in meinem Hirn los ist, aber manchmal schon – und da bedaure ich es sehr, daß die Technik der Traumaufzeichnung noch immer nicht erhältlich ist. Denn einiges von dem, was der innere Regisseur im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Szene gesetzt hat, hätte sich vor keinem Blockbuster verstecken brauchen. Ich beneide allerdings jene Menschen, die regelmäßig träumen, daß sie fliegen, denn das ist mir selber nicht vergönnt. Aber man kann halt nicht alles haben. Und auch ganz ohne (erinnerte) Träume ist es ein unvergleichlicher Genuß, mit reinem Gewissen in den Schlummer fallen zu können, zwischendurch kurz aufzuwachen, in dem Wissen, daß kein Wecker klingeln wird und keine Termine drängen – um sich dann wieder umzudrehen und selig wieder einzuschlafen. Warum darf man das eigentlich nicht als Hobby bezeichnen?
Nun bleibt noch die Frage, woher ich diesen Traum hatte. Da ich nichts über mein Alter sagen kann, als ich zum ersten Mal elendig im Sand erstickte, könnte es meine lebendige Phantasie sein, die dieses Element vielleicht in einem Märchen gehört hat und sich entsprechend vorgestellt hat. Gegen diese Annahme spricht der überwältigende Realismus des Geschehens, bei dem ich die Sandkörner fast schon einzeln in meine Nase eindringen fühle. Und, daß ich niemals irgend etwas Ähnliches träumte. Weder falle ich in glühende Vulkane, noch in bodenlose dunkle Schächte, ich werde nicht gejagt und nicht bedroht, und schwarze Schatten bleiben das, was sie sind. Schwarze Schatten eben. Auch die zweite Theorie, die der genetischen Erinnerung, von der ich übrigens fest überzeugt bin, ist im vorliegenden Fall nicht stichhaltig. Denn als Treibsandleiche hätte mein letzter Erguß nur noch den trockenen Schoß der Wüste befruchten können. Also doch ein Hinweis auf Seelenwanderung? Träumte ich tatsächlich das Erlebnis eines eigenen früheren Todes, das sich in einem Winkel meiner Seele versteckt aus eben jenem in diesen neuen Körper geschmuggelt hatte? Eigentlich finde ich diese sogenannten Rückführungen selten bescheuert, denn so gut wie alle Betreffenden waren in einer ihrer früheren Inkarnationen entweder eine pharaonische Prinzessin oder ein Hohepriester aus Atlantis! Was in letzterem Fall wenigstens eine Erklärung für das Versinken des Kontinents wäre … wegen des Übergewichts an Hohepriestern nämlich. Wer dann aber die Pyramiden gebaut haben soll, wenn es den ganzen Nil entlang nur Prinzessinnen gibt, die eifrig nach Babys in Strohkörben suchen, ist mir völlig unerklärlich. Ebenso, wie ich mir auch die Frage nach der Quelle meines Albtraums bislang nicht beantworten konnte. Ich tendiere allerdings zu der letztgenannten Erklärung.
Und werde mich bei Gelegenheit beim zuständigen Büro für Inkarnationen darüber beschweren, daß die Vor-Wiedergeburts-Kontrolle damals so schlampig durchgeführt wurde…!