Auf seinen vielen Reisen hat er eine bestimmte Sache ganz besonders zu schätzen gelernt – den Wert eines sicheren Verstecks. Denn das Osmanische Imperium ist inzwischen ein siecher alter Mann, der sich um das Wohlergehen und die Sicherheit seiner Untertanen nicht mehr kümmern kann oder will. Es hat zwar vor ein paar Jahren die Revolution der Jungtürken gegeben, und nach Sultan Abdulhamid II. sitzt jetzt Mehmed V. auf dem verstaubten Thron der ‚Hohen Pforte‘. Doch gleichzeitig nehmen die räuberischen Überfälle sogar auf die Karawanen der Mekka-Pilger zu, bei denen nicht einer der Menschen überlebt, möge Gott ihren Seelen gnädig sein.
Jeder neue Gouverneur versucht, dem Volk in seiner Obhut so viel wie möglich abzupressen, um dann mit der Beute schleunigst wieder zu verschwinden – nur um einem weiteren hungrigen Gouverneur Platz zu machen, der dasselbe böse Spiel von neuem betreibt. Die Offiziere sind sogar noch schlimmer. Wenn sie in ein Dorf hinein reiten, sind vor ihnen weder Besitz noch Tiere oder gar Frauen sicher. Sie nehmen sich, was immer sie wollen, und hinterlassen oftmals nur noch ausgebrannte Ruinen des Todes. Ein einzelner Reisender hat allerdings kaum etwas vor ihnen zu befürchten, das ist unter ihrer verlogenen ‚Würde‘ – möge Gott sie in der tiefsten Hölle schmoren lassen -, und deshalb gilt seine Sorge auch mehr den Banditen, deren Zahl in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen hat, selbst in der direkten Umgebung der Städte und Garnisonen.
Abu Zainal al-Khammas tätschelt beruhigend den Hals seines treuen Maulesels, auf dem er seit ein paar Tagen unterwegs ist. Dies ist erst das vierte Tier, das er sich in seinem bisherigen Dasein gekauft hat, denn er behandelt sie gut und sie danken es ihm mit einem langen Leben. Wie zur Bestätigung stimmt der Vierbeiner plötzlich sein schmerzhaft lautes, herzzerreißendes Geschrei an. Oh, wie recht hat der Prophet Mohammed, der einmal gesagt haben soll, „die häßlichste aller Stimmen ist die Stimme des Esels“, denkt sich der Mann. Viele Leute schlagen ihre Esel und Maulesel, um sie zum Schweigen zu bringen, doch was kann das arme Tier dafür, von Gott so erschaffen worden zu sein? Er selbst hat sich im Laufe der Jahrzehnte an die Stimmen gewöhnt, denn ein edles Pferd hat er sich nie leisten können.
Seine Einkünfte sind bescheiden, und zuhause warten eine Frau und ein halbes Dutzend hungriger Mäuler, die es zu stopfen gilt. Trotzdem bedankt er sich während der fünf täglichen Gebete in aller Aufrichtigkeit für sein gutes Leben. Er selbst und seine Familie sind gesund, und auf seinen Reisen nach Persien, in den Jemen hinunter und einmal sogar bis nach Konstantinopel ist ihm nie etwas Schlimmeres widerfahren, als ein paar Mal von Strauchdieben um eine Handvoll Piaster gebracht worden zu sein. Seine Bücher und sogar sein jeweiliges Reittier hat man ihm jedoch gelassen, da selbst der abgefeimteste Schurke noch Respekt vor einem ‚alem hat, einem lesekundigen Mann des Wissens.
Die Sonne neigt sich dem Horizont zu und so späht er nach einem Ort aus, an dem er sich sein Nachtlager bereiten kann. Es dauert nicht lange, bis er neben ein paar Felsen die Satteltaschen abnimmt, seinen kleinen Teppich ausrollt, den er damals in Mekka gekauft hat, und dann etwas Wasser aus seinem Schlauch benutzt, um die rituelle Waschung für das ssalaat al-maghreb durchzuführen, das Gebet des Sonnenuntergangs. Seinen Maulesel hat er zuvor in der Nähe angepflockt, ihm aber eine ausreichend lange Leine gelassen, damit er an den Disteln knabbern kann, die hier überall büschelweise wachsen. Es ist eine schüttere Landschaft, doch weit entfernt davon, als richtige Wüste bezeichnet zu werden. Dies sieht auch jedes geschulte Auge: huschende Schatten von Kleingetier, diverse Spuren und Losungen, sowie die winzigen Punkte der hochfliegenden Greifvögel, die selbst nach Beute Ausschau halten.
Nach dem Gebet, das um diese Zeit aus drei rak‚as mit ihrer jeweiligen Verneigung und Niederwerfung besteht, sammelt er noch ein paar trockene Stengel ein, zerbricht die Reste des Feuerholzes, das er unterwegs mitgenommen hat, und bald darauf kocht das Wasser auf dem kleinen Lagerfeuer zischelnd in der schon ordentlich zerbeulten Teekanne. In seinem Inneren klingen die Segenswünsche für alle Menschen immer noch nach, mit denen er das Gebet abgeschlossen hat: „as-salamu ‚aleikum ua rahmatullah“ – der Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes – während er die schon leicht angetrockneten Fladenbrote auspackt, eine faustgroße Zwiebel schält und zerschneidet, um dann sein karges, aber dennoch sättigendes Mahl mit ein paar nahrhaften Datteln und kleinen Schlucken des stark gesüßten Tees langsam zu genießen. Und während am Himmel mehr und mehr Sterne erscheinen, die das Dunkel der Wüste erhellen, streckt er sich neben der Glut aus, wickelt sich in seinen Schaffellmantel und ist bald darauf eingeschlafen.
Das erste, was er am Morgen kontrolliert, sind die Äpfel, die sein Maulesel im Laufe der Nacht geschissen hat. Mit einem kleinen Stöckchen stochert er so lange darin herum, bis er die Münzen findet. Ohne sich im Geringsten zu ekeln, klaubt er die drei Goldstücke aus dem Dung heraus, reibt sie mit einer Handvoll Sand glänzend sauber und steckt sie anschließend in die Tasche. Kurz darauf reitet er weiter. Seit gestern Nachmittag befindet er sich auf dem Gebiet des al-Qaissi-Stammes, und hier hat er ganz gewiß keine Räuber mehr zu fürchten. Die Beduinen achten sehr wohl darauf, daß in ihren Weidegründen Sicherheit und Ordnung herrschen. Räuber werden gnadenlos verfolgt und ohne viel Federles getötet. Zuvor jedoch hatte er seine Reisekasse regelmäßig in den After seines treuen Reisebegleiters gesteckt, denn dies ist die einzige Stelle, an der auch die ausgebufftesten Banditen nicht nachschauen werden. Dann bindet er den Schwanz herunter, damit das Tier nicht unterwegs kotet.
Er weiß nicht, ob es noch andere Reisende gibt, die dieses natürliche, gottgeschaffene Versteck nutzen. Er selbst hat jedenfalls nie jemanden davon erzählt, nachdem er bereits in jungen Jahren auf diese abwegige Idee gekommen war – als er nämlich miterleben mußte, wie einige reisende Kaufleute sich vor den Straßenräubern nackt ausziehen mußten, wodurch auch ihre geheimsten Ledertaschen und -beutel auf der Brust, um die Taille oder im Schritt schnell zur Beute wurden. Er hat sich damals den Kaufleuten auf dem Weg nach Qom angeschlossen, der heiligen Stadt der Schiiten, und als er dort eintrifft, schwört er am Grabesschrein der Fatima al-Mas’um, der Schwester des 8. Imam Ali al-Rida, daß er seine Idee mit niemandem teilen wird. Andernfalls hätte er bestimmt irgendwann einmal Mitleid mit einem Bestohlenen empfunden und das Geheimnis ausgeplaudert. Doch ein Schwur bindet ihm die Zunge zu seiner und seiner Goldstücke Sicherheit, denn das Sprichwort sagt doch zu Recht: „Ein Geheimnis, das zwei teilen, ist keines mehr!“
Schon am Mittag nimmt seine feine Nase den Geruch von Lagerfeuern wahr, und bald darauf hört er das erste Gebell. Es dauert nicht lange, bis auch seine Augen die schwarzen Zelte sehen, die in der Nähe einiger Palmen und eines Brunnens aufgeschlagen sind. Während er in das Lager hineinreitet, grüßen ihn die Männer, und ein paar kleine Kinder mit großen Augen rennen und springen neugierig um ihn herum. Inzwischen hat er auch das große Zelt des sheikh al-qabilah entdeckt, des Anführers dieses Stammesteiles, dem ja seine ganze Reise gilt.
Sanft zupft er an den Zügeln, um seinem Maulesel die richtige Richtung zu weisen, als ihm plötzlich der Atem stockt. Zwischen zwei Zelten sieht er ein Beduinenmädchen laufen, dessen wiegender Gang sein Herz für einen Schlag aussetzen läßt. Er sieht sie nur von hinten und wundert sich selbst darüber, wie stark seine Männlichkeit auf ihren gertenschlanken Körper reagiert. So etwas ist ihm wahrlich noch nie passiert. Schnell springt er vom Rücken seines Tieres und folgt dem Mädchen, ohne sich um die Blicke einiger Frauen zu kümmern, die vor ihren Zelten sitzen und über der Glut aus getrocknetem Kameldung, wie ihm seine Nase verrät, Kaffeebohnen rösten, die sie anschließend mit dem rhythmischen Schlagen eines schweren Mörsers zu Pulver zerreiben. Abu Zainal läßt sich trotz der ihm im Grunde völlig fremden Erregung nicht abhängen und merkt sich aufatmend das Zelt, in dem das Mädchen kurz darauf verschwindet.
Am liebsten würde er gleich hinter ihr her stürzen, doch damit hätte er seinen guten Ruf ein für alle Mal verspielt. Außerdem muß er zuerst dem Scheich seine Aufwartung machen, dem er auch etwas Salz und ein paar Papiertütchen mit verschiedenen indischen Gewürzen mitgebracht hat. Und die Papiere natürlich, die sich zusammengerollt in seiner Satteltasche befinden. Seufzend wendet er sich um und zieht sein Reittier hinter sich her, bis er es vor dem Zelt seines Auftraggebers an einen der Pflöcke festbindet.
Nach dem herzlichen Empfang, der Zeremonie des Ausschenkens und des gemeinsamen Schlürfens des bitteren, mit zerstoßenem Kardamom vermischten nachtschwarzen Kaffees, und dem anschließenden langen Frage- und Antwortspiel, das eigentlich völlig nichtssagend ist, aber unumstößlich zum guten Ton unter den Arabern gehört, berichtet Abu Zainal endlich von den jüngsten politischen Entwicklungen, die so ihren Weg auch in die Abgeschiedenheit der al-Ahmadi-Ebene finden. Denn auch dies gehört zu seinen Aufgaben, die er von seinem längst verstorbenen Vater geerbt hat – möge es ihm Gott auf ewig in seinem Paradies wohlergehen lassen.
Bei seinem letzten Besuch vor zwei Jahren war das Hauptthema die Loslösung des Emirats Kuwait von der türkischen Vormachtstellung gewesen, obwohl dies damals bereits einige Jahre zurücklag. Aber was sind schon ein paar Jahre in der ewigen und unveränderlichen Wüste? Daß Mubarak al-Sabah sein Scheichtum unter britischen Schutz hat stellen lassen, kann man ja noch verstehen, aber warum hat die Familie, die ursprünglich aus dem Inneren der Arabischen Halbinsel stammt, den Efrangies auch noch die Zusicherung gegeben, Beziehungen zu anderen Staaten nur mit britischer Zustimmung anzuknüpfen? Und warum bloß haben sie die Weiterführung der Trasse des bereits 1903 begonnenen deutsch-türkischen Projektes der Bagdad-Bahn bis zum Golf verhindert? Sie haben damals nächtelang darüber debattiert, und viele der Männer, die sich im offenen Zelt ihres Scheichs versammelt haben, sind der Ansicht, daß ein jeder, der sich mit den Briten einläßt, ein Verräter sei und den Tod verdiene.
Inzwischen hat ein Weltkrieg begonnen, und erst vor kurzem ist auch die Nachricht in das
Gebiet des alten Mesopotamien gelangt, daß der Emir von Mekka, Scherif Hussein, gemeinsam mit seinen Söhnen Faisal I., Abdallah und Ali im Sommer einen Aufstand gegen den osmanischen Sultan angezettelt hat, und dabei von den Engländern mit Geld und Militärberatern unterstützt wird. Ein gewisser Lawrence, der sich vornehmlich wie ein Beduine kleidet und auch leidlich Arabisch spricht, würde sich dabei besonders hervortun.
Und so toben im Zelt des Scheichs auch diesmal wilde Wortschlachten, bei denen es immer wieder passiert, daß einer der Beteiligten wütend aufspringt und hinausrennt, um sein Blut in der Einsamkeit der Wüste unter dem strahlenden Sternenhimmel wieder etwas abzukühlen.
Erst nach langen Palavern kommt man wie zufällig auf die tatsächlichen Gründe seines diesjährigen Besuches zu sprechen, doch der Scheich beschließt, diese erst morgen und unter vier Augen ausführlich zu behandeln. Nun endlich kann der Städter vorsichtig nach jenem Zelt fragen, das die ganze Zeit über wie eine hartnäckige Fata Morgana seinen inneren Horizont beherrscht hat.
Gleich in der Frühe des nächsten Tages geht er hin, setzt sich mit den Eltern des Mädchens zusammen, und bittet, nachdem durch viele Worte Sitte und Anstand in ausreichendem Maße gewahrt worden sind, um ihre Hand. Doch die Eltern sind zurückhaltend – immerhin ist er ein Städter, auch wenn ihn der ganze Stamm kennt. Ist er doch der Kontaktmann zwischen dem arabischen, analphabetischen Stamm und den seit über 500 Jahren herrschenden, aber nur türkisch sprechenden Osmanen.
Als er dann auch noch sagt, daß er ihre Tochter bislang auch nur von hinten gesehen hat, tauscht das Ehepaar einen erstaunten Blick. Doch die Erwachsenen staunen noch mehr, als das junge Gör, welches die ganze Zeit hinter einem Vorhang gelauscht hat, unter diesem hervor schlüpft, sich frech vor den Gast stellt und sagt: „und so sehe ich von vorne aus!“ Abu Zainal sieht ihr in die mit Kajal umrandeten Augen, blickt auf die sinnlichen Lippen und weiß, daß es um ihn geschehen ist.
Natürlich ist sie unverschleiert, denn noch nie hat jemand eine Beduinin mit dem Hijab gesehen, der auch ihr Gesicht verhüllen würde. Selbst in den Städten und Dörfern ist diese Unsitte, wie sie Abu Zainal empfindet, erst im Laufe der Zeit als Schutz vor den Übergriffen der immer ehrloser werdenden Besatzer eingeführt worden.
Al-Khammas ist jedenfalls auf der Stelle verliebt, und ihm gefallen auch die Selbstsicherheit und der Stolz des Mädchens. Aufgrund seiner wichtigen Funktion für den Stamm können ihm die Eltern den Ehewunsch nicht abschlagen, ist doch auch ihre Tochter damit einverstanden und neugierig auf das Leben an der Seite eines Städters. Und so dauert es nur wenige Tage, bis sich der ganze Stamm an der eiligst anberaumten Hochzeitsfeier beteiligt. Es wird ein großes Fest, denn der Scheich weiß nur zu gut, welch Glück er mit diesem Städter hat, der sich treu und verläßlich um die Belange des Stammes kümmert, sofern diese den Machtbereich der Osmanischen Verwaltung tangieren. Sie haben zwei lange Tage gebraucht, um all die verschiedenen Eingaben, Ersuchen und Faramans, die Edikte der riesigen bürokratischen Maschinerie zu sichten und zu beantworten, denn Abu Zainal muß jeden Satz mehrfach vorlesen und übersetzen – außer ihm kann hier niemand lesen und schreiben, und auch kaum mehr als ein paar Floskeln in dem fremden, ungewohnten Türkisch sprechen.
Doch nun drehen sich drei Hammel an Spießen über dem Feuer, der Reis köchelt in riesigen Kesseln vor sich hin, die Trommeln schlagen schon seit Stunden, und die Triller der Frauen, die in einem besonders geschmückten Zelt die dreizehnjährige Braut mit Henna bemalen, parfümieren und mit Gold behängen, schwingen sich wie Adler in die Vollmondnacht hinauf. Ein gutes Omen, dem der Scheich mit der ungewöhnlich schnellen Festsetzung der Hochzeit etwas nachgeholfen hat.
Der Rückweg nach Tikrit dauert diesmal länger, weil er neben dem Esel läuft und seine frisch angetraute Zweitfrau darauf reiten läßt. In den Nächten lieben sie sich unter dem millionenfachen Sternenhimmel, und ihre unverdorbene Wildheit bringt ihn ebenso wie die Knospen ihrer jugendlichen, festen Brüste fast um den Verstand. Und als ob Allah seinen besonderen Segen gibt, begegnen ihnen unterwegs weder Banditen noch Osmanen.
Endlich erreichen die beiden seinen Heimatort, und er kann seiner geliebten Beduinin ihr zukünftiges Haus zeigen. Natürlich hat er ihr und ihren Eltern während der Brautwerbung offen gesagt, daß er bereits eine Erstfrau hat, die ihm auch schon vier Jungen und zwei Mädchen geboren hat, jedenfalls haben so viele die Geburt überlebt. Doch der Empfang, den diese Ihnen nun bereitet, ist verständlicherweise alles andere als warmherzig, und es dauert nicht lange, bis al-Khammas merkt, daß er mit der überstürzten Hochzeit wohl den schönsten – aber auch den größten Fehler seines bisherigen Lebens gemacht hat.
Genau neun Monate und eine Woche nach ihrer Hochzeitsnacht bringt das inzwischen 14-jährige Beduinenmädchen einen gesunden Jungen zur Welt, der Mahmoud genannt wird, und auf den sich nun der ganze Haß der Umm Zainal ergießt. Einmal wirft sie das Baby vom Dach, ein anderes Mal versucht sie, es zu vergiften, doch Beduinen sind sehr zäh, wie sonst könnten sie auch in einer der härtesten Umgebungen der Welt überleben?
Trotzdem dauert es nicht lange, bis al-Khammas beschließt, seine zweite Frau Khairiah mit ihrem Säugling wieder zum Stamm zurückzubringen, damit sie dort vor den Nachstellungen Umm Zainals in Sicherheit sind. Nach dem, was das Beduinenmädchen an Schrecken und Beschimpfungen erleiden mußte – denn auch auf sie hat die Erstfrau des al-Khammas mehrere Anschläge unternommen und einmal sogar einen reisenden Magier damit beauftragt, sie und ihren Sohn Mahmoud mit seinen Zauberersprüchen und -flüchen zu verhexen -, sieht er ein, daß die beiden im Schoße des Stammes wesentlich besser aufgehoben sind. Es ist natürlich bitter für sie, deshalb auf die Annehmlichkeiten des Stadtlebens verzichten zu müssen: Wasser, das ohne Pause am Ende der Straße aus einem golden schimmernden Wasserhahn fließt, wo sich die Frauen sammeln und miteinander tratschen, bis die Eimer und Töpfe und Schüsseln überlaufen – oder diese wunderbaren Öllampen, die selbst in finsterster Nacht dem Raum die Helle eines sonnigen Nachmittags schenken können.
Doch das Leben ihres Kindes ist ihr wichtiger, und so wächst der kleine Mahmoud nicht in seinem Geburtsort Tikrit, den er mit einem späteren Tyrannen teilt, mit dem er auch noch um ein paar Ecken verwandt ist, zu einem Knaben heran, sondern in den Steppen und Wüsten Mesopotamiens, wo er von seiner Mutter immer wieder die Geschichte seines Vaters erzählt bekommt, der eines Tages zwischen den Zelten auftaucht und sie durch sein Wissen, seine Belesenheit und Welterfahrung in den Bann zieht, und den geliebt zu haben sie auch nie bereut hat.