vonAchmed Khammas 15.09.2026

Der Datenscheich

Erneuerbare Energie, Science Fiction, Technikarchäologie und Naher Osten – verifiziert, subversiv, authentisch.

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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.“ Während ich auf und ab hüpfe, singe ich diesen Satz immer wieder vor mich hin. Erst viele Jahre später soll ich das Wort Mantra kennenlernen, mit dem ein solcher Satz im fernen Osten beschrieben wird. Im zarten Alter von gerade mal fünf Jahren weiß ich davon jedoch noch nichts. Es ist einfach der Rhythmus, der mich gepackt hat – und die Aussicht auf ein großes Abenteuer.

Meine Eltern haben sich am Abend zuvor heftig gestritten, natürlich erst als sie dachten, daß ich schon längst schlafen würde. Daß auch ich Reisefieber haben könnte, ist ihnen nicht in den Sinn gekommen. Außerdem entladen sich die Spannungen, wenn mein Vater zu einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen aufbricht, jedes Mal in Form lautstarker Auseinandersetzungen. Sonst geht es bei uns zu Hause ruhig und gesittet zu. Von meiner Mutter bekomme ich hier und da mal eine Maulschelle verpaßt, während sich mein Vater diesbezüglich völlig zurückhält. Er ist aber auch nur selten da und will seine Familie dann in Frieden genießen. Bei ihm darf ich ungestraft fast jeden Schabernack treiben, während sich meine Mutter dummerweise ernsthaft vorgenommen hat, mich zu einem anständigen Menschen zu erziehen.

Autsch! Meine Wange blüht schmerzhaft auf. Hat sie mir wirklich schon dreimal gesagt, ich solle endlich mit dem Hüpfen aufhören? Während mir die ersten Tränen aus den Augen spritzen, nimmt sie mich schon wieder in den Arm und tröstet mich. Leider hat sie in ihrem Leben weder einen Kurs ‚Wie werde ich eine erfolgreiche Mutter?!’ belegt, noch hat sie eine Jugend erlebt, in der man ungestraft über die Stränge schlagen konnte. Bei einem so wilden Kerlchen wie mir verzweifelt sie häufig, und dann rutscht ihr ihre Hand schneller aus, als ihr ansonsten scharfer, offener und wißbegieriger Verstand ihr mögliche Alternativen aufzeigen kann. Und von A. S. Neill hat sie auch noch nie etwas gehört.

Nun erklärt sie mir mit leicht angespannter Stimme, daß wir hier doch nicht alleine seien, daß ich Rücksicht auf die anderen Menschen nehmen müsse, daß ich…, daß wir…, ich höre schon nicht mehr hin, denn inzwischen sind die Tränen längst wieder getrocknet und ich habe gesehen, wie sich ein fernes Licht nähert. Jetzt zappele ich so lange auf ihrem Schoß herum, bis es mir gelingt, mich loszureißen und zu den riesigen Fenstern zu eilen, die fast vom Boden bis unter die hohe Decke reichen.

Die Maschine kommt heran, während der Lärm ihrer Propeller immer lauter und lauter wird. Mit großen Augen schaue ich auf diesen silbernen Luftfisch, der unter seinen Flügeln wie Käferbeine dicke, schwarze Räder ausgefahren hat, auf denen er nun landet. Die Motoren ändern plötzlich ihren Klang, während das Flugzeug die Landebahn entlang rast. Ich schaue mit klopfendem Herzen zu. Oh je, es wird am Ende der Landebahn immer weiter rollen und dann in die Bäume, in den Zaun oder sonst irgendwo hinein krachen! Rumms… ein Riesenknall… es fängt an zu brennen, Feuerwehren rasen herbei…

Doch nein, irgendwie gelingt es dem Piloten, die Maschine abzubremsen, lange bevor sie das Ende der glatten schwarzen Linie erreicht, die sich durch die riesige freie Fläche vor dem gigantischen Flughafengebäude erstreckt. Dann wendet sie und kommt über einen schmaleren Asphaltpfad immer näher. Mein Näschen ist schon ganz platt gedrückt an dem Fenster, als ich die Hand meines Vaters auf meiner Schulter spüre. Aufgeregt blicke ich zu ihm hinauf: „Papa, das Flugzeug da ist eben gelandet! Ich habe genau aufgepaßt. Dort hinten wäre fast ein Unfall passiert, aber der Pilot hat es im letzten Moment noch geschafft.“ Mein Vater hebt mich lächelnd auf seinen Arm und gemeinsam beobachten wir, wie das Flugzeug auf seiner Halteposition rollt, wo irgendein sehr unvernünftiger Mensch, wie mir scheint, der allerdings auch äußerst mutig ist, mit zwei leuchtenden Stäben in seinen Händen herumgestikuliert. Auch er hat heute Glück und wird von der Maschine nicht überfahren, obwohl es zuerst fast so aussieht. Die Motoren gehen einer nach dem andern aus, und nachdem sich auch der letzte der vorher unsichtbar schnell wirbelnden Propeller beruhigt hat, ist es plötzlich ganz still…

An den Flug selbst kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Aus Erzählungen weiß ich jedoch, daß wir von Tempelhof aus zuerst nach Frankfurt flogen, und von dort aus mit mehreren Zwischenlandungen weiter bis nach Beirut. Erst hier setzen wieder einige Erinnerungsbilder ein, und Gefühle einer wundersam warmen Nacht voller fremder Geräusche und Gerüche. Sogar das Licht ist ganz anders, als ich es aus dem trüben Nachkriegs-Berlin kenne, viel gelber, heller und auch leuchtender. Der Mond erscheint mir so riesig, als ob er gleich herabfallen würde, während ich ihn in Berlin nur als bleiches, winziges Gespenst und auch das nur ganz selten mal am Himmel sah. In den Gesang der Zikaden verliebe ich mich sofort – und es soll eine Freundschaft fürs Leben bleiben.

Die Menschen hier sind zwar genauso große Erwachsene wie auch sonst, aber viel häufiger nehmen sie mich hoch, berühren mich, geben mir Süßigkeiten und wollen alles Mögliche von mir wissen. Daß ich ihnen nicht antworten kann, und wenn, dann in einer ihnen unverständlichen Sprache, scheint sie nicht im Geringsten zu stören. Auch lächeln oder lachen sie alle viel mehr als in meiner Geburtsstadt Berlin. Diese griesgrämigen und verbissenen Gesichter, die sogar schon einige der Kinder haben, mit denen ich in den Ruinen der Häuser spiele – wenn ich denn überhaupt einmal auf die Straße runter darf –, sieht man hier nicht. Und statt der dunklen Häuserschluchten mit ihren funzeligen Gaslaternen, von denen die Hälfte meist ausgeschaltet oder kaputt ist, stehen hier hell erleuchtete große Gebäude herum, auf denen bunte Neon-Reklamen an- und ausgehen. Vor ihnen schaukeln Palmen in einer leichten Brise, die nach unbekannten Dingen, nach Meer, Fischen und Algen riecht. Nur die Autos scheinen auch hier genauso zu stinken wie zu Hause.

Dies ist unser Hotel“ erklärt mir mein Vater, während er gemeinsam mit meiner Mutter darauf aufpaßt, daß auch alle unsere Koffer aus dem Taxi geladen werden, die nun von eilfertig herbeirennenden Pagen gepackt und hineingetragen werden. Meinen Rucksack, in dem neben meinem Lieblingsteddy ein paar Bilderbücher, Autos und drei Kasperlepuppen stecken, die man sich über die Hände ziehen kann, um mit dem Zeigefinger zu nicken, mit Daumen und Mittelfinger zu winken oder etwas zu greifen, drücke ich mir fest an die Brust. Nein! Niemand darf ihn mir wegnehmen, er ist mein wertvollster Besitz und ich will ihn auch ganz alleine tragen.

Im Jahr zuvor sind wir schon einmal hier gewesen, aber nur ganz kurz. Mein Vater hat uns fünf Städte im Nahen Osten gezeigt: Kairo und Alexandria, Amman, Beirut und Damaskus. Er hat meiner Mutter anschließend die Frage gestellt, in welcher Stadt sie leben will, denn in den Irak, seine eigentliche Heimat, kann er noch nicht zurück. Dort hätten ihn die immer noch regierenden Königstreuen an die nächste Wand gestellt. Ägypten und Syrien haben dagegen schon ihre Revolutionen erlebt und sich von den europäischen Mandatsmächten befreit. Jordanien wird von einem toleranten König regiert, und der Libanon… der ist sowieso die ‚Schweiz des Orients’.

Leider entscheidet sich meine Mutter für Syrien, was ich bis in meine Pubertät hinein als das größte Unglück meines jungen Lebens betrachte. Später muß ich diese Einstellung allerdings revidieren und ich bin ihr heute noch überaus dankbar dafür, daß ich meine Kindheit in der ältesten Stadt der Menschheit verbringen durfte. Außerdem liegt Beirut nur zwei Stunden entfernt. Die Stadt ist schließlich der uralte Hafen von Damaskus, während diese Mutter aller Städte in einer Oase liegt, die von dem Fluß Barada gespeist wird, der sich durch das enge Al-Rabwa-Tal der letzten Ausläufer des Antilibanon-Gebirges schlängelt. Und während Beirut der Hafen am Wasser ist, bildet Damaskus den Hafen am Meer der Wüste, die sich weit hinüber in den Irak erstreckt, und hinunter nach Transjordanien und in das leere Viertel der arabischen Halbinsel, das Al-Rub`u al-Khali, eine der schlimmsten Wüsten dieser Welt.

Doch bevor es nach Damaskus geht, bleiben wir noch ein paar Tage in dem lärmenden, vollen und hektischen Beirut, in einem Hotel mit ‚Swimmingpool’ (mein erstes englisches Wort!). Dazu gibt es Besuche am Meer und Fahrten hinaus in die pinienbewachsenen Berge. Im Gegensatz zu Deutschland ist es das Paradies, und doch soll es noch besser kommen, viel besser…

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