Er hatte das Gefühl, daß jeder Stein schwerer war als der davor. Er hätte sich so gerne hingesetzt, aber seine Hintern war noch immer von den Schlägen geschwollen, die ihm sein Stiefvater am gestrigen Abend mit dem Rohrstock übergezogen hatte. Denn obwohl er aufgepaßt hatte, war er doch wieder erwischt worden. Vielleicht hatte ihn ja das Kerzenlicht verraten. Aber wie sollte er denn sonst die Buchstaben üben, die ihm der Scheich in der kleinen Moschee auf ein Stück Papier geschrieben hatte, nachdem er ihn mehrere Tage lang immer wieder darum angebettelt hatte.
Mahmoud wischt sich die Tränen ab, die ihm aus den Augen kullern. Er will nicht, daß jemand sieht, wie er weint. Die andern Jungen würden nur darüber lachen, und der Vorarbeiter würde es vielleicht sogar seinem Stiefvater sagen. Und so hebt er tapfer den nächsten Stein auf seine schmächtige Schulter und beginnt ein weiteres Mal, auf der wackligen Holzleiter Stufe für Stufe hinaufzusteigen.
„Lesen und Schreiben ist nicht gut für den Kopf!“ hörte er das Gebrüll, während die Stockhiebe auf seinen knochigen Po niederprasselten. „Ein Mann braucht Muskeln, um gut arbeiten zu können. Buchstaben verwirren nur und helfen gar nichts dabei, ein richtiger Mann zu werden!“ Er konnte sich gegen die Meinung seines Stiefvaters nicht behaupten, obwohl ihn seine Mutter immer wieder tröstete und mit jeder ihrer Erzählungen erneut den Wunsch in ihm weckte, doch lieber so zu werden wie sein richtiger, sein leiblicher Vater. Er hat diesen nur ein einziges Mal gesehen – jedenfalls konnte er sich nur an dieses eine Mal erinnern –, denn bald darauf war Al-Khammas gestorben, und seine junge Mutter weinte viele Nächte lang, obwohl auch sie ihren Mann in den Jahren davor nur sehr selten gesehen hatte, immer dann, wenn er wieder einmal einen Besuch beim Stamm machte.
Das Leben in der Wüste war zwar nicht einfach, doch es gab wenigstens niemanden, der ihn schlug. Sofern er sich nicht mit gleichaltrigen Jungen herumprügelte. Aber das war meistens nur Spiel. Bis auf das eine Mal, als ihm der Esel weggelaufen war, um den er sich zu kümmern hatte. Seine Mutter versuchte, sich für ihn einzusetzen, aber die Regeln waren klar. Er würde in die Wüste hinaus müssen und mit dem Esel wieder zurückkommen. Oder eben nicht mehr. Als er am dritten Tag das Tier, wie er selbst schon halb verdurstet, endlich eingefangen hatte, kletterte er auf seinen Rücken, band die Halsschnur fest um seine Arme, und biß dann voller Wut und Rachsucht in das Ohr des Esels. Es war sehr gut, daß er sich festgebunden hatte, denn das Vieh raste schmerzgeplagt los, und er wäre sonst ganz sicher hinuntergeflogen. Er war damals fünf, oder vielleicht sechs? Aber das war nur einmal gewesen, und danach hatte er auch besser achtgegeben.
Ansonsten war das Leben schlicht, sofern es nicht gerade wieder ein Fest gab, entweder weil Gäste kamen, irgend jemand heiratete, oder aus religiösen Anlässen. Da wurde dann ein Hammel geschlachtet und die ganze Nacht lang gefeiert und geschmaust. Auf den riesigen runden Tabletts aus Messing, auf denen mit Fleisch bedeckte und mit Nüssen und Kardamonkapseln vermischte Reisberge aufgehäuft waren, blieb auch für die Frauen und Kinder mehr als genug übrig. Außerdem erzählte ihm seine Mutter fast jeden Abend von der schönen Zeit, die sie mit ihm als Säugling in seiner Geburtsstadt Tikrit verbracht hatte. Und mit der Zeit verschwand auch die Erinnerung an die Bosheit der Erstfrau immer mehr, die damals wiederholt versucht hatte, Khairiah und den kleinen Mahmoud zu verletzen oder gar zu töten. Dafür umgab den Vater inzwischen eine Glorie, die ihn schon fast als Heiligen erschienen ließ – jedenfalls in den Augen des kleinen Jungen.
Als die zur Witwe gewordene Mutter zwei Jahre später den Ehewunsch eines weiteren Städters annahm, konnte sie nicht wissen, daß dieser Mann so anders war als der belesene, weitgereiste und rücksichtsvolle Al-Khammas. Sie freute sich einfach nur darauf, wieder in die Stadt zu kommen und den Luxus genießen zu können, von denen sie schon einmal gekostet hatte. Fließendes Wasser am Ende der Straße, elektrisches Licht auf den Plätzen, das Radio im Café, das so laut war, daß man es noch zwei Gassen weiter hören konnte, und noch so viel mehr! Im Stamm gab es keinen Mann, der sie ehelichen wollte, und deshalb hatte sie auch nicht lange nachgedacht, als ihre Eltern ihr sagten, daß es jemanden gebe der bereit wäre, sie trotz ihrer Witwenschaft und ihres kleinen Sohnes zu heiraten.
Natürlich gab es keine große Feier, und auch die Liebe mit ihrem neuen Mann war nicht annähernd so wild und leidenschaftlich wie damals. Doch sie war dankbar und bemühte sich, auch in ihrer neuen Ehe eine gute Gattin zu sein. Es wäre alles in Ordnung gewesen, wenn dieser Mann nicht eine schier unglaubliche Furcht davor gehabt hätte, daß sein Stiefsohn ihn eines Tages überflügeln könnte. Und so prügelte er den Jungen jedesmal windelweich, wenn in dabei erwischte wie er nach einem harten Arbeitstag am Abend bei Kerzenlicht die Buchstaben lernte. Ansonsten bemühte er sich nach bestem Gewissen, auch Mahmoud ein liebender Vater zu sein, und tat alles um zu vermeiden, daß seine sechs Kinder, die ihm seine verstorbene Frau hinterlassen hatte, in irgendeiner Form bevorzugt wurden. Sowohl Khairiah , die nun auch ihrerseits ein Kind nach dem anderen in die Welt setzte, als auch der schnell älter und noch vorsichtiger werdende Mahmoud wußten dies zu schätzen. Letztlich kam er mit allen seinen Geschwistern am besten aus, da er sowohl genetisch als auch vom Alter her genau in der Mitte stand – und so ein Brückenglied zwischen den Halbgeschwistern bildete.
Da seine Geburt aus irgendeinem Grund nie richtig registriert worden war (möglicherweise hatte Al-Khammas gehofft, ihn dadurch später einmal dem Wehrdienst entziehen zu können), konnte er sein Alter mit bestem Wissen nicht richtig angeben – und das war nun seine Rettung. Als er hörte, das Ministerpräsident Raschid Ali Al-Gailani die 1921 unter britischem Mandat gegründete irakische Armee erneuern ließ, wußte er sofort, daß dies die einzige Chance war, seinem eintönigen Leben zu entfliehen. Denn die Soldaten wurden dort in den verschiedensten Berufen ausgebildet, bei freier Kost und Logis. Natürlich mußte man Befehlen gehorchen, Übungen mitmachen, strammstehen und marschieren lernen. Und vielleicht sogar kämpfen, wenn es bald zu einem Krieg käme, wie viele behaupten.
Doch wie könnte all das schlimmer sein, als Tag für Tag Steine zu schleppen und die wenigen Piaster, die man bekam, noch nicht einmal selbst behalten zu dürfen? Dabei hätte er sich doch so gerne das Lehrbuch gekauft, daß er kürzlich in dem kleinen Laden gesehen hatte. Und natürlich den echten amerikanischen Parker-Füllfederhalter! Aber der würde für ihn wohl immer unerschwinglich bleiben. Er mußte sein Geld bei seinem Stiefvater abliefern, und da dieser darauf achtete, daß Mahmoud immer nur bei Bauunternehmern arbeitete, die er selbst kannte, wußte er genau, wie viel der Junge bekam. Und deshalb stand er nun verschwitzt und mit klopfendem Herzen vor der Tür und überlegte sich ein letztes Mal, wie er es anstellen sollte, angenommen zu werden. Ja, er wußte zwar nicht, wie alt er wirklich war, aber 18 war er bestimmt noch nicht, das konnte selbst ein Blinder sehen. Na und? Mehr als nein sagen konnten sie nicht. Und falls sie dies taten, dann würde er es eben in ein paar Wochen noch einmal probieren. Also rein.
Der Feldwebel traut seinen Augen nicht, als er das schmächtige Bürschchen sieht, das als letztes hereingekommen ist. An diesem Tag hatte er schon manch eine Überraschung erlebt, aber daß nun schon Kinder ankamen, war dann doch etwas zu viel. Oder was wollte der Kerl?
„Hast du dich verlaufen? Wo willst du hin, Kleiner?“
Der Bursche reckt sich, um ein paar Zentimeter größer zu erscheinen, und versucht, ein grimmig-erwachsenes Gesicht zu machen, was ihm aber nicht besonders gut gelingt. Der Feldwebel muß die Zähne zusammenbeißen, um nicht loszulachen, aber das hätte dem Kleinen die Würde genommen, und so etwas schickt sich nicht.
„Ich möchte in die Armee eintreten!“
„Hmm. Das ist ehrenvoll, und wir brauchen auch viele Männer…“, der Feldwebel macht eine Pause und hofft, daß der Junge seinen Wink verstehen würde, „…aber in erster Linie suchen wir Leute, die schon einen Beruf erlernt haben. Hast du das schon? Kannst du was?“
„Ich kann lesen und schreiben.“
Nun ist es an dem Mann, sich hinter seinem schmalen Schreibtisch überrascht aufzurichten. „Habe ich richtig gehört, du kannst lesen und schreiben?!“
„Jawohl, Herr Offizier!“
Der Feldwebel faßt sich wieder und muß schmunzeln. „Nein-nein, so weit bin ich noch nicht. Aber du könntest es zu was bringen, mein Sohn. Aber nur, wenn du mir nichts vorschwindelst. Sonst kannst du was erleben!“ Er zögert, war er etwa auf so ein kleines Schlitzohr hereingefallen, von denen es in der letzten Zeit immer mehr zu geben schien? Er blickt in dem Raum herum, dann greift er hinter sich.
„Hier, nimm die Zeitung. Sie ist zwar schon ein paar Tage alt, aber die Buchstaben sind ja noch nicht weggelaufen und haben sich zur Armee gemeldet…“, er hatte darauf gewartet und sieht nun befriedigt, wie der Junge dabei zusammenzuckt, „…also lies mir mal den ersten Artikel vor.“
Anfänglich zwar etwas stotternd, was der Aufregung geschuldet sein mag, aber dann immer flüssiger, liest Mahmoud dem Feldwebel einen Bericht über die jüngste Politik von Präsident Mustafa Kemal Atatürk. vor. Es geht um die Versuche, in dem sich zunehmend ausweitenden neuen Krieg zwischen Deutschland und dem Rest der Welt die Neutralität zu wahren. Oder so. Da er sich sehr auf das Lesen konzentrieren muß, kann er dem Inhalt weniger Aufmerksamkeit widmen. Doch als er zwischendurch kurz aufblickt, sieht er, daß der Feldwebel zufrieden vor sich hin lächelt. Der ihn bald darauf unterbricht.
„Das kannst du gut, das muß ich zugeben. Kannst du auch genauso gut schreiben? Und wo hast du es gelernt?“
„Ja, ich kann auch schreiben, aber nicht so schnell wie lesen.“
Der Feldwebel lacht laut auf. „Ich denke nicht, daß das überhaupt jemand kann. Aber das brauchst du auch nicht. Doch nun einmal ganz im Ernst, mein Sohn, weißt du wirklich, daß du zur Armee willst? Ich selbst würde mich ja freuen, denn was wir ganz sicher viel zu viel haben, sind Analphabeten. Obwohl die ja nichts dafür können. Aber noch einmal, wo hast du es gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht, nachdem ich mir die Buchstaben hatte zeigen lassen. Und später habe ich immer wieder herum gefragt und versucht, hier und da was zu lernen, aber das war schwer.“
„Wieso das?“
„Weil ich immer arbeiten mußte.“
„Nun, das müssen wir alle. Aber du hast dir trotzdem noch Zeit genommen, zu lernen? Das ist ungewöhnlich. Hat dir dein Vater dabei geholfen?“
„Äh… nein. Jedenfalls nicht mein richtiger Vater. Der ist schon früh gestorben. Aber der konnte auch lesen, hatte sogar ein Regalbrett voller Bücher, wie mir meine Mutter erzählte.“
„Das heißt, daß dein Vater, Gott mag seiner Seele barmherzig sein, für dich ein Vorbild ist, wenn ich das richtig sehe?“
„Ja, das stimmt. Bei meinem Stiefvater darf ich aber nicht lernen. Als ich ihn darum anbettelte, von meinem Lohn doch wenigstens so viel sparen zu dürfen, daß ich mir ein kleines Schreibpult kaufen könnte, ist er fast verrückt geworden und hat mich wieder geschlagen…“
„Ich glaube, ich kann dich immer besser verstehen. Wie heißt du, mein Sohn?“
„Mahmoud … Al-Khammas.“ Er will unbedingt unter diesem Namen Soldat werden. Der Name seines Stiefvaters, Ali Al-Scheeha, war einfach nicht seiner.
„Nur Mahmoud Khammas?“
„Na ja, …ich denke, Mahmoud bin Mohammed bin Saleh bin Khammas bin Al-Qaissi Al-Tikriti wäre etwas zu lang für den Ausweis, oder?“, lächelte der Junge zum ersten mal.
„Da hast du recht“, mußte ihm der Feldwebel beipflichten. „Und wie alt bist du? Und bitte, erzähle mir die Wahrheit.“
„Das weiß ich nicht. Einige sagen, ich sei 1914 geboren, aber das glaube ich nicht. Mein liebster Onkel meint, es wäre 1922 gewesen. Und meine Mutter erzählt, ich sei geboren, als die Nachricht in Tikrit ankam, daß die Engländer in Bagdad einmarschiert sind. Das war im März 1917, ich habe mich erkundigt.“
„Da haben wir ja Auswahl genug. Laß man sehen…“ Der Feldwebel zückte einen Stift und begann ein vor ihm liegendes Formular auszufüllen. „Du bist also in Tikrit geboren…“
„Jawohl.“
„Und um 18 zu sein, werden wir als dein Geburtsjahr… Moment… nein, es muß 1920 sein. Noch älter wäre zu auffällig. Und versuche auf jeden Fall, dir schleunigst einen Schnurrbart wachsen zu lassen, hörst du?!“
Und so wurde er ein sehr junges Mitglied der ebenso jungen irakischen Armee, lernte Befehlen zu gehorchen, Übungen mitzumachen, stramm zu stehen und zu marschieren. Und man brachte ihm bei, zu kämpfen, denn der Krieg rückte immer näher. Er wurde selbstsicher und beantragte, sich weiterbilden zu dürfen. Man erlaubte es ihm und machte ihn zum einzigen Soldat seiner Einheit, der nach Sonnenuntergang die Kaserne verlassen durfte, um in die Abendschule zu gehen. Im Gegenzug mußte er sich verpflichten, zusätzlich zum üblichen Drill auch noch mehrere Stunden in der Woche seinen analphabetischen Kameraden die Schrift beizubringen. Seine Selbstsicherheit wuchs weiter.
Wenn er nun seine Familie besuchte, sah ihn auch sein Vater mit anderen Augen an, er, der nur herumgewütet hatte, als er von dem Verrat seines Ziehsohnes erfuhr, wie er dessen Flucht in die Armee anfänglich nannte. Inzwischen schien er sogar ein bißchen Stolz entwickelt zu haben, denn Mahmoud brachte ihm immer einen Teil seines Soldes mit. Einen anderen Teil gab er insgeheim seiner Mutter, die noch viel stolzer auf ihren Sohn war, aber auch mehr Angst um ihn hatte.
„Paß bloß auf, lieber Sohn. Ich sage es dir als Mutter: Ich habe lieber einen lebendigen Sohn, als einen toten Helden. Du weißt, was die Syrer sagen, auch wenn das bei uns hier nicht gerne gehört wird: Zwei Drittel der Männlichkeit sind die Flucht! Also lasse dich nicht erschießen, hörst du, es würde mir das Herz brechen…“, sie schluchzte leicht auf, und Mahmoud wirft sich in ihre Arme, wieder ganz Kind, seine Mutter tröstend und selbst Trost suchend. Er drückt sich an ihren großen Busen, über den sich ein weitläufiger tätowierter Baum erstreckt, der vom Kinn abwärts fast ihren gesamten Körper bedeckt, wie er weiß. Auch ihn wollten sie damals in den Zelten tätowieren, als er noch klein war, aber er hatte so laut gebrüllt, daß sie nicht einmal zwei schmale Streifen an den Handgelenken schafften, bevor sie entnervt aufgaben und er Reißaus nehmen konnte.
„Nein Mutter, mache dir bitte keine Sorgen. Natürlich werde ich aufpassen. Außerdem denke ich nicht, daß wir in diesen Krieg hineingezogen werden. Wir haben doch gar keine neue Waffen. Die meisten Leute sind mit den Karabinern ausgerüstet, die von den Türken aus dem 1. Weltkrieg stammen. Ich habe genug damit zu tun, diese ständig zu reparieren.“ Denn soweit hatte er es inzwischen gebracht.
Zu seiner eigenen Überraschung erwies er sich als recht geschickt, als er dem alten Büchsenmacher der Kompanie einmal helfen sollte. Worauf ihn dieser kurzerhand als Geselle akquiriert hatte – und ihn auch so behandelte. Das heißt, er zeigte ihm was man machen mußte, um schadhafte Gewehre wieder in Schuß zu bringen, und dies so oft und so lange, bis er die Gewißheit hatte, daß Mahmoud alles richtig verstanden hatte. Er erwies sich dabei als sehr geduldig und freute sich über jeden Erfolg, den er bei seiner Ausbildung erzielte.
„Das ist kein Spaß, du Naseweis. Auch wenn du lesen kannst und bei unseren Chefs Liebkind bist. Das nützt dir gar nichts, wenn es hart auf hart kommt. Dann brauchst du ein Gewehr, auf das du dich verlassen kannst. Diese Prügel hier sind zwar alt, aber immer noch gut. Natürlich nur, wenn wir sie gut behandeln. Von den einfachen Soldaten kannst du nicht erwarten, daß sie das wirklich verstehen, jedenfalls nicht die jungen unter ihnen. Und schon gar nicht, bevor sie nicht das erste Gefecht am eigen Leib erfahren haben. Dann vielleicht…“
„Ich finde, wir sollte besser neuere Waffen bekommen.“
„Hm… ich weiß nicht, ich weiß nicht. Mit neuen Waffen ist das so eine Sache. Wenn sie ganz neu sind, kennt niemand ihre Macken. Was oftmals viele Leben kostet. Und eines kann ich dir ganz sicher sagen: Ihre Reparatur wird wesentlich schwieriger sein. Das ist immer so. Und wer soll das dann machen? Schau dich doch um, außer uns beiden sind vielleicht noch zwei oder drei andere in der Lage, diese Arbeit hier zu leisten. Und vielleicht ein halbes Dutzend weitere, wenn man sich die Zeit nehmen würde, es ihnen beizubringen. Aber sonst?“
„Dann eben auch bessere Waffen, damit sie länger funktionieren.“
„Die sind aber teuer, und ich denke nicht, da unsere Armeeführung reich genug dafür ist…“
„Dann halt mehr Waffen, damit immer Ersatz da ist, wenn etwas…“
„…wenn was kaputt geht, ja, ist schon klar. Aber das wäre dann doch genauso teuer, oder?“
„Hm, daran habe ich jetzt nicht gedacht.“ Mahmoud schaut nachdenklich drein. „Also doch weiter reparieren?“
„Im Moment bleibt uns wohl kaum etwas anderes übrig. Komm her, dann ich zeige dir noch einmal, wie man einen Schlagbolzen wieder richtet.“
Als der Krieg dann den Irak erreicht, sind sie immer noch dabei, die alten Karabiner zu reparieren. Doch nun müssen sie diese auch einsetzen, in der Hoffnung, durch ihren Widerstand die britischen Besatzungstruppen vertreiben zu können. Der von den Engländern eingesetzte König Ghazi I. war 1939 bei einem Autounfall gestorben. Als die arabisch-irakischen Nationalisten daraufhin den Abzug der Briten forderten, wurden sie ignoriert. Einen Militärputsch in Bagdad hatte es bereits 1936 gegeben, und im Laufe der Jahre folgten noch weitere, die aber auch nicht viel änderten. Außerdem hatte 1939 der Zweite Weltkrieg begonnen.