vonAchmed Khammas 18.09.2026

Der Datenscheich

Erneuerbare Energie, Science Fiction, Technikarchäologie und Naher Osten – verifiziert, subversiv, authentisch.

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Ich stelle mir vor, Jannis sitzt vor dem Fernseher und heult. Er ist Halbgrieche, so wie ich Halbaraber bin. Oder eben ein ganzer Grieche und ein ganzer Deutscher. Was aber gerade völlig unwesentlich ist, denn schon tagelang wüten in Griechenland die schlimmsten Waldbrände seit Menschengedenken. Mindestens 63 Menschen sterben im Feuer, und in den ausgebrannten Ortschaften werden noch weitere Tote vermutet. Dazu verenden Tausende von Tieren. Oftmals lebendig verbrannt oder erstickt – ebenso wie die Menschen. Die von starken Winden genährten Flammen nehmen immer größere Landstriche ein, eine Feuerwand rast auf die Hauptstadt zu und nur einem Großaufgebot an Einsatzkräften gelingt es, die Brandwalze vor den nordöstlichen Vororten Athens zu stoppen.

Aus der Ferne ist das Gefühl der Hilflosigkeit vielleicht noch schlimmer. Und es ist kein Trost, daß die Zuständigen vor Ort genauso verzweifelt sind wie die Betroffenen, wenn es trotz aller Technik nicht gelingt, die Flammen zu löschen. Moment mal! Wieso gelingt es denn nicht? Es gibt doch Sprengschläuche, oder spinne ich?

Eines meiner Probleme ist, daß mir oftmals Dinge und Sachen einfallen, ich aber nicht weiß, ob sie aus meiner exzessiven Lektüre von SF-Romanen stammen oder aus der Realität. Dank des Internets ist es aber sehr viel leichter geworden, so etwas zu klären. Ohne dafür in die Stabi oder die Unibibliothek wandern und dort stundenlang alte Publikationen wälzen zu müssen, wie früher. Ich zünde ein Räucherstäbchen für Google an und habe tatsächlich zwei oder drei Treffer. Einer davon ist ein liebenswerter Bericht oberösterreichischer Brandbekämpfer über ihre Kollegen der Frankfurter Berufsfeuerwehr, die mit ihnen zusammen im Mai 2002 an der internationalen Katastropheneinsatzübung der NATO „Taming the Dragon – Dalmatia 2002“ in Kroatien teilgenommen haben. Voll ins Schwarze getroffen!

Muß ich extra betonen, wie angenehm es ist, einen solchen Fund zu machen? Denn sonst gibt es so gut wie nichts über diese geniale Erfindung. Ich lese mich ein, hangle mich durch Informationsreste, sehe erste Zusammenhänge. Nach fast zwei Tagen ohne Schlaf steht der Artikel. Tagsüber habe ich herumtelefoniert, nachts weiter recherchiert und geschrieben. Telepolis stellt den Bericht sofort ins Netz – unter dem Titel „Löschen von Waldbränden durch Wegsprengen“. Das Thema ist heiß und ich beantworte jeden einzelnen Foreneintrag – bis ich nach zehn Stunden umkippe. Zu diesem Zeitpunkt sind aber sowieso nur noch Trolle unterwegs. Und das Gefühl der Hilflosigkeit ist vernichtet. Ich kann etwas tun, denn ich kann wenigstens nerven.

Nicht Jannis, nicht andere Freunde und Bekannte in Griechenland, später in Portugal, dann in den USA und dann wieder in Australien. Sondern die Verantwortlichen und Entscheidungsträger. Denn ich hoffe, mit dem Artikel etwas zu bewegen. Er steht im Netz und ist auch Jahre später nicht einen Deut weniger aktuell. Leider.

Kurz zusammengefaßt: Prof. Dipl.-Ing. Reinhard Ries, ab 1993 Direktor der Branddirektion Frankfurt, stellt zwei Jahre später ein gemeinsam mit dem Sprengmeister Winfried Rosenstock entwickeltes neues Löschverfahren vor, speziell für den Einsatz bei Waldbränden. Es ist sehr viel günstiger als Löschflugzeuge und -hubschrauber. Und auch wesentlich effektiver. So langsam habe ich den Eindruck, einer ganz, ganz bösen Sache auf der Spur zu sein. Noch eine unterdrückte Erfindung, deren Verhinderung aus rein geschäftlichen Interessen nichts anderes bedeutet, als daß jeder der Toten ermordet – oder zumindest durch unterlassene Hilfeleistung gestorben ist. Oh ja, Löschflugzeuge und -hubschrauber sind ein Milliardengeschäft … mit laufenden Kosten im Millionenbereich!

Stattdessen kann das neue Verfahren, das 1996 unter dem Kürzel 2RS-System registriert wird, hochintensive Feuerfronten mit Temperaturen von 1.000°C und mehr vom Boden her löschen, denn das sogenanntes „Sprenglöschverfahren“ ermöglicht es, das Löschmittel direkt an der Feuerfront zum Einsatz zu bringen. Hierbei werden Schläuche aus mit Kunststoff beschichtetem Textilgewebe mit einer konventionellen Sprengschnur bestückt, in sicherem Abstand parallel zur Feuerfront verlegt und anschließend mit Wasser befüllt.

Unmittelbar bevor das Feuer den Schlauch erreicht, oder sogar erst beim Überrollen durch die Feuerfront, wird dieser aus sicherer Entfernung zur Explosion gebracht und zersprengt das Wasser zu „kaltem Dampf“. Und das sind Einzelmoleküle, die mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 m/s beidseitig in die Flammen und das Brandgut geschleudert werden! Dabei wird der Waldbrand auf der gesamten Schlauchlänge im Bruchteil einer Sekunde und 15 Meter tief gelöscht, während die Bäume auf der anderen Seite ebenso tief benetzt werden. Die Doppelwirkung aus schlagartigem Löschen der Flammenfront und nachhaltigem Kühlen des Brandgutes macht ein erneutes Anfachen so gut wie unmöglich.

Und wie lautet das Ausgangsszenario bei der oben erwähnten NATO-Übung? Es sind ausgedehnte Vegetationsbrände in Mitteldalmatien, die mehrere Ortschaften erfassen. Die örtlichen Feuerwehren stehen im Dauereinsatz, die erschöpften Kräfte benötigen dringend Unterstützung. Kroatien ersucht um internationale Hilfe der Mitgliedsstaaten der „NATO-Partnership for Peace“. Aus heutiger Sicht grenzt dieses Szenario schon fast an Prophetie – man muß nur noch den Landesnamen austauschen. Der Bericht der Österreicher belegt auch den Erfolg des Sprenglöschverfahrens, mit dem Gebäude und Betriebe, Tankstellen oder Brennstofflager ebenso wie ganze Dörfer vor dem Überrollen durch Flammenfronten geschützt werden können. Und so etwas wird nicht eingesetzt?

Ein mittelständisches Unternehmen nahe Hannover hat das Patent gekauft, die Technologie zur Produktreife gebracht und Millionen investiert. Ich fahre hin und spreche mit dem Firmeninhaber, der mit einer anderen Löschtechnik namens Stickstoffbeaufschlagung gerade weltweit expandiert und leicht überfordert zu sein scheint. Was die Sprengschläuche betrifft, ist er ein gebranntes Kind. Seine erschütternde Geschichte gipfelt in der Aussage, daß sein Unternehmen wegen dieser Sache fast in den Konkurs getrieben wurde. Seitdem ruht das Patent in einer Schublade. Sozusagen.

Auf meine Frage, mit welcher Versicherung seine Firma bei der versuchten und übel gescheiterten Markteinführung zusammengearbeitet hat, ernte ich einen völlig verständnislosen Blick. Ich fühle mich versucht, wie Käpt’n Haddock laut Hunderttausend heulende Höllenhunde! zu fluchen.

Im Laufe der nächsten Wochen und Monate kämpfe ich mich durch immer höheren Schlamm. Manchmal kann ich in der Stimme von Personen, mit denen ich telefoniere, die Korruption regelrecht heraushören. Man frage mich bitte nicht, wie. Reines Bauchgefühl. Es ist toll, ein investigativer Journalist zu sein. Nur dumm, daß ich weder einen Namen, noch besondere Kontakte oder gar eine Redaktion mitsamt Spesenkonto in der Rückhand habe. Irgendwann wird mir klar, daß ich genauso ausgebremst worden bin, wie alle anderen vor mir, angefangen von Ries selbst.

Der andere Jannis, mein knapp 16-jähriger Sohn, ist im Herbst 2013 gerade in Australien, als dort die Hölle kurz mal die Tür aufmacht. Riesige Buschbrände, ein Löschflugzeug stürzt ab, die Feuerwehrleute und Einsatzkräfte kämpfen gegen ein drohendes „Mega-Feuer“, schreibt die Presse. Ich schicke Jannis den Link zu meinem Sprengschlauchartikel und sage ihm: Hier – auch Du kannst etwas tun, wenn Du möchtest. Ich erwarte nichts, nicht von einem Teenager, denn dazu erinnere ich mich viel zu gut an mich selbst, damals.

Doch als ich seine überraschend schnelle Antwortmail aufmache, platze ich fast, so stolz bin ich auf meinen Racker. Er beginnt, den Artikel zu übersetzen, noch bevor er ihn zu Ende gelesen hat. Und ist schon nach zwei Stunden fertig. Nun fragt er: Wie weiter? Ich gebe ihm eine Handvoll Tips, keine Ahnung, ob es etwas bringt. Ich kann ihn mit weiterem Material versorgen, biete ich an, doch letztlich ist es eine Frage der Resonanz. Und die muß er anstoßen. Denn jetzt trägt er die Stafette. Vielleicht sind die Aussies ja durchgeknallt genug, um sich nicht ausbremsen zu lassen. We didn’t start the fire – but we blow it out! Inschallah…

Nachtrag: Leider muß angemerkt werden, daß es trotz vieler Dutzend Versuche von Kontaktaufnahmen und der Übermittlung des Materials an Feuerwehren, Presseorgane und Betroffene keinen einzigen Erfolg zu verbuchen gibt – über 20 Jahre lang will anscheinend niemand etwas davon wissen, daß es diese Methode gibt. Und so brennt es weiter und weiter, weil sich irgend wer das Milliardengeschäft mit den Löschflugzeugen und -hubschraubern nicht verderben lassen möchte. Oder weshalb sonst?

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